Stiller Genießer

Es liebt der Mensch, sich einzuigeln
in manche Art von Gläubigkeit,
die alle aber widerspiegeln
sein Herz, das nach Bekenntnis schreit.

Man hat sie sich nicht erst erkoren
nach Kandidatenkonterfei –
man ist in sie hineingeboren,
in die und die Politpartei!

Das heißt, Charaktereigenheiten
hat mitgebracht man auf die Welt
und diesen dann im Lauf der Zeiten
ein festes Credo beigesellt.

Könnt also mein Gemüt erschließen
aus dieser Lehre, die mir wert:
das Leben friedlich zu genießen,
an Leib und Seele unversehrt.

Und sich nicht Bange machen lassen
von Götterzorn und Höllenpein,
weil diese nur zu Mythen passen,
die mit dem Alltag nichts gemein.

Genuss soll der Vernunft entsprechen,
damit er nicht zur Reue zwingt,
wie wenn da wer bis zum Erbrechen
Konditorkunst herunterschlingt.

Und sich auch keineswegs beschränken
nur auf den Mund- und Magenpart,
anstatt ihn auch dem Geist zu schenken
auf etwas delikat’re Art.

Sind nicht des Musikers Sonaten,
die Leinwand, die der Maler streicht,
so köstlich wie ein Sauerbraten,
in Marinade eingeweicht?

Ihr seht, mit Fress- und Saufgelagen
hat diese Lehre nichts am Hut,
obwohl ihr jene nachzusagen,
man ihr bis heute unrecht tut.

Ganz vorneweg erklärte Christen,
wie sie Mirakel delektiern
und so ‘nen schnöden Realisten
als platten Prasser diffamiern.

Ihr kennt ja selbst den alten Heiden,
dem dieses Schicksal widerfuhr:
„Im Maß genießen, Schmerz vermeiden“ –
so vorgelebt von Epikur.

Und während ich noch dieses schreibe,
verspür ich schon des Mottos Kraft –
warm und gemütlich meine Bleibe,
kühl im Pokal der Rebensaft.

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