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Worauf wir bauen

Worauf wir bauenDa drüben starrt ‘ne ganze Reihe
von leeren Fensterhöhln mich an:
Die Spur der Immobilienhaie –
mit ihrm Gewerbe geht’s voran.

Gerüste überall und Kräne.
Was alt ist, reißt der Bagger ein.
‘ne Lücke in der Straßenszene
bekommt als Füllung Stahl und Stein.

Man muss das gute Wetter nutzen.
Verschenkte Tage gehn ins Geld.
Sie mauern, hämmern und verputzen,
vom Bau die, was das Zeug nur hält.

Und manchmal kommt in Schlips und Kragen
auch der Investor zu Besuch,
sich tapfer um die Ohrn zu schlagen
den Holz- und den Zementgeruch.

Was ihm doch nicht Verdruss bereitet,
da dieser ja an Geld nicht klebt
und er auf einem Boden schreitet,
der künftig seine Konten hebt.

So stellt man überall die Weichen
für den Gewinn, der optimal.
Es werden reicher stets die Reichen,
der Mieter Mittel fahrn zu Tal.

Die Landschaft bleibt nicht ungeschoren,
verschandelt wird manch Wohnquartier.
Dann werden Staub die Investoren –
doch nicht die Zeugen ihrer Gier!

Natürlicher Straßenlärm

Natürlicher StraßenlärmWas fürn Gekreische und Gekrächze –
da draußen ist der Teufel los!
Wie sehr ich auch nach Stille lechze,
der Höllenlärm wird größer bloß!

Wie aufgelöst die Krähen kreisen
mit ihrem wütenden Geschrei,
als wollten jemand sie beweisen,
wie mächtig ihre Kehle sei!

Ein Anlass ist nicht zu erkennen.
Der Aufruhr bleibt mir rätselhaft.
Was für ein Rasen und ein Rennen,
Moriskentanz der Leidenschaft!

Verständigung ist wohl vorhanden,
das scheint mir ziemlich sicher fast,
da just auf Krähenfüßen standen
sie einzeln noch auf Baum und Ast.

Und jetzt wie immer auch getrieben
zur großen Demo, zum Protest,
verließen sie unangeschrieben
gleichwohl ihr hohes Krähennest.

Ein Kriegsrat, den sie heute halten,
Erinn‘rung an die Rabenschlacht?
Gedenktag für das sel’ge Walten
des Krähenkönigs Nummer acht?

Das Rätsel werd ich nicht mehr lösen –
jäh endete die Schwärmerei.
Kann ungestört nun weiterdösen
im Krähenwinkel, vogelfrei.

 

Anhaltende Baulust

Anhaltende BaulustNun war ich weg ‘ne ganze Weile
und guck, da schließlich heimgekehrt,
hier rauf und runter meine Meile,
ob sie mich etwas Neues lehrt.

Die Baumanie ist ungebrochen,
wie mir der erste Blick schon zeigt.
Denn um nach Kräften abzukochen,
man stark zur Immobilie neigt.

Da drüben in dem Straßenbogen,
der Brachland lange Zeit umschloss,
sind jetzt Fassaden hochgezogen
durchgängig bis zum Dachgeschoss.

Und auch dahinter recken Kräne
den Schwanenhals aus diesem Meer,
dass es sich immer weiter dehne
in Welln, zement- und ziegelschwer.

Ja, selbst hier unten an der Ecke
die Apotheke, die ich nutz,
gab, sicher zu gesundem Zwecke,
sich einen frischen Sonntagsputz.

Wann wird der Mensch mal Ruhe geben?
Er wirkt und werkelt ohne Rast,
als ob sein Acht-Jahrzehnte-Leben
die ganze Ewigkeit umfasst!

Im Notfall baut er Pyramiden,
dass er in Stein unsterblich sei –
und west als Toter fort hienieden
mit einer Mumie Konterfei.

Düsteres Vorzeichen

Düstere VorzeichenDer letzte Tag vorm Heimatfluge.
Nach Nerja geht noch mal die Fahrt.
Des Freundes Auto kommt zum Zuge,
das rüstig rollt, obwohl bejahrt.

Wir bummeln nach Touristenweise
mit einem Blick, der träge schweift
und bestenfalls die Ladenpreise
mit höherem Bewusstsein streift.

Die Folgen sind nicht ausgeblieben.
Ein Shop mit Souvenir-Bedarf
macht uns im Schubsen und im Schieben
mit einem Mal auf Schnäppchen scharf.

Doch kaum ham wir da was erstanden,
stellt sich ein Peterwagen ein,
was wir natürlich seltsam fanden
so ohne Mord und Räuberein.

Die Ladenhüterin, beschlagen,
indes räumt ihre Ständer weg,
um Platz zu schaffen für den Wagen
und den dahinter fahrnden Treck.

Da wand sich aus den engen Gassen
ein dunkler Trauerzug hervor,
in diesem Labyrinth zu fassen
der Kirche fernes Eingangstor.

Ein Omen, sollte ich doch meinen,
dass man auch mir die Rosse schirrt.
Als Hinterbliebne werden weinen
Bodegafrau und Kneipenwirt.

Abseits des Strandes

Abseits des StrandesObwohl direkt am Meer ich hause,
hab ich es heute nicht gesehn
und war doch raus aus meiner Klause,
auf Wochenzeitungspirsch zu gehn.

Hab halt den Strandweg nicht genommen,
lief nur die Avenida lang,
auf der ich auch zurückgekommen –
kein Meerblick und kein Wellenklang.

Nur ein paar Schritt entfernt vom Strande
ist’s aus mit all der Herrlichkeit.
Da döst das Dörfchen im Gewande
des Städtebaus moderner Zeit.

Die Häuserzeilen – strammgestanden!
Die Einzelblocks – in Reih und Glied!
Und präsentiert, soweit vorhanden,
den Klinkerstein – sonst Eternit!

Dem Meer läuft jämmerlich zur Seite
der ganze Schund, der menschgemacht;
Mixtur aus Hässlichkeit und Pleite,
der Gier nach Mammon dargebracht.

Und um das Bild noch zu verschärfen,
im Hintergrund dies Bergmassiv,
das wohlgeübt im Faltenwerfen,
natürlich, nobel und sportiv.

Das Meer besinnlich anzuschauen
wird mancher ja wohl niemals satt.
Vielleicht weil jene Art zu bauen
er dann nur noch im Rücken hat.

An Ultimo

An UltimoBrauch aus dem Supermarkt ich Trauben
als Kost für jeden Glockenschlag,
dem neuen Jahr das Glück zu rauben
beim Ausklang am Silvestertag?

Und ob ich mir die Beern erspare!
Vergoren sei’n sie mir verzehrt –
und als Willkommensgruß zum Jahre
mehr als der zwölfe Gegenwert!

Ansonsten deuten wenig Zeichen
voraus auf die bewusste Stund;
paar Kerls nur durch die Gegend streichen
und geben sie mit Schüssen kund.

Sonst liegt die Stadt im schönsten Frieden.
Die Festbeleuchtung schwankt im Wind.
Vorm Kirchlein, Gottes Haus hienieden,
glühn Lämpchen bunt als Jesuskind.

Die Uhr ist elf. Das große Schweigen.
Nur noch ein Stündchen für das Jahr.
Was mag hier in den Himmel steigen?
Ein Feuerwerk? ‘ne Engelsschar?

Im Haus ist nicht ‘ne Maus zu hören.
Kein Jauchzen, keine Zecherei.
Ja, selbst das Meer ließ sich beschwören
und gibt sich seltsam stürmefrei.

Ich hab da so’n Gefühl im Magen
wie’n Wächter nachts auf seinem Turm.
Die Stille will mir nicht behagen –
ist das die Ruhe vor dem Sturm?

Schlüsselerlebnis

SchlüsselerlebnisVom Meer hab ich schon oft geschrieben,
doch nicht ein einz’ges Mal vom Ort,
an den es mich hier angetrieben
als Strandgut aus Europa-Nord.

Drum hier die Hauptinformationen:
Vier Kilometer im Quadrat
sowie knapp viertausend Personen –
Einwohner, sagt der Bürokrat.

‘ne Straße zieht von einem Ende
sich breit und ampelfreudig hin
zum andern und zerteilt Gelände
im schönsten Autofahrersinn.

Doch diese Piste kann man meiden:
Ein Gässchen in der Häuserfront
lässt rasch die Augen einen weiden
an Wellen bis zum Horizont.

Dazu die alten Fischerhütten,
das Kirchlein, makellos in Weiß,
die Kutter, die den Fang verschütten,
dass sich die Möwe drin verbeiß.

Zig Gründe, um sich wohlzufühlen,
hat man seit je ‘nen Hang zum Meer,
und nachts das Bett nicht zu zerwühlen
in Träumen, die von Heimweh schwer.

Heut stand vorm Haus ich wie Piksieben,
ein neues Schloss war installiert.
Doch meine Nachbarn, diese lieben,
ha‘m ihren Schlüssel mir „kopiert“.

 

Licht aufgegangen

Licht aufgegangenAllein, den Abend zu verdenken,
sitz in der Stube ich und sinn,
und grad so schön beim Hirnverrenken
treibt jäh es mich zum Fenster hin.

War es das Kirchlein gegenüber,
war es die flache Häuserfront?
Es kam mir vor wie’n Nasenstüber
mit einer Masse Kilopond.

Als ob ich eingeschlafen wäre
und dadurch plötzlich aufgeschreckt,
obwohl, bei meiner Dichterehre,
hellwach ich doch und aufgeweckt!

Na, kurz und gut, so hochgerissen
von irgendeinem Impetus,
will ich auch unverzüglich wissen,
ob irgendwas ich wissen muss.

Ich mache also lange Schritte
und renne auf das Fenster los,
wobei ich mir nach alter Sitte
das Knie an einer Kante stoß.

Doch statt erhoffter Sensationen
liegt friedlich nur die Straße da;
die Knochen hätt ich können schonen –
kein Jux und kein Allotria.

Das Kirchlein und die kleinen Katen
und, gelb gedämpft, Laternenschein.
O je, jetzt hab ich es erraten –
der wahre Grund, das muss er sein!

Endlosschleife

EndlosschleifeMein Bildschirm: Küchenfensterscheibe
zeigt mir nur immer ein Programm:
‘ne Doku rings um meine Bleibe,
doch nüchtern, ohne viel Tamtam.

Nur einfach so ‘ne Straßenszene,
in der das Übliche passiert…
Verzeiht, wenn zwischendurch ich gähne –
hab sie zum Überfluss goutiert.

Ein paarmal nur durchbrach die Öde
ein Unfall oder Wohnungsbrand,
dass voller Neugier ich wie blöde
zu meinem Ausguck hingerannt.

Dann wieder lange tote Hose,
Passanten hier und Autos da –
so int’ressant wie ‘ne Arthrose
oder der „Krieg von Gallia“.

Ich hab’s ‘ne Weile ausgehalten
mit dem stupiden Serienschund,
doch bin gewillt, nun umzuschalten,
sonst komm ich hier noch auf den Hund.

Ein Szenenwechsel ist vonnöten,
nur so auf Knopfdruck geht das nicht.
Und kostet auch ‘ne Handvoll Kröten.
Doch hört mal den Programmbericht!

Der Himmel seidig überzogen
von lichtdurchflutetem Azur.
Das Meer: Auf uferlosen Wogen
die Boote und die Möwen nur.

Unglaublich still

Unglaublich stillEin Abend von der stillen Sorte.
Es rührt sich nirgendwo ein Blatt.
Auch alles sonst: Nature morte –
wohl dem, der jetzt ‘nen Pinsel hat!

Wie lassen sie die Flügel hängen,
die Flaggen, die doch sonst geschwellt
sich stolz in alle Winde drängen
hoch oben unterm Sternenzelt.

Auch auf dem Rummelplatz der Straßen
tanzt alles andre als der Bär;
trüb liegt und traurig er dermaßen,
als ob er sanft entschlafen wär.

Klar, dass auch die Geräusche fehlen.
Der Mensch und die Maschine schweigt.
Man hörte wen beim Erbsenzählen
und wie er wem die Zähne zeigt.

Ja, säße wer beim Trübsalblasen,
man nähm es heut womöglich wahr
genauso wie den städt’schen Rasen
im Wachsen ganz unmittelbar.

Na schön, ihr findet’s übertrieben:
So was von Frieden gibt es nicht.
Ach, ihr mit euren Seitenhieben,
aus denen Neid und Nörgeln spricht!

Wenn ihr nicht glaubt, was ich hier schreibe,
kommt, spürt hier selbst die Ruhe pur!
Nein, besser bleibt ihr mir vom Leibe –
die Stille, ihr zerstört sie nur!