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Verhängte Sicht

Verhängte SichtHab mir die freie Sicht genommen,
weil einen Store ich aufgehängt.
Seh jetzt die Außenwelt verschwommen –
wie’n Fisch, der sich in Maschen fängt.

Natürlich hab ich gute Gründe.
Ich möchte nicht, dass man beäug
die Dinge, die ich (ohne Sünde)
in meiner Küche hier erzeug.

Wie oft da unten Leute latschen,
die ihren Blick nach oben kehrn,
um weiß der Teufel was zu tratschen:
Die will ich damit Mores lehrn.

Es macht mich schließlich auch befangen,
wenn man mich hier so sitzen sieht
und mit der Neugier süßem Bangen
sich fragt, was denn da so geschieht.

Drum diesen Riegel vorgeschoben.
Der Scheibe, bisher unbedeckt,
ist nun von unten bis nach oben
ein Schamtuch züchtig vorgesteckt.

Jetzt kann ich freier mich bewegen,
zum Beispiel auch im Unterhemd,
und fröhlich durch die Bude fegen,
nicht zugeknöpft und ungekämmt.

Im Hinblick auf das Erdentreiben
herrscht nur noch eingeschränkte Sicht.
Der Himmel aber wird mir bleiben –
strahlt ungetrübt durchs Oberlicht!

Alles trügerisch

Alles trügerischDie Dinge werden nicht so bleiben.
Mit Dauer narrn sie unsern Sinn,
da sie doch unaufhörlich treiben
im Mahlstrom der Äonen hin.

Zur Stippvisite nur geboren,
erkennen wir den Wandel nicht,
der, Jahrmillionen ausgegoren,
der Nachwelt erst ins Auge sticht.

Nicht mal der Boden untern Quanten
steht unverrückbar felsenfest;
mit seinen Ecken, seinen Kanten
er jeden Halt vermissen lässt.

Verwerfen, falten, sich verschieben –
die Erde kommt nur zäh voran;
ihr Logbuch doch, in Stein geschrieben,
zeigt ihren langen Atem an.

Im Kosmos ganze Galaxien,
die, was sie auch in Fahrt gebracht,
wie Heere sich entgegenziehen
zur Giga-, Gaga-Sternenschlacht.

Das hat der Mensch herausgefunden,
und das macht seine Größe aus.
Doch ist er damit auch entbunden
vom flücht’gen Dasein einer Laus?

Muss deshalb er den Göttern gleichen,
weil er ein bisschen Grips im Hirn?
Mir soll er fürn paar Verse reichen –
ich glaube an der Parzen Zwirn.

Alter Niesbrauch

Alter NiesbrauchKann mir ein Arzt das mal verklickern?
Kaum dass Apoll ich mich empfahl,
schon Tropfen aus dem Zinken sickern
und ich muss prusten viele Mal.

Ein rechter Schnupfen will’s nicht werden;
der Anfall klingt beizeiten ab.
Kein Schmerz noch sonstige Beschwerden –
und doch ein Fall für Äskulap?

Den alten Griechen galt das Niesen
als günstiges Orakel noch:
Ob gar die Musen selbst mir bliesen
den Kitzel keck ins Nasenloch?

Und dann auch noch in dieser Stärke –
ein zusätzlicher Fingerzeig,
dass ich mit meinem Dichterwerke
das Maß des Guten übersteig?

Wer will der Götter Zeichen deuten?
Wie oft, ach, sie uns schon genarrt,
dass unsern Eifer wir bereuten,
mit dem wir nach Schimär’n gescharrt!

Hab ich nicht bessere Beweise
als diesen Reiz, der sich entlädt,
beschwör ich nicht die höchsten Kreise
für meine Sangesqualität.

Dies Niesen hält mir treu die Stange
und raubt Gedanken mir und Wort –
es dauert aber nicht so lange,
und in den Pausen reim ich fort!

Belebender Hauch

Belebender HauchEin frischer Wind hat sich erhoben,
der Leben in den Wipfeln weckt.
Die Sterne selbst erzittern droben,
von dieser Regung angesteckt.

Die Flaggen, die im Traume lagen,
behäbig blähen sie ihr Tuch –
gleich Segeln, deren Nüstern ragen
wie schnuppernd in den Seegeruch.

Und wie entfacht von diesem Winde,
flammt hier und da ein Stubenlicht,
das aus der harten Mauerrinde
der bröckelnden Fassade bricht.

Seht nur die Straße, leer und leise
seit Stunden wie ein toter Stolln,
wie da auf ihrem Doppelgleise
die Räder plötzlich wieder rolln!

Und hört nur, auf den Bürgersteigen
ist’s auch aus mit der Grabesruh!
Das Pflaster brach noch mal sein Schweigen
zum Zwiegespräch mit manchem Schuh.

Ach, so ein Wind kann viel bewegen:
Er macht der Nacht so richtig Dampf,
und unter seinen sanften Schlägen
wird fit sie wie zum Tageskampf.

Ja, wenn ich hier so friedlich feile
an meinem lyr’schen Nachtgebet,
treibt grade er mich an zur Eile,
wie kühl er durch die Ritzen weht!

Unglaublich still

Unglaublich stillEin Abend von der stillen Sorte.
Es rührt sich nirgendwo ein Blatt.
Auch alles sonst: Nature morte –
wohl dem, der jetzt ‘nen Pinsel hat!

Wie lassen sie die Flügel hängen,
die Flaggen, die doch sonst geschwellt
sich stolz in alle Winde drängen
hoch oben unterm Sternenzelt.

Auch auf dem Rummelplatz der Straßen
tanzt alles andre als der Bär;
trüb liegt und traurig er dermaßen,
als ob er sanft entschlafen wär.

Klar, dass auch die Geräusche fehlen.
Der Mensch und die Maschine schweigt.
Man hörte wen beim Erbsenzählen
und wie er wem die Zähne zeigt.

Ja, säße wer beim Trübsalblasen,
man nähm es heut womöglich wahr
genauso wie den städt’schen Rasen
im Wachsen ganz unmittelbar.

Na schön, ihr findet’s übertrieben:
So was von Frieden gibt es nicht.
Ach, ihr mit euren Seitenhieben,
aus denen Neid und Nörgeln spricht!

Wenn ihr nicht glaubt, was ich hier schreibe,
kommt, spürt hier selbst die Ruhe pur!
Nein, besser bleibt ihr mir vom Leibe –
die Stille, ihr zerstört sie nur!

Kurs Süd

Kurs SüdIm Takte taumeln bleiche Schwaden
geschwinde übers Häusermeer,
die Dächer streifend, die Fassaden
mit Fetzen, die von Feuchte schwer.

Als ob es Vogelschwärme wären,
die Schlag auf Schlag in raschem Flug
dem Heimatnest den Rücken kehren,
doch leicht und lautlos wie ein Spuk.

Das sind des Herbstes flinke Boten,
express auf Tour und selbst zur Nacht,
dass Bürgern, Bauern und Piloten
der Tod des Sommers überbracht.

Wie immer alles schnell gegangen.
Grad Hitze noch in schwüler Glut,
geschürt mit Höllenfeuerzangen
von Helios und seiner Brut –

Und schwuppdiwupp Pulloverwetter;
man fröstelt und die Nase läuft,
aus der mit Prusten und Geschmetter
das Niesen sich dramatisch häuft.

Doch will ich mich nicht wiederholen –
wir hatten ja die Nummer schon
mit Chronos’ heißgelaufnen Sohlen,
nur einmal wechselnd pro Äon.

O könnt ich mit dem Nebel starten
nach Süden, den er sicher sucht,
ich müsste nicht noch Wochen warten
auf diesen Kurs, der schon gebucht!

Kleine Fluchten

Kleine FluchtenDie ganze Last der Abendstunden
hat auf dem Buckel schon die Uhr,
und unbeirrt dreht seine Runden
der Zeiger für die nächste Tour.

Wie’n Esel, ist er erst im Gange,
so trottet sie dahin, die Zeit;
vorm längsten Weg ist ihr nicht bange,
das fernste Ziel ihr nicht zu weit.

Man kann sie nicht am Zügel halten,
wenn man auch noch so fest ihn packt;
wie’n Motor, der nicht auszuschalten
und immer weiter tickt und tackt.

Ein Henker ist sie ohn’ Erbarmen,
der pünktlich seinen Dienst versieht
und keinen Aufschub gönnt dem Armen,
der vor ihm unterm Beile kniet.

Stets auf den unsichtbaren Haxen,
reißt mit sich fort sie Mann und Maus.
Dagegen ist kein Kraut gewachsen;
lebendig kommst du da nicht raus.

Und will man nicht in Frust verfallen,
denkt lieber man nicht drüber nach –
vertieft sich in die Brunst der Quallen
oder Brunhildes Brautgemach.

So hat wohl jeder seine Masche,
dass seine Angst er wo versteck.
Auch ich geh nicht in Sack und Asche –
ich dichte mir das Elend weg!

Schön anonym

Schön anonymSeid mir gegrüßt, ihr Nachbarsleute
mit dem verborgenen Gesicht!
Ich sah euch gestern, seh euch heute
und seh euch morgen wieder – nicht.

Nicht einen kenn ich eurer Namen,
wie Wellen seid ihr mir, wie Sand;
kenn nur das Holz der Fensterrahmen,
verankert in der Häuserwand.

Und hier und da ein Lebenszeichen
als kümmerliches Lichtsignal:
Photonen, die in Schlappen schleichen,
ermüdet nach dem Abendmahl.

Von Zeit zu Zeit auch einen Schatten,
der seine Pantomime spielt
hinter dem breiten Kreuz der Latten,
wo niemandem die Schau er stiehlt.

Mit Sicherheit ich auch schon habe
gesehn, wie eine Biene flog
aus diesem Korb; doch ihre Wabe
sich meiner Kenntnis stets entzog.

Seid mir gegrüßt, ihr Unbekannten,
die ihr mir ewig so vertraut
wie Möwen, die sich in den Wanten
der Nacht ihr schwankend Nest gebaut!

Ihr wisst ja nicht, dass die Fassade
wie eine Sphinx herübersieht
und ich in tausend Rätseln bade,
die Flügel leihen meinem Lied!

 

Farbenleere

FarbenleereKaum ist noch etwas nachgeblieben
von taggewohnter Farbenpracht:
Ein bisschen Grün, um durchzusieben
den weißen Schimmer dieser Nacht.

Ein wenig Gelb ist noch zu sichten
in den Fassaden vis-à-vis –
die Stubenfunzeln für so Pflichten
wie Klaberjass und Memory.

Gespenstisch glost in andren Zimmern
ein bläulich-blasses Schummerlicht,
wo Filme übern Bildschirm flimmern
vom Urknall bis zum Weltgericht.

Und über dem Matratzenladen
die Leuchtreklame, kobaltblau,
als Blickfang in dem finster-faden
und grau verwaschnem Ziegelbau.

Was ist vom Himmel zu erwarten?
Blinkt golden da manch Blümelein
aus seinem Paradiesesgarten?
Von wegen; nicht mal Mondenschein.

Ach, diese kärgliche Palette:
Fürn Nachtstück reichte sie so grad.
Im Licht der Sonne, jede Wette,
da hätt mein Spektrum mehr Format.

Doch diesen Trost ich nicht verhehle:
Ganz kann sie mich auch jetzt nicht fliehn:
Im Weine haust ja ihre Seele –
und funkelt rot wie ein Rubin.

Ziemlich ansteckend

Ziemlich ansteckendEin Abend wie ‘ne Trauerweide.
Er hängt nur schlaff so vor sich hin,
so melancholisch wie’s Geschmeide
am Busen einer Herzogin.

Er weiß nichts mit sich anzufangen.
Es fehlen ihm Geselligkeit,
Zerstreuung: rote Sonnenwangen,
der Westwind, der sich heiser schreit.

Der Silbermöwe jähe Flüge
durchs heringslose Häusermeer,
die Krähe, deren finstre Züge
gefräßig und gedankenschwer.

Die Autos fehln ihm, die Motoren,
der Klang von Gummi, Blech und Stahl –
nicht immer angenehm den Ohren,
lebendig aber allemal.

Passantenfrei die Bürgersteige,
als hätte man sie ausgesperrt.
Das Schweigen spielt die erste Geige
in diesem kleinen Nachtkonzert.

Wenn lauter ich zu atmen wagte,
man würde es als Sturmwind hörn.
Wenn mich ein Niesen plötzlich plagte,
ein Erdstoß würd die Stille störn.

Ich fürchte, dass auch ich erliege
allmählich dieser Apathie.
Da mach ich besser wohl die Biege –
und lass auch ruhn die Poesie.