Archiv der Kategorie: Stadt

Etwas Heimatkunde

Etwas HeimatkundeDie Bucht zog sich in kühnem Bogen
an eines Hügels Fuß entlang.
Hoch überm Strand die Möwen flogen
mit kreischendem Gesang.

Vom Wind gegerbt und Winterregen
lag grau und schwer der Ufersand.
Gebälk durchschnitt, dem Meer entgegen,
wie Stege ihn, die eingebrannt.

Nur fünfzig Meter vom Gestade
lief ihm ein Weg getreulich mit –
nicht breit wie eine Promenade,
doch für ‘nen Schulterschluss zu dritt.

Gesäumt war er von Dornenhecken,
so nackt und spitz wie Stacheldraht –
die, wenn die Blüten sie erst decken,
wohl reizend schmücken diesen Pfad!

Ein Gasthaus war hier nirgends offen
für etwas Warmes auf’n Sprung.
Gardinen aus gediegnen Stoffen
vor Stuben voller Dämmerung.

Ins Dorf hinauf! Den Hang erklommen
durch das Gehölz vor seiner Tür!
Und schon bei Häuschen angekommen
mit ausgeprägtem Normgespür.

Verwittert? Kann man so nicht sagen –
doch wohl ein bisschen angegraut.
Des Alters erste Spuren tragen
die Katen, vor dem Krieg gebaut.

Beim Schlendern jemanden wir trafen,
der seinen Wagen grad entlud.
Wir hatten unsern Gruß verschlafen,
bis er sein „Moin!“ zu brülln geruht.

Das alte Dorf! Vor hundert Jahren
schon nahm es Gäste in Quartier.
Die Männer, statt zur See zu fahren,
verdienten ihre Heuer hier.

Gewinn war’s auch von unsrer Warte,
den Jägern nach dem Unikat –
bereichernd unsre Wanderkarte
mit Hohwacht. Bucht und Ostseebad.

Kleiner Donner

HintergrundgeräuscheGewitter? Nein – beim zweiten Hören
ein Feuerwerk nur irgendwo.
Doch statt mein Auge zu betören,
brennt`s hinter Dächern lichterloh.

Wie Glühwürmchen nur Autos huschen
durch der Gardine Maschenzaun.
Ich bastle wieder Liederluschen –
am Tisch, wo andre Essen kaun.

Ach, wie der Knüppel, der vom Hauen
nicht abließ, eh der Bann gelöst,
muss ich wohl fleißig Verse bauen,
bis in die Kuhle man mich stößt!

Doch gibt`s nicht schlimmere Manien?
Geschreibsel, das im Schapp verstaubt!
Nichts was in fremde Ohrn geschrien,
denselben die Besinnung raubt!

Dafür jetzt Martinshorngeleier!
Sie hörn es nicht? Dann sei`n Sie froh!
Man lebt hier nicht an Wald und Weiher,
nein, dicht beim Feuerwehrdepot!

Jetzt Pyro-Böller-Donnerschläge.
Mein Heim wird zum Kanonenrohr!
Als Ausgleich zu besäuseln pflege
ich das Idyll am Gartentor.

Ein Tisch gehäufter Illusionen,
Geschirr gleich, das man stehen lässt.
Ich kann ihn nicht davon verschonen –
der Träume ungekautem Rest.

Das Blatt muss ich zur Lampe schieben,
dass ich die Zeiln erkennen kann –
die Augen sind nicht jung geblieben
und blinzeln müde dann und wann.

Auch kann ich mich dabei ertappen,
dass Bilder melden sich verstohln
vom Kindheitsort, wo fahle Knappen
das schwarze Gold zu Tage holn.

Wie oft sah ich den Tag schon bleichen,
das Fenster mit Gestirn gefüllt,
die ew’ge Wiederkehr des Gleichen,
die `s Altern uns der Zeit verhüllt!

O Glas, in Mauern eingelassen,
das du dem Blick die Welt erschließt –
wie muss den Spiegel man da hassen,
wo in der Miene man nur liest!

Zeigt Furchen schon bei kurzem Äugen,
die ihr die Jahre eingepflügt,
und Tränen mögen wohl bezeugen,
dass dieses Konterfei nicht lügt.

Gewitter nicht, Naturgewalten –
nein, Garben flücht’gen Feuers nur,
die steigend langsam schon erkalten,
und fall’nd verhauchen ihre Spur.

Kurz abgetaucht

Kurz abgetauchtMir ist`s wie in `ner Taucherglocke
hier im bescheidnen Zimmerlein,
wo halbwegs ich im Schatten hocke
bei falbenfahlem Lampenschein.

Von draußen stört kein Laut die Stille
und drinnen nur mein Atemzug,
als ob des nahen Meeres Wille
mich wirklich unter Wasser trug.

Durchs Bullaug’ blick ich: Schwarze Masse,
an der man sich die Nase stößt.
Ein Bursche bloß von seltner Rasse
laternenhäuptig darin döst.

Kein Kalmar, kein betagter Krake,
der träge durch die Wogen pflügt –
nichts rührt sich in der trüben Lake,
die träumerisch sich selbst genügt.

Nur etwas weiter in der Ecke,
die optisch grad ich noch im Griff,
so was wie`n Wrackteil ich entdecke –
den Bug von einem Kirchenschiff!

Schon schlägt mein Herz mit Freud und Bangen,
dass ich `nen seltnen Fund gemacht:
`nen Ort, der einst zu Grund gegangen
in einer einz`gen Sturmesnacht!

Da schrillt wie`n Wecker in den Schlummer
auf einmal mir das Telefon –
und reißt zu meinem größten Kummer
mich aus der Tiefsee-Illusion!

Außenwerbung

AußenwerbungWenn ich mal aus dem Fenster blicke,
kuck ich auf `ne Reklamewand.
Dern Mieter haben’s sicher dicke,
denn riesig wirkt sie und markant.

Nicht einfach `ne pompöse Pappe,
die da wer weiß wie lange klebt,
bis vier, fünf Jahre später, schlappe,
sie blätternd sich vom Boden hebt.

Nein, eher so was wie ein Segel,
das an den Seiten gut geschnürt
und das man bis zum höchsten Pegel
an Schoten in den Himmel führt.

Doch müssen auch nach oben steigen
die Burschen, die das Ding montiern,
und ihre Kletterkünste zeigen,
um an der Wand nicht abzuschmiern.

Und schließlich zerren sie und zurren
das Plastiklaken derart fest,
dass, mag das Windrad noch so schnurren,
es sich nicht blähn und knicken lässt.

Erledigt. Und der Lohn der Mühen?
Ein Bild, das in den Lüften schwingt
und mit Krediten, Quark und Kühen
gleich jedermann ins Auge springt.

So kriegt denn im Vorübergehen
und –fahren unser Bürger mit,
was er noch dringend muss erstehen
an dem und jenem Killefit.

Als Sokrates` gefühlter Erbe
mir jedes Marktgeschrei missfällt –
dies balzhaft blendende Gewerbe
um Kunden und ihr liebes Geld.

Und doch kann ich mich nicht entziehen
dem, was verlockend da gemalt,
wenn mit dem Licht, das ihm geliehen,
es nachts in meine Träume strahlt.

Im Stau

Im StauDie Lebensmittel, grad erstanden
am angestammten Einkaufsort,
wie üblich erst einmal verschwanden
im Kofferraum für den Transport.

Dann kletterten wir in die Kiste
und nahmen unsre Sitze ein,
um auf der altvertrauten Piste
ruckzuck gleich wieder heim zu sein.

Doch nur ein paar Minuten später
war’s aus mit der beschwingten Fahrt,
weil eine Schlange, Kilometer!,
sich plötzlich vor uns offenbart.

Da hieß es in die Eisen steigen,
dass man ihr auf den Schwanz nicht trat,
und ungewollt sich vorwärts neigen
so à la Bodenakrobat.

Ist grade noch mal gutgegangen,
zwei Zentimeter weiter und…
Dafür in diesem Stau gefangen,
der kaum ein besserer Befund!

Wir hatten aber keine Eile
und waren mäßig nur frustriert.
Geplaudert und aus Langeweile
die Staugenossen inspiziert!

Ein Musterbuch der Automarken
war aufgeschlagen ringsherum –
mit großen, kleinen, schwachen, starken,
mit Mittelmaß und Premium.

Und wie es üblich in `nem Buche,
wo sich ein Bild ja nicht bewegt,
schien’s, dass gebannt von einem Fluche
das Blech hier feste Wurzeln schlägt.

Mercedes standen da und Porsche,
der Tiguan und der Touareg,
der ganze Nobelclub, der forsche,
hier lahmgelegt an einem Fleck.

Doch dann ist Leben reingekommen.
Man hat sich schließlich Luft verschafft
und wieder Tempo aufgenommen
nach seiner Pferde Leistungskraft.

Der Eitelkeit die Zügel schossen,
je mehr der Tacho hochgeschnellt,
und rasch war zwischen Boys und Bossen
der Abstand wiederhergestellt.

Die Stockung aber stimmt mich heiter,
weil blind sie für den Status ist:
Der dickste Schlitten kommt nicht weiter,
wenn noch so viel er Super frisst!

Mobile Kirche

mobile kircheAls ob ihr Wunsch Gehör nicht fände
bei einem Gott, der nicht präsent,
klatschen sie erst mal in die Hände,
damit er weiß: Hier ein Petent!

So ist an fernen Shinto-Schreinen
seit alters es der Gläub’gen Brauch –
und doch, man sollte es nicht meinen,
gibt’s das im Abendlande auch.

Wie anders wäre es zu deuten,
wenn Biker in den Himmel wolln
und als Motorradfahrer-Meuten
laut orgelnd durch die Straßen rolln?

Das ist ein einziges Gedröhne,
das auf dem Kirchplatz kulminiert
und mit der Urgewalt der Töne
die taubsten Götter aktiviert.

Es ruft den Pfaffen auch zur Stelle,
der in der Götter Namen spricht
und hier auf ihres Hauses Schwelle
mit pfingstgestütztem Geist besticht.

Da abgestellt nun die Motoren
und ab der Schutzhelm zum Gebet,
die Predigt und dann des Pastoren:
„Gesegnet Mensch und Fahrgerät!“

Dann ruckeln sie auf ihren Sitzen,
die Sohle auf den Hebel stößt,
um jäh im Schwarm davonzuflitzen,
als wärn auf einmal sie erlöst.

Ein Zeichen wär’s der Nächstenliebe
an all den Nachbarn nahebei,
dass dies Gejage und Geschiebe
doch möglichst ohrenschonend sei.

Wer aber so was sich erhoffte,
der kennt die gute Kirche schlecht,
die mit der ganzen Welt sich zoffte,
ging’s um ihr Wohl, das stets „gerecht“.

„Der Rocker sucht den Gottesfrieden!“ –
das Highlight für den Werbezweck.
Und unser Pfaff, ein Fuchs hienieden,
der Meute fröhlich vorneweg!

Wieder Ruhe eingekehrt

Wieder Ruhe eingekehrtSchon wieder deckt mit mächt’gen Schwingen
die Nacht auch diesen Winkel zu,
und aus dem Hintergrunde klingen
nur Wellen in die Grabesruh.

Wiewohl nur von bescheidnen Maßen
das Städtchen hier, in dem ich haus,
lässt es bei Tag nicht mit sich spaßen
und holt den dicken Hammer raus.

Da brummen ständig die Motoren,
da kreischen Bremsen immer mal,
da dröhnen Hupen in die Ohren
wie Wutgeheul am Marterpfahl.

Und dann die quirligen Passanten!
Das schwätzt und schwafelt unentwegt
wie ausgemachte Kaffeetanten,
von süßer Sahnelust erregt.

Ja, öfter auch der Kirchenglocken
Attacke aus der Ewigkeit,
die jeglichen Gedanken blocken
mit Bimmeln, das zum Himmel schreit.

Das alles ist nun abgeschaltet,
der ganze Lärm auf Eis gelegt,
Irene, Friedensgöttin, waltet,
Hephäst der Waffenruhe pflegt.

Und unser Dichter, versbesessen,
versenkt sich in des Hobbys Müh,
dass ein paar Stunden weltvergessen
er Tinte auf die Blätter sprüh.

Wir wollen ihn nicht weiter stören
und lassen ihn, wie er da hockt.
Er lässt von selbst sich wieder hören –
und sehn, was er dabei verbockt.

Stetes Lärmproblem

Stetes LärmproblemUnunterbrochen dies Gelärme –
wann hält sie einmal still, die Stadt?
Wie’n Motor wälzt aus dem Gedärme
sie endlos, was an Mumm sie hat.

Die Siegespalme für die Wagen,
die nächtlich, wenn die Piste frei,
von einem Busch zum nächsten jagen
wie’n Sandsturm in der Wüstenei!

Und nur vier Dezibel dahinter,
unangefochten zweiter Platz,
die bullig-brumm‘gen Zweirad –Sprinter,
die Harleys auf der Ampelhatz.

Auch Ambulanzen tun das ihre,
dass der Spektakel lückenlos
und nicht in Stille explodiere,
die gähnend wie in Abrams Schoß.

Das dröhnt und donnert in den Ohren,
das blitzt und flimmert vor dem Aug,
dass nicht ein Bürger ungeschoren
am Feierabendpfeifchen saug.

Geschweige denn imstande wäre
ein Dichter, sich zu fokussiern
auf Zeilen, die die Standesehre
mit frischem Lorbeer aufpoliern.

Zwar gibt es sie, die Unentwegten,
wie man’s ja hier auch wieder sieht –
doch hämmert Schmuck nicht, den gepflegten,
nur Grobes, ach, der Verseschmied!

Dickhäutige Bauten

Dickhäutige BautenMein Dank gilt heute den Erbauern
von Häusern, die aus einem Guss!
So sitz ich hinter dicken Mauern,
als wär ich wunders weit vom Schuss!

Der Nachbar mag die Laute schlagen,
die Stimme heben wie’n Prophet,
die Wäsche durch die Trommel jagen –
und alles meinem Ohr entgeht!

Tief eingemummt in meine Wände,
die gut gefüttert sind mit Stein,
haus friedlich ich in ‘nem Gelände,
wo selbst die Musen noch gedeihn.

Gerade jetzt zu dieser Stunde,
da längst verblich das Abendrot
und voll die Buden in der Runde,
erscheint der Bau wie mausetot.

Mag manchmal auch am Fernsehn liegen,
weil da ein Straßenfeger läuft
mit Menschen, die krepiern wie Fliegen,
in Strömen frischen Bluts ersäuft.

Doch auch die schrillen Sterbensschreie,
von seichten Krimis produziert,
sie schänden nicht die stille Weihe,
die meine Dichterklause ziert.

Trotzdem gleicht meine Gummizelle
nicht jenem Turm aus Elfenbein.
Doch Stille schafft die grüne Welle,
um rasch auf dem Parnass zu sein!

Verdiente Nachtruhe

Verdiente NachtruheSo klingt es aus, das Wochenende,
mit dieser Sonntagabendruh.
Im Schoße weiln des Bürgers Hände,
der Puschen trägt statt Straßenschuh.

Passanten sind nicht mehr zu hören,
dern Hacke sonst aufs Pflaster knallt.
Die Vesper auch von Krähenchören
ist längst im Raume schon verhallt.

Nur selten sausen noch Karossen
auf dem asphaltnen Gleis dahin
und kommen kaum noch angeschossen
die Kisten mit Sirenen drin.

Wie Balsam legt sich diese Stille
auf eine Stadt, die endlich parkt,
um vorzubeugen ohne Pille
dem Herz- und dem Verkehrsinfarkt.

Bad Hamburg: Eine Metropole,
die sich als Kurort profiliert?
Verdünnte Seeluft als die Sole,
die für die Gurgel man gradiert?

Was wäre daran auszusetzen?
Geschäftig tags und kunterbunt,
verpönt sie’s, nachts sich abzuhetzen,
und schnarcht im Heilschlaf sich gesund.

Das will ich doch mal ausprobieren,
indem ich gleich zu Bette geh.
Werd ich in Träumen mich verlieren,
bevor ich noch um Träume fleh?