Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Entlastung

EntlastungVertrieb von Gift und Pestiziden
ist ehrenvoll und bringt Gewinn;
er dient dem Leben und dem Frieden
und stärkt gesunden Bürgersinn.

Dabei ist völlig auszuschließen,
dass man Gefahr damit verbreit’ –
die Stoffe lassen Früchte sprießen
grad wegen ihrer Schädlichkeit.

Beamte, fleißig und beflissen,
bemaßen ihren Sinn und Wert
und haben nach Pflicht und Gewissen
für unbedenklich sie erklärt.

Doch wie soll man dem Missbrauch wehren?
Wie’s halt in der Chemie geschieht:
Die Wirkung lässt sich auch verkehren
und umfrisiern zum Homizid.

Nun, dafür auch hat man am Ende
sich etwas Feines ausgeheckt:
Das Zeug kommt nur in solche Hände,
in denen’s keinen Argwohn weckt.

Dass aber, wie es grad geschehen,
ein Schuft damit sein Volk verätzt,
wer hätte das vorausgesehen?
Der edle Sender ist entsetzt.

So was von Wunden, Tod und Grauen,
das hätt sich keiner ausgemalt!
Doch war ihm das denn zuzutrauen?
Er hat doch pünktlich stets gezahlt!

Sprichwörtlich

SprichwörtlichLängst haben Lügen lange Beine –
das alte Sprichwort gilt nicht mehr.
Ja, die Gesellschaft, grad die feine,
nimmt’s mit dem Flunkern nicht so schwer.

Gehört schon fast zum guten Tone,
dass man den Staat um Steuern prellt,
zumal der jedem Al Capone
ein Schlupfloch notfalls offenhält.

Gehört zu den Gepflogenheiten
von Banken, fröhlich zu frisiern
Bilanzen; den Verlust bestreiten
die Bürger, die korrekt agiern.

Gehört zu dem Geschäftsgebaren
von manchem Fertigfraßkonzern,
schön aufzupäppeln seine Waren
mit Stoffen, die gesundheitsfern.

Gehört zum Credo der Parteien,
den Schwur zu leisten vor der Wahl,
für alles Kohle auszuspeien –
und hinterher: Ihr könnt uns mal!

Der Wahrheit gibt man nur die Ehre,
wenn ohnehin die Hütte brennt
und mindernd seiner Strafe Schwere
man seine Untat „frei“ bekennt.

Ganoven je in ihren Welten,
ich werfe sie in einen Topf.
Dies Sprichwort aber lass ich gelten:
Der Fisch, der stinkt vom Kopf.

Ausdauersport

AusdauersportWie lange mag das wohl noch gehen,
dass meine Lust zum Pinsel giert
und mir in immer neuen Wehen
Gedichte aufs Papier gebiert?

Denn immerhin schon zwei Jahrzehnte
setzt diese Leidenschaft sich fort,
dass ich nicht einmal seufzte, gähnte
bei diesem steten Musensport.

Im Gegenteil: Es will mir scheinen,
dass ich, je mehr ich mich ihm weih,
nur desto mehr beginn zu meinen,
dass unentbehrlich er mir sei.

Ich weiß nicht, was mich so verbissen
grad hierbei bei der Stange hält
und ich nicht längst schon hingeschmissen,
was eh nur auf die Nase fällt.

Obwohl: Seh ich die heut’gen Sachen
und schau zurück auf den Beginn,
ist doch ein Fortschritt auszumachen
in puncto Duktus, Wort und Sinn.

So lass die Hoffnung ich nicht fallen,
auch wenn es sehr verwegen klingt,
dass aus dem laienhaften Lallen
mir einst ein hübsches Lied entspringt.

Doch sollte mich die Hoffnung trügen,
weil einfach ich zu kläglich schreib:
Ich werd den Acker weiter pflügen –
schon, dass ich in Bewegung bleib.

Meine kleine Klause

Meine kleine KlauseNa, kommt mich einfach mal besuchen,
dann seht ihr meine kleine Welt.
Ihr kriegt ‘n Stückchen Kuchen
und ein paar Verse hingestellt.

Nein, Letzt’res lass ich lieber bleiben;
aufs Umfeld kommt es an.
Nicht Eitelkeit, so’n Zeug zu schreiben:
Gesinnung macht den Mann.

Man könnt ein Weilchen plauschen
von fröhlich bis fidel,
Gedanken auszutauschen
ganz ohne Kunst-Gequäl.

So viel kann ich schon sagen:
Mein Domizil ist klein;
doch mehr als in ‘nen Lieferwagen,
die passen da schon rein.

Zur Lage: Keine Top-Adresse,
kein Millionärsquartier.
Man haut sich eher in die Fresse
nach soundso viel Bier.

Man könnt es auch lebendig nennen,
von Langeweile keine Spur.
Dazu viel rote Lichter brennen,
und nicht an Ampeln nur.

Der Standort für ‘ne Dichterklause –
so mitten im Gefecht.
Besucht ihr trotzdem mich zu Hause?
Womöglich jetzt erst recht?

Die Flaschenuhr

Die FlaschenuhrWas ha’m die Alten nicht erfunden!
Das kommt mir wie ein Wunder vor.
Die Uhr selbst: Alle halbe Stunden
das Unterglas erneut empor!

Genialisch einfach, muss man sagen:
Die Zeit als Wasser, das verrinnt;
Zwei Trichter, die sich überschlagen –
und der Prozess von vorn beginnt.

Genauso kann man Sand benutzen,
der rieselt ja dem Wasser gleich
durch diesen dünnen Einfüllstutzen –
feinkörnig anstatt tropfenweich.

Der Alten Leistung unbenommen,
hab ich was andres ausprobiert –
und so bin ich auf Wein gekommen,
mit dem das gleichfalls funktioniert.

Ja, ihm kann nichts das Wasser reichen,
weil diesen Vorteil er verspricht:
Obwohl die Stunden auch verstreichen,
bedauert man es nicht.

Man ist gelöst und guter Dinge,
statt sich in Wehmut zu ergehn,
dass Chronos mit der Würgeschlinge
am Tunnelende schon zu sehn.

Ach, fast vergaß ich zu erklären,
wie man dies Teil bedienen muss:
Ganz einfach eine Flasche leeren
in kleiner Züge stetem Fluss!

Neue Perspektive

Neue PerspektiveJetzt kann ich wieder klarer blicken –
‘ne neue Scheibe: Goldes wert.
Ab heut die Uhren anders ticken
für meine Klause mit dem Herd.

Hier wo ich meine Süppchen koche
aus Rhythmus, Laut und Reim,
beginnt die Paradies-Epoche
mit Milch und Honigseim.

Wie das?, so mögt ihr gerne fragen,
ein neues Fenster, ja, na und?
Doch unterschätzt nicht mein Behagen,
bin ich befreit von Schutt und Schund!

Wie lang ich nicht vor Augen hatte
dies ungehobelte Geviert,
das wie im Zaun ‘ne alte Latte
Verfall und Trauer evoziert!

Und müssen nicht auch die Gedanken,
die sinnend oft nach draußen gehn,
an einer solchen Brille kranken,
durch die sie alles trübe sehn?

Wie im Gebirge uns die Bäche
ihr Bett zu zeigen sich nicht ziern,
so frei lässt diese frische Fläche
den Blick nun in die Welt passiern.

‘ne völlig neue Sicht der Dinge?
Wär längst ja überfällig schon.
Nun denn, mein Barde, singe, singe –
dem Glaser deinen Dichterlohn!

 

Am Freitagabend

Am FreitagabendKein Laut. Als ob ein Zauber hätte
die Stadt in ew’gen Schlaf gebannt.
Die Dinge starren um die Wette
wie Puppen, steif und unverwandt.

Die Straße etwa: Hingegossen
zu keinem andern Sinn und Zweck,
als dass sie ohne Fahrtgenossen
sich endlos in die Weite streck.

Die Bäume etwa: Volle Kronen
mit lediglich dem einen Ziel,
dass, ihre Prachtfrisur zu schonen,
nur ja kein Lüftchen darin spiel.

Die Häuser etwa: Lange Zeilen,
die aus dem Grund allein erbaut,
dass die man, die darin verweilen,
ja, nicht mal ihren Schatten schaut.

Der Himmel etwa: Eine Weite,
die übern Dächern schwebt gewiss,
dass unsern regen Blick sie leite
in sternenlose Finsternis.

Die Szene brütet solches Schweigen,
als wär gemalt sie, Schall und Rauch,
nein, stiller: Wo doch Bilder zeigen
als Illusion Bewegung auch.

Hier eher alles eingefroren,
geliert in Bernstein durch die Bank.
Ha, Prinzenkuss: Autos, Motoren!
Dornröschen lebt: Na, Gott sei Dank!

Glas-Nostalgie

Glas-NostalgieDie Tür nach draußen zum Balkone,
wie oft ich da nicht durch mich stahl!
Die Zahl ist sicherlich nicht ohne –
ich schätze, so zehntausend Mal.

Einmal pro Tag in dreißig Jahren
(und das noch eher knapp gezählt)
ergibt nach gängigem Verfahren
just diese Summe, ungeschmält.

Wie wär das ohne Spurn geblieben?
Dies Auf und Zu, das strapaziert;
und dann die Wetter, die sich rieben
an diesem hölzernen Geviert!

Da klaffen Risse, Runzeln, Narben,
da platzen Placken von der Haut,
da haben sich die frischen Farben
zu toten Tönen abgebaut.

Zerbröselt und zerstäubt zu Zunder
das morsche Holz in großem Stil;
da ist es gradezu ein Wunder,
dass alles nicht zusammenfiel.

Wie immer auch: Das Altvertraute,
man gibt es ja nicht gern davon;
doch heut zum letzten Mal ich schaute
die Tür-Ruine zum Balkon.

Die Glaser werden morgen walten
und neue Scheiben mir beschern.
Ob die auch dreißig Jahre halten?
Die Frage kann ich nicht mehr klärn.

Sommer ade

Sommer adeUnd zügig poltert der Bolide
jetzt endlich in den Herbst hinein.
Im Auf und Ab der Jahrestide
verebbt nun auch der Sonnenschein.

Das Thermometer ist gefallen.
Am Himmel Wolken schwarz und schwer.
Von Zeit zu Zeit die Schauer hallen
vom Pflaster, von der Fahrbahn her.

Ein helles Rauschen hin und wieder,
wenn jemand durch ‘ne Pfütze pflügt.
Die Dämmerung fällt früher nieder,
die um ein Stückchen Tag betrügt.

Jetzt schön die Fenster offen lassen,
damit der Mief sich mal verzieht.
Und schon, ja, ist es denn zu fassen,
spürt deutlich man den Unterschied!

Und mit den stickig faden Schwaden
spuckt meine Bude aus den Schweiß,
in dem es lange galt zu baden
auf Petri höheres Geheiß.

Den Ventilator einzumotten,
das wär dann wohl als Nächstes dran.
Dank für den Luftzug, für den flotten
dass jener spärlicher mir rann!

Ihr seht, erst wenn die Winde rauer,
ich atme wieder frei und froh!
Der Sommer macht mich meistens sauer.
Mir scheint, das war nicht immer so.

 

Sieht alles

Sieht allesDer Mond da oben, weit zu sichten
wie’n Leuchtturm am ersehnten Strand,
was könnte er uns nicht berichten
von diesem oder jenem Land?

Beharrlich strahlt er uns entgegen,
dass als Markierung er uns dien,
doch auch auf tausend andren Wegen,
die unsern Blicken sich entziehn.

Wir sehn nur bis zur Nasenspitze
und bilden uns wer weiß was ein,
doch er beschnüffelt jede Ritze
hienieden mit Laternenschein.

Er hat auf seinen langen Fahrten
so viel an Kenntnissen gehäuft
bezüglich aller Geo-Sparten
und weiß, wie hier der Hase läuft.

Vor allem dieses wüste Krabbeln
stößt auf ihm schon seit Olims Zeit:
Das kommt, weil sich die Tierchen kabbeln
um irgendeine Nichtigkeit.

Da bleiben viele auf der Strecke,
Kadaver liegen rings verstreut.
Doch kaum erholt von diesem Schrecke,
verbeißt der Haufen sich erneut.

Ja, aus der Vogelperspektive
nimmt manches sich wohl seltsam aus.
Und ihm entgeht die intensive
Gottähnlichkeit der Erdenlaus.