Fehlentwicklung

Ist es schon immer so gewesen,
dass es nach oben einen führt,
wenn man mit populären Thesen
dubiose Emotionen schürt?

Meist scheint die Rechnung aufzugehen,
wie man in vielen Ländern sieht,
wo gern an dieser Schraube drehen,
die’s in die höchsten Ämter zieht

Und dabei schwimmen auf der Welle
der demokratischen Struktur:
Die Mehrheit siegt auf alle Fälle,
und wär sie noch so dünn auch nur!

So kommt wo immer auch die Masse,
beduselt von des Schwätzers Schwall,
mehr durch ‘ne kleine Seitengasse
bisweilen auch mal an den Ball.

Kaum aber auf den Leim gekrochen
dem großen Magier und Mäzen,
hat der auch schon sein Wort gebrochen
und lässt sie schön im Regen stehn.

Heißt: Jener, dem sie diese steile
Karriere erst ermöglicht hat,
nährt nur des Volkes Vorurteile
und macht nicht seine Bäuche satt.

Hat erst die Zügel er in Händen,
dass er den Kurs bestimmen kann,
beginnt er auch schon umzuwenden
das willenlose Staatsgespann

Und führt die angeschmierten Ochsen
auf einem windigen Parcours
statt an gefüllte Futterboxen
direkt ins Joch der Diktatur.

Um jeden Anstand zu vergessen,
Gewissen, Ehre, Menschlichkeit –
wie ist der Lohn dafür bemessen,
der Judaslohn für fremdes Leid?

Sich wohlig in der Macht zu wälzen
wie eine Wildsau im Morast,
vor Seligkeit dahinzuschmelzen,
wenn man den Leuten eins verpasst?

Wie könnte selber er erklären,
was seinen eitlen Trieb geweckt –
glaubt er doch selbst in allen Ehren,
dass etwas Großes in ihm steckt.

Und einsam weilt er auf der Höhe,
wo spähend nur der Adler kreist,
und fürchtet sich doch vor der Böe,
die jäh ihn in den Abgrund reißt.

Ließ er nicht schon Moral vermissen,
kaum dass er auf den Füßen stand?
Den Fröschen Beine ausgerissen,
den Ischen Puppen aus der Hand?

„Früh krümmt sich“, hört man öfter sagen
des Volkes weisheitsfrohen Mund –
doch statt zum Häkchen auszuschlagen,
wird mancher nur zum krummen Hund.

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