Archiv der Kategorie: Stadt

Schön anonym

Schön anonymSeid mir gegrüßt, ihr Nachbarsleute
mit dem verborgenen Gesicht!
Ich sah euch gestern, seh euch heute
und seh euch morgen wieder – nicht.

Nicht einen kenn ich eurer Namen,
wie Wellen seid ihr mir, wie Sand;
kenn nur das Holz der Fensterrahmen,
verankert in der Häuserwand.

Und hier und da ein Lebenszeichen
als kümmerliches Lichtsignal:
Photonen, die in Schlappen schleichen,
ermüdet nach dem Abendmahl.

Von Zeit zu Zeit auch einen Schatten,
der seine Pantomime spielt
hinter dem breiten Kreuz der Latten,
wo niemandem die Schau er stiehlt.

Mit Sicherheit ich auch schon habe
gesehn, wie eine Biene flog
aus diesem Korb; doch ihre Wabe
sich meiner Kenntnis stets entzog.

Seid mir gegrüßt, ihr Unbekannten,
die ihr mir ewig so vertraut
wie Möwen, die sich in den Wanten
der Nacht ihr schwankend Nest gebaut!

Ihr wisst ja nicht, dass die Fassade
wie eine Sphinx herübersieht
und ich in tausend Rätseln bade,
die Flügel leihen meinem Lied!

 

Dunkle Worte

Dunkle WorteEs ist ein Kreuz, ich geb es zu,
nur abends Verse zu verbocken.
Vom Eise ist des Tages Kuh,
der Bürger sitzt entspannt in Socken

Und stiert seine Ikone an
so gläubig etwa wie ‘ne Flunder,
die wohl ein Krimi dann und wann
beglückt mit einem blut’gen Wunder.

Nichts ist mehr auf der Straße los.
Verpieselt ha’m sich die Passanten.
Das Auto kriegt’ ‘nen Gnadenstoß
und scheuert sich an Bordsteinkanten.

Ein Strahle-Himmel, Lichtermeer –
wer wollte damit heut noch punkten?
Aurora!, mir von Delphi her,
Aurora!, schon Orakel unkten.

Die Morgenröte, ach, indes,
sie bringt mich noch nicht in die Hufe.
Ihr kühler Kuss wär mir nur Stress
statt Ansporn zu dem Dichtberufe.

Die Glieder sind noch starr und steif,
auch das Gehirn kommt nicht auf Touren.
Erst wenn ich zu den Sternen greif,
dann ticken mir die Musenuhren.

Erwartet kein Erwachelied,
den Vögeln gleich zu jubilieren.
Die Früh ist nicht mein Jagdgebiet –
muss mit der Nacht mich arrangieren.

Im Auge des Sturms

Im Auge des SturmsLängst Mitternacht schon überschritten,
und immer noch bläht sich der Wind.
O die wir tags den Sturm gelitten,
wie müde seiner wir nun sind!

Wo immer er ein Opfer findet,
sei es ein Blatt, ein Hälmchen nur,
er peitscht’s, bis es sich krümmt und windet
wie ‘n armes Schwein in der Tortur.

Und viele, die’s nicht überleben:
Was matt und welk schon im Geäst,
bleibt da nicht länger schwächlich kleben –
ein jäher Stoß gibt ihm den Rest.

Vom Himmel ist kein Licht zu hoffen;
betongrau schirmt ihn eine Wand
Gewölk, die nirgends richtig offen
fürn Blick auf Sterne und Trabant.

Doch immerhin ist das Gelärme
der Straßen endlich abgeflaut:
Motorgebrumm der Autoschwärme,
der Harley dumpfer Macho-Laut.

Man kann ein bisschen sich besinnen,
auf Kerze und Bordeaux gestützt.
Ein Käfig gleichsam dies hier drinnen,
den Mr. Faraday mir schützt.

Mag die Natur die Ihren strafen,
ich leide deshalb keine Qual.
Vielleicht werd ich nicht ruhig schlafen,
doch sicher schlaf ich allemal.

Kein Herkules

Kein HerkulesDer Vollmond wär es wert gewesen,
dass ich ihn lyrisch angebellt,
doch war ich noch beim Blütenlesen
auf einem andern Musenfeld.

Er hat sich nicht die Müh genommen
zu kurzem ruhenden Verkehr –
erhobnen Hauptes fortgeschwommen
ist zügig er im Wolkenmeer.

Nun liegt der Himmel unbeleuchtet,
nicht mal gespickt vom Sternenschein,
indes allmählich Tau befeuchtet
der Bäume lichte Blätterreihn.

Grad hat es Mitternacht geschlagen,
unhörbar mangels Kirchenuhr,
und auch die Geister, die jetzt tagen,
verraten sich gedanklich nur.

Romantik einer Bahnhofsgegend:
Tristesse von Schmuddel und Verfall.
Der Dichter, sich darin bewegend:
Apollo im Augiasstall.

Doch ohne Chance auszumisten,
was Herkules allein vermag.
So muss ich denn hier weiternisten
in meinem sauberen Verschlag.

Die Kunst indes wird drum nicht leiden,
sie ist genügsam wie das Vieh.
Wo immer Pegasus wir weiden,
ihm reicht ein Häufchen Fantasie.

Am Freitagabend

Am FreitagabendKein Laut. Als ob ein Zauber hätte
die Stadt in ew’gen Schlaf gebannt.
Die Dinge starren um die Wette
wie Puppen, steif und unverwandt.

Die Straße etwa: Hingegossen
zu keinem andern Sinn und Zweck,
als dass sie ohne Fahrtgenossen
sich endlos in die Weite streck.

Die Bäume etwa: Volle Kronen
mit lediglich dem einen Ziel,
dass, ihre Prachtfrisur zu schonen,
nur ja kein Lüftchen darin spiel.

Die Häuser etwa: Lange Zeilen,
die aus dem Grund allein erbaut,
dass die man, die darin verweilen,
ja, nicht mal ihren Schatten schaut.

Der Himmel etwa: Eine Weite,
die übern Dächern schwebt gewiss,
dass unsern regen Blick sie leite
in sternenlose Finsternis.

Die Szene brütet solches Schweigen,
als wär gemalt sie, Schall und Rauch,
nein, stiller: Wo doch Bilder zeigen
als Illusion Bewegung auch.

Hier eher alles eingefroren,
geliert in Bernstein durch die Bank.
Ha, Prinzenkuss: Autos, Motoren!
Dornröschen lebt: Na, Gott sei Dank!

In meiner Oase

In meiner OaseDie Einsamkeit, die nicht gebunden
an Fluren, die kein Mensch begeht,
ich habe sie auch hier gefunden,
wo man sich auf den Füßen steht.

Gleich vor der Haustür ein Gedränge,
das dich verschlingt und dich verschluckt,
kaum hat’s dich aus des Flures Enge
hinaus aufs Trottoir gespuckt.

Meist Menschen, die die eignen Haxen
der schlichten Fortbewegung weihn,
doch Räder, Autos auch und Taxen,
die ihnen heiße Reifen leihn.

Kurzum, ich muss es nicht betonen:
Man hockt hier nicht in Abrams Schoß.
In diesen citynah’n Regionen
ist Tag und Nacht der Teufel los.

Doch kannst du diesen Lärm nicht riechen,
den Auswurf der Geschäftigkeit,
magst du auch hier dich wo verkriechen,
verborgen vor dem Ruf der Zeit.

‘ne Burg ist zwar nicht meine Klause
mit Mauern, die kein Laut durchdringt,
doch ein gestandenes Zuhause,
das Ruhe mir und Abstand bringt.

Wenn hinter mir die Tür verschlossen,
tauch ein ich in ‘ne andre Welt.
Da reit am liebsten ich den Zossen,
der fliegend Kurs Südosten hält.

Lyrik live

Lyrik liveNoch herrscht der Dämmer vor dem Dunkel,
obwohl schon gleich halb elf erreicht.
Der Himmel, ohne Sterngefunkel,
liegt noch in leichtem Blau gebleicht.

Da auf dem Dach die beiden Fahnen
entfalten noch in voller Pracht
das Farbenspiel auf ihren Bahnen,
das ihrer Heimat Ehre macht.

Erstorben aber auf den Straßen
die sonstige Geschäftigkeit;
die Leute eben nicht vergaßen
des Sommerabends wahre Zeit!

Man hockt in seiner guten Stube
bei leicht gedämpftem Tageslicht,
das nicht mehr brütet volle Tube,
doch außer der Gebührenpflicht.

Bei diesen stets erhöhten Preisen
hätt mehr man von der Helle gern,
doch leider muss die Erde kreisen.
Zum Glück!, sagt sich der Stromkonzern.

Nun, eh ich mich hier red in Rage,
zur Technik lieber noch ein Wort:
Heut Lyrik mal als Reportage,
live, wie auf Deutsch es heißt, vor Ort.

Die Nacht ist nämlich aufgezogen,
in schwarzem Schweigen liegt die Stadt.
Vers eins ist darum nicht gelogen –
es dauert, bis man sieben hat!

Stadtnatur

StadtnaturHier schlagen keine Nachtigallen,
hier ruht kein Reh im grünen Tann –
hier ist das Reich der Radarfallen,
der Polizist ein Jägersmann.

Kein Mond, der aus dem Meer der Wipfel
sein Strahlenhaupt zum Himmel reckt –
kaum sichtbar hinterm Häuserzipfel,
die nächste Wand ihn schon verdeckt.

Auf weichem Moos willst du dich betten,
die Füße wo im Blaubeerlaub,
und ringsherum die Lagerstätten
von Pilzen, die zurzeit noch taub?

Ein frommer Wunsch auf diesen Fluren,
die wenig mit Natur gemein
und tief versiegelt mit den Spuren
von Asphalt, Dreck und Ziegelstein.

‘nen Trupp von jugendlichen Bäumen,
der Schule eben erst entflohn,
sieht spärlich man die Straße säumen
als eines Waldes Illusion.

Daraus auf wundersame Weise
das Lied der Amsel noch erklingt
und dieses Tages triste Reise
zu einem blüh’nden Ende bringt.

‘ne Fliege summt mir hin und wieder
hier mitten in der Küche drin –
zwar nicht mit Fell und mit Gefieder,
doch schön natürlich immerhin!

Sensibilität

SensibilitätNein, früher hab ich’s nie empfunden,
dass es so lärmt von draußen her
wie heute in den Abendstunden,
wenn Stille mir am liebsten wär.

Die ewig keifenden Sirenen,
die jäh uns in die Ohren falln,
wenn wir der Ruh uns sicher wähnen,
um quälend lange nachzuhalln.

Die höllisch heulenden Motoren,
die wie befreit vom Ampelstopp
voll wieder Gas bekommen, Sporen
zur Hetzjagd auf das Tempo-Top.

Die Grüppchen grölender Passanten,
die angeheitert hemmungsfrei
vor ihren trocknen Artverwandten
die Gutgelaunten spieln hoch drei.

Und der, der wo in ‘ner Spelunke
des Kummers Linderung gesucht,
und heimwärts tappend nun im Trunke
sein Los noch heftiger verflucht.

Das ist mir nie so nahgegangen,
dass drüber ich ein Wort verlor;
die Stimmen eben hier so klangen
wie in ‘ner Stadt gemischtem Chor.

Warum sie plötzlich mich empören?
Das Alter macht den Unterschied –
lässt Dissonanzen feiner hören,
wie es die Welt auch schärfer sieht!

 

Imponierend

ImponierendWie klein doch, was man aus der Ferne
mit großen Augen selbst beschaut:
Nur Sommersprossen diese Sterne,
vor deren Nähe es mir graut!

Ihr seht, die Nacht ist fortgeschritten,
die Dunkelheit hat zugelegt,
und Morpheus sattelt seinen Schlitten,
auf dem er Säcke Sandes trägt.

Ich sitz noch wach in diesem Winkel,
den ich seit Jahren okkupier –
wo ich des Tags mit Kohl und Pinkel
und nachts mit Versen rumhantier.

Mein Musensüppchen heut zu kochen,
fällt allerdings mir ziemlich schwer,
denn dauernd werd ich unterbrochen
abscheulich von der Straße her.

So’n Psychpath mit ‘nem Boliden
jagt diesen ständig um den Block –
mit Vollgas durch den Abendfrieden,
auf dass er brave Bürger schock.

Da kommt er wieder um die Ecke,
rast bis zur Ampel, hält nicht groß,
nur kurz macht diese ihn zur Schnecke,
kaum gelb, schon rast er wieder los!

Was sind ihm Sterne, was Gedichte?
Dumm Tüch; wenn nur der Motor röhrt!
So donnert er durch die Geschichte:
kein Zweck, kein Ziel – doch weit gehört.