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Kuli-Streik

Kuli-StreikDer Kuli macht es nicht mehr lange,
sein stolzes Tintenblau versiegt.
Der Zeilen wohlgenährte Schlange
die ersten magren Stellen kriegt.

Soll da die Dichtkunst drunter leiden,
dass es an Handwerkszeug gebricht?
Muss in mein Tagebuch ich kreiden:
„Aus Technikgründen kein Gedicht.“?

Natürlich nicht. Für solche Fälle
liegt in der Lade wo Ersatz.
Ich springe also auf die Schnelle,
dass rasch ich wieder Kringel kratz.

Hier diese warf mit frischem Pinsel
ich auf das dürstende Papier:
Wie tropfte dick ihm das Gerinnsel
aus satter Spitze – zum Geschmier!

Na ja, geht nicht um Schönheitspreise,
was Form und Sauberkeit betrifft;
die Musen achten wohl die Weise
des Sanges mehr als die der Schrift.

Ich hoffe, dass sie meinen schätzen
und oft sich, als des Tages Lohn,
an ihr parnass’sches Feuer setzen
mit meiner neusten Kollektion.

Es sei denn, fürchterlich zu denken!,
dass jene Tinte, die verblasst,
ein Hinweis nur, den sie mir schenken,
dass ihnen mein Geplärr nicht passt!

Rebenmilch

RebenmilchDa glucken wieder wir zusammen
wie gute Freunde, dicht an dicht;
am Himmel tausend Sterne flammen,
zur Rechten glüht mein Kerzenlicht.

Soll ich sie rasch noch einmal nennen,
die in der Tafelrunde hier?
Den Roten werdet ihr doch kennen,
na, auch das weiße, das Papier!

Vom Wachs war oben schon die Rede.
Dann fehlt nur noch das Schreibgerät:
‘ne blaue Mine so wie jede,
die bis zum Hals in Plaste steht.

Das sind sie schon, die Kameraden,
mit denen ich die Zeit verbring
der sacht verlöschenden Fassaden,
die schreibend in den Schlaf ich sing.

Sie helfen mir auf ihre Weise,
dass Verse quelln mir aus dem Stift –
so friedlich, unbewegt und leise
wie Kühe abends auf der Trift.

Auf einem Schemel gleichsam hocke
ich vor dem will’gen Herdenvieh
und ihm die frische Milch entlocke
der schäumend-schönen Fantasie.

Jui, hat es mich da fortgerissen
zu diesem Temperenzler-Bild!
Mein Euter nämlich, müsst ihr wissen:
‘ne Flasche, aus der Tinto quillt!

 

Genau andersrum

Genau andersrumEin voller Mond, der dunstverhangen
schwebt hoch im leeren Himmelsraum;
an Scheitel, Kinn und an den Wangen
sprießt ihm das Licht als dünner Flaum.

Heut hat er keine Konkurrenten,
die auch die Blicke auf sich ziehn.
Die treuen Sterne-Abonnenten
vergeblich vor dem Fernrohr knien.

Im namenlosen Grau verloren
setzt blind er seine Reise fort,
ganz im Vertraun auf die Motoren
der Kosmos-Compagnie an Bord.

Als hätten sie ihn je verlassen,
seitdem er auf die Piste schoss;
die Jungens in den Boxengassen,
was ha’m die bloß fürn lahmes Ross!

(Der Trick da oben bei den Sternen,
der wär auch hier der große Hit:
Die Reibung müsste man entfernen –
und ab die Post, ganz ohne Sprit!)

Jetzt ist er schon vorangekommen,
wobei er auch noch höher stieg,
noch immer neblig und verschwommen –
so flieg denn, Mond, Mondkäfer flieg!

_________

Gefühlsausbruch, der voll daneben,
stellt auf den Kopf ja alles glatt!
Da oben, stumm, das ew’ge Leben,
hier Schwätzer nur, die morgen platt.

Leicht verschnupft

Leicht verschnupftKurz wischt man sich die feuchte Nase,
und dann, pfui Teufel!, weg damit!
Voraus ein Niesen mit Emphase,
danach juckt sich der Zinken fit.

Würd ‘nen Gedanken wer verschwenden
an ein zerknülltes Taschentuch?
Und fingert mit nervösen Händen
im Notfall doch, dass er es such!

Ja, grad die meistbegehrten Dinge,
um die man in die Läden wetzt,
sind wertlos wie die Pfifferlinge –
die schon das Sprichwort unterschätzt.

Doch alles, was mit Körperpflege,
Hygiene und so fort zu tun,
kommt ja dem Wunsche ins Gehege
nach neuen Jacken oder Schuhn.

Klar wär es lachhaft zu verkünden,
so’n Rotztuch wär spektakulär,
doch dient’s aus völlig andern Gründen
dem Wohlbefinden umso mehr.

Jetzt könnte man Vergleiche ziehen
mit den Bescheidenen im Land –
wie sie das Licht des Ruhmes fliehen,
sich aufzuopfern unbekannt.

Da hätte man mich gleich beim Wickel:
„Der denkt nur an sich selbst dabei,
dass mit dem elenden Gekrickel
zu irgendwas er nütze sei!“

Schützende Wände

Schützende WändeWas hinter diesen schwarzen Mauern
da drüben alles wohl passiert?
Ob Laster und Verbrechen lauern
in Höhlen, die als Heim kaschiert?

Ob da ein Süffel oder Kiffer,
dem rasch die Galle überläuft,
im Schutze seiner Dunkelziffer
wen in der Wanne grad ersäuft?

Ob da ein vorbildlicher Vater,
der selten prügelt Weib und Kind,
die Nase voll von dem Theater,
aufs blutige Finale sinnt?

Ob eine Hausfrau, frustgeschwängert,
noch vorm Termin beim Trenngericht,
den Ehebund nicht mehr verlängert,
indem sie ihren Kerl ersticht?

Ob da des Staates Stolz und Stütze,
ein Polizist mit Ordnungssinn,
von Zeit zu Zeit hält seine Mütze
‘nem strafbefreiten Spender hin?

Da sehen sie als einz’ge Zeugen
direkt dem Schurken ins Gesicht –
doch der hat gut Gesetze beugen:
Die Mauern, weiß er, halten dicht,

Und kommt es dennoch mal zum Schwure,
dass man ihm auf die Finger haut,
hat selbst der Nachbar auf dem Flure,
ach, die Fassade nicht durchschaut!

 

Starke Reize

Starke ReizeDer alte Zweifel: Warum dichten?
Was ändert das am Lauf der Welt?
Gefühls- und Fantasiegeschichten,
die kaum noch wer für nötig hält!

Nicht mal, um sich zu unterhalten –
da bietet doch der Bildschirm mehr.
Kaum hingelatscht, ihn einzuschalten:
Ein Kommissar, gedankenschwer

Den letzten Todesfall zu lösen,
ein Mord, wie sich von selbst versteht,
wie auf der blut’gen Spur des Bösen
er standhaft in die Irre geht

Bis er mit Pauken und Trompeten
den Schuft, der äußerst ausgekocht,
samt den ermeuchelten Moneten
in den verdienten Karzer locht!

Ja, wer mit solchen prallen Reizen
sein Oberstübchen animiert,
trennt wohl nicht recht die Spreu vom Weizen
und schließlich den Geschmack verliert.

Die Poesie will keine Bilder,
die für das Auge vorgekaut.
Ihr Ziel ist, dass sie Dinge schilder,
die man im Innern selber schaut.

Da kann man aus den Träumen streichen
‘ne Leserschaft von größrer Zahl.
Doch einen einz’gen nur erreichen –
selbst Gott genügte das einmal!

Stille Stunde

Stille StundeEs fehlt mir nichts, mich wohlzufühlen.
Ich hock an meinem Küchentisch,
gesäumt von hellen Kiefernstühlen,
und vor mir der papierne Wisch.

Entzündet ist die heil’ge Flamme,
wie sie zu Ehrn der Musen brennt,
das Lichtlein auf dem flücht’gen Stamme
des Wachses, das sich Kerze nennt.

Es spiegelt sich da in der Flasche
wie’n Irrlicht im verwunschnen Teich,
doch immer, wenn ich danach hasche,
verschwindet’s in der Kehle gleich.

Auch herrscht die Stille mittlerweile,
wie für mein Handwerk ich sie brauch,
wenn mit des Stiftes weicher Feile
zurecht ich meine Zeilen stauch.

Und stört nicht an der Wand die Therme,
die zünftig kupferrot verrohrt
und die mit ihrer Stimme Wärme
sich säuselnd in die Löffel bohrt.

Tatütata? Kein Krankenwagen,
der heute heulend hemmt mein Hirn!
Nichts, was mir schlüge auf den Magen,
nichts, was mir böse böt die Stirn.

Der Einz’ge, der mir widerstreitet,
das ist der Rote, der Corbières.
Bis hier hat er mich treu geleitet –
jetzt will er und auch ich nicht mehr.

Kahlschlag

KahlschlagHeut hat’s schon wieder kahle Stellen;
gelichtet das betagte Haupt.
Erst jüngst begann es abzupellen,
jetzt sieht man es schon halb entlaubt.

Wie wenig Zeit war doch vonnöten,
bis dieser böse Streich gelang
und eine Lockenpracht ging flöten,
die wild einst diesem Haupt entsprang!

Und was vom Scheitel ihm gerissen,
weil es nicht fest genug vertäut,
das liegt nun schäbig und verschlissen
im Rinnstein irgendwo verstreut.

Der Wind heult und die Schauer prasseln
auf dieses platte Strandgut ein.
Doch könn’n auch sie nicht mehr vermasseln –
kaputter kann kein Friedhof sein.

Der Schädel aber, der die Krone
aus Jade und aus Jaspis trug,
er schimmert nackt wie ‘ne Melone –
na, noch nicht ganz, doch nackt genug.

Enthäutet recken sich die Äste
bittflehend in den Abendwind,
am Ärmel baumelnd Blätterreste,
die ihnen seltsam grün noch sind.

Neu mischt der Herbst des Jahres Karten.
Die Dame Sonne nicht mehr stach.
Jetzt heißt es auf den Frühling warten.
Doch wächst nicht alles wieder nach.

Zum Wetter

Zum WetterEin Tag, so recht um rumzuschlendern
im unterkühlten Sonnenschein,
zu sehn, wie sich die Dinge ändern,
um einst sie wieder selbst zu sein.

Die Blätter hängen noch in Massen,
doch krumm und gelb schon im Gezweig;
nur wen’ge ha’m sich fallen lassen
und wandern übern Bürgersteig.

So endlich ist es auszuhalten
nach dieser langen Tropenkur.
Die Temp’raturen sich entfalten
bis höchstens 13, 14 nur.

Der Wind spielt bloß ‘ne Nebenrolle,
man nimmt ihn nur am Rande wahr.
Den Kragen zu! Doch keine Wolle –
Pullover bergen Schwitzgefahr!

Und wenn wir auf zum Himmel schauen:
Wohl nie er mehr dem Herbste glich
mit seinen Wangen, blässlich blauen,
aus denen alles Blut entwich.

Dafür sind sie auch glatt geschoren
selbst noch vom kleinsten Wolkenflaum,
dass dem Spaziergang vor den Toren
winkt reichlich regenfreier Raum.

Bei einer solchen Wetterlage
ich gerne mal vom Sofa spring.
Da kleb ich manche Sommertage –
die Hitze ist nicht so mein Ding.

Sonntag vor Montag

Sonntag vor MontagAus klingt der Sonntag. Still’re Straßen
durchziehen jetzt den Bau der Stadt.
Zu Abend schon die Bürger aßen.
Die Stuben schimmern bläulich matt.

Und über allem liegt ein Bangen,
Erwartung, die die Seele lähmt,
die Angst vor jenen Rosenwangen,
dern sich Aurora niemals schämt.

Die aber auch den Montag künden,
den Auftakt jener Wochenfrist,
dem mancher Mensch aus guten Gründen
am wenigsten gewogen ist.

Warum auch diesen Tag nicht scheuen,
an dem der Arbeitstrott beginnt
und bis zum Pausenglück, dem neuen,
die Zeit unendlich zäh verrinnt?

Und um entspannt noch zu genießen
die paar Minuten vor dem Schlaf,
lässt man gemeinhin um sich schießen
und freut sich, wenn’s den Rechten traf.

(Den Chef natürlich, Vorgesetzten,
der jeden Job zur Hölle macht,
indes er selbst am Monatsletzten
sich lukrativ ins Fäustchen lacht.)

Der Tag klingt aus. Und ganz gelassen
hockt unser Rentner vor dem Blatt.
Nichts treibt ihn morgen auf die Gassen –
auch montags hat er Sonntag satt!