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Kleines Licht

Kleines LichtDie Dämmerung hat angefangen.
Ein Blick zur Uhr zeigt kurz nach zehn.
Der Himmel weißlich-grau verhangen,
gekreuzt sporadisch noch von Krähn.

Kein Windhauch säuselt durch die Blätter,
kein Stoß erschüttert Laub und Ast;
die Bäume stehen steif wie Bretter,
die mit Beton man eingefasst.

Allmählich die Fassaden bleichen.
Das Firmament spielt leicht ins Blau,
doch ohne jene Feuerzeichen
der schaurig-schönen Sternenschau.

Indes verfinstert sich der Äther
so fließend flink von Ton zu Ton,
das jetzt, ‘ne halbe Stunde später,
er schwarz wie Brand und Asche schon.

Wenn da nicht in den Fenstern glömmen
die Stubenlichter trüb wie Span,
stockblind wir durch den Abend schwömmen,
den Fischen gleich im Ozean.

Nun, auch die Kerze mir zur Seite,
obwohl ihr Flämmchen winzig nur,
wirft tapfer in des Zimmers Weite
bis an die Wände ihre Spur.

Ein Lichtspektakel ohnegleichen
braucht aber der nicht, der hier schreibt.
Nur für den Griffel muss es reichen,
dass seiner Linie treu er bleibt.

Möbelglück

Möbelglück‘nen neuen Freund hab ich gewonnen,
wenn er es selber auch nicht weiß.
Mit einer Lücke hat’s begonnen,
‘nem Klafter zwischen Glut und Eis.

Um’s wen’ger kryptisch auszudrücken:
In meiner Küche war vom Herd
zum Kühlschrank hin zu überbrücken
ein Zwischenraum, der nutzenswert.

Da war ja einfach Platz vorhanden,
fehlte die rechte Füllung nur –
wir gingen also und erstanden
ein Tischchen mit Idealfigur.

Das hat vier stramme Eisenbeine,
auf denen eine Platte ruht,
dazu, zur Lagerung der Weine,
zwei Zwischendecks für Sondergut.

Darüber eine große Lade,
in der sich was verstauen lässt –
und dieses Prachtstück passt so grade
in den noch unmöblierten Rest.

Ich kann die Augen gar nicht wenden
von dieser hübschen Novität,
die hilft, die Küche zu vollenden
bis auf das letzte Hilfsgerät.

Schon hab ich es ins Herz geschlossen,
das kleine, praktische Gestell.
Vom Lückenbüßer zum Genossen:
Auf lange Freundschaft, Tischgesell!

Fehlstart hingelegt

Fehlstart hingelegtDer Himmel hüllt seit vielen Tagen
sich in ein düstres Wolkenkleid,
verwaschen, schmutzig, abgetragen,
mit Löchern, die zehn Finger breit.

Der Wind pfeift ihm durch alle Ritzen
und reißt die Fetzen mit sich fort –
ein einzges Fliehen da und Flitzen,
als ging es um den Weltrekord.

Dazwischen muss er Wasser lassen –
von Schauern spricht man hier dezent.
Und locker füllen seine Massen
die Klos, die man Kanäle nennt.

Wo in den flatterigen Falten
hat bloß die Sonne er versteckt?
Natürlich muss der Tag erkalten,
wenn sie nicht seinen Puls erweckt.

Man friert. Und nicht ein Hoffnungsschimmer,
der rasche Änderung verspricht.
Im Gegenteil: Es wird noch schlimmer,
der Regengott macht Überschicht.

O seht, auf dem Balkon verloren
ein Blatt, das welk dahingeweht –
als lagerte vor unsren Toren
der Herbst schon, der nach Einlass späht.

Da kann er aber lange gucken –
Vordrängeln gilt nicht, guter Mann!
Wird schon noch in die Hände spucken,
der Sommer fängt ja grad erst an!

Alles Ambiente

Alles AmbienteSchon sitz ich an der Fenstertüre,
ein Stückchen Himmel im Visier,
wo ich die Glut der Sterne schüre
und in Gedanken mich verlier.

Dabei stütz ich den Ellenbogen,
den rechten, auf den Küchentisch,
den Kuli schon gezückt, gezogen,
dass Verse aus dem Blatt er fisch.

Ein Lämpchen wirft sein Strahlenbündel
direkt vor meine Nase hin,
in dessen Helligkeit ich gründel
nach Ausdruck und nach Hintersinn.

Ein bisschen weiter nur im Zimmer
ist schwach es schon und abgezehrt,
als ob ihm jemand mit ‘nem Dimmer
den Zutritt da zum Flur verwehrt.

Das ist so recht die Atmosphäre
für einen zünft’gen Musenspuk:
Der Dämmer nimmt die Erdenschwere
und ruft das Hirn zum Höhenflug.

Der Auswurf lässt nicht auf sich warten –
folgt Viererpack auf Viererpack,
doch immer in verschiednen Sparten,
vom Urknall bis zum Hafersack.

Das kann so ewig weitergehen,
denn unerschöpflich ist die Welt.
Der Zauberbesen wird erst stehen,
wenn es dem Meister da gefällt!

Worauf wir bauen

Worauf wir bauenDa drüben starrt ‘ne ganze Reihe
von leeren Fensterhöhln mich an:
Die Spur der Immobilienhaie –
mit ihrm Gewerbe geht’s voran.

Gerüste überall und Kräne.
Was alt ist, reißt der Bagger ein.
‘ne Lücke in der Straßenszene
bekommt als Füllung Stahl und Stein.

Man muss das gute Wetter nutzen.
Verschenkte Tage gehn ins Geld.
Sie mauern, hämmern und verputzen,
vom Bau die, was das Zeug nur hält.

Und manchmal kommt in Schlips und Kragen
auch der Investor zu Besuch,
sich tapfer um die Ohrn zu schlagen
den Holz- und den Zementgeruch.

Was ihm doch nicht Verdruss bereitet,
da dieser ja an Geld nicht klebt
und er auf einem Boden schreitet,
der künftig seine Konten hebt.

So stellt man überall die Weichen
für den Gewinn, der optimal.
Es werden reicher stets die Reichen,
der Mieter Mittel fahrn zu Tal.

Die Landschaft bleibt nicht ungeschoren,
verschandelt wird manch Wohnquartier.
Dann werden Staub die Investoren –
doch nicht die Zeugen ihrer Gier!

Info satt

Info sattNachrichten hören, Neuigkeiten,
halb, voll – man knipst die Kiste an,
um in den Äther zu entgleiten,
dem solche man entnehmen kann.

Am Anfang stehn die Kriegsberichte
aus dem und jenem Krisenland,
dann folgt die Kriminalgeschichte,
notiert von Terroristenhand.

Danach die heimischen Verbrechen,
die des Entsetzens wirklich wert,
sodann (und leider nicht zu rächen)
was die Natur an Schocks beschert.

Kommt das Soziale: Krankenkasse,
die Rente für den Millionär,
Vermischtes auch: ‘ne neue Trasse
für die A x durchs Wattenmeer.

Zum Schluss Verkehrs- und Wetterlage.
Chaotisch. Reiner Frustgewinn.
Doch pfiffig wirft da auf die Waage
der Sprecher stets sein „Immerhin“.

So rieseln Tag für Tag und rauschen
dir Fakten, Meinungen vorn Wanst,
die blablabla du wohl erlauschen,
doch zack nicht unterscheiden kannst.

Ins Stammbuch, Les’rin, dir geschrieben:
Glaub nicht, dass Neues je geschieht.
Die Welt, sie ist sich gleich geblieben,
pfeift anders nur das alte Lied!

Gepflegte Esskultur

Gepflegte EsskulturZunächst mal braucht man eine Speise,
die sich zwar sehen lassen kann,
doch nicht in allzu üpp’ger Weise –
der Wohlgeschmack steht obenan.

Die Basis ist damit gegeben
fürn Brillat-Savarin’sches Mahl.
Dazu dann: Nur sein Glas erheben
mit einem Tropfen erster Wahl.

Und weiter: Nicht zu viele Gäste,
sonst kommt man sich nicht richtig nah.
Da hab ich eine saubre Weste,
denn außer mir ist niemand da!

Und diese Gäste (wenn vorhanden),
sie sollten eines Sinnes sein.
‘nen weitren Treffer kann ich landen:
Ich stimm mit mir ganz überein!

Gemütlich sei auch das Ambiente –
gepflegte Räume, Kerzenlicht.
Als ob ich selbst nicht darauf brennte:
Die Küche nehm ich in die Pflicht!

Bei meinen nächtlichen Genüssen
läuft demnach alles comme il faut.
Man wird mir zugestehen müssen:
Ich liege auf Gourmand-Niveau.

Ein Letztes doch nicht zu vergessen:
Auch Kunst geziemt der Tafelei!
Drum schrieb beim Trinken ich und Essen
die Zeilen hier so nebenbei.

Alte Mienenspiele

Alte MienenspieleDie Fans, die kennen was vom Leben,
das war schon in der Steinzeit so.
Beim Kampf nicht nur Geschrei erheben,
nein, mit der Optik auch man droh!

Zum Beispiel mit den bunten Strichen,
die man auf Stirn und Wangen pappt,
bis alles Menschliche gewichen
und zum Dämonischen verkappt.

Von Kriegsbemalung ist die Rede,
als wäre Kunst dabei im Spiel,
obwohl Fanale einer Fehde
im ew’gen Dilettantenstil.

Was auch im Sinn des Streits indessen
gewiss von größrer Durchschlagskraft –
man glotzt sich ja nicht in die Fressen
aufgrund der Schminke Meisterschaft!

Man will dieselben ja polieren
womöglich rasch und absolut,
um im Triumph zu präsentieren
den Feind in seinem eignen Blut.

Das hat seit Anbeginn der Zeiten
im Grundsatz sich geändert nicht.
Wenn unser Steckenpferd wir reiten,
welch heil’ge Wut dann aus uns spricht!

Wie? Ja, ein Anlass ist gegeben:
Land x und Fußball, die WM.
Fassaden, die nach Ausdruck streben –
begeistert, farbenfroh, plemplem.

Natürlicher Straßenlärm

Natürlicher StraßenlärmWas fürn Gekreische und Gekrächze –
da draußen ist der Teufel los!
Wie sehr ich auch nach Stille lechze,
der Höllenlärm wird größer bloß!

Wie aufgelöst die Krähen kreisen
mit ihrem wütenden Geschrei,
als wollten jemand sie beweisen,
wie mächtig ihre Kehle sei!

Ein Anlass ist nicht zu erkennen.
Der Aufruhr bleibt mir rätselhaft.
Was für ein Rasen und ein Rennen,
Moriskentanz der Leidenschaft!

Verständigung ist wohl vorhanden,
das scheint mir ziemlich sicher fast,
da just auf Krähenfüßen standen
sie einzeln noch auf Baum und Ast.

Und jetzt wie immer auch getrieben
zur großen Demo, zum Protest,
verließen sie unangeschrieben
gleichwohl ihr hohes Krähennest.

Ein Kriegsrat, den sie heute halten,
Erinn‘rung an die Rabenschlacht?
Gedenktag für das sel’ge Walten
des Krähenkönigs Nummer acht?

Das Rätsel werd ich nicht mehr lösen –
jäh endete die Schwärmerei.
Kann ungestört nun weiterdösen
im Krähenwinkel, vogelfrei.

 

Blechkorken

BlechkorkenUm eine Flasche Wein zu köpfen,
wonach der Sinn mir manchmal steht,
kann stets ich aus dem Vollen schöpfen
beim adäquaten Hilfsgerät.

Doch ist genau nach meiner Mütze
mein Lieblingskorkenzieher nur,
dank dessen Hebel ich und Stütze
bisher noch immer bestens fuhr.

Kaum ist die Seele eingedrungen
in den verstopften Flaschenhals,
kommt auch schon hoch herausgesprungen
der Kork mit plopp! statt eines Knalls!

Ich fand das Ding mal auf ‘nem Haufen
in Avignons papalem Shop –
von all’m, was Pfaffen so verkaufen,
wohl mit das Einzige, das top.

„Palais des Papes“ prangt auf der Seite
in Gold und Gotisch, einfach cool,
dass auch den Zecher stets begleite
„Absolvo te“ vom Heil’gen Stuhl.

Doch wie so oft in der Geschichte
der ganze Trend auf Wandel weist,
wird alles Alte mal zunichte:
Die Kirche um die Sonne kreist.

Auch den Schock wird sie überleben,
dass kaum man noch entkorken muss –
wird bald wohl ihren Segen geben
dem zukunftsträcht’gen Schraubverschluss.