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Kleine Kunstlektion

Kleine KunstlektionGebiet Rheinhessen, Riesling, trocken.
Was braucht es für ‘ne Sitzung mehr?
Der beste Köder, rauszulocken
Gedichte à la Schüttelspeer.

Ich heb den Humpen an die Lippen,
spreiz zierlich meinen Finger ab,
um züchtig erst einmal zu nippen,
bevor ‘nen ganzen Schwall ich schnapp.

Den wieg ich prüfend erst im Munde,
bis dass ich ihn der Kehle lass –
zufrieden dann mit dem Befunde,
ich Hoffnung für die Verse fass.

Und wirklich: Nach ein paar Minuten
der Stapellauf: Die Strophe steht.
Und auch die folgenden sich sputen,
zack, zack, wie mit ‘nem Stanzgerät.

Was eben noch in Kinderschuhen,
rennt jetzt schon dem Zenit davon,
um bald danach sich auszuruhen –
und hoffentlich im Pantheon.

Doch ziemt sich’s nicht, vorauszueilen
mit siegestrunkenem Panier;
es fehlen ja noch ein paar Zeilen,
das heißt genau gesagt noch vier.

Im Übrigen: Mit Strophe sieben
es eben die Bewandtnis hat:
Hab glücklich ich sie hingeschrieben,
passt keine achte mehr aufs Blatt.

Ein Volksheld

Ein VolksheldMit diesem Krieg schrieb man Geschichte:
Des Erbrivalen Untergang.
„Die Panzerschlacht am Fuß der Fichte“ –
so lebt sie fort im Volksgesang.

Der Sieger bleibt uns unvergessen,
sein Name strahlt in Ewigkeit.
Am Himmel nur sein Ruhm zu messen,
der mindestens drei Haufen weit.

Vernichtend schlugen wir der Riesen
millionenfache Übermacht,
die aus dem Megawald der Wiesen
so oft uns sauren Tod gebracht.

Schon hat der Lichtgott hundert Male
den Weg uns wieder frisch erhellt,
seitdem dies schreckliche Finale
der Feind fand auf dem Nadelfeld.

Und doch herrscht weiter süßer Friede,
dass herrlich unser Staat gedeiht –
die Arbeiter, stark und solide,
die Königin und der sie freit.

O dass sich dieser nie verliere,
wer immer auch das Reich bedroht,
und dass sich stets ein Magnomiere
erhebe für den Sieg von Rot.

Ameisen, könnten sie denn schreiben,
sie würden’s ähnlich formuliern.
Doch besser schon, sie lassen’s bleiben –
geht’s denn nicht so bei allen Tiern?

Pfennigfuchser

PfennigfuchserIm Angesicht der Armut fühlen
sich viele wohl nicht in der Haut
und sauber ihr Gewissen spülen
mit Gründen, die man leicht durchschaut.

„Wir kennen selbst dies Elendsleben
vom Krieg und von den Hungerjahrn.
Hat uns vielleicht wer was gegeben?
Vom Munde mussten wir’s uns sparn!“

„Gern gäben wir auch unsre Spende
‘nem Menschen, der in solcher Not,
doch sind gebunden unsre Hände,
da selbst von Mangel wir bedroht.“

„Und überhaupt: Wer kann denn wissen,
was mit dem schönen Geld geschieht
und ob uns wer nicht höchst gerissen
zum Suff was aus der Tasche zieht?“

‘ne Auswahl nur der Argumente,
mit denen man den Geiz kaschiert,
der von der Wiege bis zur Rente
bei vieln das Portemonnaie regiert.

Aufs Höchste sieht man hier gesteigert
des Menschenfeinds Charakterbild,
der selbst den Pfennig noch verweigert,
der sonst ihm einen Schmarren gilt.

Das Ärgernis sind nicht die Armen,
die nur ‘nen Obolus erflehn –
die Satten sind’s, die ohn Erbarmen
gerecht in ihrer Gier sich sehn.

 

Sturm angesagt

Vor dem SturmAm Fenster seh ich mählich gleiten
den letzten Dämmer in die Nacht
und einen Himmel, dessen Weiten
das Feldgrau des Gewölks bewacht.

Da zieht kein Stern auf seinen Bahnen,
da flammt kein Feuer auf im All –
die Wipfel hier nur der Platanen,
sie rauschen wie ein Wasserfall.

Die Straßen endlich leer geworden,
die Dezibels davongefegt,
die hartgesottnen Harley-Horden
ham ihren Stert nach Haus bewegt.

O wie ich mich der Stille freue
in meiner Klause Schummerlicht
und mir gestatte ohne Reue
Frascati, freddo, zum Gedicht!

Doch innerlich bin ich getrieben,
weil ich des Umschwungs mir bewusst,
den man im Radio just beschrieben:
Gewitterfront und Regenfrust.

Dem Frieden da ist nicht zu trauen –
fängt es nicht immer harmlos an,
wenn fern sich schon zusammenbrauen
die Brecher über Maus und Mann?

So weit werd ich’s nicht kommen lassen:
Ich setz mich ab ins Federland,
und tief am Fuß der Kissenmassen
verschlafe ich den Weltenbrand.

 

Voller Fundus

Voller FundusWird mir der Vorrat denn an Reimen
nicht eines Tags zu Ende gehen?
Dies hübsche Aneinanderleimen
von Wörtern, die sich ähnlich sehn?

Schon jetzt hab manchmal ich’s Empfinden,
dass vieles ständig wiederkehrt
und sich im Gleichklang nur verbinden
‘ne Handvoll Silben, die bewährt.

Gewiss kann man sie kombinieren
auf tausendfach verschiedne Art –
doch nur, wie Kräuter variieren,
wenn man den gleichen Eintopf gart.

Dem gilt, Poet, es vorzubeugen:
Die Sprache, die dein A und O,
ist, wie die Größten grad bezeugen,
ein unerschöpfliches Depot.

Geh meinetwegen mit Laterne
bei Stille und bei Sturmgebraus,
bei Tag und Nacht in die Kaverne
und fisch dir die Kleinodien raus!

Ist es der Fülle anzulasten,
verliert sie jemand aus der Sicht?
Vorm reich gedeckten Tisch zu fasten,
geziemt dem Mönch – dem Barden nicht.

Um Vorräte ist mir nicht bange,
man schürf nur fleißger nach ‘nem Fund:
Nicht zaghaft mit der Zuckerzange –
mit Baggern bis zum tiefsten Grund!

Kauffrust

KauffrustWie wählerisch ist doch die Zunge!
An trockne Weine angepasst,
an alte und an frische, junge,
sie jeden Hauch von Süße hasst.

Willst du sie ärgern? Gott bewahre!
Sie würde Gift und Galle spein.
Kauf also „secco“ und erspare
dir diesbezüglich Schererein.

So weit, so gut. Doch auszuschließen
ist leider ja ein Missgriff nie.
Mir selbst gelang’s, den Bock zu schießen
im Krämerladen vis-à-vis.

Ich warf in meinen Einkaufswagen
‘ne Sorte, die mir koscher schien –
bekömmlich für den werten Magen
und für die Seele Medizin.

Da hättet ihr mich sehen müssen,
als ich zu Hause sie probiert –
statt rau den Gaumen mir zu küssen,
hat lieblich sie ihn malträtiert!

‘ne kalte Dusche wirkt nicht schlimmer –
ich zuckte wie vom Nagelbrett
und schwor auf ewig und auf immer
Beachtung für das Etikett.

Ergibt sich gleich die nächste Lehre
fürn Kauf von wichtigem Bedarf:
Mit einem Kneifer dich bewehre,
sind deine Klüsen nicht mehr scharf!

Bilderstreit

BilderstreitWenn meine Augen sich so weiden
am stillen Glanz der Klause hier,
kann ich den Maler nur beneiden,
der Leinwand braucht anstatt Papier.

Den Eindruck, den sein Blick gewonnen,
hält er in Form und Farbe fest,
bis zum Gemälde er geronnen,
das ihn noch gut erkennen lässt.

Die Dichter muss ‘nen Umweg nehmen,
indem mit Worten er beschreibt
und statt Konturn Gedankenschemen
dem Hirn des Lesers einverleibt.

Doch wie’s so geht mit Leidenschaften:
Dem Griffel drum ich nicht entsag
und von dem Zeug, dem schattenhaften,
auch weiter fröhlich schwätzen mag.

Ja, Schuster bleib bei deinem Leisten,
Apelles‘ Kunst ist dir verwehrt,
doch an der Musen Tafel speisten
stets auch Poeten, heißbegehrt.

Einst ging Horaz ja diesen Dingen
in der „Poetik“ auf den Grund
und sah um Bilder beide ringen –
die Malerhand, den Dichtermund.

Doch falls der Leinwand Lücken blieben,
dann gälte sie als fertig nicht.
Ein Blatt indes, nur halb beschrieben,
trägt ein vollendetes Gedicht!

Heute Nachtdienst

Heute NachtdienstOb schon im Schlaf die Musen liegen?
Ich klopfe an. Halb zwei, o je!
Warum denn kalte Füße kriegen?
Die haben einen Nachtportier!

Man wird in den Parnass gelassen
rund um die Uhr und rund ums Jahr.
Kontrollen gibt es nicht und Kassen,
für Kunst nur den Empfangsaltar.

Da legt man seine Gaben nieder,
gemalt, gemeißelt, schriftlich auch,
und zieht sogleich zurück sich wieder
bescheiden, wie es Künstlerbrauch.

Am Opfer mangelt’s mir indessen,
das hier ist noch nicht makellos,
den Göttern noch nicht angemessen
mit ihrem Riecher, der famos.

Ich muss daran noch weiterfeilen,
bis musentauglich wird mein Lied
und aus den hingeworfnen Zeilen
der Geist des Flüchtigen entflieht.

Doch wenn ich’s noch mal überfliege –
ein Prachtstück wird daraus nicht mehr.
Am besten mach ich jetzt die Biege
und trotte morgen wieder her.

Am Abend sprudeln die Gedanken
und sprühen Verse aufs Papier.
Die Nacht indes setzt ihnen Schranken:
Blockade spätestens ab vier!

Verdiente Nachtruhe

Verdiente NachtruheSo klingt es aus, das Wochenende,
mit dieser Sonntagabendruh.
Im Schoße weiln des Bürgers Hände,
der Puschen trägt statt Straßenschuh.

Passanten sind nicht mehr zu hören,
dern Hacke sonst aufs Pflaster knallt.
Die Vesper auch von Krähenchören
ist längst im Raume schon verhallt.

Nur selten sausen noch Karossen
auf dem asphaltnen Gleis dahin
und kommen kaum noch angeschossen
die Kisten mit Sirenen drin.

Wie Balsam legt sich diese Stille
auf eine Stadt, die endlich parkt,
um vorzubeugen ohne Pille
dem Herz- und dem Verkehrsinfarkt.

Bad Hamburg: Eine Metropole,
die sich als Kurort profiliert?
Verdünnte Seeluft als die Sole,
die für die Gurgel man gradiert?

Was wäre daran auszusetzen?
Geschäftig tags und kunterbunt,
verpönt sie’s, nachts sich abzuhetzen,
und schnarcht im Heilschlaf sich gesund.

Das will ich doch mal ausprobieren,
indem ich gleich zu Bette geh.
Werd ich in Träumen mich verlieren,
bevor ich noch um Träume fleh?

Zum Gastmahl geladen

Zum Gastmahl geladen‘ne ausgewählte Freundesrunde
hatt‘ gestern Abend ich zu Gast,
der mit Dionysos im Bunde
den Zecherlorbeer ich verpasst.

Und alle, eingedenk der Ehre,
ha‘m freudetrunken zugelangt,
dass zügig einen Kelch man leere,
um den sich so ein Mythos rankt.

Profan: Es war so ‘ne Art Probe,
wie oft man sie beim Wein schon sah,
nur dass sie zu des Tropfens Lobe
und nicht zu seinem Kauf geschah.

Genuss erfolgte jahrgangsweise:
Erst 97, 90 dann,
danach der önologisch greise
von 83, der gewann!

Reif, abgerundet und mit „Schwänzen“
bezeugte er den besten Stock,
und gern ließ man sich mehr kredenzen
von seinen Brüdern aus Médoc.

Da galt es reichlich durchzuseihen,
denn Schuppen deckten dicht den Grund,
des Rostes Rot ihm zu verleihen,
der widrig dem Genießermund.

So ist der Abend uns vergangen.
Wir alterten mit unserm Wein.
Unmerklich, stetig, unbefangen –
um nichts als älter nur zu sein.