Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Warmer Empfang

Warmer EmpfangAls jüngst ich wieder hier gelandet
als Vogel im vertrauten Nest,
war leicht und luftig ich gewandet,
wie man den Süden halt verlässt.

Doch hieß mich hier mit gleicher Hitze
der erste Tag willkommen schon,
dass ich seitdem „bei Muttern“ sitze
wie ein verlorner Wüstensohn.

Motto: Vom Regen in die Traufe,
sofern das mit der Sonne geht.
Ich warte erst mal und verschnaufe,
bis sich der Wind womöglich dreht.

Ihr meint, ich sollte eh’r frohlocken,
dass mir St. Peter wohlgesinnt
und wollewarm und knochentrocken
mein borealer Trip beginnt?

Was wisst ihr von den heißen Träumen,
die unter Palmen grad gedeihn,
wenn in den aufgeheizten Räumen
die Glieder nach Erfrischung schrein?

Man kann nicht nur in Sonne baden,
gefärbt vom Salz des Himmelblaus,
selbst Luxus hängt nach Strich und Faden
dir irgendwann zum Halse raus.

Ein bisschen Kühle, bisschen Nieseln,
das war’s, worauf ich mich gespitzt.
Doch mag’s damit zurzeit auch kriseln –
Hammonia hat’s noch nie verschwitzt!

Anhaltende Baulust

Anhaltende BaulustNun war ich weg ‘ne ganze Weile
und guck, da schließlich heimgekehrt,
hier rauf und runter meine Meile,
ob sie mich etwas Neues lehrt.

Die Baumanie ist ungebrochen,
wie mir der erste Blick schon zeigt.
Denn um nach Kräften abzukochen,
man stark zur Immobilie neigt.

Da drüben in dem Straßenbogen,
der Brachland lange Zeit umschloss,
sind jetzt Fassaden hochgezogen
durchgängig bis zum Dachgeschoss.

Und auch dahinter recken Kräne
den Schwanenhals aus diesem Meer,
dass es sich immer weiter dehne
in Welln, zement- und ziegelschwer.

Ja, selbst hier unten an der Ecke
die Apotheke, die ich nutz,
gab, sicher zu gesundem Zwecke,
sich einen frischen Sonntagsputz.

Wann wird der Mensch mal Ruhe geben?
Er wirkt und werkelt ohne Rast,
als ob sein Acht-Jahrzehnte-Leben
die ganze Ewigkeit umfasst!

Im Notfall baut er Pyramiden,
dass er in Stein unsterblich sei –
und west als Toter fort hienieden
mit einer Mumie Konterfei.

Echter Budenzauber

Echter BudenzauberDass man mal überwältigt wäre,
ist selten wie ein Bindestrich,
nur Freude gibt sich oft die Ehre,
Begeisterung gelegentlich.

In unserem Gefühlskataster
ist Überschwang nur schwach markiert,
es sei denn der für Liebeslaster,
der uns hier wen’ger int’ressiert.

Doch grade weil so kurz gehalten
die Glut, die in den Adern schwelt,
kann sie zum Ausbruch sich entfalten,
wenn es an Brennstoff ihr nicht fehlt.

Stellt euch mal vor, nach langer Reise
kehrt ihr zurück ins Domizil –
das sich auf wunderbare Weise
verändert hat mit Stumpf und Stiel!

Wo alles strahlt in neuem Glanze –
geweißt, entrümpelt und möbliert,
und aus dem alten Totentanze
Komfort und Frische generiert.

Als ob mit ihrem Zauberstabe
hier eine Fee gefuchtelt hätt,
dank dessen Heinzelmännchengabe
blitzsauber alles und adrett.

Das war es, was mich umgehauen.
Wär untertrieben, mich zu freun.
Werd morgen nach den Wichteln schauen –
da muss ich keine Erbsen streun.

Fan-Abend

Fan-AbendMan hupt die Freude in die Stille!
Sieg für den eigenen Verein!
Das Leder als Begeist’rungspille,
schlug es im Tor des Gegners ein.

Aus den Lokalen rings auch fliegen
die Sprechgesänge mir ins Ohr
der Fans, die nicht die Kurve kriegen,
als nimmermüder Schlachtenchor.

Für Fußball bin ich kein Experte.
Ich guck mir selten Spiele an.
Nur dem Ergebnis auf der Fährte,
beschäftigt er mich dann und wann.

Für wen und was sollt ich auch brüllen?
Für Siege, die ich nicht erstritt?
Für Youngster, die ihr Säckel füllen
mit Ballgeschubs im Sauseschritt?

Mit Tempo, Technik, Winkelzügen
ein Sport, der immerhin gefällt
und manchem Anspruch kann genügen,
den man an Spaß und Spannung stellt!

Doch dass mit Trommel ich und Tröte,
Vereinstrikot und Transparent
den Narrn zu spieln mich je erböte,
bestreite ich hier vehement.

Ein schöner Zeitvertreib im Leben,
der manchmal gar vom Hocker reißt –
indes zum Kult ihn zu erheben,
zeugt eher von profanem Geist.

Stilles Örtchen

Stilles ÖrtchenVersteckt war er, der kleine Hafen,
der heute unser Ausflugsziel,
an einem Plätzchen, das verschlafen,
doch malerisch mit eignem Stil.

Um dieses Kleinod zu erhaschen,
musst man auf Berg- und Talfahrt gehn;
die Kurven hatten sich gewaschen,
die fast schon Pirouetten drehn.

Doch endlich dann die letzte Biege
plus Parkplatz Marke „Arsch der Welt“,
wo unsre brave Motorziege
wir zum Verschnaufen abgestellt.

Zu Fuß dann durch die Sperre. Jachten
von jeder Art, von A bis Z,
verschliefen da im Wind, im sachten,
die Siesta in ‘nem Wasserbett.

Beschirmt von mächt’gen Felsenwänden,
die steil sich türmten ringsherum,
dass Stürme keine Zuflucht fänden
in diesem Schiffsrefugium.

Wir dümpelten gleich diesen Booten
an unserm Tischchen auf dem Kai.
Geschwätz, Gewitzel, Anekdoten:
Der Müßiggänger Litanei.

Wir waren fast die einz’gen Gäste
nebst einem Briten mit Tattoo.
„Marina“ hieß der Ort, „del Este“ –
Geheimtipp für die Sonntagsruh.

So was wie Fallobst

So was wie FallobstHeut hatt ich auf dem Einkaufszettel
auch eine Birne mir notiert,
da über Herd und Schneidebrettel
die nicht mehr glühte wie geschmiert.

Mit einem Seufzer jäh verblichen,
nach langer Treue durchgebrannt,
hab ich sie aus dem Sinn gestrichen,
als ich die Fassung wiederfand.

Doch in der Küche so im Dunkeln
geht’s ohne Fingerschnitt nicht ab,
da muss einfach ein Lichtlein funkeln,
damit man nicht in Fallen tapp.

‘ne „Vorrede auf dem Theater“.
Da nötig, hier Geschwafel nur.
Das Kind indes, des Mannes Vater,
schätzt immer noch die Quasseltour.

Kurzum, ich hab so ‘n Ding gefunden
in meinem Lieblingssupermarkt,
das extra da für Schnäppchenkunden
im Sonderpostenpool geparkt.

Das Gute dran: Ein nettes Wesen,
das in dem Laden da zu Haus,
hat mich, den Irr’nden, aufgelesen
und fischte mir die Ware raus.

Das Schlechte folgte auf dem Fuße:
Kaum heimgekehrt am Strand entlang,
zog aus der Schachtel ich in Muße
ein Lichtobjekt – das gleich zersprang!

 

Unverhoffter Umschwung

Unverhoffter UmschwungDer Morgen war noch grau verhangen.
Die Palmen flatterten im Wind.
Paar Leute sind mit Schirm gegangen
tief vor den Augen, wegeblind.

Da konnt ich keine Hoffnung hegen
auf einen Tag an frischer Luft,
sah einem Hausarrest entgegen
mit strengem Bohnenkaffeeduft.

Doch weit gefehlt. Auf diesen Himmel
ist so und so ja nie Verlass.
Der Wolken düsteres Gewimmel
verschwand wie ‘n Floh im Regenfass.

Ganz langsam also notabene –
und mittags war es aufgeklart.
Azur beherrschte voll die Szene,
als Mouche die Sonne drin apart.

Wie gerne ließ ich mich verlocken
von der erheiterten Natur,
nicht länger hinterm Herd zu hocken –
so dass ich in die Latschen fuhr.

Ein Strandlokal war grade richtig
für meinen Durst auf Luft und Licht.
Da saß ich einsam, null und nichtig,
als Gast der zweiten Kellnerschicht.

Die Sachen aber, die bestellten,
die waren eines Königs wert.
Das beste Urteil drüber fällten
die Spatzen, die sie heiß begehrt.

Frank und frei

Von der Leber wegSei es im Urlaub, sei’s zu Hause,
da gibt es keinen Unterschied –
das ganze Land ‘ne Dichterklause,
in die man sich zum Reimen flieht!

Kein Schnüffler pocht dir an die Pforte,
dein stilles Schaffen zu vergälln,
kein Zensor fordert zum Rapporte
Geschriebenes, dich bloßzustelln.

Gedanken lässt man und Gefühlen
nach Gusto einfach freie Fahrt
und kann auch mal sein Mütchen kühlen,
sofern dabei die Form gewahrt.

Kein Terror mehr von Staatsorganen,
die auch den kleinsten Freiheitsdrang
in Worten ihrer Untertanen
mit Kerker ahnden lebenslang.

Kein Terror mehr von Klerikalen,
„aus Liebe“ so in Hass entflammt,
dass sie zu mörderischen Qualen
den kleinsten Widerpart verdammt.

Es ist, o saeculum, zu leben,
auch heute eine wahre Lust.
Man braucht den Griffel nur zu heben
und nimmt sich alle Welt zur Brust.

Nun ja, auch diesmal mischt sich Galle
ins Bild, das auf Europa passt:
Das Maul aufreißen könn’n nicht alle –
der halbe Globus ist ein Knast.

Zwangsweise Nachtschicht

Zwangsweise NachtschichtEs geht auf zwölf. Warum noch dichten?
Auch der Poet braucht seinen Schlaf.
Das Oberbett, die Kissen richten.
Und dann geschnirchelt still und brav.

Ach, wenn das mal so einfach wäre!
Die Augen zu und Schäfchen zähln
und schon beim zehnten kommt die Schwere,
mit Morpheus fest mich zu vermähln?

In Wirklichkeit quäln mich noch lange
Gedanken, flutend, flüchtig, kraus,
und wenn ich dann zu zähln anfange,
wird leicht ‘ne Mammutherde draus.

Drum bette ich mich lieber später,
bleib wachsam übers Blatt geneigt,
bis schließlich auf dem Gähnometer
der Pegel „hundemüde“ zeigt.

Dann kommt der Schlummer von alleine,
das Wollzeug wird nicht aktiviert,
des Schafskopfs eigne Hammelbeine
sind augenblicks zu Blei mutiert.

Ihr habt es also auszubaden,
Verirrte, die ihr dieses lest,
dass nachts oft halb nur aufgeladen
der Geist, der mir ins Feuer bläst.

Doch seid gewiss, ich geb mir Mühe,
dass dennoch meine Flamme brennt
und heiß aus jeder Zeile glühe
die Leidenschaft – bevor sie pennt.

Düsteres Vorzeichen

Düstere VorzeichenDer letzte Tag vorm Heimatfluge.
Nach Nerja geht noch mal die Fahrt.
Des Freundes Auto kommt zum Zuge,
das rüstig rollt, obwohl bejahrt.

Wir bummeln nach Touristenweise
mit einem Blick, der träge schweift
und bestenfalls die Ladenpreise
mit höherem Bewusstsein streift.

Die Folgen sind nicht ausgeblieben.
Ein Shop mit Souvenir-Bedarf
macht uns im Schubsen und im Schieben
mit einem Mal auf Schnäppchen scharf.

Doch kaum ham wir da was erstanden,
stellt sich ein Peterwagen ein,
was wir natürlich seltsam fanden
so ohne Mord und Räuberein.

Die Ladenhüterin, beschlagen,
indes räumt ihre Ständer weg,
um Platz zu schaffen für den Wagen
und den dahinter fahrnden Treck.

Da wand sich aus den engen Gassen
ein dunkler Trauerzug hervor,
in diesem Labyrinth zu fassen
der Kirche fernes Eingangstor.

Ein Omen, sollte ich doch meinen,
dass man auch mir die Rosse schirrt.
Als Hinterbliebne werden weinen
Bodegafrau und Kneipenwirt.