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Aufwand II

Aufwand IIDa wär der mit der Künstlermähne
(nicht ungepflegt, doch schön in Schuss),
die graue Maus der Partyszene:
der gute alte Musikus.

Womit ich mein’ den Komponisten,
den Quell von Klang und Harmonien,
der in den Inhalt schräger Kisten
vielsaitig zaubert Melodien.

Wird der denn auf der Muschel blasen,
den Cello-Ton zu produziern,
wird er der Geige Schluchz-Extasen
auf einem Kamm extemporiern?

Ach, spürn will er in Hand und Kehle
das unverfälschte Instrument,
dass er erfühle seine Seele
und dichtend sie beim Namen nennt.

Er muss nicht alle sie besitzen,
das eine oder andre reicht,
die Fantasie ihm zu erhitzen
am Laut, der ihrer Brust entweicht.

‘ne Orgel braucht er nicht zu kaufen,
die passt ja eh an keine Wand,
doch ein Klavier, für das ‘nen Haufen
der schönsten Noten er verbrannt.

Das sind doch derbe Nebenkosten,
die seiner Kunst aufs Konto gehn.
Dem Dichter mag die Feder rosten –
er trottet los und holt sich zehn.

Aufwand I

Aufwand IWenn wir’s mal objektiv betrachten,
macht doch so’n Dichter wenig Dreck.
Papier und Feder nie entfachten
der Putzfrau übermäß’gen Schreck.

Was sollte da auch groß passieren?
Zwei Tintenflecke, schmal und blau,
die auf dem Tischtuch sich verlieren
wie’n Minicar im Megastau.

Da kleckst in andren Dimensionen
der Maler, wenn ich’s richtig seh,
um seine Tuben nicht zu schonen
so wenig wie sein Atelier.

Betupft mit Spritzern aller Farben
ist jeder Winkel, jeder Spalt,
allein, zu dritt, in ganzen Garben
versprengter Iris Aufenthalt.

Er muss ‘nen großen Aufwand treiben
an Kleidung, Raum und Material –
der Dichter kann nach Laune schreiben,
im Smoking und im Wartesaal.

Ja, könnt sich wo ins Freie hocken,
hat seinen Kuli er dabei –
dem Maler gält es aufzubocken
erst mühevoll die Staffelei.

Auf einem Zettel unterbringen
kann selbst das Universum glatt,
wer für sein Sagen und sein Singen
nur seine Birne nötig hat!

Dunkle Worte

Dunkle WorteEs ist ein Kreuz, ich geb es zu,
nur abends Verse zu verbocken.
Vom Eise ist des Tages Kuh,
der Bürger sitzt entspannt in Socken

Und stiert seine Ikone an
so gläubig etwa wie ‘ne Flunder,
die wohl ein Krimi dann und wann
beglückt mit einem blut’gen Wunder.

Nichts ist mehr auf der Straße los.
Verpieselt ha’m sich die Passanten.
Das Auto kriegt’ ‘nen Gnadenstoß
und scheuert sich an Bordsteinkanten.

Ein Strahle-Himmel, Lichtermeer –
wer wollte damit heut noch punkten?
Aurora!, mir von Delphi her,
Aurora!, schon Orakel unkten.

Die Morgenröte, ach, indes,
sie bringt mich noch nicht in die Hufe.
Ihr kühler Kuss wär mir nur Stress
statt Ansporn zu dem Dichtberufe.

Die Glieder sind noch starr und steif,
auch das Gehirn kommt nicht auf Touren.
Erst wenn ich zu den Sternen greif,
dann ticken mir die Musenuhren.

Erwartet kein Erwachelied,
den Vögeln gleich zu jubilieren.
Die Früh ist nicht mein Jagdgebiet –
muss mit der Nacht mich arrangieren.

Offen gesagt

Offen gesagtWie soll den Burschen ich beschreiben?
Er birgt im Busen sein Profil.
Auf seiner Seele Wasser treiben
kaum Wirbel öffentlich ihr Spiel.

Immer nur freundlich, immer lächeln,
Kritik und Groll beiseitestelln,
Gefühle zeigen hieße schwächeln,
‘ne Meinung, hieße wen verprelln.

Man möcht ihn am Schlafittchen packen
und schütteln, bis zu Boden fällt
aus seiner Krone jener Zacken,
den krampfhaft er umklammert hält.

Und so ihn einmal dazu bringen,
dass endlich Farbe er bekennt,
was denn in den und jenen Dingen
ihm wirklich untern Nägeln brennt.

Dann lieber schon ‘nen richtig Bösen,
da weiß man doch, woran man ist,
als so ‘nen schwächlich Skrupulösen,
der unaufhörlich Kreide frisst.

Was so einer im Beichtstuhl täte?
Das Lässliche, das gäb er zu,
doch Gott behüt dass er verräte,
wo heft’ger drückt der Sündenschuh.

Na ja, ich will nicht weiter hetzen,
bin ich denn selbst so frank und frei?
Wenn’s gilt, wen lyrisch zu verpetzen –
und halt mich schön bedeckt dabei!

 

Nur Regen

Nur RegenJetzt hat der Regen nachgelassen.
Auf Mitternacht geht schon die Uhr.
Ein bisschen Frischluft wird wohl passen,
ein erster Gruß der Herbstnatur.

Ich stell das Oberlicht auf Kippe;
ein Hauch von Kühle schwappt herein.
Es überläuft mich wie bei Grippe
ein Frösteln bis in Mark und Bein.

Um rasch auch wieder abzuklingen.
Die Stube: wohlig temperiert.
Der Dichter: willens zu besingen,
was vor die Feder ihm spaziert.

Jetzt hat der Regen nachgelassen –
na, na, das hatten wir doch schon.
Was tobt denn sonst noch auf den Gassen –
‘ne Wasserhose, ein Zyklon?

Ein Mammut? Eine Vorzeitechse?
Gorilla, Tiger, Krokodil?
Gar eins der fressenden Gewächse,
‘ne Orchidee in großem Stil?

Gemäßigt, pah, sind unsre Breiten,
spielt alles sich woanders ab.
Viel früher, ja, zu andern Zeiten –
doch heute katastrophenknapp.

Saublöd für Sänger hier vom Flecke,
die von der Fantasie nur zehrn.
Mit ‘nem Vulkanchen um die Ecke –
wie feurig diese Verse wärn!

 

Flüchtiges Glück

Flüchtiges GlückWie sich in diese Hektik finden?
Die Tage, übereilt und kurz,
sie ähneln jenem Zug der Blinden
zwei Handbreit vor dem Grubensturz.

Doch keine Chance auszuscheren;
der Lauf der Dinge reißt dich mit.
Zurück kannst du im Geiste kehren,
doch nicht mit einem einz’gen Schritt.

Und ein Tag gleicht aufs Haar dem andern,
Hellgrau gält schon als farbenfroh.
Zerlumpte Bettler, wie sie wandern
auf staub’gem Pfad ins Nirgendwo.

Das Ganze läuft wie ‘ne Maschine,
die programmiert ist auf ein Ziel;
am besten macht man gute Miene
(was hilft’s?) zu diesem bösen Spiel.

Du tappst und tappst in diesem Reigen
schlafwandlerisch nur stets voran
und klammerst, dir’s Wohin zu zeigen,
dich krampfhaft an den Vordermann.

Und wird es dir dazu noch glücken,
zu denken: Alles gottgesandt,
dann darfst du auch noch Blumen pflücken
von Zeit zu Zeit am Wegesrand.

Nun, Gott fühl ich mich nicht verbunden
für dieses Daseins Schall und Rauch;
doch Blumen hab ich oft gefunden,
Gedichte, ach, am Wege auch!

Im Auge des Sturms

Im Auge des SturmsLängst Mitternacht schon überschritten,
und immer noch bläht sich der Wind.
O die wir tags den Sturm gelitten,
wie müde seiner wir nun sind!

Wo immer er ein Opfer findet,
sei es ein Blatt, ein Hälmchen nur,
er peitscht’s, bis es sich krümmt und windet
wie ‘n armes Schwein in der Tortur.

Und viele, die’s nicht überleben:
Was matt und welk schon im Geäst,
bleibt da nicht länger schwächlich kleben –
ein jäher Stoß gibt ihm den Rest.

Vom Himmel ist kein Licht zu hoffen;
betongrau schirmt ihn eine Wand
Gewölk, die nirgends richtig offen
fürn Blick auf Sterne und Trabant.

Doch immerhin ist das Gelärme
der Straßen endlich abgeflaut:
Motorgebrumm der Autoschwärme,
der Harley dumpfer Macho-Laut.

Man kann ein bisschen sich besinnen,
auf Kerze und Bordeaux gestützt.
Ein Käfig gleichsam dies hier drinnen,
den Mr. Faraday mir schützt.

Mag die Natur die Ihren strafen,
ich leide deshalb keine Qual.
Vielleicht werd ich nicht ruhig schlafen,
doch sicher schlaf ich allemal.

Hausbesuch

HausbesuchZwei Damen, elegant gewandet,
gepflegtes Äuß’res, seriös,
ein Typ, wie er nur selten landet
am Ufer dieses Schlicht-Milieus

Erwiesen heute mir die Ehre,
mich aufzusuchen an der Tür,
dass ihrer edlen Gotteslehre
Gehör ich schenke nach Gebühr.

Ob sie wohl dachten, sünd’ge Seelen
gäb’s grad zu retten im Quartier,
wo Loddels ihre Muckis stählen
für ihren Dienst als Kavalier?

Doch da ich pfleg nicht zu erstehen,
was ein Vertreter mir beschreit,
wollt auch die Ware ich verschmähen
der beiden Damen: Ewigkeit.

Sie aber, fest in ihrem Glauben,
der ihrer Zunge Flügel lieh,
begöschten fleißig diesen Tauben
für Gottes Wort am Sinai.

Sie wollten ernsthaft mich bekehren
zum Sinn des Lebens: Religion.
Doch muss ich solchen denn entbehren?
Was wussten sie von mir denn schon?

Am Ende Patt. Ein Unentschieden,
wie man’s in Glaubensfragen kennt.
Doch Sieg für alle durch den Frieden,
in dem man höflich sich getrennt.

Noch ‘ne Ausnahmeerscheinung

AusnahmeerscheinungDer größte aller Zeitgenossen,
das ist der Mensch, den jeder kennt;
treibt meistens Sport, Musik und Possen
und trägt den Titel „prominent“.

Sein Name tut hier nichts zur Sache,
er laute Meier oder Pieps*.
Entscheidend nur, dass in der Mache
er stets des Medienbetriebs.

Er flimmert über alle Sender,
befüttert jede Klatsch-Rubrik
und gilt als profilierter Spender
von Trockenmilch für Mosambik.

Oft geht’s in seinem Eheleben
recht wild und ungebärdig zu.
Doch das kann seinen Ruf nur heben
als kleiner Schäker und Filou.

Man liebt ja grade seine Macken,
ja, man erwartet sie direkt –
soll der denn kleine Brötchen backen,
der täglich Glanz und Glamour schmeckt?

Er wird betütert, wird umworben,
wird angehimmelt bis, bis, bis…
Und ist er eines Tags gestorben,
ein schöner Nachruf ihm gewiss.

Da steht dann was zu seinem Ruhme
und seiner Größe ewiglich.
Danach deckt ihn die kalte Krume –
genauso wie einst dich und mich!

* Eingedeutscht für (Samuel) Pepys.

 

Kein Herkules

Kein HerkulesDer Vollmond wär es wert gewesen,
dass ich ihn lyrisch angebellt,
doch war ich noch beim Blütenlesen
auf einem andern Musenfeld.

Er hat sich nicht die Müh genommen
zu kurzem ruhenden Verkehr –
erhobnen Hauptes fortgeschwommen
ist zügig er im Wolkenmeer.

Nun liegt der Himmel unbeleuchtet,
nicht mal gespickt vom Sternenschein,
indes allmählich Tau befeuchtet
der Bäume lichte Blätterreihn.

Grad hat es Mitternacht geschlagen,
unhörbar mangels Kirchenuhr,
und auch die Geister, die jetzt tagen,
verraten sich gedanklich nur.

Romantik einer Bahnhofsgegend:
Tristesse von Schmuddel und Verfall.
Der Dichter, sich darin bewegend:
Apollo im Augiasstall.

Doch ohne Chance auszumisten,
was Herkules allein vermag.
So muss ich denn hier weiternisten
in meinem sauberen Verschlag.

Die Kunst indes wird drum nicht leiden,
sie ist genügsam wie das Vieh.
Wo immer Pegasus wir weiden,
ihm reicht ein Häufchen Fantasie.