Seelenpflege bitte

Wer machte denn schon gute Miene
zu diesem ew’gen Ritual –
der Wasch- und Dusch- und Putzroutine
vorm Eintritt in das Morgenmahl?

Die Knochen noch vom Schlummer träge,
der Kopf noch nicht von Träumen leer,
brauchst erst einmal du Körperpflege,
auf dass dich nicht der Dreck verzehr.

Und wenn du frisch wie neugeboren
erneuert bist an Haupt und Glied,
dann hast du nicht nur saubre Ohren,
nein, auch ‘nen Bärenappetit.

So halbwegs konnte dich beleben
das Wasser schon mit Ach und Krach,
doch wenn die Kaffeedüfte schweben,
dann wirst du erst so richtig wach.

Dies Thema hat auch ohne Frage
schon früh die Forschung intressiert,
die nachwies, wie viel Lebenstage
man bei dem Ritual verliert.

Was doch noch niemand abgehalten
von dieser Reinheitsprozedur –
wie immer, wenn Gelüste walten,
die uns gegeben von Natur.

Wie? Dann zurück noch mal das Ganze!
„Kultur“ wär besser wohl gesagt:
heißt, aufzuzäumen stets vom Schwanze,
den Gaul, dem‘s mehr von vorn behagt.

Der Mensch der alten Jägerhorden,
nahm der denn Seife sich zur Brust?
Man ist ja eh nicht alt geworden
und scheute solchen Zeitverlust.

Erst als man sesshaft auf der Scholle
sein erstes Boudoir gebaut,
schor man vom Pelz sich weg die Wolle,
die sich zum Biotop gestaut.

Und wie hernach im Lauf der Zeiten
den Körper die Kultur entdeckt,
mocht man ihm weiter nicht bestreiten
die Wohltat, die im Wasser steckt.

Nur einmal riss es noch ‘ne Lücke
in diese schöne Tradition –
zur Zeit der lockigen Perücke
als Putz für die Respektsperson.

Da glaubte selbst man in Palästen,
vom Waschen würde man nur krank,
dass unter all den weißen Westen
der ganze Leib zum Himmel stank.

Doch musste wer die Nase rümpfen?
Gab’s Wässerchen nicht andrer Art?
Vom Zopf bis runter zu den Strümpfen
wurd an Parfümen nicht gespart.

Und obendrein nahm man an Paste,
an Rouge und Puder so viel Gramm,
dass schließlich Pinsel, Stift und Quaste
vereinten sich zum Badeschwamm.

Wie aber lautet meine Lehre
aus dem Gewäsch von Sauberkeit?
Wenn mit dem Körper doch nur wäre
die Seele auch vom Schmutz befreit!

Meerschaum

Die Weihnacht weiß, von der wir träumen
in unsrer raueren Region,
ist südlich an den Meeressäumen
gewiss die größre Illusion.

Hier reicht das beste Thermometer
kaum an den Nullpunkt mal heran,
was leicht man auf die Gründungsväter,
die Sonnengötter, schieben kann.

Dies kommt der Krippe auch viel näher,
in der man Jesus einst gewiegt –
da hat der neugeborne Kräher
schon reichlich Wärme abgekriegt.

Das mit dem Schnee und Frost, dem bittern,
passt eher ja zum Norden auch,
wo wir seit je Geschichte klittern,
dass sie ins beste Licht uns tauch.

Doch nicht mal an der Sonnenküste,
wo keinesfalls man glaubensträg,
als Wunder man es werten müsste,
wenn wo ein weißer Teppich läg.

Dahinter schon, in höhren Lagen,
für jeden sichtbar weit und breit,
die Berge gerne Häubchen tragen
zu ihrem schlichten Winterkleid.

Doch unten, wo ein schmaler Streifen
des Flachlands von der Flut sie trennt,
die Spatzen ’s von den Dächern pfeifen,
dass rund ums Jahr die Sonne brennt.

Und wie ich so gemütlich sitze
und über meinen Versen brüt,
empfind auf einmal ich die Hitze,
die durch die Fensterscheibe glüht.

Da läuten auch die Weihnachtsglocken
vom Kirchlein gegenüber her.
Und hinten gleich, in dichten Flocken,
stiebt Gischt bisweilen übers Meer.

Feier mit Tafelmusik

Im Strandlokal war tote Hose.
Ein Samstag und kein Publikum.
Der Kellner schlug in Heldenpose
sich nur mit seiner Muße rum.

Am Tisch ganz hinten in der Ecke,
da hockte immerhin noch wer –
vier Turteltäubchen, dern Genecke
klang fröhlich manchmal zu uns her.

Zur linken Hand ein Paar sich beugte
vertraulich übern Tellerrand
und großen Appetit bezeugte
für dessen reichen Fischbestand.

Das war’s schon an beherzten Wesen,
die heut nach draußen sich gewagt,
und nicht allein zum blanken Tresen,
an dem kein Wind und Wetter nagt.

Nein, auf das vordere Gelände,
wo man ein Feuerchen geschürt,
doch trotz der Plastikplanen-Wände
die Launen der Natur verspürt.

Der Sturm, er zerrte an der Plane,
dass sie sich beulte und sich bog
und flatterte wie eine Fahne,
die wütend an der Stange zog.

Und ließ dabei ein Heulen hören
wie Wölfe in der Winternacht,
wenn sie Gemeinsamkeit beschwören,
wie nur der Hunger sie entfacht.

Und in die kleinen Zwischenpausen,
wenn er nur kurz mal Luft geholt,
warf sich der Brandung dumpfes Brausen,
auf Steigen und auf Sturz gepolt.

So ein Gedröhne um die Ohren
war mir willkommener Besuch;
bin an dem Tag ja grad geboren
und schrieb ihn gern ins Gästebuch.

Zumal er sich die Mühe machte,
dem Anlass Nachdruck zu verleihn;
das Ständchen, das er mir da brachte –
es wird mir unvergesslich sein!

Gut beschirmt

Bin ich kein pfiffiger Geselle
(nach Alter längst im Meisterstand),
dass ich mal eben auf die Schnelle
‘ne Lücke in den Wolken fand?

Doch trotzdem nicht den Schirm vergessen,
denn Regen ist ja prophezeit
und schon im Voraus streng vermessen:
Am Boden fast zwei Finger breit.

Indessen konnte ich frohlocken –
in dem Moment kein Tröpfchen fiel,
so brachte ich uns beide trocken
vom Wind geföhnt ins Domizil.

Doch oben in den Wolken braute
und brodelte es kolossal,
dass ich verstand, warum es saute
hier unten über Berg und Tal.

Die Brandung ließ sich auch nicht lumpen,
sie brüllte wie ein Kinderschreck
und blies, wie’s Zecher tun beim Humpen,
den Schaum sich von der Kimme weg.

Ein Wetter, um es zu verfluchen.
Ein Wunder, dass es mich verschont.
Ich will doch gleich nach Fällen suchen,
die gleicherweise ungewohnt!

Ergebnis meiner Blitzrecherche:
Der Auszug aus Ägyptenland.
Mit Moses viele Tagesmärsche –
und dann die hohe Wasserwand!

Doch freundlich haben sich die Fluten
für diese Flüchtenden geteilt,
dass ohne Schiffe, ohne Schuten
sie glücklich ihrer Fron enteilt.

Nun, eines guten Gottes Walten
schließ ich in meinem Falle aus.
Doch dumpf die Tropfen widerhallten,
kaum hatte ich den Fuß im Haus!

Bauarbeiten

Hau weiter, lieber Nachbar, hämmer
und bohr dich in die Wand hinein,
ich hoffe, bis zum Abenddämmer
wird alles fix und fertig sein.

Was werkelt er denn da schon wieder?
Hat doch erst neulich mich geweckt,
als grad ihr flaumiges Gefieder
die Sonne übern Zaun gereckt.

Jetzt muss ich allerdings bekennen,
er legte erst am Mittag los,
wenn selbst die Rentner nicht mehr pennen
so selig wie in Abrams Schoß.

Doch schlägt er ebenso verbissen
und heftig auf mein Trommelfell,
dass ich befürchte, sein Gewissen
ist nicht der Handlung stärkster Quell.

Nun, wir sind ins Gespräch gekommen.
Um sieben etwa und ‘n Keks.
Er hatte grad den Schutt genommen,
war zum Container unterwegs.

‘nen guten Abend, Euer Ehren.
Ihr baut wohl grad die Bude um?
Ich will durchaus mich nicht beschweren…,
so druckste ich verlegen rum.

Ich wechsle meine Wanne grade,
gab er mir unumwunden zu,
doch morgen herrscht bei mir im Bade
schon wieder die gewohnte Ruh.

Und wirklich hat er Wort gehalten.
Nur manchmal noch ein Laut, gedämpft,
doch längst nicht solche Urgewalten,
die gestern mir das Ohr bekämpft.

Ich hoffe, dieser Gottesfrieden
ist keineswegs auf Sand gebaut
und mir das große Glück beschieden,
dass er sein Schlagzeug gut verstaut.

Und falls ich künftig von ihm höre,
nachdem die Kübel er vertauscht,
dann, toi, toi, toi, wenn aus der Röhre
ihm still das Badewasser rauscht!

Ein Heidenspaß

Am schönen Okawango,
da tanzt der Häuptling Tango
mit seiner schönen Häuptlingsfrau
gleich neben dem Termitenbau –
am schönen Okawango.

Doch aus dem schönen Bayern
kommt, seinen Gott zu feiern,
ein Missionar und Musterchrist
und sagt, dass Tanzen Sünde ist –
doch aus dem schönen Bayern.

Nun singen sie Choräle,
ein Herz und eine Seele,
die Schwarzen aus Botswana-Land
und der vom schönen Alpenrand –
jetzt singen sie Choräle.

So wird im Lauf der Jahre
hier jeder Bajuware
und tauscht gar die Savannenkluft
für Stammestracht mit Juchtenduft –
so wird im Lauf der Jahre.

Und wenn sie einmal sterben,
den schönsten Lohn sie erben:
Sie ziehn mit Pauken und Schalmein
zum Münchner in den Himmel ein –
und wenn sie einmal sterben.

Weihnachtsvorsatz

Na gut, versprochen ist versprochen –
zum ersten Mal an diesem Fest.
Und so ein Wort wird nicht gebrochen,
wie schwer es sich auch halten lässt!

Wir wollen diesmal uns nichts schenken,
es sei denn eine Kleinigkeit,
und unsrer liebevoll gedenken
im besten Sinn der Weihnachtszeit.

So wollen wir dem Stress entgehen,
der stets verbunden mit der Pflicht,
dass auf der Jagd man nach Ideen
verzweifelt sich den Kopf zerbricht.

Tut’s not, das Christkind anzuheuern,
das die Transportgeschäfte führt,
um eine Liebe zu beteuern,
die in Pakete eingeschnürt?

Hat nicht das Jahr genügend Tage,
die nicht mit Brauch und Sitte dräun,
an denen eh’r man in der Lage,
um jemand zwanglos zu erfreun?

Sind es die größten Gabenhaufen
mit allem, was da grad im Trend,
um eine Neigung zu erkaufen,
die mit dem Lichterglanz verbrennt?

Doch kann ich wirklich darauf hoffen,
dass dieser Vorsatz bindend sei?
Heut ist ‘ne Sendung eingetroffen
von ihr, der andren Schwurpartei!

So eine von enormer Größe
und ziemlich schwer, wenn ich’s bedenk.
Gab sich da jemand eine Blöße?
Das riecht doch sehr nach ‘nem Geschenk!

Muss aber trotzdem nicht bedeuten,
dass ich den Braten richtig roch:
Drei Tage vor dem Weihnachtsläuten
hab ich ja auch Geburtstag noch!

Da bleibt für Päckchen und Pakete
doch immer noch genügend Grund.
Ich glaube, gut man daran täte,
man schlöss auch dafür einen Bund!

Gipfeltreffen

Der Mensch mit seinen Eskapaden
als Herr in diesem Erdenhaus,
ist blind indessen für den Schaden
am Sockel des sensiblen Baus.

Als ob’s nicht kurz vor zwölf schon wäre
für den gebeutelten Planet,
bläst weiter in die Atmosphäre
er seinen Dreck von früh bis spät.

Der Globus fiebert, Gletscher schmelzen,
der Meeresspiegel steigt rasant,
und immer höhre Wogen wälzen
gefräßig sich ins Küstenland.

Den Feldern aber fehlt die Feuchte,
der Sprössling, eh er wächst, verdorrt,
und wo man dringend Regen bräuchte,
herrscht Sonnenschein in einem fort.

Wie müssten da die Glocken schrillen,
dass aus dem Schlummer man erwacht
und mit global geballtem Willen
dem Übel endlich Beine macht!

Und wirklich, unsre Volksvertreter
beteuern ihre Kompetenz
und gehn, mobile Unkrautjäter,
auf jede Umweltkonferenz.

Das tun seit Jahrn sie mit Routine
und mit dem gleichen Resultat:
„Hier unsre neuesten Termine –
bis x Begrenzung auf x Grad!“

‘ne Absicht, die Papier geblieben.
Mit Taten kommt man nicht voran.
Ist man gewillt, sie aufzuschieben,
bis eh man nichts mehr retten kann?

Das würde weit man von sich weisen:
„Wir haben vieles schon erreicht“ –
die edle Kunst, sich selbst zu preisen,
fällt diesen Leuten ja sehr leicht.

Doch neulich auf dem letzten Treffen,
den müden Machern da zum Hohn,
sprach, ohne Heuchler nachzuäffen,
die Wahrheit wer ins Mikrofon.

‘ne Dame im Ministerrange,
die Deutschland offiziell vertrat,
die zierte sich nicht erst noch lange,
als um ein Statement man sie bat.

Die Ziele sind nicht zu bestreiten:
Wir alle kennen die Gefahr.
Vor allem wolln wir vorbereiten
den Gipfel schon im nächsten Jahr.

Kalendergeschichte

Klein war er einmal und bescheiden
und doch zufrieden und vergnügt;
an was konnt er sich nicht schon weiden –
ein buntes Bildchen hat genügt!

Ein Engel oder ‘ne Trompete,
ein Häuschen, pfefferkuchenschwer,
‘ne Mühle, die sich lustig drehte,
zur Freude brauchte er nicht mehr.

Dann aber kam er in die Jahre
und mit ihm wuchs der Appetit,
dass er die virtuelle Ware
für wirkliche in Zukunft mied.

Und so am Ende ‘ner Dekade,
nur übern Daumen mal gepeilt,
war schließlich dann die Schokolade
in seinem Kopfe fest verkeilt.

Da ist sie aber nicht geblieben,
grad weil im Munde sie zerfloss,
denn häufig hört man auf zu lieben,
was man im Übermaß genoss.

Entzog ihr plötzlich das Vertrauen
und ist zu Neuem umgeschwenkt,
sofern es klein und zu verstauen
in einem Raume, der beschränkt.

‘ne Auswahl edler Kaffeesorten,
Gewürze aus dem Orient
und für der Nase luft’ge Pforten
ein ganzes Düftesortiment.

Wenn’s weiter geht so wie am Schnürchen
und keiner ihn im Zaume hält,
dann winkt ihm hinter seinen Türchen
gewiss schon bald das große Geld!

Mein eigener Adventskalender,
der ist noch von der alten Art –
tagtäglich ein Geschichten-Spender,
in Bilderbüchlein aufbewahrt.

Der fröhliche Zecher

Mal unter uns gesagt, ihr Lieben,
Vertreter beiderlei Geschlechts,
der Wein, dem heut ich mich verschrieben,
stammt aus Navarra, oben rechts.

Und da ich nichts auf Herkunft gebe,
aus welcher Gegend, welchem Gau,
ich vielerlei vergorne Rebe
dem trocknen Gaumen anvertrau.

Ganz falsch hab ich noch nie gelegen.
Bin ich nicht wählerisch genug
oder empfind ich schon als Segen
nur Brennstoff fürn Gedankenflug?

Dann könnt ich ja auch Gin mir schnappen
und Ähnliches von zig Prozent –
schon würde es genauso klappen
und schneller, als das Wiesel rennt!

Doch das nur über meine Leiche!
Man gibt das Zepter aus der Hand:
Und statt genialer Geistesstreiche –
ein sich verdüsternder Verstand!

Ich werd dem Wein die Stange halten
aus welchem Winkel auch der Welt
und ohne Ehrgeiz zu entfalten,
dass ich dereinst als Kenner gelt.

Ich hab ja auch noch nie gelitten
an Folgen irgendwelcher Art,
denn dieser Saft ist unbestritten
der beste für die Musenfahrt.

Nur einmal ist mir schlecht geworden
als Opfer meiner eignen Gier,
grad in Pamplona, grad im Norden –
da war’s indes das zehnte Bier.