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Abnutzungserscheinungen

abnutzungWie ist mir alles das vertraut,
als lebte ich hier seit Äonen!
Dies ganze Fleckchen, zugebaut
mit Plunder, um darin zu wohnen.

Seit ewig glotz ich auf die Wand,
will ich die flücht’gen Stunden zählen
auf dieser Uhr mit rotem Rand,
die darauf brennt, mir Zeit zu stehlen.

Und auf dem Trumm von einem Schrank,
gekauft, dass er der Kühlung diene,
steht sicher wie Britanniens Bank
seit Jahrn die Kaffee-Tee-Maschine.

Der Vorhang war mal dernier cri
aus feinstem finnländischen Leinen,
indes sein Muster: Federvieh,
heut stelzt auf fadenschein’gen Beinen.

Nicht anders das Gewürzregal,
gedübelt an die Kachelseite –
ein Schmuckstück anno dazumal,
als Hugo seine Frieda freite.

Der Roten Klara Einzug auch
muss wohl noch vor der Sintflut liegen-
es ist ja längst die Lasche Brauch,
um so ’ne Büchse aufzukriegen.

Das Radio selbst, modern und schmuck,
ja, futuristisch anzuschauen
in seinem kühlen Klinker-Look,
erfüllt mich schon mit Urvertrauen.

Und diese Stühle-Troika,
die wechselweise ich besetze,
sie ist seit Olims Zeiten da,
dass ich mir drauf den Hintern wetze.

Nicht zu vergessen ihn, den Herd,
der hier vom ersten Tag vorhanden
und wohl mit dem Dreiflammenschwert
im Paradiese schon gestanden.

Die Heizung zischt ihr ödes Lied,
ich glaub, seit Anbeginn der Welten,
dass mir schon ein Monteur beschied,
sie müsse als ein Wunder gelten.

Der Boden, dicht an dicht besät
mit kleinen steinernen Quadraten,
durch manchen Knick und Riss verrät,
dass aus den Fugen er geraten.

Und dass du morsch, mein Mobiliar,
das könnt ich noch mit Fassung tragen,
doch nicht, dass ich genauso war,
so frisch in deinen Jugendtagen!

Aus allen Küchenwinkeln quillt
Vertrautes mir, vermischt mit Grausen –
es scheint mein eignes Spiegelbild
in jedem Gegenstand zu hausen.

Die Klitsche hier mal aufpoliern,
weg mit dem ganzen Plünnenhaufen?
Nicht schwer, sie anders zu möbliern –
doch wo kann Zeit man neu sich kaufen?

Ziemlich friedlich

ziemlich-friedlichDa sich nun wieder Lichter breiten
im Kuppeldunst des Weltenbaus,
greif ich der Leier in die Saiten
und quetsch ihr ein paar Töne raus.

Wie anders denn als lyrisch werden,
wenn dämmernd so ein Tag verklingt
und auf den Flurn der Sternenherden
das Gold der Vliese lockend blinkt?

Wie anders denn als lyrisch fühlen,
wenn feierlich das Drama schweigt
und wie aus leer’n Theaterstühlen
sein Nachhall in die Seele steigt?

Wie anders denn als lyrisch schreiben,
wenn sich die Stadt in Dunkel hüllt
und sich das Gelb der Fensterscheiben
geschäftig mit Silhouetten füllt?

Gebäude, hoch, mit zig Geschossen,
versteinert tags ihr Angesicht,
in Tintenwolkennacht zerflossen,
den Augen Watte an Gewicht!

Die Straßen, die so viele Stunden
dem Druck der Reifen widerstehn,
sie haben endlich Ruh gefunden
vor Gummi und vor Halogen.

Und droben sichelt sich die Schneide
des Mondes übers Firmament,
begrast wie stets die Sternenweide,
wo ihr doch nichts ins Messer rennt.

Es ist, als ob der Weihnachtstage
soeben abgelaufne Zeit
sich selbst ums Ohr noch weiter schlage
mit ausgesuchter Friedlichkeit.

Mein Stübchen spiegelt sie ja wider
mit Grabesruh und Kerzenlicht,
indes am Tisch ich brav und bieder
mich mühe hier mit dem Gedicht.

Da kracht ein Schuss! Und da ein zweiter!
Aus tiefen Träumen wach ich auf.
Und Schlag auf Schlag geht es so weiter.
Ach, Welt-Silvesteramoklauf!

Das Wunder der Stille

das-wunder-der-stille-hinrik-funhofMit Händen ist sie fast zu greifen,
die Stille nun zur Abendzeit.
Im weiten Rund die Sterne reifen
am Himmel mit dem Ährenkleid.

Der Wind ist längst zur Ruh gegangen
und murmelt schon sein Nachtgebet,
wohl mit dem innigen Verlangen,
dass bald er wieder anders weht.

Die Lichter leuchten wie gefroren,
so reglos von der Straße her,
als wärn in Träume sie verloren
von Meister Volta und Ampère.

Sporadisch nur noch gleiten Wagen
gefühlvoll beinah ihre Bahn.
Kein Hupen mehr, kein Türenschlagen.
Das Ticken kommt vom Wasserhahn!

Es prescht kein Mensch mehr auf dem Pflaster,
der letzte Schritt ist längst verhallt.
Der Neonröhren Alabaster
bleicht schaurig aus dem Schilderwald.

Die Vögel scheinen auch zu schlafen
in irgendeinem warmen Nest –
die Möwen sicher wo am Hafen,
die Amseln sonst wo im Geäst.

Ich glotze fröhlich durch die Scheibe
und freu mich an dem Friedensbild.
Ein Tröpfchen darum meinem Leibe,
das frommem Winzergeist entquillt!

Wenn jetzt noch eine Schnuppe flöge,
die flammend in der Luft verglüht,
wer weiß, ob nicht noch Weihnacht zöge
mir in mein nüchternes Gemüt?

Kreuzfahrt zu Lande

kreuzfahrtDaheim, daheim von großer Fahrt.
Europa halb durchquert.
An Kunst und Kirchen nicht gespart.
Und sonst auch wohlgenährt.

O Málaga, o Altstadtgassen,
so klein, um Tapas grad zu fassen!
Dafür der Hafen, weit und leer,
ein gier’ger Mund zum Meer!

Komm, lass uns nach Comares steigen,
ich will dir einen Friedhof zeigen,
der alles überragt!
Wir klimmen Richtung Hügelspitze
im Würgegriff der Mittagshitze
durchs Dörfchen unverzagt.

Verwinkelung in Weiß
und Blumen überall.
Am Ende unsrer Reis‘
ein christliches Walhall.

Der Toten trister Taubenschlag
mit herrlich weiter Sicht.
Zementgeviert statt Sarkophag
und Plastik-Rosen schlicht.

Doch wo die Menschen noch am Leben,
sich aus den Gartenbüschen heben
die frischen Blüten bunt,
da in der heilgen Höh hienieden
haucht Gottes Nähe Gottesfrieden
schon vor der letzten Stund.

Nach Frigiliana also dann,
da gibt’s ‘nen süßen Roten.
Ein Lädchen unser Aug gewann,
so recht, ihn auszuloten.

Da reichte man uns zu den Trauben
ein Heilandsbildchen als Geschenk,
wohl auch, an seine Kraft zu glauben,
des Herrenblutes eingedenk.

Doch wurde, Gott zu loben,
je prächtiger gebaut,
als was wir, fest verwoben,
in Córdoba geschaut?

Unlöslich eins ins andere verschlungen,
zu einem Leib verschmolzen, einem Stein:
Moschee und Kirche. Um mit gleichen Zungen
zu einem Herrgott aufzuschrein.

Was hältst, Granada, du dagegen?
Wie schlägst du Reisende in Bann?
Mit einer Burg, am Hang gelegen,
die sich ein Sultan einst ersann.

Sich wuchernd wiederholende Strukturen,
die kristallinisch alles überziehn
zum Tanz von Arabesken und Figuren
in Stuck erstarrter Harmonien!

Und überall ist Allahs Name
in dies Gewirr von Linien gesät,
so wie wer seiner Herzensdame
in spröder Rinde seine Glut gesteht.

Wie mag’s im Sommer hier wohl gleißen
bei gut und gerne dreißig Grad!
„Ich will nicht, Ullah!, Sultan heißen,
wüsst ich nicht dafür mir auch Rat.

Nur einen Katzensprung von dieser Stelle
baut mir ein schattiges Asyl!
Lasst Thujahecken wehrn der Helle
und Wasser rieseln klar und kühl!“

Alhambra und Generalife –
wie Wünsche, die ein Dschinn erfüllt
dem Herrscher ungesäumt,
da unten in des Tales Tiefe
in Dorn und Dickicht eingehüllt
die Stadt von Freiheit träumt.

Doch triumphal Toledo thront
hoch über Schluchten, die der Fluss sich gräbt,
auf einem Gipfel, den kein Wind verschont,
wenn im Gewitter er erbebt.

So furchtlos wie ein Kirchenmann,
der fest im Glauben ruht.
Die Kathedrale zeigt es an:
Man ist in Gottes Hut.

(Da baumeln Kappen von der Decke,
die Kardinäle einst geschmückt,
die jetzt wo in ‘ner dunklen Ecke
der ird’schen Eitelkeit entrückt.)

Ach, wie vergänglich, wie morbid
der Glanz auch weltlichen Geprägs,
der nach Aránjuez uns zieht,
die nach Madrid wir unterwegs!

Was für ‘ne Pracht erlesener Substanzen,
die mehr durch Fülle glänzen denn Geschmack,
Akanthusblätter nur als Zimmerpflanzen,
als Gärtner nur Lakai’n im Frack!

Man sieht, was gut und teuer ist,
den ganzen Prunk der Zeit
und desto deutlicher vermisst
‘nen Schuss Gemütlichkeit.

Vielleicht im Park bei den Fontänen,
wenn schon die Tageshitze weicht
und alle sich nach Schatten sehnen,
die kühlen Statuen selbst vielleicht?

Und dann Madrid: viril, urban,
dynamisch, quirlig und spontan,
rein nichts von Dorfidylle!
Im roten Doppeldeckerbus
zwei Stunden Rundfahrthochgenuss,
Madrid in seiner Fülle!

Am Abend diese Tapas-Bar,
die voll und voll gemütlich war,
am Straßenlärm gemessen.
Bei Schinken, Wurst und „San Miguel“
verging die Zeit uns furchtbar schnell –
doch seht, nicht unvergessen.

Man muss nach so viel City-Leben
auch der Provinz ’ne Chance geben,
dass man den Geist entspann.
So trieben uns die Ruhgelüste
direkt an die Atlantik-Küste
nach San Sebastián.

Scheint nicht der Strand wie’n goldner Reifen
um dieses Blau der Bucht zu schweifen,
ein Diadem aus Staub?
Und jene Villen auf dem Hange,
sind sie nicht Fibel ihm und Spange,
dass Neptun ihn nicht raub?

Doch wie hilft mir die Fantasie,
die Landes euch zu schildern?
So viele Kiefern sah ich nie
am Wegesrande wildern!

Wohin ich auch mein Auge warf,
es mit Natur zu nähren,
es deckte seinen Bildbedarf
allein mit Koniferen.

Mehr hab ich hier als Tour-Rapport
zu bieten nicht und beichten;
es lief so monoton ja fort,
bis wir Bordeaux erreichten.

Da ging es nicht so bräsig her
wie auf dem platten Lande,
die Stadt ein einzges Menschenmeer,
„Bonheur“ als Konterbande.

Was ist das für ein Trubel dort,
da bei der hohen Säule?
Man hört ja nicht sein eignes Wort,
Pardon, bei dem Geheule!

Zum Glück sind sie in Stein erstarrt,
die braven Girondisten,
die in des Rummels Gegenwart
ihr stilles Dasein fristen.

Mann, siehst du auch, was ich da seh?
Das scheint mir optimal:
Ein Riesenrad. Und mit ’nem Dreh –
Sightseeing vertikal!

Wie einer Braue sanfter Schwung
legt dunkel sich und matt
der Fluss in dieser Dämmerung
um die entflammte Stadt.

Wir sehen rechts die Brücke noch,
die wuchtig ihn durchquert,
dann stürzt die Gondel in ein Loch.
Wir landen unversehrt.

Nicht lange, und wir brachen auf,
geweckt vom gall’schen Hahn.
Die Kassen nahmen wir in Kauf
auf flotter Autobahn.

O Frankreich, das du groß an Geist
wie auch an Fläche bist –
wir haben zügig dich durchreist
in Ein-, Zweitagesfrist!

Hier gab die Loire uns das Geleit:
Parks und Paläste pur;
da dehnte öde sich und weit
der Somme blut‘ge Flur.

Noch leidlich hoch die Sonne stand
am Wolkenfirmament,
als Namen man auf Schildern fand
wie Kortrijk, Luik und Gent.

Da hatten wir’s zu guter Letzt
ins Flandrische gebracht,
nicht müde und nicht abgehetzt,
doch grad noch vor der Nacht.

O Brügge, wo des Flamen Seele
in Stein sich offenbart,
wo Giebel, Gassen und Kanäle
nach alter Meister Art!

Des Mittelalters kleine Welt
in Flair noch und Gestalt:
Ein Belfried, der den Tag „verbellt“,
ein Pflaster, das noch hallt

Vom Hufschlag flinker Pferde,
die der Verkehr nicht schert,
Besuch der ganzen Erde
im offenen Gefährt.

Die Zeit scheint stillzustehen
an dem verwunschnen Ort –
doch was wir auch gesehen,
es war nicht Bruges-la-Morte!

Jetzt erst mal Impressionen
von solchem Schlag entbehrn.
Doch glaub ich, dass Äonen
von diesen wir noch zehrn.

Erwachen

erwachenHilft alles nichts, wird Zeit sich zu erheben.
Pitsch, patsch, mit Wasser sich den Dööts beleben.
Die Stoppeln sich vom Kinn rasiern.
Das Radio volle Pulle: Nachbarn nerven.
’nen flücht’gen Blick ins Morgenblättchen werfen.
’ne Stulle sich zum Frühstück schmiern.

Beug, streck – Gymnastik volle fünf Minuten.
Dann schnell zum Klo, es gilt schon sich zu sputen.
Geduscht – und die Klamotten an.
Fehlt selbstverständlich noch das Zähneputzen
(bloß jetzt mit Pasta nicht das Kinn beschmutzen!)
und husch, husch kommt das Kämmen dran.

Den Spiegel an der Wand befragt, den großen,
beruhigt dann die Haustür aufgestoßen
und Richtung Arbeitsplatz marschiert.
Die Steine, Steine immer nur die gleichen,
die Stein um Stein mir unterm Tritte weichen
als kleines steinernes Geviert.

Auch sie kenn ich schon längst, die Hausfassaden,
die stoisch ihre Stirn im Winde baden,
der kühl sie morgens noch umfährt.
Hier nur noch diese Kreuzung überqueren,
der Grünpfeil-Rechtsabbieger mich erwehren –
und da die Klitsche, die mich nährt!

PC anschmeißen, Outlook, E-Mail sichten
und lesend langsam ihre Reihen lichten
und notfalls Antwort gleich erteiln.
Kalender öffnen und Termine kucken,
Papier nachfülln, um gleich mal auszudrucken
des Arbeitstages erste Zeiln.

Dann Aug in Aug mit wem Gespräche führen
und Ohr an Ohr mit Hörer und Gebühren,
Notizen machen nebenbei.
Sich hin und wieder einen Kaffee kochen,
Geschreibsel für die Akte heften, lochen,
sofern nicht speichern als Datei.

Gelegentlich in eine Sitzung rennen,
wo kuchenrund die kleinen Lichter brennen,
um einen Riesentisch verteilt –
die reihum alle sich gewaltig blähen,
um ihre Petitessen rauszukrähen,
da kopfschüttelnd die Zeit enteilt!

Nach ungezählten Worten und Vermerken
begehrt der Magen plötzlich sich zu stärken,
und sei es mit Kantinenkost.
Und durch ein Meer von flücht’gen Mahlzeit-Grüßen
schwirrt man auf appetitbeschwingten Füßen
zu Pfanne, Topf und Bratenrost.

Nachmittags dann noch mal die gleiche Leier,
sofern nicht irgendeine fäll’ge Feier
zu Glückwunsch und ‘nem Schwätzchen lädt.
So gegen fünf den Rechner runterfahren,
Persönliches im Schreibtisch aufbewahren,
den Schlüssel zweimal umgedreht.

Dann nur noch Schrank auf, Sakko überstreifen.
Schon auf der Schwelle: letztes Blickeschweifen,
ob alles richtig aus und zu.
Den Fahrstuhl holen und sich runterrempeln,
um an der Uhr sich glücklich auszustempeln.
Das war’s für heute wieder, puh!

Und wieder längs an diesen Hausfassaden
mit gleichen, aber gegenläuf’gen Waden –
derselbe Fuß, derselbe Schritt.
Dieselben Steine, die am Boden lungern,
nach Leder, Hackenschweiß und Gummi hungern,
dieselben Steine schlurfen mit.

Dann Haustür öffnen und den Kasten leeren:
Reklame, Rechnung, Benefiz-Begehren –
kein rosiges Billet d’amour.
Die Treppe rauf bis in den Dritten steigen,
um mich privat nunmehr als Mensch zu zeigen
und Nachbar auf demselben Flur.

Doch kaum kann ich so weit die Kurve kriegen
und komm auf meine Bärenhaut zu liegen,
scheucht mich die Nacht ins Federland.
Die aber rast dahin mit hundert Sachen,
lässt mich entschlummern, träumen und erwachen:
Schon greift zum Wecker meine Hand…

Fahnenflucht

fahnenfluechtigDas Fahnenduo auf dem Dache
hängt schlaff herunter Seit an Seit;
kein Lüftchen weht, dass es entfache
des Tuchs textile Wendigkeit.

Noch breitet klar sich vor den Augen
der Himmel mit gedämpftem Grau,
die rosa Reste abzusaugen
von Helios‘ großer Abschiedsschau.

Nur wo der Mond mit trüber Miene
die Sichel durch die Dünste zieht,
blitzt, wie wenn’s davon widerschiene,
ein Licht, das einem Stern entflieht.

Die Nacht liegt leise auf der Lauer
und schiebt sich unaufhaltsam vor –
was hilft’s, dass ich im Winkel kauer,
sie packt mich dennoch gleich beim Ohr!

Dann reißt der letzte lichte Faden
und alles taucht ins Dunkel ein;
nur hier und da in den Fassaden
verharrt ein schwacher Lampenschein.

Dann sind die Fahnen auch verschwunden
wie ausgerupft mit Stumpf und Stiel
und erst einmal der Pflicht entbunden,
zu präsentiern ihr Farbenspiel.

Sie werden meinen Blicken fehlen,
denn immer, wenn ich mal verschnauf
vom Wort- und Reim- und Rhythmuswählen,
schau sinnend ich zu ihnen auf.

Ob sie vielleicht mich inspirieren
durch ihre bloße Gegenwart?
Gar weil auch sie symbolisieren
auf ihre eigne stumme Art?

Nicht Laute brauchen sie und Lettern
und teilen sich doch ständig mit:
Hier Hamburg, trotzend allen Wettern,
und hier der Bund im gleichen Schnitt.

Die Farben und die Muster reichen,
um ihre Botschaft zu erklärn:
Wir wehen hier als Hoheitszeichen,
den Ruhm des Landes zu vermehrn.

Was sollte der Poet draus lernen?
Um was zu sagen, braucht’s nicht viel.
Barockes Beiwerk stets entfernen.
Der Mensch (Buffon!) ist wie sein Stil.

Übergangsphase

ÜbergangszoneO einz’ge Leserin, verzeih –
ich weiß dir nichts von Nacht zu sagen;
Azur liegt lastend noch wie Blei
den Dächern auf dem spitzen Magen.

Das Auge schweift, doch nirgendwo
kann es des Mondes Schädel schauen,
nur Blau, das seiner selbst nicht froh,
schon anfängt, grämlich zu ergrauen.

Nur hier und da glimmt schon der Schein
gedämpfter Lichter durch die Fenster,
und Schatten gehn da aus und ein
wie huschend häusliche Gespenster.

Die Fahne flattert auf dem Dach
vorn nackten Ästen der Antennen,
sich eitel windend tausendfach,
ihr Schwarzrotgold stets zu bekennen!

Und was fürn weicher Schimmer hält
die Hausfassaden noch umschlungen –
so wie der Schnee bisweiln erhellt
des Winters kühle Dämmerungen!

Des Tages Puls geht stiller schon.
Geschäfte wolln der Muße weichen.
Die Straße kann nach Volk und Phon
nur schwache Werte noch erreichen.

Doch noch ist, Leserin, nicht Nacht,
die Zeit nicht dieser bangen Stunden,
da sich der Schatten Übermacht
zur tiefsten Finsternis verbunden.

Wie gern würd ich dir im Poem
der Sonnenferne Abgrund schildern,
des Pechkohlrabenschwarz Extrem,
statt schummernd nun den Strich zu mildern.

Das heißt indes im Themenbuch
‘ne neue Seite aufzuklappen:
Ich wag ihn gerne, den Versuch,
doch erst einmal muss Luft ich schnappen.

Musenschelte

MusenschelteWer lässt denn da die Tasten tanzen,
dass in den Straßen’s widerhallt?
Dass dröhnend sich in Dissonanzen,
die Leidenschaft zu Tönen ballt?

Jetzt regt sich wo ein wildes Kreischen,
ein Kichern albern jetzt und schrill,
jetzt, wie wenn Katzen sich zerfleischen,
ein Fauchen, das nicht enden will.

Jetzt Knattern – muss vom Moped rühren.
Und Trappeln – schwerer Füße Gang.
Der dumpfe Schlag der Autotüren
und Zündung alle Nase lang.

Hier kläfft sich von der wunden Seele
ein Köter hilflos seine Wut,
da klimpert an Laternenpfähle
ein bierbeseelter Tunichtgut.

Wie bräsig da die Busse brummen!
Und auch an Heuln wird nicht gespart:
Die Bulln und Sanis auf den krummen
Geleisen ihrer Rettungsfahrt!

Ihr Musen, stets als eins empfunden,
schämt eurer Schwester ihr euch nicht,
der zehnten, die in stillen Stunden
das Band der Harmonie zerbricht?

Kein gutes Pflaster

Kein gutes PflasterKein Dichter möchte die Natur wohl missen,
in der er seine schönsten Verse fand –
an Wordsworth denke man und die Narzissen,
an Mörike mit seinem blauen Band!

Ist es der Frühling nicht mit seinen Blüten,
der Sommer in der Fülle seiner Kraft,
die das Geheimnis des Lebend’gen hüten,
aus dem der Sänger seine Welten schafft?

Was das betrifft, da hab ich schlechte Karten –
die Landschaft hier gibt keine Blumen her,
aus Stein nur einen labyrinth’schen Garten,
der mit Zement bepflanzt, Beton und Teer.

Soll ich der Lyrik deshalb mich versagen,
der Öde beugen mich im Wohnquartier?
O nein, so leicht geb ich mich nicht geschlagen –
hab ich doch immer noch die Rauke hier.

Mit diesem Pflänzchen könnt ihr nichts verbinden?
Nun, viele Fensterbänke wird’s nicht ziern,
mit Gummibäumen und mit Zimmerlinden
kann im Geringsten es nicht konkurriern.

Es ist ja auch ein struppiger Geselle,
der wild ins Kraut in seinem Topfe schießt
und danach giert, dass man ihm auf die Pelle
tagtäglich eine Kruke Wasser gießt.

Da gibt’s ‘ne Menge Blätter auch zu tränken,
die furchtbar mager und am Rand gesägt
und sich wie Schlangen winden und verrenken,
medusenhäuptig wild und ungepflegt.

Feinschmeckern aber scheint sie zu behagen,
weil in der Schüssel sie Geschmack beweist
(nachdem in „Rucola“ sie übertragen:
Gourmets goutieren nicht, was „Rauke“ heißt!)

Wenn auch zu spärlich hier, mir zu ersetzen
den bunten Blütenflor, der inspiriert,
weiß ihre Gegenwart ich doch zu schätzen
als Mauerblümchen, das sich nicht verliert.

Stille Dämmerung

Stille DämmerungEs dämmert, und aus meiner Stube
blick auf die Stadt ich, die versinkt.
Kein bisschen Rot mehr in der Tube,
nur Grau, das mit dem Tode ringt.

Grad gegenüber, scharf gestochen,
mit weiß gekalkter Außenhaut,
‘ne Hauswand wie ein Wüstenknochen,
der bleich an seiner Dürre kaut.

Es scheint kein Lüftchen sich zu regen.
Die Fahne hängt wie eingerollt,
die sonst mit Stößen und mit Schlägen
frenetisch schwenkt ihr Schwarzrotgold.

Und auch der Bäume dichte Mähne,
die gern gelöst im Winde fliegt,
betont das Schweigende der Szene,
indem sie still vor Anker liegt.

Auf diesen regungslosen Lüften
schwingt auch kein Ton sich in die Welt –
es ist so lautlos wie in Grüften,
wo hörbar jedes Stäubchen fällt.

Soll eine Nacht das vorbedeuten,
die friedlich ihre Stunden zählt,
zu einem Morgen sich zu häuten,
den Eos rosenrot beseelt?

Falls die Auguren sich nicht irren,
ist der Idylle nicht zu traun.
Wie Krähen die Gerüchte schwirren,
der Wind würd nicht mehr lange flaun

Und plötzlich sich zum Sturm erheben,
als hätt ‘nen Drachen man geweckt,
der für ein Nickerchen mal eben
sich wo im Winkel ausgestreckt.

Nun, wie auch immer die Prognosen,
tangiern sie mich nur peripher –
die üblichen Metamorphosen.
Als ob das Wetter statisch wär!

In wie viel Kalmen und Orkane
war wechselnd schon mein Haupt getaucht;
da oben auf dem Dach die Fahne,
wie oft zerfranst und aufgebraucht!

Man fügt sich den Gegebenheiten.
Und Schluss jetzt mit der Verseflut!
Werd „Pegi“ morgen weiterreiten –
wenn’s sein muss, auch mit Regenhut.