Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Immer windwärts

Immer windwärtsDer Ventilator mir im Rücken
sich schneller als ein Mühlrad dreht,
um Wind sich aus dem Balg zu drücken,
der wogend mich und kühl umweht.

Wär sonst auch gar nicht auszuhalten
bei schwülen 26 Grad.
Aus allen Poren, allen Falten
sucht Schweiß sich seinen Wanderpfad.

Der vormals leidlich steife Kragen,
dern Hals als breites Band umschließt,
wie’n Lappen nun darumgeschlagen,
der weich in salz’gem Sud zerfließt.

Weg mit der schleimigen Kompresse,
weg mit dem durchgeschwitzten Hemd!
Und was am Leib noch pappt an Nässe,
das wird vom Quirl davongeschwemmt.

Was soll ich mich erneut beklagen
über die Hitze-Euphorie,
die viele auf der Zunge tragen
geduldig wie das liebe Vieh?

Denn wird mir diese Glut zu krude,
muss ich mal dringend aus dem Haus –
wetz rasch ich wieder in die Bude,
knips hinter mir die Sonne aus.

Und hocke, statt in Schweiß zu baden,
im schattigsten Elysium,
im Sang geborgen der Zikaden –
des Windrads seligem Gesumm.

Kleine Freuden

Kleine FreudenKeine besondren Vorkommnisse.
Der Tag, er schleppte sich dahin
als Schnecke auf der Zeitabszisse
mit Wackelbauch und Doppelkinn.

Nicht dass ich nicht erledigt hätte,
was heute er von mir begehrt,
doch in der ew’gen Pflichtenkette
ist das ja kaum der Rede wert.

Ein bisschen Einkauf, Staubverteilen,
mit feuchtem Lappen Streifen ziehn,
die Nägel schneiden und befeilen,
zum Feudeln auf den Fliesen knien.

Allein dass dieses ich erwähne –
ich müsst mich schämen als Poet!
Nicht ein Moment, nicht eine Szene,
die gern in Versen man verbrät!

Doch mag sich drum auch Unmut regen –
erzwingen lässt sich so was nicht.
Soll etwa selbst ich Feuer legen,
es zu besingen im Gedicht?

Zum Nero bin ich nicht geboren,
hab eher Epikur im Blut –
auf kleine Freuden eingeschworen,
zufrieden stets und frohgemut.

Und überhaupt: Auch dieses Leben,
das man verächtlich Alltag nennt,
hat so viel Poesie zu geben,
die unsre Poesie nicht kennt!

Volkszählung

VolkszählungWenn brave Bürger Schafe zählen,
damit der Schlaf sie übermannt,
was mag zu diesem Zwecke wählen
ein Präsident, der weltbekannt?

Lässt er, den Schlummer zu forcieren
und seinen Motor abzudrehn,
die Leichen wohl Revue passieren,
die alle auf sein Konto gehn?

Die Toten, die er mit Erlassen
und Federstrichen generiert,
dass Gräberstätten sie nur fassen,
die für Legionen konstruiert?

An Bildern wird es ihm nicht fehlen,
wenn nächtlich er die Lider schließt,
doch keines davon wird ihn quälen,
da mit Kalkül er Blut vergießt.

Charakterzug der Diktatoren:
Ein mitleidloser Größenwahn.
Die Macht verleiht dem Ehrgeiz Sporen:
Hier kommt der neue Tamerlan!

Drei Handbreit schon im Sturm genommen,
ein Krümelchen vom Erdenkreis.
Und zig sind dabei umgekommen –
fürn Haufen Dreck ein Wucherpreis!

Doch er wird weiter Opfer machen
und Dreck erschachern gegen Blut –
bis eines Tages, bös Erwachen,
er selber in der Kuhle ruht!

Tagewerk geschafft

Tagewerk geschafftDas nächste Blatt ist abgerissen
vom schwindenden Kalenderblock,
‘ne neue Ziffer sitzt beflissen
auf unsrer Reise Kutscherbock.

Was mag wohl von dem Tage bleiben,
der grad vollendet seine Bahn,
um unaufhaltsam fortzutreiben
in des Vergangnen Ozean?

Nur wer ein großes Glück gefunden
in diesem flüchtigen Moment,
ihn bis in seine letzten Stunden
voll Seligkeit beim Namen nennt.

Und wer in dieser winz’gen Dauer
das allergrößte Unglück litt,
nimmt sicher dieses Tages Trauer
bis in den Tod getreulich mit.

Wem aber ohne Emotionen
in stetem Fluss die Zeit verrinnt,
dem wird nichts im Gedächtnis wohnen,
worauf er lebhaft sich besinnt.

Darum ich schleudere Gedichte
als Flaschenpost in dieses Meer,
dass irgendwann sie jemand sichte –
und so der Tag gerettet wär.

Doch etwas Ordnung ist vonnöten,
damit die Sache funktioniert –
denn jedes Zeitgefühl geht flöten,
wenn man die Handschrift nicht datiert!

 

Nur Naturersatz

Nur NaturersatzIn meine Chronik eingeschrieben,
die ich in lockrer Folge führ:
Den ganzen Tag zu Haus geblieben,
kein Schrittchen vor die Wohnungstür.

Die Lust dazu war schon vorhanden;
die Sonne lud mich freundlich ein
und luden mich auch die Girlanden,
im Straßengrün die Blümelein.

Die Vögel (Tauben mal beiseite)
ließen ihr lieblich Lied erschalln,
in das aus blauer Himmelsweite
die Engel schienen einzufalln.

Wie gern ich doch gesessen hätte,
von Efeu, Geißblatt überdacht,
in einer Laube Schattenstätte,
die Kühle alle Ehre macht!

Doch wohin sollte ich da eilen?
Kein lausch‘ges Plätzchen nahebei.
Und niemand auch, um es zu teilen
in unbeschwerter Plauderei.

In dieser ausweglosen Lage
bot mir die Technik ihre Hand –
ein Windquirl, der mit einem Schlage
mir Frische auf den Hals gesandt.

Und musste etwa ich verzichten
auf einer Stimme süßen Laut?
Er säuselte beim Luftumschichten
so plappermäulig, so vertraut!

 

Moderner Sonnengesang

Moderner SonnengesangDie Radiowetterfrösche quaken
mal wieder ihr Magnifikat:
Von Bensersiel bis Pelzerhaken
fast vierzehn Stunden Sonne satt!

Und jeder Grad mehr auf der Leiter,
die zwischen Eis und Dampf verläuft,
erhitzt den Moderator weiter,
der Kyrie auf Kyrie häuft.

Die Sonne lässt das Gras verdorren,
das Vieh sucht Schatten im Verschlag –
die Frohnatur, Applaus zu schnorren,
singt Hymnen auf den Lichtertrag!

Mir geht die Hitze auf den Senkel,
zumal wenn sie von Schweiß schon feucht
und man vom Nacken bis zum Schenkel
ein Tropfenfängertüchlein bräucht.

Ich wünschte mir den Sprücheklopfer,
der da Hosianna psalmodiert,
gern mal als Brand- und Blasenopfer,
das seinen Sonnenstich kuriert!

Dann würd am eignen Leib er spüren,
wozu die Strahlen fähig sind,
und seinen Mikrostarallüren
nicht mehr vertraun so wetterblind.

Vielleicht. Die Brüder sind ja zähe
und gegen Rüffel resistent.
Wie sehr ich auch dagegen krähe –
die jubeln, bis die Hütte brennt!

Fast ein schöner Tag

Fast ein schöner TagDas war ein Tag so recht zum Schmusen,
schön warm und gar nicht schwül dabei.
Am blauen Himmel nicht ein Flusen –
blitzblank gefegt wie’n Hirschgeweih.

Die Sonne schickte ihre Schauer
aus goldnen Funken übers Land
mit einer ausgemachten Dauer,
die rosa erst ihr Ende fand.

Auch atmete in ruh’gen Zügen
‘ne leichte Brise unentwegt,
dem Wunsch nach Kühle zu genügen,
den auch der größte Hitzkopf hegt.

Und dann die Bäume und die Blumen –
wie konturiert und farbensatt
in diesem Bad von Lux und Lumen,
das heller war als tausend Watt!

Ja, mehr, als ob die ganze Erde,
ihr höchste Würde zu verleihn,
von einem Ohr zum andern werde
bekränzt mit einem Heil’genschein!

So etwas ist nicht leicht zu kriegen,
da braucht’s ‘nen Sommertag wie heut,
an dem sogar die Harleys schwiegen,
die übers Land sich wohl verstreut.

Rein nichts hat darauf hingedeutet,
dass noch ein Unheil in Verzug –
und dennoch wurd er ausgeläutet
mit Trauer übern Unglücksflug.

Bildsprache

BildspracheWir sind umringt von Gegenständen
von ausgesuchtem Sinn und Zweck,
die alle einzeln zu verwenden
wie Werkzeug aus dem Marschgepäck.

So sitz ich etwa, um zu schreiben
am Küchentische dann und wann,
den auch man zum Kartoffelreiben
und Suppelöffeln nutzen kann.

Doch um mal reinen Tisch zu machen,
brauch ich des Lappens Hilfe nicht,
geschweige Salben und so Sachen,
sofern mich mal der Hafer sticht.

Denn oft ist wörtlich nicht zu nehmen,
was doch so unvermittelt klingt –
ein Bild nur für die trocknen Themen,
die so man spritzig rüberbringt.

Kann in Prozenten wer es sagen,
was wirklich ist und was Symbol?
Da müsste man die Pfaffen fragen,
die führend auf dem Sektor wohl.

Von Adams Apfel bis zur Taube,
vom Lamm bis hin zu Wein und Brot –
der bildgewalt’ge Christenglaube
kommt niemals in Erklärungsnot.

Auch ich bezeichne gern als Klause
mein lärmgeplagtes Domizil.
So wünsch ich mir halt mein Zuhause –
auch wenn ich weiß, es hilft nicht viel.

Kreislaufbeschwerden

KreislaufbeschwerdenMit schrillen Schreien er verkündet,
dass in die Welt er eingeborn,
rücklings in seinem Pfühl gegründet
wie’n Käfer, der den Halt verlorn.

Er wächst und lernt, auf eignen Füßen
den Dingen auf den Grund zu gehn,
kriegt hin und wieder mal ‘nen Süßen
und glaubt, verstanden, zu verstehn.

Doch dann die langen Schülerjahre!
Das Büffeln nimmt kein Ende mehr.
Da häuft man Wissen wie ‘ne Ware
mit Mängeln und Verfallsgewähr.

Und aus dem Hamsterrad entlassen,
erwartet ihn das nächste schon –
ein Leben in den engen Gassen
von Job, Beruf und Profession.

Inzwischen hat sich wer gefunden,
der gern sein Schicksal mit ihm teilt.
Dann macht er ein paar Überstunden,
bis Nachwuchs in der Wiege weilt.

Der meldet sich mit schrillen Schreien
wie’n Pichelbruder beim Kommers,
und für sein weiteres Gedeihen
verweis ich auf den zweiten Vers.

So ähnlich auf dem Lebenswege
sind alle Wesen der Natur.
Der Mensch nur, eitle Imagepflege,
erschuf sich Gottes Sonderspur!

Wechselnder Geräuschpegel

Wechselnder Geräuschpegel2Geräusche fetzen aus dem Flure –
man ist im Haus ja nicht allein!
Gelächter. Stille. Neue Fuhre
von Jauchzen und Verzückungsschrein.

So mehrfach. Bis zum Türenklappen:
Das Stimmgewirr miteins verstummt.
Nichts andres ist noch aufzuschnappen
als Laute, die sich dick vermummt.

Ist wohl die Party zum Finale.
Ob unser Team den Sieg erringt?
Man hockt gemeinsam vorm Kanale,
der es aus Rio rüberbringt.

Um Freude und Erfolg zu tragen
in kollektiver Seligkeit –
und, falls die anderen uns schlagen,
zu teilen der Enttäuschung Leid.

Indes die Fußball-Leidenschaften,
in welche Richtung sie auch gehn,
ich muss sie ganz allein verkraften
und solo in die Röhre sehn.

Doch wer ist wirklich schon alleine
in dieser wuseligen Welt?
Der deutschen Kicker Wadenbeine
behaupten heute ja das Feld –

Und machen, dass im Treppenhause
die Stille wieder jäh vorbei:
Da lacht und lärmt es ohne Pause –
und jeder Laut ein Jubelschrei!