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Lehrreiche Exkursion

AraratEinst fuhr ich rauf zum Ararat
mit meinem Mountain-Fahrrarad,
mir Noahs Arche anzusehn.
Da fand ich noch, zu Stein erstarrt,
den Kahn, in dem er ausgeharrt
als 40-Tage-Kapitän.

Die Planke bog sich wie ‘ne Gert‘
genau vom Bug noch bis zum Stert
mit wunderbarem Schwung.
Das ganze Deck lag unter Gras
mitsamt der Brücke, wo der Baas
gelugt nach Wetterbesserung.

Doch als ich näher mir beäugt,
was von ‘nem Wrack angeblich zeugt,
hab ich’s als Täuschung dekuvriert.
Es hatten ja die Felsen nur
versehentlich zur Schiffskontur
sich geologisch formatiert.

Ein Weilchen ich verdattert stand,
bis diesen Fund ich typisch fand
für Traditionen mancher Art.
Man guckt ein Ding von Weitem an
durchs Brillenglas von jedermann
und Einzelheiten sich erspart.

Doch geb ich unumwunden zu,
nicht jeder kann wie ich und du
den Himmel stürmen sportsmanlike.
Den alten Esel, der aus Draht
und nie sich einem Gipfel naht,
fahrn viele noch statt Berge-Bike.

Dann sauste ich vom Ararat
begeistert und erkenntnissatt
zurück in mein gewohntes Nest.
Doch wie auch immer ich erregt,
er hat sich keinen Deut bewegt
und hielt an seinem Mythos fest.

Notwendige Urlaubsergänzung

Notwendige UrlaubsergänzungEin treuer Kumpel dieser Breiten,
der dich bei keinem Schritt verlässt,
kommt morgens schon von allen Seiten
auf leisen Sohlen in dein Nest.

Er lässt in rücksichtsvoller Weise
dich unbehelligt noch im Bett,
obwohl nach nächtlich langer Reise
er Anspruch auf Willkommen hätt.

Erst wenn erwacht mit einem Satze
du saust in dein Pantoffelpaar,
wirst seine ausdruckslose Fratze
mit grauen Pickeln du gewahr.

Doch statt ihn freudig zu begrüßen
als deiner Bleibe lieben Gast,
trittst du ihn rüde noch mit Füßen
und machst ihn dir erst recht verhasst.

Und noch vor allen andern Dingen
wie Körperpflege und so fort,
willst du ihn um die Ecke bringen,
heißt mit dem Eimer über Bord.

Worunter wir hier nicht verstehen
die Pütz, wie sie der Seemann rühmt,
sondern, um Müll ihr anzudrehen,
die in der Küche mauerblümt.

Mit Schaufel rennst du und mit Besen
so Tag für Tag durch dein Revier,
um trockne Losung aufzulesen,
die da und da und immer hier.

O Sisyphus mit deinem Brocken,
den nichts auf seiner Höhe hält –
hier sind‘s Legionen leichter Flocken
von Staub, der stets zu Boden fällt!

Vergeblich wär es, zu verstopfen
den Eingang, der nach draußen geht –
vom Strand her sich in feinsten Tropfen
beständig Sandgewölk entlädt.

Da kannst du gern den Besen holen:
Der stille Gast, er ist nicht dumm.
Er heftet sich an deine Sohlen
und wandert in der Bude rum.

Am Abend noch mal rausgeschmissen,
bevor man sich zur Ruhe legt –
belagert morgens er dein Kissen,
vom Winde wieder reingefegt!

Zu Palmenstrand und Meer und Sonne,
wie sie das Urlaubsherz begehrt,
gesellt sich noch die Abfalltonne,
zu der man immer wieder kehrt.

 

Unter Druck gestanden

Unter Druck gestandenSchwer atmend lag es in den Armen
der schwarzen, unbeugsamen Nacht,
das Meer, das selber ohn Erbarmen
dem Fahrensmann heut Angst gemacht.

Wie gut konnt ich es keuchen hören
im steten Takt von Berg und Tal
und ähnlich jenen Friedenschören
des Nachts in einem Krankensaal.

Und wie in Letzt’rem in der Regel
ein Lämpchen trübe wo noch glimmt,
stand hoch hier überm Wasserpegel
der Mond, zur Sichel abgedimmt.

Die lag zu Füßen dem Trabanten
als Schiffchen der besondren Art ,
wie alte Meister schon verwandten
es für Mariä Himmelfahrt.

(Erst dacht ich an ein Wiegemesser,
mit dem der Mond die Luft zerteilt,
doch fand die Jungfrau schließlich besser,
die diesem Jammertal enteilt.)

Da war es nur ein Glück und Segen,
dass die Laternen Licht spendiert,
zumal der vollen Blase wegen
ich mehr gerannt als promeniert.

So fand ich nach dem Festgepichel
im Endspurt noch aufs heim’sche Klo,
ein biergeblähter deutscher Michel
aus Andalusiens Rentnerzoo.

O Wollust, jäh sich zu entleeren
in dieser Schüssel Priesterohr
und aus dem Stuhle heimzukehren
so unbeschwert wie nie zuvor!

Kaum hatte mich der Druck verlassen,
erwachte neuer Tatendrang –
Gedichte etwa zu verfassen,
und wären sie zehn Strophen lang.

So kam dies Machwerk hier zustande.
Erleicht’rung hielt den Vers in Fluss.
Bis zur besagten Zehnerbande –
der Stelle, wo man wieder muss.

Ein Wort zum Fest

Ein Wort zum FestEin Abend, den wir heilig nennen,
weil kalendarisch er so heißt
und weil man, ihn uns einzubrennen,
seit unsrer Wiege sich befleißt.

Die Eltern, Nachbarn und Verwandten,
als Ohrenbläser wohl erfahrn,
die, was sie selber nicht erkannten,
auch ihrem Nachwuchs nicht ersparn

Warn stets die will’gen Pollenträger,
um Geistesfrüchte zu vermehrn,
von denen fleiß’ge Heilserreger
als Priester ihre Pfründen nährn.

Und pfiffig trichtert man schon Kindern
die fromm gelogne Weisheit ein,
bevor Verstandeskräfte hindern,
dass sie sich frisst in Mark und Bein.

Denn ihre Ohrn, die niemals tauben,
sind optimal dafür gewählt,
weil einfach alles sie noch glauben,
was ihnen Hinz und Kunz erzählt.

Und wenn mit wachsendem Verstande
auch hier und da der Zweifel keimt,
erweisen sich die frühen Bande
doch mit dem Herzen gut verleimt.

Kurzum, die aufgeklärte Seele
belächelt diesen Kirchenstuss,
dass man mit himmelsdurst‘ger Kehle
nur Hosianna gurgeln muss.

Doch dann die Hirten auf dem Felde.
Der Stern. Die Kön’ge eins, zwei, drei.
Man fällt aufs Knie vor dem Gemälde:
Was für ein Meister, Lukas 2!

Rieselnde Stille

Rieselnde StilleEin Hupen – wohl aus Weihnachtsfreude,
‘nen andern Grund find ich nicht raus.
Sonst kein Geräusch im Strandgebäude,
in meinem Rentnerwinterhaus.

Kein Wind zu hörn, kein Wellenrauschen,
kein Nachbar, der sich unterhält.
Das Ohr muss in sich selber lauschen,
dass Stoff ihm in die Muschel fällt.

Bethlehemitisch diese Stille,
der rechte Auftakt für das Fest,
das uns des Höchsten Wunsch und Wille
für seinen Sprössling feiern lässt.

Da draußen spannen sich Girlanden
geschmeidig über den Asphalt
mit Lämpchen, die gezackt umranden
‘nen kobaltblauen Tannenwald.

Und auch des Kirchleins schmächt’ger Giebel,
in den die Glöckchen eingerückt,
hat mit ‘nem zünft’gen Bild der Bibel
aus Neonbirnen sich geschmückt.

Doch klingen keine Lobgesänge,
wie tags sie mir noch zugeweht,
aus des bestuhlten Chores Enge
durch das Portal, das offensteht.

Die Welt liegt da im tiefsten Frieden,
erfüllt auch mich mit schöner Ruh.
Und von der Heimat weit geschieden,
brauch ich nicht einmal Schnee dazu.

 

Ein rundes Wiegenfest

Ein rundes WiegenfestNun bin ich also reingeschlittert
mit diesem üblichen Tamtam –
beküsst, beglückwünscht und beflittert,
geduldig wie ein Osterlamm.

Ein Gasthof halbwegs auf dem Lande
gab seinen letzten Tisch uns her.
Da hockten wir als Viererbande
und putzten unsre Teller leer.

Mir war nicht feierlich zumute,
doch fühlte ich mich angeregt,
wie wenn man von der graden Route
sich schnell mal in die Büsche schlägt.

Ist das nicht mehr als man erwarten
von einem Freund der Weisheit sollt?
Die Zeit kennt Pausen nicht und Sparten,
wie ’n Stern sie einfach weiterrollt.

Da ist kein Punkt, um einzuhaken
des Lebensschiffchens Haltetau,
nur Öde ohne Bojen, Baken,
geschweige denn ‘ner Meerjungfrau.

Und dies sogar einmal beiseite:
Wer setzte uns den Floh ins Ohr,
dass eitel Glück es uns bereite,
rückt unser Zeiger weiter vor?

Der Tag, den man nach Brauch und Sitte
mit Segenswünschen reich belädt,
erscheint mir nach der Lebensmitte
wie eines nahen Ends Prophet.

Und Jahr für Jahr hört man ihn schreien
nur umso lauter unbeirrt,
als er beim Ende-Prophezeien
allmählich immer sichrer wird.

So kaute ständig die Gedanken
im Hirn ich eifrig hin und her,
als ob mit Backen und mit Banken
ich nicht genug beschäftigt wär.

Dann war das Mahl auch schon zu Ende,
die Rechnung rauschte aufs Tapet.
Ein Stückchen Fett, ein Eckchen Lende –
der Rest, der vor die Hunde geht.

Die milden Siebziger

Die milden SiebzigerNoch hab ich eine gute Stunde,
in der als Sechziger ich gelt,
dann wird auch diese Zehnerrunde
dem Chronos ins Archiv gestellt.

Will deshalb schnell sie noch benutzen,
ihr diesen Nachruf hier zu weihn,
doch ohne sie herauszuputzen
wie’n Lobspruch auf ‘nem Marmorstein.

Zu früh ist sie dahingegangen,
in zarter Jugend mir geraubt,
bevor die rosenblühnden Wangen
von Falten schattig noch belaubt.

Das sagt natürlich nichts zur Sache,
ist nur Lamento, floskelhaft.
Doch wie, wenn wirklich Ernst ich mache
mit zeithistor’scher Wissenschaft

Und unter eure Nase reibe
so lang wie breit und detailliert,
was einem bei lebend’gem Leibe
in ‘ner Dekade so passiert?

Na bitte, will doch keiner wissen.
Ist kaum auch was der Rede wert –
vielleicht als ich der Welt entrissen
kurz in ‘ne Klinik eingekehrt

Wo man mit allerlei Bestecken
mir eifrig auf den Pelz gerückt,
doch ohne Appetit zu wecken
auf Leckerein, die mich entzückt.

Nein, als ich friedlich in Narkose
der Dinge harrte unbewusst,
stieß der Chirurg, der rigorose,
mir eine Klinge in die Brust.

Ein Stich, der glücklich mich befreite
von ‘nem gefräßigen Filou,
so dass erleichtert ich nun schreite
auf die besagten siebzig zu.

Sonst wär nichts weiter zu erzählen.
Nur Schmalkost und kein Sternekoch.
Doch könnt ich mir die Jahre wählen:
Die nächsten bitte fader noch!

Freie Sicht garantiert

Freie Sicht garantiertO diese Fläche, die sich kräuselt,
im Schlag der Welln nie stillesteht,
die, wenn der Wind nur leise säuselt,
zur leichten Gänsehaut sich bläht

Doch hoch sich türmt zu schweren Wogen,
wenn Zorn den Blasebalg ihm schwellt
und fern des Horizontes Bogen
in Zacken auf und nieder fällt –

Was kann ich ihr denn abgewinnen,
der grenzenlos gefurchten Flur,
in der nur salz’ge Fluten rinnen,
aus denen nie ein Hälmchen fuhr?

Dass von den Meeren dieser Erde
ich keinem je so nahe dran
und ich Poseidons wilde Pferde
im Schlaf noch schnauben hören kann!

Das Wasser steht mir bis zur Schwelle,
doch friedlich mir die Füße leckt,
die außerdem für alle Fälle
im ersten Stock sich noch versteckt.

Bin hier in meinem Elemente
und freu mich wie ein Nikolaus –
der alte Küstenfreak in Rente
mit Meer und Sonne achteraus!

Und bloß der Sandstrand noch dazwischen –
die See, die See, so weit man schaut.
Da kann kein Hai im Trüben fischen,
dass er den Ausguck mir verbaut.

Lebende Bilder

Lebende BilderAn halbwegs windgeschützter Stätte
und rund, so scheint es, um die Uhr,
steht steif wie in ‘nem Kabinette
des Bettlers graue Wachsfigur.

Mit einzig diesem Unterschiede,
der aus der bloßen Form ihn hebt,
dass mit gestrecktem Fingergliede
er nach bescheidner Münze strebt.

Und diese Krumen, die vom Tische
der Glücklichen ihm manchmal falln,
sind Futter höchstens für die Fische
und nur zum Gürtel-enger-Schnalln.

Dabei kann er von Glück noch sagen,
wenn ihm die Gabe ganz auch bleibt
und nicht zu einem Boss zu tragen,
der „offne Hand“ en gros betreibt.

Mit einem Wort, der in die Ecke
sich vor der Blicke Phalanx duckt,
ist alles andre als ein Recke,
den’s Schätze zu gewinnen juckt.

Die Not hat ihn dahin getrieben,
von seiner Armut wohlgenährt,
denn was an Mitteln ihm geblieben,
des Miethais breites Maul verzehrt.

Von Gott und Welt im Stich gelassen,
war glücklos er im Lebenskampf,
steht draußen jetzt in allen Gassen,
nichts weniger als ein Hans Dampf.

Ein Bild, ein lebendes, schon eher,
wie’s früher man so gern gestellt,
damit der Pulk der Partysteher
der Langeweile nicht verfällt.

Nein, lieber will ich’s Schandmal nennen,
das ‘ne Gesellschaft produziert,
die in dem großen Reibachrennen
das Maß für Menschlichkeit verliert.

Reine Erziehungssache

Reine Erziehungssache‘ne Frau mit Hund mein Schicksal heute,
ach, was man so erleben kann!
Ein Einzelpaar und keine Meute,
doch wuselig wie ein Gespann.

Kommandos bellte dementsprechend
die Herrin, die die Strippe zog,
den Eigensinn indes nicht brechend
des Tiers, das auf Markierung flog.

In jedem Winkel fand das Wesen
der Artgenossen frische Spur –
das Frauchen sprach von „Zeitunglesen“,
ich brummte was von „Pinkeltour“.

Und dabei wechselt‘ es die Seite
so jäh an seinem Gängelband,
dass dauernd es in voller Breite
mir bis zum Knie im Wege stand.

Das war ein Zerren und ein Zurren,
ein Grummeln und Bei-Fuß-Geschrei:
der Dame permanentes Knurren,
der Hündin wilde Spielerei!

An ein Gespräch war nicht zu denken.
Nur Worte, flüchtig aufgeschnappt!
Man kann sich so’n Spaziergang schenken,
wenn als Statist man mit nur tappt.

Dem Tier hab ich nichts vorzuwerfen,
das gibt nur seine Freude kund.
‘ne Leine bräucht’s für Frauchens Nerven:
Da liegt begraben wohl der Hund!