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Weiter auf Wache

Weiter auf WacheUm Himmels willn nicht müde werden,
nicht jetzt schon, kaum ist zwölf vorbei!
Soll ich die lump’ge Zeit auf Erden
auch noch verschlafen? Narretei!

Seht die Minuten, wie sie rasen,
und wie der Tag die Kurve kratzt!
Wie’n Luftballon, der aufgeblasen
im nächsten Augenblick zerplatzt.

Da soll man sich den Luxus leisten,
auch noch verschwendrisch umzugehn
mit Stunden, die sich doch erdreisten
zu türmen hastenichgesehn?

Die Augen möglichst offenhalten
und alle Sinne in Alarm!
Aktivitäten stets entfalten
wie’n blütengeiler Bienenschwarm!

Was gibt’s nicht alles auch zu gucken –
schafft sich die Welt nicht täglich neu?
Ein Rindvieh, wer mit Achselzucken
meint, dass sie alles wiederkäu!

Und wie in wunderbaren Tönen
voll Leidenschaft sie zu uns spricht –
mit Winden, die in Schluchten stöhnen,
mit Brandung, die am Fels sich bricht!

Begleitet von Millionen Düften,
die schmeichlerisch sie stets umwehn,
die Räume lieblich zu durchlüften,
dass freudig wir die Nüstern blähn.

Und wenn wir hungrig unsre Kehlen
mit Speisen aller Art traktiern,
lässt vierfach Würze sie uns wählen,
dass den Geschmack wir nicht verliern.

Ja, gab sie uns denn nicht auch Hände,
den andern Sinnen beizustehn,
wenn mit der Finger spitzem Ende
sie tastend auf Erkundung gehn?

Und was ist mit dem Sang der Musen –
macht nicht auch er die Welt uns wert,
dass der Poet an Chronos’ Busen
vom Tag wie von der Nacht sich nährt?

Wär nicht der Schlaf, verruchte Ruhe!,
mit seinem unstillbaren Drang,
wär alles, was ich träum und tue,
mein ganzes Leben doppelt lang!

Geistesnahrung erwünscht

SeraphDie Nacht ist weiter vorgedrungen.
Nach zwölf zeigt an der Wand die Uhr.
Seit neun hab Verse ich gesungen –
‘ne Handvoll Zeiln als Lebensspur.

Voraus die übliche Kulisse:
Gebäude, spärlich noch erhellt.
So sieht man nicht die ersten Risse,
die manche Mauer schon entstellt.

Natürlich gibt’s auch einen Himmel,
den braucht man ja als guter Christ.
Zieht irgendwann nicht an der Bimmel
man da, wo Petrus Pförtner ist?

Indessen hätte heut man Mühe,
zu sehn das Paradiesestor,
denn eine weiße Wolkenbrühe
steht einem Seraph gleich davor.

Nichts aber kann den Blick mir trüben,
wenn meine Klause er durchschweift:
die Küche, eine Kunst zu üben,
mit der man zu den Sternen greift.

(Hier ist von Kochen nicht die Rede,
wenn’s vordergründig auch so klingt:
Ich schaff’s als guter Logopäde,
dass selbst der Wasserkessel singt.)

Den Dichteraugen offenbaren
seit ewig sich hier unverhüllt
die Schränke und die Essenswaren,
mit denen er den Bauch sich füllt.

Und die den Unterbau ihm bieten
(hier hat der Trierer nicht geirrt)
für dies Gewusel von Termiten,
das als Ideen im Kopf ihm schwirrt.

Nein, dies bekannte „Plenus venter“,
das hungrig uns studieren heißt,
gilt nicht in meinem Musencenter,
wo grad die Nahrung nährt den Geist.

Ob sie bekömmlich auch dem Zwecke,
dass schwanengleich ertönt mein Sang,
dies, Leser, für dich selbst entdecke –
lies, wie ich schreibe: nächtelang!

Vom Vogelsang

Vom VogelsangDer Morgen stumm. Kein Tirilieren
versüßt das Ende dir der Nacht.
Noch weilt in seinen Notquartieren,
was sonst hier die Musik gemacht.

Denn die gefiederten Touristen,
die’s ewig schon nach Süden zieht,
sie zögern noch, sich einzunisten
erneut in ihrem Brutgebiet.

So müssen wir uns denn begnügen
(den Freund des Vogelsanges graut’s)
mit denen, die sich diesen Zügen
verweigern: Eule oder Kauz.

Dern dumpfes Hu durchhallt die Wälder
gespenstisch in der Dunkelheit,
melodisch wie ein Feuermelder,
der manisch seine Warnung schreit.

Dafür in kürzeren Kadenzen
die Krähe unsre Stille trübt –
gewiss tat sie die Schule schwänzen,
als den Belcanto man geübt.

Man sieht sie stromern auf den Äckern
und in den Städten hier und da.
Oft hat die Gute was zu meckern,
dann zwitschert sie im Bass: krakra.

Mann, einen hätt ich fast vergessen,
der auch die weite Reise scheut –
ein Hänfling, an Statur gemessen,
der unser Ohr doch hoch erfreut!

In Schnee und Eis lässt ja erklingen
der Zaunkönig sein süßes Lied,
so warm, um bald zum Blühn zu bringen,
was jetzt den frost’gen Tag noch flieht.

Wie einsam singt er und verlassen –
doch mit Gewissheit nicht mehr lang:
Die Amsel wird ein Herz sich fassen,
zurückzuschlagen mit Gesang!

Eingeschränkte Haltbarkeit

Eingeschränkte HaltbarkeitDas wird nicht lange liegenbleiben,
zu fadenscheinig ist die Schicht.
Die Wärme wird sie rasch vertreiben,
bis Abend, glaub ich, hält das nicht.

Hübsch macht es sich ja, zugegeben,
dies himmlisch-makellose Weiß –
‘s ist schade um sein kurzes Leben,
wie oft es, ach, der Schönheit Preis!

Allmählich auf den größren Flächen,
wo’s Plätze oder Wiesen deckt,
wird Zephir jene Blume brechen,
die ihm kristalln im Herzen steckt.

Und wo es gleichfalls unverhohlen
direkt auf einem Gehweg weilt,
zertreten es die blinden Sohlen
des Bürgers, der vorübereilt.

Indes auch in der Ziegel Senken
der höchsten Dächer eingeschmiegt,
wird keine Macht ihm Dauer schenken,
selbst wenn es langsam nur versiegt.

Noch wen’ger wird’s Besitz ergreifen
vom vielbefahrenen Asphalt –
da schmelzen es die heißen Reifen
und machen, mit Verlaub, es kalt.

Eins muss man allerdings ihm lassen,
ist’s dünn auch wie ein Negligé:
Zum ersten Mal liegt auf den Gassen,
liegt heuer hier ein Hauch von Schnee!

Ausgedichtet

AusgedichtetDa steht die Buddel, leergetrunken,
und die Gedanken lallen schon.
Die Sterne funkeln. Oder unken?
Verspotten sie den Erdensohn?

Wie sind die Häuser da verschwommen
in ihrer bleichen Finsternis!
Bin ich schon auf den Hund gekommen?
Ich glaub, mir fehlt es noch an Biss.

Was hab im Ohr ich für so Geräusche,
das braust und brummt nur immerzu!
Die Autos, wenn ich mich nicht täusche.
Man wohnt ja nicht im „Waldesruh“!

Zur Abwechslung mal ‘ne Sirene,
die sticht noch aus dem Lärm hervor.
Wohl Nachschub für die Ärzteszene –
dem Blaulicht einen Korridor!

Womöglich auch ein Peterwagen,
der grade auf ‘ner heißen Spur.
Null Schonzeit fürs Verbrecherjagen –
Gesetze kennen keine Uhr.

Doch jetzt herrscht erst mal wieder Stille.
Vielleicht nur, weil ich nichts vernehm,
weil mein Gehör, o bittre Pille,
so manchen Laut verschluckt extrem?

Noch immer steht mir da vor Augen
die Buddel ohne Sinn und Zweck,
will nur noch fürn Container taugen –
gleich morgen bringe ich sie weg.

Da steht sie, doch mit welcher Leere
starrt glas’gen Blickes sie mich an;
und wie ich mich danach verzehre,
dass ich ihm Glanz verleihen kann!

Ob wirklich ich ‘ne neue Quelle
des Rebensaftes mir erschließ
und noch mal eben auf die Schnelle
mir ‘n Tröpfchen in die Gurgel gieß?

Mal sehn…Doch werd ich nicht verraten,
was meinem Leumund schädlich wär!
So viel nur: ‘s dürstet mich nach Taten.
Nach Dichten allerdings nicht mehr.

Mangelware Schnee

Mangelware SchneeWo bleibt denn bloß der Schnee, ihr Lieben?
Wir haben schließlich Januar –
da müsste man in Massen schieben
das weiße Zeug vom Trottoir!

Nicht eine Flocke ließ sich blicken,
seitdem der Winter eingekehrt,
das Pflaster mit Kristalln zu spicken,
darauf die Sohle Schlitten fährt.

Meist tief und dicht von Dunst verhangen,
schien oft der Himmel gleich zu schnein.
Dann hat’s zu regnen angefangen
aus Wolken, die nur Wasser spein.

Und wieder fiel nicht der ersehnte,
die Welt verklärnde Niederschlag,
nein, weiter jene nackt sich dehnte
mit ihrem schmutzigen Belag.

Und dass die Winde stürmisch blasen,
passt auch in dies gestörte Bild
von der Natur verschobnen Phasen,
bei denen keine Regel gilt.

Sie jagen keine Kälteschauer
uns übers zitternde Gebein,
ach, linder wehen sie und lauer
als in des Frühlings Sonnenschein.

Den wir als harten Burschen schätzen,
der sich bei Frost am wohlsten fühlt,
und selbst wenn eis’ge Stürme fetzen
gelassen bleibt und unterkühlt

Ist er verweichlicht gar am Ende,
gebrochen seine frühre Kraft,
der stolze Fürst der Sonnenwende
zu einem Winterchen erschlafft?

Ach was! Er meidet nur die Breiten,
die als gemäßigt ihm bekannt,
entfaltet seine Fähigkeiten
im Norden und im Bergesland.

Doch kommt der Berg nicht zum Propheten,
muss dieser halt zum Berge gehn:
Am liebsten wär im schneeumwehten,
ein Urlaub mir im Pleistozän!

Ein Hoch dem Herbst!

Ein Hoch dem Herbst!Schon ist es wieder Herbst geworden,
und traurig stimmt sein trübes Grau.
Die Luft, sie reizt und riecht nach Norden,
da Winde wehen frisch und rau.

Längst haben sie schon kahlgeblasen,
was selig einst geschwelgt in Grün,
und den Hautgout noch in den Nasen
von tausend Blättern, die verblühn.

Verwesung wabert in den Wäldern,
als feuchter, unsichtbarer Rauch,
und Krähen huschen auf den Feldern
gespenstergleich im Nebelhauch.

Viel heller nun die Sterne funkeln
und weitaus mächtiger an Zahl,
da Schleier sie nicht mehr verdunkeln
von Dunst, der sich zum Himmel stahl.

Als läg das Jahr schon auf der Bahre
unheilbar krank, dem Tod geweiht,
verfaulte, abgelaufne Ware,
die auf den Kehricht kommt der Zeit!

Und doch will ich Partei ergreifen
für dieser Tage finstren Flor –
wie Phönix aus der Asche reifen
ja Früchte auch daraus hervor!

Nicht nur dem Wild zur Freude Eicheln
und Rosskastanien ebenso –
nein, auch die unserm Gaumen schmeicheln,
sei’n sie vergoren oder roh.

Ist’s nicht die hohe Zeit der Trauben,
die aus dem Rebenfeld man liest,
des süßen Safts sie zu berauben,
der schäumend aus der Kelter fließt?

So birgt des Herbstes dunkles Wesen
doch manchen angenehmen Zug.
Auch mir gefällt es jetzt zu lesen –
hab ich denn Früchte nicht genug?

Weitgehend friedlich

Weitgehend friedlichMan könnt ‘ne Feder fallen hören,
so dünn hat sich der Lärm gemacht.
Zwei, die (un)heimlich sich verschwören:
der Feierabend und die Nacht.

Verzeiht, ich muss mich wiederholen:
Natürlich ist das Bild nicht neu,
doch stiehlt sich’s stets auf leisen Sohlen
zum Vers wie Liebende ins Heu.

Vielleicht weil ich im Centrum hause,
wo sich der Krach bei Tage ballt
und fortepiano ohne Pause
tinnitisch in den Ohren hallt

Dass ich es förmlich kann erlauschen,
wenn es mit einem Male fehlt,
dies hintergründig städt’sche Rauschen,
das nichts vom Kosmos uns erzählt

Und Stille gleichsam als Kompresse
auf der lädierten Seele liegt,
die nach der Flut urbaner Bässe
sich nun in Engelschören wiegt.

O dieser Frieden, der jetzt waltet,
schon immer Flügel mir verlieh,
da ungehindert sich entfaltet
die lärmgelöste Fantasie!

Wann immer ich euch Zeilen biete
von ausgesuchtem Reim und Klang,
war Stille schon die halbe Miete
für einen leidlichen Gesang.

Nie wäre ich, um Reime ringend,
gekommen je bis Strophe acht,
hätt Thor, den Donnerhammer schwingend,
ein Ständchen mir dazu gebracht.

Kurzum … da keucht doch ‘ne Sirene
in diesem Augenblick heran,
die ganze Säcke voll Migräne
dir in die Schläfen kippen kann!

Muss die sensible Dichterseele
nicht plötzlich sich betrogen sehn,
ich, der ich fest auf Ruhe zähle?
Jetzt bin ich mucksch. Bei Strophe zehn.

Mancher Feierabend

Mancher FeierabendIm Frieden ihrer Kuschelkaten,
den Bauch mit Stullen vollgestopft,
verharrn die städtischen Primaten
vorm Bildschirm, wo es nur so tropft.

Herr Kommissar! – Ja, bitte?
Ein Anruf vom Revier.
„Blabla. Nichts für die Sitte?
Dann überlasst es mir.“

Tief in den Sessel eingesunken,
die Hand nicht weit vom Salzgebäck,
erholt mit Mördern und Halunken
Herr Meier sich vom Alltagsschreck.

Wo hat man ihn gefunden?
– Direkt vorm „Sailor’s Inn.
Verblutet. Mehr’re Wunden.
– O. k. Wir fahren hin.

Mit unverhohlenem Int’resse
verfolgt er jede Missetat.
„Dem Schwein gehört eins in die Fresse!“ –
so ständig sein sensibler Rat.

„Der Wirt von diesem Laden?“
– „Bin ich, Herr Kommissar.“
„Sie würden sich nur schaden;
erzähln Sie, wie es war!“

Natürlich ist sich gut entrüsten,
sitzt selber man so weit vom Schuss.
Zu seinen eigenen Gelüsten
Herr Meier ja nicht stehen muss.

„Könn’n nichts zum Täter sagen?
War vorher niemals hier?
Dann keine weitren Fragen.
Erst mal ein schönes Bier.“

In höchster Spannung folgt der Bürger
dem klug gefingerten Geschehn.
Der 13-zöll’ge Schlitzer, Würger
soll seiner Strafe nicht entgehn!

Das Gläschen ausgetrunken,
blickt durch der Kommissar.
„Solln die Kollegen unken,
der Fall ist mir nun klar.“

Zufrieden unser Fahnder
das Tatlokal verlässt
und setzt als Unrechtsahnder
den Bösewicht gleich fest.

Die Sendung hat damit ein Ende
und die Gerechtigkeit gesiegt.
Herrn Meier seht, sein Blick spricht Bände:
Wie rasch so’n Abend doch verfliegt!

So muss er sich denn schlafen legen
und auf den nächsten Tag vertraun,
um nach des Alltags Nackenschlägen
die heile Welt des Mords zu schaun.

Na denn, gute Nacht,
von Bengeln bewacht!

Höhenflug

HöhenflugZur Stunde, da die Straßen schweigen
und Licht sich in den Mauern rührt,
hock ich mich hin, um zu besteigen
den Pfad, der zu den Musen führt.

Wie rau er ist und stark gewunden,
wie er so steil zum Gipfel klimmt!
Und muss ihn ganz allein erkunden,
da keiner an die Hand mich nimmt.

Ein Kerzlein nur mit trübem Scheine
durchzittert mir die Dunkelheit,
und nirgends seh ich Meilensteine,
die stumm mir sagten, noch wie weit.

Da kommt mir wenigstens entgegen
der Trank, den ich als Zehrung hab,
dass ich auf solchen wüsten Wegen
nicht trocknen Halses weitertrab.

Und kein Gedanke, aufzugeben,
geht’s weiter auch nur Stück für Stück!
Sich zu den Göttern zu erheben,
braucht’s eher Zähigkeit als Glück.

Zumal ich ja schon diese Zeilen
nach oben kraxelnd mir ersann,
dass nach dem Aufstieg ich, dem steilen,
mich als Poet beweisen kann.

Schon seh ich aus den Schatten schimmern
geheimnisvoll ein großes Licht,
so groß, wie’s aus den tausend Zimmern
gigantischer Paläste bricht!

Parnass! hör ich mich bebend flüstern
und wie es lauter schlägt, mein Herz,
und bang nach diesem Meer von Lüstern
schlepp ich mich weiter himmelwärts.

Doch an dem Tore angekommen,
auf dem doch meine Hoffnung ruht,
wie matt fühl ich mich und beklommen,
wie kraftlos, ach, und ohne Mut!

Ich wage nicht, an ihr zu rütteln,
an dieser Pforte hoch und hehr,
aus Angst, die Musen möchten schütteln
sich vor Gelächter wie Homer

Wenn sie den Streuner da erblicken
mit seiner Verse dürft’ger Fracht
und ohne Einlass heim ihn schicken
durch eine finsterere Nacht.

Aus freien Stücken ich verlasse
für heut der Dichtung heil’gen Grund.
Doch glaube keiner, dass ich passe!
Zu andrer Straßenschweigestund…