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Windbeutel

WindbeutelWie sie sich drehen, winden, biegen,
als hätten Krämpfe sie erfasst,
und tot zu ihren Füßen liegen,
zerschmettert liegen Zweig und Ast!

O wie sie in den Wipfeln wütet,
die blinde, ungebremste Kraft –
so wie ein Wolf die Schafe hütet,
so mit verzehrnder Leidenschaft!

Der stärkste Sturm ist von der Leine:
jetzt zeig dich niet- und nagelfest,
stemm Brust dagegen, Bauch und Beine,
dass es dich nicht verwehen lässt!

Im Hafen treibt er hoch zu Wogen
die Flut, die eh zu Berge schwillt,
und schäumend kommen drauf gezogen
Poseidons Rosse, weiß und wild.

Doch droben in der Lüfte Weiten,
wo er sich selbst nur Widerpart,
wie kommt er da beim Wellenreiten
auf seinesgleichen erst in Fahrt!

Kein Halten gibt’s, wo keine Grenzen
dem ungestümen Drang gesteckt
und seine Kunst der Turbulenzen
in ihrer Vielfalt erst perfekt.

Wie er in breiten Strömen stiebt,
in Strudeln gurgelnd da rotiert,
zu Massen sich zusammenschiebt,
koppheister sich im Sturz verliert!

Wie er da heult und pfeift und johlt,
sich aus dem Leib die Seele schreit,
das Letzte aus der Lunge holt
im Taumel der Besessenheit!

O dass ihr bloß, ihr kühnen Flieger,
ihm niemals in die Hände fielt,
es wären Klau’n von einem Tiger,
der Katz und Maus nur mit euch spielt!

Denn ehrlich: In der Stratosphäre
geht’s selten ohne Stürme ab,
und wer da segelt auf dem Meere
sich besser gleich ‘ne Tüte schnapp.

Indessen er zum Glück hienieden
auf manche feste Schranke stößt
und kaum noch stört der Erde Frieden,
die schon in halbem Schlafe döst.

Und träumt: Als windigster Geselle
entpuppte sich der Zwölferschar,
der noch gepustet auf die Schnelle
verröchelnd, ach, der Januar!

Ermutigung

ErmutigungZu sehn, was ich zurzeit hier treibe,
schaut groß der Mond mich grade an,
ein gelber Fleck in meiner Scheibe,
die ich mal wieder putzen kann.

Er glänzt in seinem reinen Lichte,
ich wälze mich im Erdenstaub.
Gleich morgen, ja, ich mich verpflichte,
den Stall zu säubern mit Verlaub.

Sofern er durch des Glases Trübe
mich überhaupt zu sehn vermag,
dann wird er finden, dass ich übe
wie üblich mich im Lautenschlag.

Es ist ja wieder diese Stunde,
die ich am piër’schen Quell verbring
und mit Dionysos im Bunde
in die Unsterblichkeit mich sing.

Um’s weniger geschraubt zu sagen:
Die Uhr marschiert in Richtung zehn,
und mich beschleicht das Unbehagen,
den Musen auf den Keks zu gehen.

Doch kann man mir nichts dir nichts lassen
von einem Brauch, der lang gepflegt,
um sich ‘nen Maulkorb zu verpassen,
obwohl die Zunge sich noch regt?

Ich diene schließlich schon seit Jahren
dem hoh’n olympischen Geschlecht,
und wär es Frevel, dies Gebaren,
so wär es doch Gewohnheitsrecht.

Der einz’ge Grund, um aufzugeben,
wär offenkund’ger Göttergroll,
das heißt sie ließen niederschweben
den Hermes; Botschaft: Nase voll!

Doch Wunder kommen nicht und Zeichen
mir vom Parnass in diesem Sinn.
Mein schlichter Singsang scheint zu reichen,
weil ohne Konkurrenz ich bin.

Ach, wenn da bloß nicht Nietzsche wäre,
der einst geprüft auch Charons Boot
und mir zerpflückt die Dichterehre,
weil, wie er sagt, die Götter tot.

So muss es unentschieden bleiben,
ob das, was ich hier klampf und harf,
auch durch die trüben Fensterscheiben
raus zum Gourmet für Lyrik darf.

Da wären Kritiker vonnöten,
die von der Sache was verstehn –
doch wer schluckt unbekannte Kröten,
wenn alte ihm im Mund zergehn?

Vom Mond ist auch nichts zu erwarten –
er sieht mich oder sieht mich nicht,
pflanzt Sonnenblumen an im Garten,
die herrlich leuchten: ein Gedicht!

Schaffe, schaffe

Schaffe, schaffeDie Menschheit – welch ein buntes Treiben,
dem jeder so und so verfällt,
sich für ‘ne Sache aufzureiben,
das heißt im Zweifelsfall für Geld.

Der eine geht nicht weite Wege
und setzt direkt am Quell sich fest,
der Bank, dem goldenen Gelege
mit Konten, Zinsen und Invest.

Da wälzt er seine durst’ge Seele,
bis sie im Mammon ganz versinkt,
ermunternd sich aus weiser Kehle,
dass Buchgeld umso wen’ger stinkt.

Der andre hat’s mit Produzieren,
zieht Reibach aus ‘ner Wurstfabrik:
Zerhacken, würzen und gelieren
mit Fleischeslust und Schweinsgequiek

Bringt mächtig ihm was in die Kasse,
dass rosig seine Börse glänzt
und je nach Fett und Lebendmasse
mit drallen Euros sich ergänzt.

Dann gibt’s da auch die Charaktere,
die reden gern ein Wörtchen mit,
beschwören stets, was morgen wäre,
wärn ihre Gegner sie erst quitt.

Mit ihrem pralln Terminkalender
gehn ständig sie auf Stimmenfang:
Politiker = Sechzehnender
mit ausgeprägtem Platzhirschdrang.

Da wären auch noch die Gelehrten,
die forschen bis zum letzten Quark
und machen für die ungeklärten
Geheimnisse der Welt sich stark.

Als weltfremd gelten dennoch viele,
weil ihre Geisteskraft sie balln
und, endlich am ersehnten Ziele,
in Brunnen hin und wieder falln.

Auch des Asklepios späte Jünger
sind ehrlich um Erfolg bemüht,
wobei ein bisschen Euro-Dünger
oft hilft, dass ihre Heilkunst blüht.

Vergesst auch nicht den Malermeister,
der schon vor Tag und Tau bereit,
und der mit Pinsel, Quast und Kleister
der schlimmsten Klitsche Glanz verleiht.

Genauso früh, bei Nacht und Nebel,
ist auch der Arbeiter aktiv,
setzt in Bewegung alle Hebel,
„belohnt“ mit Minimal-Tarif.

Doch wie herum sie sich auch winden,
die ich hier beispielhaft genannt,
sie wolln nicht Unterhalt nur finden,
nicht Stolz nur im sozialen Stand.

Als steten Strohhalm sie ergreifen
die blinde Hast bei Tag und Nacht –
so wie im Walde dieses Pfeifen
in einer Welt, die Angst uns macht.

 

Wetterlage II

Wetterlage IIDie Stadt ist wieder weiß geworden,
schwarzbunt wie’s Vieh, das wiederkäut.
Ein wind’ger Bursche aus dem Norden
hat Schnee ihr übers Fell gestreut.

Nur die Fassaden stehn noch dunkel,
von trüben Stuben kaum erhellt,
doch ringsherum Kristallgefunkel,
wo Neon auf die Fläche fällt.

Und eine Wolkendecke droben,
die kein Maestro ausgemalt:
so grau wie’n alter Schweinekoben,
der mit zerfressnem Holz verschalt.

Wo sind die flotten Kavaliere,
die gern den Motor überdrehn?
Gebremst von dieser Seifenschmiere,
auf der die Reifen Schlittern gehn.

Erstickt in diesem dicken Linnen,
klingt dumpfer nun der seltne Laut
und langsamer scheint zu verrinnen,
die Zeit, die ihre Zukunft baut.

Es herrscht ‘ne feierliche Stille,
wo Weihnacht doch schon lange her!
Doch durch die ros’ge Gletscherbrille
schaut man der Krippe Wiederkehr.

Schon morgen sei der Schmelz geschwunden,
zerflossen vor ‘nem Hitzeschwall –
so der Bericht für Radiokunden.
Doch bleibt uns dies auf jeden Fall.

Doping

DopingDie zweite, o die zweite Flasche!
Halt dich zurück, du Troubadour! –
Was spricht dagegen, dass ich nasche,
wenn ich noch wach und spät die Uhr?

Montepulciano, rote Sorte.
2011. Ein junger Spund.
Gleichwohl bring ich ihn an die Pforte
zum längst verblassten Kirschenmund.

Um in „Gehalt und Frucht“ zu schwelgen,
wie es die Binde mir verspricht.
Nun, fährt der Geist noch nicht auf Felgen,
seh keinen Grund ich für Verzicht.

Noch kann ich alles klar erkennen.
Der Tisch, die Küche – nichts verschwimmt.
Ich seh am Docht das Flämmchen brennen
und wie er an der Spitze glimmt.

Auch wenn den Blick ich prüfend hebe
und angestrengt durchs Fenster stier,
scheint alles fest, nicht in der Schwebe,
ein wahrer Fels von ‘nem Quartier.

Warum dann weg schon mit der Leier?
Ich kurbel dran so lange rum,
bis mir ums Hirn ein leichter Schleier
orakelt vom Delirium.

Jetzt auch zur Hälfte schon genossen
die rote Rebe Nummer zwei!
Und dennoch kelt’r’ ich unverdrossen
fortlaufend Verse mir dabei.

Als Dichter muss man viel vertragen
von diesem Teufelszeug, der Welt,
dass man, schlägt’s einem auf den Magen,
in Katzenjammer nicht verfällt

Und seine biederen Gesänge
auch weiter von der Spule spinnt
hinaus aus seiner Klause Enge
dahin, wo offne Herzen sind.

Ja, wenn ich ehrlich bin, ich fühle
mit jedem Schluck mich mehr gestärkt;
doch der Verstand sagt mir, der kühle:
Hör lieber auf, eh man was merkt!

Sterne

SterneDer in des Alls Unendlichkeiten
gigantisch leuchtet immerdar,
wie kann ein Stern den Rang bestreiten
dem erdgebornen Superstar?

Was ist dem Sänger gleichzusetzen,
der kreischend um die Töne ringt
und in den schrillsten Kleiderfetzen
die Bühne zum Erbeben bringt?

Dem Mimen, der die gleiche Stätte
der Illusion zum Tempel weiht,
so lebensecht, als ob er hätte
sich von der Rolle ganz befreit?

Was kann dem Entertainer gleichen,
der glänzend sich auf Schau versteht
und selbst die Schönen und die Reichen
um seinen Klunkerfinger dreht?

Und so ‘nen Sportler, ‘nen Athleten,
der keuchend den Olymp erklimmt –
wie kann er werfen, hüpfen, treten,
selbst wenn Verstärker er nicht nimmt!

Was reicht an diese Professionen,
die Crème der Crème in ihrer Art,
den Koch etwa, der grüne Bohnen
in Eselsmilch und Schampus gart?

Das sind die Götter, einzuflößen
uns Ehrfurcht, neidisch und devot,
am Medienhimmel feste Größen,
unsterblich – bis zu ihrem Tod.

Eremit

EremitErneut hab ich zum Stift gegriffen,
ich weiß nicht, unter welchem Zwang –
vielleicht die Stunden zu umschiffen,
die ich allein und die mir lang.

Es herrscht ja nicht des Tags Getriebe,
das unablässig läuft und lärmt,
so dass man meinen muss, man bliebe
von Wesen tausendfach umschwärmt

Und fühlt sich wie im weiten Meere
dem Fisch gleich, der mit andern zieht,
als ob er ein Verwandter wäre –
und doch die Einsamkeit nur flieht.

Nein, leer die Straßen und verlassen.
Kein Motor und kein Möwenschrei.
Die unsichtbaren Himmelstrassen
selbst stumm jetzt und maschinenfrei.

So wie Antonius in der Wüste
hock ich als Klausner in der Nacht,
als ob ich meine Sünden büßte,
die unter Menschen ich gemacht.

Ob er sich Schweigen auferlegte,
das er zur Strafe niemals brach,
oder, wenn sich sein Herz erregte,
mit Küh’n und Antilopen sprach?

Das Zwiegespräch, das ich entfalte,
ein stummes nur mit Versen ist.
Was immer man von Anton halte:
Ich wäre jedenfalls Trappist.

Nachtstück

NachtstückMal wieder eine dieser Nächte,
in denen man zum Dichter wird –
man fühlt geheimnisvolle Mächte,
und Pegasus steht angeschirrt.

Es ist so still, dass aus dem Schweigen
sich Stimmen lösen geisterhaft.
Da heißt es in den Sattel steigen,
dass lyrisch man sich Luft verschafft.

‘s ist Sonntag. Die Geschäfte ruhen,
bewacht von strengem Neonlicht.
Gefährte, flink auf Gummischuhen,
hört man seit elf Uhr dreißig nicht.

Die Decke übers Ohr gezogen,
der Wolken flauschigen Flanell,
hat um die Sterne uns betrogen
der Himmel – ach, ihn fröstelt schnell.

Um wie viel tiefer wird das Dunkel,
wenn uns kein Licht von oben brennt
und unser Blick, gewöhnt Gefunkel,
sich fängt im Wattefirmament!

Die dürren Äste: Scherenschnitte,
die nur als Standbild angelegt.
Der steife West zur Tagesmitte
woanders sich in Büsche schlägt.

Die Nacht verhofft wie eingefroren
und doch gespannt wie vor dem Knall.
Ich geb dem Musengaul die Sporen –
und bring ihn lieber in den Stall.

 

Rückspiegel

RückspiegelWie’s üblich ist zum Jahresende,
hab Inventur auch ich gemacht
und hab durch meines Hirnes Hände
das ganze Zeug zu Buch gebracht.

Mein Einduck: Völlig gleiche Lage
wie die zwölf Monate zuvor.
Gewinn, Verlust hält sich die Waage.
Es ist der Wandel, der verlor.

Da waren wieder Katastrophen,
naturgeborn von Zeit zu Zeit,
wenn aus des Globus ries’gem Ofen
es Feuer allverzehrend speit.

Vulkanausbrüche, heft’ge Beben
und Flut, die alles überspült –
der Erde wundes Innenleben,
das chronisch ihr im Pelze wühlt.

Da waren auch die Grausamkeiten,
die auf des Menschen Konto gehn:
Massaker, Mord in allen Breiten –
hier konnt die Welt sich einig sehn.

Und für die Umwelt gilt das Gleiche:
‘s ist weiter schlimm um sie bestellt.
Hier pflanzt man lärmend eine Eiche,
für die man da zwei stiekum fällt.

Auch hat der Frieden nicht gelitten
mehr als im letzten Rechnungsjahr:
Paar tausend, die sich totgestritten,
was im fatalen Rahmen war.

Obwohl doch hier und da Missionen
man militärisch losgeschickt,
das heißt in Krisenregionen,
die schön mit Waffen vorgespickt.

Doch dass man endlich mal verteile
das Brot gerechter als bisher,
zeigt’ wieder keiner große Eile –
drum nahm der Reiche sich noch mehr.

So bleibt denn alles schön beim Alten,
wie sehr auch mancher drüber klagt,
weil überall die Mächt’gen walten,
die nur die eigne Fresslust plagt.

Parole: Bloß am Ruder bleiben;
den Kurs bestimmen, der was bringt.
Erfolge auch ins Logbuch schreiben,
wenn die Erwartung längst schon sinkt.

Um gute Arbeit vorzutäuschen,
beschreit man noch den kleinsten Dreck.
Das Volk, mit sel’gen Schnarchgeräuschen,
es liegt im Tiefschlaf unter Deck.

So tuckert er denn fröhlich weiter,
der Seelnverkäufer von ‘nem Kahn,
kein Lotse auf der Jakobsleiter,
der Kapitän ein Liederjan.

Die Sache damit abgeschlossen.
Ergebnis: Wieder Status quo.
Auch ich reit’ noch den Musenzossen –
das allerdings, das macht mich froh.

 

Wetterlage

WetterlageWenn er doch nur mal dichter fiele,
anstatt so federleicht und fein!
So trägt man sich ja in die Diele
nicht mal ‘nen müden Abdruck rein!

Am Nachmittag hat’s angefangen;
auf einmal stob ein weißer Flaum
von Flocken auf die tauben Wangen,
sie sprenkelnd wie mit Seifenschaum.

Doch wie er flüchtig dir am Leibe
so wie gefallen, so zerfloss,
war auch das Pflaster keine Bleibe,
die lange er als Gast genoss.

Nur hier und da auf größren Flächen,
in die kein Rad, kein Fuß sich prägt,
gefiel’s ihm, nicht gleich aufzubrechen,
nachdem er sich dort hingelegt.

Ganz anders auf dem breiten Streifen,
der Straße starrem Lavafluss:
Da schmolz er untern heißen Reifen
von Pkw und Omnibus.

Kaum blieb er an den Bäumen hängen;
die Zweige, weithin ausgespreizt,
dass sie ein wenig Puder fängen,
sie blieben schwarz und braun gebeizt.

Das heißt am falschen Ende sparen:
‘ne Schütte Schnee fürs ganze Land!
Nicht einmal Schlitten kann man fahren.
Der Winter, ach, verläuft im Sand!