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Behördengang

BehördengangFür Leute, die Kontraste lieben,
schreib diese Zeilen ich bewusst,
die ungeboren wärn geblieben,
hätt ich nicht mal zum Amt gemusst.

O Wartesaal der Extraklasse –
gigantisch, trostlos und steril!
Wohin die ganze Menschenmasse?
Identität als Reiseziel!

Und so, wie man die Abfahrtzeiten
sieht angezeigt auf der Station,
sah ich auf Monitoren gleiten
die Wartenummern. Legion!

Dass erst nach zwei geschlagnen Stunden,
als endlich meine Glückszahl kam,
erbarmend sich des späten Kunden
der Staat mich in die Arme nahm.

(‘ne Dame von charmantem Wesen,
die freundlich ihre Pflicht versah,
beileibe kein Beamten-Besen,
den eher ich erwartet da!)

Doch halt! Nicht in die Ferne schweifen!
Hier geht es um die Wartezeit:
Denn plötzlich kam (schwer, nicht zu pfeifen!)
‘ne richtig Hübsche reingeschneit

Und setzte sich mir zum Entzücken
direkt aufs Stühlchen neben mir,
dass ich auch ohne groß zu rücken
ihr nah war wie ein Kavalier.

Schnell hab ein Schwätzchen ich begonnen,
ein kluges Wörtchen kühn gewagt,
und dieser Inbegriff der Wonnen
hat mir die Antwort nicht versagt.

Chat zweier Generationen –
und deren Kluft war gar nicht krass.
Das Kind verriet, in Hamm zu wohnen,
und brauchte einen Reisepass.

Ob denn der alte abgelaufen?
Gewiss. Was sie auf Trab gebracht –
sie könne sich die Haare raufen,
dass sie nicht eher dran gedacht

Sie wolle bald in Urlaub fliegen.
Nach Übersee? Ja, nach Peru.
O Gott, ich könnt die Motten kriegen,
dass ich mich immer so vertu!

Da ist mir spanisch vorgekommen,
was von der Anden hoher Flur!
Ach, hätt ich sie vom Typ genommen
und nicht von ihrer Zunge nur!

Als Engel ist sie mir erschienen
von schwarzem Haar und brauner Haut,
ich weiß nicht, welchem Herrn zu dienen –
ich habe blindlings ihr vertraut.

Nicht um die Jungfrau zu begrüßen
mit froher Kunde kam sie her,
nein, um die Zeit mir zu versüßen,
als ob auch ich gesegnet wär.

Ein Wiedersehn wird es nicht geben;
da ist ja noch ‘ne größre Kluft.
Doch wird sie in mir weiterleben –
als Bild, als Klang, als Nähe, Duft.

Flugwunder

FlugwunderFür einen Stern würd ich’s gern halten,
der stur nicht auf der Stelle klebt
und spottend der Naturgewalten
bedächtig über Dächer schwebt

Was nur ‘ne nüchterne Maschine,
die lautlos langsam niedersinkt
und mit bewährter Flugroutine
ihr Völkchen in den Hafen bringt!

Doch halt! Dem Stern will ich bestreiten,
dass er das größre Wunder ist.
Er war’s nur bis zu diesen Zeiten,
da fliegend man den Raum durchmisst

Anstatt dass man auf Schusters Rappen,
in Kutschen oder hoch zu Ross
gezwungen, durch die Welt zu tappen,
die einem so sich kaum erschloss.

Ein Gegenstand von solcher Schwere,
noch durch die Menschenlast vermehrt,
bewegt sich in der Lüfte Leere,
wie Helios seinen Wagen fährt!

Das will mir wie ein Wunder scheinen
wie Jungfraun, die vom Geist gebärn,
auch wenn die Besserwisser meinen,
es ließ mit Auftrieb sich erklärn.

Da ist dem Menschen was gelungen,
wozu sonst Götter nur imstand,
in Sphären ist er vorgedrungen,
die einst man unerreichbar fand

Und keinen Boden ihm mehr bieten,
an den sein Fuß sich klammern kann,
liest ihm der Himmel die Leviten
mit Turbulenzen dann und wann.

Gleichwohl, des Wunders prakt’sche Seite:
Man wirft die ird’schen Krücken fort
und, dass der Horizont sich weite,
besteigt man des Vehikels Bord

Durcheilend Länder, Kontinente
mit Siebenmeilenstiefel-Schwung,
weit rascher als der Storch, die Ente
auf ihrer großen Wanderung.

Und ist auch sonst ihm überlegen,
dem Stern, der da so glänzend thront:
Kein Leben kann sich auf ihm regen –
das Luftschiff aber ist bewohnt.

(Ja, dort im Schummer der Kabine,
ein dumpfes Brausen wohl im Ohr,
bereitet mit gespannter Miene
man auf die Landung sich jetzt vor.)

Ich sah, wie es vorbeigeflogen
und wie sein Herz im Takt geblinkt.
Längst hat die Nacht es aufgesogen.
Fast hätte ich ihm zugewinkt.

Im gewohnten Trott

Im gewohnten TrottIm neuen Jahr am vierten Tage.
Zum vierten Male Abend auch.
Und wieder ich am Griffel nage
und würg mir Verse aus dem Bauch.

Und immer noch die gleiche Szene
mit Waschmaschine, Kühlschrank, Herd.
Der Wasserhahn als Hippokrene,
der Küchenstuhl als Musenpferd.

So schwer gerüstet mit Geräten,
die ohne Charme und Poesie,
bin auf dem Ritt ich, auf dem späten,
ins Wunderland der Fantasie.

(Wenn in dem nüchternen Ambiente
ich leidlich meine Kunst schon nähr,
wozu im Luxusappart’mente
die Denkerstirn wohl fähig wär!)

Indes, was soll ich mich beklagen?
Seh ich nicht stets zum Fenster raus
und seh mit bleibendem Behagen
mir vis-à-vis das Nachbarhaus

Mit seiner nächtlichen Fassade,
die wie mit Würfeln Lichts gespickt,
wo ein verwandter Stadtnomade
noch fernsieht oder Socken flickt?

Und seh ich nicht den dunklen Bogen,
in dem der Himmel sich erstreckt,
mal schimmernd grau von Wolkenwogen,
mal glänzend von Gestirn bedeckt?

Und wenn ich grad im tiefsten Sinnen
am wenigsten darauf gefasst,
den Mond nicht plötzlich übern Zinnen,
wie hoch er gleitet ohne Hast?

Die Enge meiner dürft’gen Klause,
macht sie die Aussicht denn nicht wett?
Muss, wenn ich körperlich so hause,
mein Geist auch ins Prokrustes-Bett?

Er weiß die Perlen schon zu finden,
mit denen man die Lyra schmückt,
und kennt die Kunst, den Kranz zu binden,
der Lorbeern auf die Schläfen drückt!

Und will auch gar nicht müde werden,
er hat ja mächtig Spaß dabei
und fühlt sich unter Küchenherden
wie auf dem Helikon so frei.

Wie dass ich diesem Jahr versage,
was mir von jeher wichtig doch?
Freu mich auf jeden seiner Tage –
361 noch!

Moralapostel

MoralapostelWenn unsre Welt ich, die illustre,
mir etwas näher mal beschau
und kritisch die Instanzen mustre,
die stützen den Gesellschaftsbau

Dann stoß ich immer noch auf eine,
die felsenfest als Säule steht,
obwohl so abgenutzt wie keine
und seit Millennien obsolet!

Ecrasez l’infâme! (Voltaire, 1694-1778)

Und sich in alle Lebenslagen
noch immer mit dem Anspruch mischt,
die Fackel der Moral zu tragen,
die ohne ihren Arm erlischt.

Nur von Gott her kommt die wirkliche Revolution,
die grundlegende Änderung der Welt.
(Papst Benedikt XVI., geb. 1927)

Und dabei ist ihr nicht nach Spaßen!
Ich frage mich, was größer ist:
Die Frechheit, dies sich anzumaßen?
Die Dummheit dessen, der es frisst?

Umgekehrt provoziert automat. Einwände gegen sein Handeln,
wer gegen die Prinzipien verstößt, die er selbst als
moral. Behauptet und (womögl. bewußt fälschl.)
für sein Tun beansprucht. Wir sprechen dann von Doppelmoral.
(Wörterbuch des Christentums, München 1995)

Ein flücht’ger Blick in ihre Akten,
in denen sich ihr Wesen zeigt,
verrät genug schon von den Fakten,
die sie bis heute gern verschweigt.

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. (Matth. 7, 16)

Wohlweislich! Da ihr Tun und Treiben
zu keiner Zeit ein Ruhmesblatt!
Ihr Hauptzweck: alles zu entleiben,
was eine eigne Meinung hat.

Denn ein Feuer ist angegangen von meinem Zorn
und wird brennen bis in die unterste Hölle. (5. Mos. 32,22)

Nur was sie selbst für wahr befunden,
hat sie als Gottes Wort gelehrt
und hat es jedem aufgebunden,
und sei’s mit Feuer, Strick und Schwert.

Extra ecclesiam nulla salus.
(Cyprianus, um 200/210-258, und Augustinus, 354-430))

Sie schuf ‘nen Wust von Glaubenssätzen,
der, wenn verworrn auch und absurd,
für ihre steten Ketzerhetzen
zur mörderischen Richtschnur wurd.

Credo, quia absurdum. (Tertullian, um 145-220)

Und das in eines Meisters Namen,
der ohne Bosheit, Falsch und List
anstatt in Dogmen rumzukramen,
beherzt getan, was menschlich ist!

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…
(Joh. 8,7)

(Wohl niemals sonst in der Geschichte
wurd so verfälscht, was wer gelehrt,
ein edler Geist so sehr zunichte
und grad ins Gegenteil verkehrt!)

Was hat Christus die Welt gelehrt?: Schießt einander tot;
hütet den Reichen die Geldsäcke; unterdrückt die Armen,
nehmt ihnen das Leben in meinem Namen, wenn sie zu mächtig werden…
(Emil Belzner, 1901-1979)

Und diese ausgebuffte Bande,
die sich durch Christi Lehre log,
sie kommt auch heut noch gut zurande,
verbiegend, was sie stets verbog!

Wenn der Römische Papst in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, das heißt: wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten, so besitzt er aufgrund des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben wollte. Diese endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind daher aus sich und nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich. Wenn sich jemand — was Gott verhüte — herausnehmen sollte, dieser unserer endgültigen Entscheidung zu widersprechen, so sei er ausgeschlossen.“ (1. Vatikanisches Konzil, 1870)

Ein Augenaufschlag: und gesungen
mit Inbrunst, die wie Demut klingt.
Und tausend Herzen sind bezwungen
von Schäfchen mit ‘nem Schafsinstinkt.

Wo Musik ist, da kann nichts Böses sein. (Cervantes, Don Quijote, 1605/1615)

(Der Todgeweihten Schrei’n und Stöhnen,
das die Jahrhunderte durchzieht,
es ließ sich auch wohl übertönen
mit so ‘nem Halleluja-Lied.)

Ein würdevolles Kesselschwenken,
dass Weihrauch rings die Luft erfüllt,
um in die Seelen sich zu senken,
die wohlig er in Nebel hüllt.

Beschwörung, feierlich gesprochen,
und Hokuspokus drumherum,
und schon ist auf den Leim gekrochen
das hochverehrte Publikum.

Die Brüder sind nicht totzukriegen,
so wenig wie der Gläub’gen Wahn:
Schamanen, die auch heut noch fliegen
zur Audienz bei Ma’at und Pan!

Ich harrte des Herrn, und er neigte sich zu mir
und hörte mein Schreien. (Psalm 40,2)

Sie holn sich aus den Himmelssphären
(wofür man weidlich sie belohnt)
den Gotteswilln, d. h. den Bären,
den aufzubinden sie gewohnt.

Und unsre Zeiten, die doch schüren
des Geistes Feuer ungestüm,
lassen am Nasenring sich führen
von Clowns im Kardinalskostüm.

Als Schabernack ließ ich’s noch gelten,
als harmlos-kind’schen Mummenschanz –
doch nicht als Einbruch höh’rer Welten
zur Stärkung der Moralinstanz!

Was Kant schon glaubte zu zermalmen
mit unbestechlichem Verstand,
es wedelt immer noch mit Palmen
und Bußregistern, gottgesandt.

Man fühlt sich wie im Mittelalter,
sieht man die Herrn im Kirchenkleid,
Gebete leiernd aus dem Psalter –
Phantome der Vergangenheit.

Doch weiter gilt’s zurückzugehen
als nur ‘ne Handvoll Säkula,
wolln diesen Mumpitz wir verstehen
von Brot und Wein etcetera.

Im Altertum sind wir gefangen,
solang nicht nach der Götterwelt
auch die, die draus hervorgegangen,
der Pfaffen Schöpfung endlich fällt!

Sapere aude! (Horaz, 65-27 v. Chr.)

Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
(Kant, Was ist Aufklärung? 1784)

Trüber Tag

Trüber TagEs ist erst gar nicht hell geworden.
Im Dämmerlicht der Tag verrann.
Mit tausendfältigen Akkorden
gab Grau in Grau den Ton heut an.

Und hin und wieder Nieselregen,
der kraftlos auf die Erde sank,
zu schwach, um wo sich einzuprägen
mit Wasserflecken, schwarz und blank.

Der Bäume traurige Gerippe,
sie standen seltsam still und stumm.
Der sonst riskiert ‘ne große Lippe,
der Wind trieb sich woanders rum.

Wer weiß, wo er die Backen blähte
und Frösteln in die Fluren blies,
für diese Jahreszeit, die späte,
er nichts als Wärme hinterließ.

Man konnt mit offnem Kragen gehen.
Man hat die Heizung abgestellt.
Man glaubte nicht mehr an die Krähen
auf neblig hart gefrornem Feld.

Ein Thermometer kann nicht lügen.
Die Säule ragte, dorisch schlicht,
unwiderruflich zu verfügen,
was doch dem Frühling nur entspricht.

Ach, Blumen werden uns nicht sprießen,
denn die Natur kennt ihre Zeit.
Es werden Monate verfließen,
bis ihrer Brut sie sich befreit.

Doch auch die an den Fensterscheiben
im eis’gen Hauch des Frosts gedeihn,
wir müssen in den Wind sie schreiben –
es friert nun mal nicht Stein und Bein!

Will den Kalender mal befragen,
der kennt sich ja gut aus im Jahr.
Das Datum also aufgeschlagen:
Vom Winter spricht es klipp und klar!

Hier Wettergott, hier Jahreszeiten:
Der Widerstreit ist oft enorm.
Was bräucht’s, ein End ihm zu bereiten?
Ich fürchte, ‘ne Naturreform!

 

Rund ums Fest

Rund ums FestMein Weihnachtsfest, wie soll ich sagen,
ist ohne Glanz und Gloria.
Mir reicht’s, die Zelte aufzuschlagen
wie stets der Krippe möglichst nah.

Werd also in der Küche hocken,
dass meine Fantasie sie nähr,
wenn in Sandalen (ohne Socken!)
ich Verse aus dem Bauch gebär.

Es bringt, um diese zu verehren,
kein König mir ‘ne Kostbarkeit,
doch werd vom Saft ich gerne zehren,
den willig mir die Rebe leiht.

Und da ich auf poet’schem Felde
der einz’ge Hirt wohl weit und breit,
erwarte ich auch nicht in Bälde
Besucher hier von dieser Seit.

Nicht einmal Freunde und Verwandte.
Nicht einmal Esel oder Ochs.
Doch bleib ich gerne der Verbannte,
der Eremit des dritten Stocks.

(‘nen Engel würd ich gern begrüßen,
der sich in meinen Stall verirrt
und gleichsam wie auf Freiersfüßen
beschwingt mir um die Ohren schwirrt.)

Ein Kerzlein ist ja stets zur Stelle,
beflackert heimelig den Raum
und dient mir mit bescheidner Helle
als ausgemachter Weihnachtsbaum.

Und blicke ich aus meinem Koben
zum klaren Winterhimmel auf,
seh ich im Lichtgestöber droben
den Stern von Bethlehem zuhauf.

Auf diese anspruchslose Weise
auch diesmal ich das Fest begeh:
so wie ich jeden Abend leise,
doch fest im Sold der Musen steh.

Und mit dem heiligsten Bestreben,
wie man es sich nur denken mag,
der Liebe will und Wahrheit leben.
Denn Weihnacht ist mir jeden Tag.

 

Dezemberabend

DezemberabendDezemberabend. Ringsum Schweigen.
Vom Dunkel jeder Laut erstickt.
Die Stadt, erschöpft vom Zähnezeigen,
ist endlich wieder eingenickt.

Kein Reifen reißt sie aus dem Schlummer,
kein Streithahn kräht sie zeternd wach.
Der Wind selbst, tags ‘ne große Nummer,
er atmet kläglich jetzt und flach.

Kein Stern schwimmt in den Wolkenwogen
als traulich-trüber Feuerschein,
die auch das Mondlicht aufgesogen
wie Mark aus bleichendem Gebein.

Kein Vogel flattert seine Runde,
kein Köter, der noch blafft und bellt.
Die Stille red’t der Nacht zum Munde.
Das Schweige-Barometer fällt.

Man spürt in diesem Winterfrieden
schon jenes Festes Gegenwart,
wenn sich die halbe Welt hienieden
um ein geschmücktes Bäumchen schart.

Nur noch die Federn müssten fliegen,
die schüttelnd uns Frau Holle schickt
und die in heil’gem Weiß dann liegen,
so weit geblendet ‘s Auge blickt.

Denn diese sind’s, die uns beschwören
der schönen Ruh Vollkommenheit:
den stummen Sang von Engelschören,
kristallnen Tons herabgeschneit.

Man muss sich überraschen lassen.
Man kriegt nicht alles, was man will.
Sind sie auch grau, die Straßen, Gassen,
sind sie doch wunderbar auch still.

Kürze des Lebens

Kürze des Lebens„Ich werd’s im Leben nicht vergessen“ –
ein Spruch, den man sehr häufig hört
und der, an dessen Frist gemessen,
was Kurzes eher doch bschwört.

In allem Treiben, allem Reden
klingt unbewusst Gewissheit mit,
dass abgesehn von Unfallschäden
für die Unsterblichkeit man fit.

Das lügt der Mensch sich in die Tasche,
weil’s schmeichelt seinem eitlen Geist
und nach der Kirche alter Masche
nicht Wahrheit, aber Trost verheißt.

Wie sollte man es besser sagen?
„…hat mich erschüttert und erschreckt
und werd so lange Trauer tragen,
bis selbst mich einst die Erde deckt“?

Das wäre ehrlicher gesprochen,
weil’s an der Tatsache nicht dreht,
dass nur aus Fleisch und Haut und Knochen,
nicht zu recyceln, man besteht.

Wie Würmer wir im Staube wohnen,
die Partner uns im Totentanz –
und schmücken uns mit goldnen Kronen
zum lächerlichsten Mummenschanz.

Am poppigsten gehn die Prälaten,
voran der Papst als Friedensfürst,
Moral gebietend allen Staaten –
im Samt gestopfte arme Würst.

Danach die Herrn Hochwohlgeboren
und Damenschaft von blauem Blut,
die sich in unsre Zeit verloren
samt Hochzeitspomp und Rittergut.

Und schließlich noch die Reichsgebieter
aus Politik und Kapital,
die in Karossen fahrn, 3.Liter,
und Fummel tragen erster Wahl.

Und mit welch Wichtigtuer-Mienen
stolziern die andern durch die Welt –
als ob sie völlig sicher schienen,
dass sie mit ihnen steht und fällt!

Das kleinste Licht im Unternehmen,
die größte Null im ganzen Land,
statt ihres Status sich zu schämen,
gerieren sich als Geistgigant.

So paradiert in Wichs und Würde
der Mensch durch seine Lebensspur,
dem Schafe gleich in seiner Hürde,
nichts ahnend von der großen Schur.

Wenn mehr wir auf das Ende sähen,
sähn wir nicht auch, wie hirnverbrannt
nach Reichtum, Macht und Ruhm wir spähen,
die uns zerrinnen doch wie Sand?

Gewiss: Dem Augenblicke leben –
doch voller Demut vor der Frist.
Wie viel kann uns ein Blümchen geben
an Schönheit, die unsterblich ist!

Noch ‘n Leser

Noch 'n LeserMoin, moin. Ich freu mich zu begrüßen
Sie als ‘ne neue Leserin.
Zwar leider nicht mit einem Süßen,
so doch von Herzen immerhin.

Hat Ihnen jemand mich empfohlen?
Hat mich der Zufall ausgewählt?
Ach, letztlich bleibt es mir gestohlen –
Sie sind ja da, allein das zählt.

Und dass Sie auch in etwa wissen,
was Ihnen alles mit mir blüht,
sei meine Kunst hier kurz umrissen
als Blick gleichsam in mein Gemüt.

Seit Jahren hock ich in der Küche
so wie ein Hund am Grab des Herrn
und klopfe treulich meine Sprüche,
beäugt von Mond und Abendstern.

Und die mir aus der Feder fließen,
sie folgen keinem festen Plan.
Ich lass die Zügel einfach schießen,
der Fantasie geb freie Bahn.

Dabei spielt sicherlich ‘ne Rolle,
dass hier die Szene immer gleich
und ich wie’n Bauer auf der Scholle
stets um denselben Acker schleich.

Um mich herum der Schweinekoben,
der mich mit Speis und Trank versieht,
und vor der Tür der Himmel droben,
der luftig auf den Dächern kniet.

Das Universum der Gedanken
um diese beiden Dinge kreist,
mit aller Freiheit, allen Schranken
des Wurms, der in den Schwanz sich beißt.

Doch innerhalb der kleinen Spanne,
die sich in diesem Bild verrät,
verzapf ich Verse volle Kanne
in möglichst großer Varietät.

Und zwar mit eher kurzen Zeilen,
was mich vor Schwafelei bewahrt,
das heißt davor, mich aufzugeilen
an Adjektiven aller Art.

Dabei will ich vom Reim nicht lassen –
für mich der Lyrik Inbegriff,
so wie die Kanten, die ihn fassen,
des Diamanten letzter Schliff.

Und wenn ich’s auch nicht übertreibe,
geb oft ich meinen Unmut kund,
denn dieses Blatt, das ich beschreibe,
ich nehm’s weiß Gott nicht vor den Mund.

So weit ein paar von den Maximen,
die grad mir durch den Schädel schwirrn.
Sie mögen nur als Anhalt dienen,
ich will Sie schließlich nicht verwirrn.

Vor allem möcht ich auch vermeiden
ein Übermaß an Theorie.
Sie solln ja das Ergebnis leiden
und nicht das ganze Was und Wie.

Sie sehn, wie sehr mir dran gelegen,
dass ich Sie fester an mich bind.
Man muss ja seine Leser pflegen,
grad wenn es nur ein Dutzend sind.

Ich finde also Ihr Interesse?
Besuchen Sie mich im Büro!
Nein, besser bei der Hausadresse –
St. Georg. Steindamm sowieso.

 

Trautes Heim

Trautes HeimWie für die finsteren Fassaden
als Außenlicht zur Nacht bestimmt,
aus himmelweiten Nebelschwaden
ein müder Mond herüberglimmt.

Doch zöge jetzt auf wilder Heide
noch heimatlos ein Wandersmann,
wär bald ihm dieses Licht zu Leide,
das niemals er erreichen kann.

Zum Glück hock ich in meiner Kammer,
wo heiß ein Kerzchen sich verzehrt,
in die ich schon, o Freud und Jammer,
vor dreißig Jahren eingekehrt!

Mir gegenüber diese Mauern
hab düster ich und hell erlebt,
doch ständig auf der Stelle kauern,
korallenhaft da festgeklebt.

Und Weine führe ich zur Kehle
seit je von erd’ger Trockenheit,
die mir der Spindel treue Seele
vom Korken-Zerberus befreit.

Die Heizung summt genauso lange
beharrlich schon ihr Wiegenlied
da über dieser Kupferschlange,
die schimmernd ihr zu Füßen kniet.

Und alle Möbel, Apparate,
die hilfreich um mich her gestellt,
sie stehn seit jenem Tag mir Pate,
da einzog ich in diese Welt.

Ein Ort, an dem man angekommen.
Zu dem kein Licht mehr führen muss.
Nichts liegt im Dunkeln, schwarz, verschwommen.
Zuhause bis zum Überdruss.

Ja, und ich wage gar zu denken,
dass übers hohe Firmament
allabendlich die Sterne schwenken
ihr Feuer, wie man’s ewig kennt.

Wie Kühe friedlich auf der Weide,
von Fliegenwölkchen nur umschwirrt.
O wie den Wandrer ich beneide,
des Herz jetzt pochend heimwärts irrt!