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Jesus an der Ladenkasse

Jesus an der LadenkasseDas, was von Jesus wir so wissen,
ist leider dürftig nur genug.
Nur dass aus Stroh sein erstes Kissen
und ihn ein Stall ins Leben trug.

Worin ihn Joseph unterwiesen,
der Nazarener Zimmermann,
ist unbekannt – falls er nicht diesen
Beruf auch seinerseits begann.

Historisch eher ausgeschlossen
ist eine andre Tätigkeit:
Nie hat als Krämer er genossen
‘ne feste Ladenöffnungszeit.

Das Hökern war nicht seine Sache,
nur geistiger Gewinn ihm lieb:
Man weiß ja, wie er die vom Fache
aus dem entweihten Tempel trieb.

Die heutzutag mit seinem Namen
als Säugling ungefragt benannt,
sind, da sie nicht aus Davids Samen,
geschäftsbefugt „zur linken Hand“.

Da stand mir einer an der Kasse
des Supermarktes gestern grad
und scannte meine Warenmasse
in des Computers Pilgerpfad.

Beim Zahlen hatt ich aus Versehen
ihm doppelt hingereicht ‘nen Schein –
dank Jesus war im Handumdrehen
der andre aber wieder mein!

War also denn auch sein Gewerbe
nicht in des Galiläers Sinn –
er doch ein würd’ger Namenserbe,
dem Ehrlichkeit ging vor Gewinn.

Nachbar Heimwerker

Nachbar HeimwerkerIst’s, dass der Umbau nun zu Ende,
ist’s, dass er nicht mehr schuften mag –
die Stille jenseits meiner Wände,
sie trifft mich wie ein Hammerschlag.

Mein Nachbar, dessen Lebenszeichen
sich auf Geräusche reduziern,
er scheint auf Socken jetzt zu schleichen,
um seinen Leumund zu poliern.

Doch die Motive mal beiseite,
dass er vom Hammer sich getrennt –
ich lausche in des Hauses Weite,
ob seine Lust nicht neu entbrennt.

Gebranntes Kind…na, und so weiter.
Ich trau dem Frieden nicht so recht.
Vielleicht holt er schon seine Leiter
und rattert los gleich wie ein Specht.

Er schafft‘ es ja ununterbrochen
(von Feiertagen abgesehn)
bis heute immerhin zehn Wochen,
mir täglich auf den Keks zu gehn.

Wobei ich rätsel auch und rate,
wie’s möglich ist beim Selberbaun,
im Heim von kleinerem Formate
so lange auf den Putz zu haun.

Doch wünsch ich mir von ganzem Herzen,
dass er sein Oeuvre nun vollbracht
und mit des Hammers rüden Terzen
mir keinen Katzenjammer macht.

Solange dieses ich geschrieben,
fiel keine Nadel in die Ruh.
Mucksmäuschenstill ist es geblieben –
ja, unheimlich geradezu.

 

Erst einmal raus

Erst einmal rausMal runter von der Ottomane
und raus aus deinem Winterbau!
Der Himmel schwenkt die blaue Fahne
und bläht sich vor der Sonnenfrau!

Als hätte er schon Lenzgefühle,
bevor die Zeit dafür noch reif,
und würb um seine heiße Kühle,
dass sie nicht jäh die Flucht ergreif.

Den Eifer sollte man doch nutzen
und sich in seiner Glut ergehn,
zu Hause fix die Platte putzen
und ‘ne gepflegte Runde drehn.

Der Möglichkeiten sind ja viele.
Liegt vor der Tür nicht gleich das Meer?
Wie heiter geht beim Wellenspiele
es sich am Strande doch daher!

Dazu muss man im Sand nicht waten,
durch den der Fuß sich knirschend hinkt,
denn auch entlang der Fischerkaten
ein ufernahes Pflaster winkt.

Und trägt dich rüstig deine Sohle
noch weiter an der schönen See,
empfiehlt sich hier die Hafenmole
und da die Dattelpalmallee.

Der Angesprochene indessen,
dem solcherart Empfehlung gilt,
ist aufs Gebirge so versessen,
dass ihm nur dies die Sehnsucht stillt.

Dabei dient ihm zum Wanderstabe
ein Fahrzeug, das mit Motorkraft
in schüttelfreiem Zuckeltrabe
ihn in bescheidne Höhen schafft.

Und statt in Schrunden und in Klüften
zu stolpern über Stock und Stein,
schlägt schnurstracks er zu Küchendüften
den Pfad der Gaumenfreuden ein.

Bewegung und Spazierengehen
warn da nicht wirklich angesagt.
Der Gute schien auf Fisch zu stehen
und hat sich durchs Skelett genagt.

Doch wolln wir nicht zu kleinlich denken;
er tat ja, was man ihm empfahl:
Der Sonne diesen Tag zu schenken.
Saß er nicht draußen vorm Lokal?

Ortsfeiertag

OrtsfeiertagMein Supermarkt hat bald geschlossen,
und mitten an ‘nem Wochentag.
Da fragt der Kunde sich verdrossen,
was dieser Coup bedeuten mag.

(Der Kunde nicht im Allgemeinen –
nur der, der zugeflogen ist
und hier auf dürren Storchenbeinen
die Kröten seiner Rente frisst.)

Und, heureka, hab’s rausgefunden!
Ein Mensch, der lang hier residiert,
hat’s auf die Nase mir gebunden:
Ein Feiertag, lokalisiert.

Ein Novum für den Nordtouristen,
dass festlich man ‘nen Tag begeht,
der in den alten Kirchenlisten
fürn heiligen Sebastian steht.

Doch eben auch nur in dem Flecken,
der ihn zum Schutze sich erkor,
auf dass mit seinem „Stab und Stecken“
den Teufel schlag er übers Ohr.

Ich will nun weiter nicht entschleiern,
ob seine Wunder sich da balln –
man soll die Feste ja so feiern,
wie nach des Volkes Mund sie falln.

Am Dienstag also Fastenspeise
in des Propheten Orte X.
Dispens davon auf Christenweise:
Im nächsten kauf: Da gilt er nix.

 

Stück für Stück

Stück für StückDa hockt ihr wie ‘ne Froschgirlande
gefräßig um den Musenteich
als faule Abonnentenbande
mit Anspruch auf ‘nen Meisterstreich.

Ja, glaubt ihr euch denn gut beraten,
wenn ihr dem Dichter unterstellt,
ein Esel scheiße ihm Dukaten,
dass er’s Papier nur drunterhält?

All seiner Worte Kostbarkeiten
bis hin zum Komma und zum Punkt
muss mit der Feder er erstreiten,
die tief er in sein Herzblut tunkt!

Die aber sperrt sich seinem Drängen
wie alles, was verschnaufen will,
um nach zwei Versen durchzuhängen
wie nach ‘ner Sause mit Promill.

Krieg so was wieder auf die Beine!
Geduld und Spucke, sag ich bloß.
Und hängt der nächste an der Leine,
geht dieses Spiel von vorne los.

Mühsam wie jener rote Racker,
der Nüsslein schleppt ins Eichenhaus:
So streif ich übern Musenacker
und schau nach Geistesfrüchten aus.

Dies aus der Schule mal geplaudert.
Was vielfach da so locker klingt,
ist oft gezittert und gezaudert,
bis lauthals es der Barde singt.

Doch geht’s nicht so mit vielen Sachen,
ja, gar mit unsrer Lebenszeit,
dass ähnlich wie beim Filmemachen
sich Szenisches zum Ganzen reiht?

Drum langsam mit die jungen Pferde!
Ein Fels, den die Natur gebar,
wie lange brauchte wohl die Erde,
bis der perfekt im Kasten war?

Gemischter Sonntagsausflug

Gemischter SonntagsausflugDer Himmel war heut frisch gestrichen
in ganzer Breite seidenmatt –
Ei-Blau, in das sich eingeschlichen
der Dotter nur der Sonne hatt‘.

Da kam ein Freund, mich einzuladen,
ihm beizufahrn im Pkw,
um irgendwo das Haupt zu baden
in dem solaren Strahlensee.

Was gab es groß da zu bedenken?
Ich warf mich in die Sommerkluft,
um ein paar Stunden mir zu schenken
im heißen Hauch von Licht und Luft.

Das Reiseziel? Tut nichts zur Sache.
Terrasse, sonnig, jedenfalls.
‘ne offne Pergola zum Dache
und Meerblick bei gerecktem Hals.

War auch gemütlich für ‘ne Weile –
man saß und nippte am Café,
die Sonne schob sich ohne Eile
zu ihrem rosa Negligé.

Doch plötzlich blähte seine Backen
der Wind noch mal gewaltig auf
und blies mir Kälte in den Nacken
und Gänsehaut die Beine rauf.

Hätt ich beinahe doch vergessen,
dass wir im tiefsten Winter warn
und so am Juli-Wert gemessen
die Glut ganz schön zurückgefahrn.

Nur weg, mein einziger Gedanke!
Der Freund fand darin keinen Charme.
Besülzt‘ mich hitzig von der Flanke –
und quasselte sich richtig warm.

Geschickter Fischzug

Geschickter FischzugSie gehen spät erst auf die Reise,
die ihnen Lohn und Brot verspricht,
und stoßen heimlich, still und leise
vom Liegeplatz bei Dämmerlicht.

Wohin des Weges, Fischersleute? –
Wer kann das sagen auf der See?
Der Nase nach auf fette Beute.
Da fragt man nicht nach Luv und Lee.

Wenn sie uns in die Netze gingen
in Wassern, fern und unbetonnt,
wir schipperten, sie auszubringen,
zur Not auch hintern Horizont.

Und rückten sie uns auf die Pelle
schon deutlich unterhalb der Kimm –
na, besser noch an dieser Stelle,
die Anfahrt wäre halb so schlimm! –

Demnach, ihr Fischersleut, ich wette,
zogt heute ihr das große Los,
denn grad sah eure Lichterkette
drei Möwenschreie weg ich bloß.

Auf einer Linie mit dem Strande
lag diesem Busen sie am Hals
wie eine leuchtende Girlande,
will sagen: hautnah jedenfalls.

Man kann sich weite Wege schenken,
steht die Sardine vor der Tür,
und damit auch die Kosten senken,
die weiter draußen man verführ.

Ach, was für kleinliche Gedanken!
Gleicht eh sich alles aus im Schnitt.
Der Zufall tanzt auf Fischers Planken
und wirbelt ihn im Kreise mit.

Geläufig ist ihm diese Reihe,
in der er sich zum Fang formiert.
Ein Touri nur wie ich, ein Laie
bestaunt das Meer, illuminiert!

Spendable Gäste

Spendenfreudige GästeEin Feiertag, der uns entgangen,
weil irgendwie sie kalt uns lässt –
die Gabe, die das Kind empfangen
von Königen zum Wiegenfest.

Obwohl doch diese Potentaten
durchaus sich nicht an Geiz begeilt
und als geborene Magnaten
mit vollen Händen ausgeteilt.

Denn Weihrauch waren, Gold und Myrrhe
der Karawane reiche Fracht,
die sie aus ihrer Wüstendürre
zum Stall von Bethlehem gebracht.

Sie wollten ihre Gunst erweisen
‘nem Knäblein, dem geweissagt war,
es würde einst in höchsten Kreisen
befehligen ‘ne Engelsschar.

Nun, König ist er nicht geworden,
da lagen unsre Weisen schief.
Und dennoch ganze Menschenhorden
er zu gesalbten Füßen rief.

Die willig seiner Lehre lauschten,
vom Geist der Liebe hingerafft,
dass manche gar den Job vertauschten
und folgten ihm auf Wanderschaft.

Was für ein Licht in jenen Zeiten,
als das Gesetz des Dschungels galt:
sich mit der Klinge Recht erstreiten
und auch sein Unrecht mit Gewalt.

Er musst es mit dem Leben büßen,
ein Märtyrer der Menschlichkeit.
Die wahren Kön‘ge lassen grüßen –
vor dem Gefühl sind sie gefeit.

Doch sei’s, dass falsch verstanden haben
sie, was die Leute so geschwätzt –
dem Kind gebühren diese Gaben,
auch wenn es selbst sie nie geschätzt.

Die Trias dieser Morgenländer,
in Spanien wandelt sie noch heut;
nicht Gold-, doch Karamellenspender –
was wohl die Lütten mehr noch freut.

Kühle Venus

Kühle VenusWo ich nur Finsternis erwartet,
ein Meer, das wo im Schwarz verschwand,
war schon ein Einzelstern gestartet,
der anderen vorausgebrannt.

Frau Venus, wenn ich richtig tippe,
die sich als Erste nicht geziert
und die notorisch große Lippe
zu ihres Leibes Lob riskiert.

Das war indes kein bloßer Fimmel –
sie strahlte in so hehrem Glanz,
dass jede Konkurrenz am Himmel
nur Flitter wär und Firlefanz.

‘ne Sonne unsrer frühen Nächte
in rabenfiedrigem Azur –
wenn sie nur dieses Licht nicht brächte,
das kalt wie eine Schneckenspur!

So kroch ich auf dem Wege weiter
mit meinem Beutel in der Hand,
die Flamme ständig als Begleiter,
die kühl ich und unnahbar fand.

Ob deshalb wohl die kleinren Lichter,
die neidisch auf dies große schaun,
verschüchtert ihre Bleichgesichter
sich herzuzeigen noch nicht traun?

Nun, bis zu meiner Haustür Schwelle
war da noch keines aufgetaucht,
des ganzen Abendhimmels Helle
von einer Lampe ausgehaucht.

Hab, in mein Kämmerchen zu steigen,
von ihr mich schließlich dann getrennt.
Zurück in meiner Klause Schweigen.
Wie warm mir da das Kerzlein brennt!

Gutes Wechselklima

Gutes WechselklimaDie Beine in die Hand genommen
und sie den Lüften anvertraut,
zack, zack mal in die Hufe kommen,
da schon die Sonne nach dir schaut!

Des alten Jahres Abschiedsszene,
Verbeugung, Beifall, Vorhang zu –
und du klebst an der Sessellehne
wie’n Gummi unterm Straßenschuh!

Na also, erste Gehversuche.
So weiter, weg vom Küchentisch.
Und mit ‘ner Jacke dich betuche,
damit nicht Wind dich kalt erwisch!

So redete mich mein Gewissen
in barschem inn’ren Monolog
empor aus meinem Schlummerkissen,
dass in den Tag hinaus ich zog.

Doch hat sich was mit Abenteuer!
Wie friedlich alles um mich lag:
die Sonne mit gedämpftem Feuer,
das Meer mit sanftem Wellenschlag.

Ich wanderte ‘ne ganze Weile
am Hafen und am Strand entlang
mit der des Rentners würd’gen Eile –
gemächlich ohne Tatendrang.

Und wie ich mich so fortbewegte
wie eine faule Bauernmagd,
sich Zweifel an der Botschaft regte,
die mir der Wetterfrosch gequakt.

Die Jacke streifte ich vom Leibe,
die warm mich drüber aufgeklärt,
dass eher sie den Schweiß mir treibe,
als dass der Gänsehaut sie wehrt.

Muss ich es noch mal wiederholen?
Silvester war’s, Dezemberschluss.
Und ich lief wie auf heißen Kohlen
ein flammenscheuer Fidibus.

So ist zum Lehrpfad mir geraten
der Weg, den träge ich spaziert:
Zugvögel in der Sonne braten,
wenn Michel sich ins Neujahr friert.