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Unsere Preiszeit

Unsere PreiszeitEs ließ sich leider nicht vermeiden,
ich musste noch mal runter heut,
um die Regale zu beweiden,
wo Lebensmittel ausgestreut.

Des Fortschritts wesentlicher Träger
scheint mir der Supermarkt zu sein,
seitdem als Sammler wir und Jäger
die Beute selber brachten ein.

Jetzt liegt gehäuft an Ort und Stelle,
was man an Nahrung täglich braucht;
man jagt nicht Mammut und Gazelle
und ist weit weniger geschlaucht.

Auch rennt man nicht mehr Stund um Stunde,
bevor der Spieß sich endlich dreht.
Am meisten opfert noch der Kunde
an Zeit, der in der Schlange steht.

Doch auch dies nützliche Verfahren,
es hat natürlich seinen Preis:
Berappen muss man für die Waren,
und immer mehr, wie jeder weiß.

Und mancher muss da schließlich passen,
der seinen Brotkorb höher hängt.
Das Nötigste nur für die Massen,
der Rest fürn Klüngel, der sie lenkt!

Vielleicht war das mit Selberjagen
im Grunde doch ganz sinnvoll schon –
denn im Glazial, würd ich mal sagen,
sprach noch kein Schwein von Inflation!

In meiner Oase

In meiner OaseDie Einsamkeit, die nicht gebunden
an Fluren, die kein Mensch begeht,
ich habe sie auch hier gefunden,
wo man sich auf den Füßen steht.

Gleich vor der Haustür ein Gedränge,
das dich verschlingt und dich verschluckt,
kaum hat’s dich aus des Flures Enge
hinaus aufs Trottoir gespuckt.

Meist Menschen, die die eignen Haxen
der schlichten Fortbewegung weihn,
doch Räder, Autos auch und Taxen,
die ihnen heiße Reifen leihn.

Kurzum, ich muss es nicht betonen:
Man hockt hier nicht in Abrams Schoß.
In diesen citynah’n Regionen
ist Tag und Nacht der Teufel los.

Doch kannst du diesen Lärm nicht riechen,
den Auswurf der Geschäftigkeit,
magst du auch hier dich wo verkriechen,
verborgen vor dem Ruf der Zeit.

‘ne Burg ist zwar nicht meine Klause
mit Mauern, die kein Laut durchdringt,
doch ein gestandenes Zuhause,
das Ruhe mir und Abstand bringt.

Wenn hinter mir die Tür verschlossen,
tauch ein ich in ‘ne andre Welt.
Da reit am liebsten ich den Zossen,
der fliegend Kurs Südosten hält.

Feuriger Wein

Feuriger WeinDie schöne Sache mit der Kerze,
die findet momentan nicht statt.
Ich streiche meine Druckerschwärze
seit Wochen feuerfrei aufs Blatt.

Das Flämmchen würde sich nicht halten
im Wind, der durch die Küche weht,
und in der ersten Bö erkalten,
die voll ihm an die Wäsche geht.

Noch immer liefert die Maschine
mir ihren zuverlässgen Hauch,
wenn abends dem Parnass ich diene
und einen kühlen Brägen brauch.

Könnt ihr denn ein’n Gedanken fassen,
wenn ihr auf irgendetwas sinnt
und euch die Soße wie aus Tassen
so ölig in den Kragen rinnt?

Und wenn ins blitzeblanke Linnen,
das eure Heldenbrust umfängt,
sich Flicken grauer Fäden spinnen,
da, wo von jener sie getränkt?

Oh, wenn ich irgendetwas hasse,
dann die Mixtur aus Feucht und Heiß,
die zäh und klebrig wie Melasse
ich auf der Pelle spüre: Schweiß!

Klar half das Licht mir auf die Sprünge
so wirksam wie der Wein sonst nur –
weshalb ich jetzt mit Letztrem dünge
verdoppelt meine Musenflur.

Gebäudemanager

GebäudemanagerMan kann ihn nirgendwo entbehren,
denn er sitzt überall am Quell
der Dinge, die im Haus zu klären
mit Basiswissen: der Pedell.

Ein Werkzeug breitester Funktionen
(es gibt sich meist durch Klingeln kund)
schafft Zugang ihm zu allen Zonen,
in denen’s brennt: der Schlüsselbund.

Da ist ein Nagel einzuschlagen,
da brannte wer ‘n Loch in’n Filz,
da blüht (mir wendet sich der Magen)
auf feuchtem Grund der Mauerpilz.

Sein Sesam öffnet ihm die Tore,
die ihn in alle Räume führn,
wo jeder Winkel, jede Pore
den Kennerblick des Meisters spürn.

Ja, wo es Mängel gibt zu melden,
ist unser guter Geist nicht fern.
Zwar hat er nichts von einem Helden –
das glaubt er aber, meine Herrn!

Mit einem Ausdruck grauer Würde
er durch die Flure sich bewegt,
als hätt des Atlas ganze Bürde
man auf die Schultern ihm gelegt.

Nicht schwierig, ihn mir vorzustellen
im Hades selbst als Führungskraft.
Was würd er Schäden da erhellen –
bis er die Hölle abgeschafft!

Dichterfreunde

DichterfreundeBerg muss und Bambus ich mir denken
vor meiner Hütte dunklem Tor
und Freunde, die in Becher schenken,
den Trank, den man aus Reis vergor.

Und wie sie weltvergessen plaudern
und rezitieren manch Gedicht,
bis sie mit einem Male schaudern,
weil kühl erglüht das Morgenlicht.

Und sich dann unversehns verziehen
in einen Winkel, der sie wärmt,
um in den tiefsten Schlaf zu fliehen,
aus dem der Geist des Weines lärmt.

Das wäre so die rechte Runde
für meine Art Geselligkeit:
Natur mit Poesie im Bunde,
bis sich im Rausch verliert die Zeit.

Doch stell das hier mal auf die Beine:
Kein Hain, kein Hag, kein Weidenzaun.
Der Rest an Landschaft dient alleine
dazu, ihn weiter zuzubaun.

Und Poesie? In welchen Kreisen
denn mehr als ein Museumsstück?
Da muss man schon nach China reisen
und auch Jahrhunderte zurück.

Ich bleibe einsam. Und ich reiche
dem Eremiten meine Hand,
dem dichtend immerhin ich gleiche,
wenn auch in Zeit nicht und in Land.

Kurzes Aufatmen

Kurzes AufatmenHeut war es mal nach meiner Mütze,
ein Wetterchen, wie’s mir gefällt:
Gleich vor der Haustür eine Pfütze –
und Regen, der sich fuchtig hält.

Und diese gottverdammte Schwüle
vom frischen Wind davongefegt,
dass Feuchte mir gepaart mit Kühle
Kompressen auf den Hals gelegt.

Den Wetterfritzen, ha, vom Sender
war damit schön vermiest das Spiel,
weil ihre Nummer „Freudenspender“
nun leider ja ins Wasser fiel.

Ich, der der Sonne ich was huste,
riss auf die Luken erst einmal,
damit’s mir aus der Bude puste
die Luft, die stickig schon und schal.

Und tief hab, tief ich eingesogen
des Herbstes ersten rauen Hauch.
Ein Lungenzug war’s, ungelogen,
als wär es Zigarettenrauch.

Doch unsren gockelgleichen Kündern
war selbst dies Nass noch Jubel wert;
mit trotzig zugespitzten Mündern
krähten sie: „Sonne wiederkehrt!“

Und wirklich stehen heiße Tage
demnächst uns noch einmal ins Haus.
Ich hör schon: „Goldne Wetterlage“.
Den Kasten lass ich dann wohl aus.

Eine Nacht im Wald

Eine Nacht im WaldDer Mondschein in der Regentonne,
die gern ihm mal den Spiegel hält,
betrachtet sich mit solcher Wonne,
dass gar ein Schauer ihn befällt.

Es war der Wind, der ewig säuselt
in Sommernächten matt und mild,
der hat das Wasser leicht gekräuselt
und so des Mondes Ebenbild.

Die Kiefern auch lässt er erzittern,
die düster um die Hütte stehn,
und ihren Harzgeruch, den bittern,
auf seinen Flügeln sich ergehn.

Bisweilen noch Geräusche glimmen
wie Flämmchen aus der Dunkelheit;
ein Rascheln, Knacken: Waldesstimmen
im Nachtgewand der Heimlichkeit.

Sonst Stille, Stille ohne Grenzen,
die sich am Firmament verliert,
wo regungslos die Sterne glänzen,
von feinen Dünsten grau meliert.

Der Mond indes geht ruhig weiter
auf seinem ausgetretnen Pfad,
und Mücken nehmen, wen’ger heiter,
in seinem Fass ihr letztes Bad.

Der Wind frischt auf: Die Wipfel dösen
nicht länger stumm in Hain und Hag!
Schon erste Zapfen, die sich lösen –
da wach ich auf mit einem Schlag.

Andere Lesart

Andere LesartWas soll ich, Leute, euch berichten?
Mein Tag verläuft ja stinknormal.
Kein Job; nur diese Hausmannspflichten.
Ein Leben wie im Wartesaal.

Wenn ich vom Putzen euch erzähle,
die Augen ihr wohl nur verdreht;
und wie ich so Kartoffeln schäle,
euch auch vorbei am Hintern geht.

Da müsste ja schon mehr passieren,
damit ich euch zufriedenstell –
so was wie’n Faustschlag auf die Nieren
oder doch seelisch was aufs Fell.

Doch hat sich was! Solche Blessuren,
die blieben mir zum Glück erspart.
Von früheren auch keine Spuren –
und wenn, verborgen unterm Bart.

Seht mich hier echt die Hände ringen,
Verzweiflung garantiert im Blick!
Wie gern würd ich euch Spannung bringen,
dass euch nicht langweilt mein Geschick!

Wie aber soll ich euch genügen,
wenn ich nicht irgendwas erfind?
Doch Lyrik kommt ja nicht von lügen
die Dinge sind, so wie sie sind.

Egal, sie soll euch trotzdem nützen –
nur mit ‘nem kleinen Unterschied:
Setzt auf zur Nacht die Zipfelmützen,
und lauscht ihr als ‘nem Wiegenlied!

Ausgeschwitzt

AusgeschwitztWie Schinken schlapp am Fleischerhaken,
so baumeln sie an ihrem Mast,
die buntgestreiften Fahnenlaken,
die heut kein Wind mehr unterfasst.

Und Mitternacht ist längst verstrichen;
bis morgen früh kein Lüftchen mehr.
Wie sich die Tage alle glichen,
von Sonne und von Schwüle schwer!

Im Juli ist es losgegangen,
jetzt zählt die Stunden der August,
dass dies Gestirn mit glüh’nden Zangen
Respekt zu schaffen sich gewusst.

Der Sommer, ja, in allen Ehren,
sofern er sich in Grenzen hält.
Wie aber seiner sich erwehren,
wenn einem Koller er verfällt?

Bei 30 krieg ich schon ‘ne Krise,
und öfter war’s darüber noch.
Trotz ständ’ger Ventilator-Brise
litt ich wie’n Hund in meinem Loch.

Solln andre in der Sonne schmoren,
bis sie rundum goldgelb gegart;
ich bin mehr für den Herbst geboren,
der wohlig sie mit Frische paart.

Seit langem geben erste Zeichen
Augurn, dass es sich ausgebräunt:
Allmählich wird die Hitze weichen.
Na, nichts für ungut, Sonnenfreund!

Leidenschaftslos

LeidenschaftslosDas wär für mich kein Job gewesen;
mir hätte die Distanz gefehlt
zum Text, den ich da vorgelesen –
Gefühle hätt ich nicht verhehlt.

Da braucht es coole Charaktere,
nicht wen, der gegen Tränen kämpft.
Es macht dem Rundfunksprecher Ehre,
dass seine Emotion er dämpft.

Obwohl das meiste ja zum Heulen,
was er als Nachricht uns serviert,
all diese Kratzer, Wunden, Beulen –
der Mist, der in der Welt passiert.

Der Bürgerkrieg in X geht weiter;
x Tote gestern Nacht allein.
Zum x-ten Mal, dass Eingriff scheiter,
legt Staat XX sein Veto ein.

Die Feuer, die wo ausgebrochen,
hat man noch nicht in’n Griff gekriegt.
Die Wehren kämpfen schon seit Wochen,
doch zehn Prozent sind erst besiegt.

Gesunken wieder eine Fähre
mit tausend Passagiern an Bord.
Die Reederei versprach, sie kläre
die Gründe möglichst rasch vor Ort.

Ein Reisebus mit hundert Kindern
geprallt auf einen Caravan.
Die Rettungsarbeiten behindern
zig Gaffer auf der Autobahn.

Erschüttert hat ein schweres Beben
den Osten der und der Region.
Verluste auch an Menschenleben
bestätigte man amtlich schon.“

Es hat heut der Prozess begonnen
gegen den Herrn Politikus,
der wortgewaltig Fans gewonnen
fürn Großprojekt, das scheitern muss.*

Dies alles fließend vorgetragen
und unveränderlich sonor,
bevorzugt in den schönen Lagen
von Bariton und von Tenor.

Die Katastrophen kommen schnieke,
gebügelt und gepflegt daher –
als wär im Drama der Antike
von Blut und Hass die Bühne leer.

Wie jenem den Respekt verweigern,
der so gefasst bei aller Qual!
Und doch würd dieser sich noch steigern,
entführ ein Seufzer ihm einmal!

*Fiktive Meldung, würde ich aber gern mal hören.