Schöner Schein

Wie könnt man schmatzen, schlurfen, husten,
wär auf ‘ner Insel man allein,
ja, Winde aus dem Hintern pusten,
wo niemand pinkelt dir ans Bein!

Das, was man in der Kinderstube
dir als Benimm aufs Brot geschmiert,
es stammt ja aus der Salbentube,
mit der man die Natur kaschiert.

Wer würd sich nicht gern gehen lassen
frisch einfach von der Leber weg,
die Keule mit den Fingern fassen,
statt zu bekämpfen mit Besteck?

Stattdessen stehst du mit Krawatte
als fleischgewordener „Betreff“
an jedem Morgen auf der Matte
und machst dein Männchen vor dem Chef.

Die Hose faltenfrei gebügelt,
das Hemd manierlich zu geknöpft,
hast zivilisationsgezügelt
du dich im Stofflichen erschöpft.

Doch geht nicht geistig alles weiter
mit diesem biedren Maskenball,
damit auf der Karriereleiter
man reibungslos nach oben fall?

Ein bisschen Anstand kann nicht schaden,
das gebe ich natürlich zu,
man muss in Schlamm nicht grade baden,
damit man sich was Gutes tu.

Doch eine Uniform zu tragen,
das heißt den Standard im Büro,
scheint auch mir aus der Art zu schlagen:
Man wird zum Menschen comme il faut.

Man kümmert sich aufs Allerbeste
ums äußerliche Drum und Dran,
um eine blendend weiße Weste
und seinen Ruf als Saubermann.

Ja, grad die größten Massenschlächter,
dern Schäbigkeit zum Himmel stinkt,
warn meistens eifrige Verfechter
des Segens, den die Seife bringt.

Den Leuten gleich ins Herz zu schauen
uns mehr von ihnen offenbart,
als ob sie manchmal Nägel kauen
und sich was brabbeln in den Bart.

Doch nun genug der Weisheitslehre –
ganz frech und formlos: Ende. Aus.
Und was, wenn höflicher ich wäre?
Dann käm ein Epos dabei raus.

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