Archiv der Kategorie: Allgemein

Unschlagbar

UnschlagbarEin Boxer lässt die Fäuste fliegen,
wenn in den Ring er steigt,
die Knochen jedem zu verbiegen,
der sich als Gegner zeigt.

Mit Herz geht er zu Werke,
zielt fest auf Leib und Kinn,
beweist vor allem Stärke,
streckt er den andern hin.

Sein Plus ist Selbstvertrauen,
drei Tonnen auf ein Lot.
„Ich werde dich verhauen“,
er schon beim Wiegen droht.

Und fällt er selbst zu Boden,
und wird er ausgezählt,
tönt er, dem Antipoden
an Fairness hätt’s gefehlt.

Die herbste Niederlage
münzt in ‘nen Sieg er um.
Ein Kerl von seinem Schlage:
berauscht vom eignen Mumm.

Die Faust sein Markenzeichen,
sein Lebensunterhalt,
sie kann und will nur weichen
der höheren Gewalt.

Hat die ihn einst getroffen
zum tödlichen K. O.,
dann wird er, wolln wir hoffen,
auch dieses Sieges froh.

Vorrang Wind

Vorrang WindWas für ein Elend hier beim Dichten:
Mir fehlt ein wicht’ges Utensil –
muss auf die Kerze heut verzichten,
für mich weiß Gott kein Pappenstiel!

Ihr dank ich’s ja und ihrem Flackern,
dass mir erwacht die Fantasie
und ich, auch ohne groß zu ackern,
schon bald die schönsten Früchte zieh.

Zwar steht sie mir auch jetzt zur Seite,
doch von des Dochts gekrümmtem Quell
ergießt kein Strahl sich in die Weite,
der brennt wie Feuer, heiß und hell.

Das Wachs, vom Flämmchen ungeschoren,
total zerronnen und erstarrt,
sieht aus wie ‘n Tümpel, zugefroren,
der auf den nächsten Frühling harrt.

Stets wenn ich einen Blick riskiere
auf dies erloschene Fanal,
den roten Faden ich verliere,
so rührt es mich, so kalt und kahl.

Was ist passiert? Die Sommerhitze,
die Hitze, die ist schuld daran,
dass, wenn ich meine Reime ritze,
auf Wind ich nicht verzichten kann.

Die fleiß’gen Ventilatorblätter:
Kein Palmenzweig kann fächeln so!
Doch lieber wäre mir ein Wetter
für Kerzenschein. Und Kunstniveau.

Himmel jedenfalls

Himmel jedenfallsDas Tor zum Kosmos, schwarz und schweigend:
der Himmel über meinem Haupt.
Millionen Ehrfurcht ihm bezeigen,
weil man ihn hehr und heilig glaubt.

Bewohnt sei er von höhren Wesen,
die nicht zu Leid und Tod verdammt
und täglich in der Bibel lesen,
wo nicht von der Schalmei entflammt.

Um ihre Muße zu gestalten,
dien manchem auch das Harfenspiel,
da andre sich mit Inbrunst halten
an Sangeslust im Kirchenstil.

Verständlich, dass sie dabei tragen
ein blütenweißes Chorgewand –
wie auch an allen andern Tagen,
weil es beim Flug nicht kneift und spannt.

Und fliegen heißt’s vor allen Dingen,
die Wege sind einfach zu weit –
vom Luchs zur Leier sich zu schwingen,
braucht auch mit Flügeln seine Zeit.

Noch aber sind die sel’gen Genien
allein in ihrem Sternenhaus,
denn die aus Spanien und Slowenien
und andre Christen stehn noch aus.

Das Weltgericht, schon längst beschworen,
verzögert sich wer weiß bis wann,
so wie man’s bei den Erd-Juroren
ja leider auch verzeichnen kann.

Die Leichen müssen länger liegen
in ihrem düsteren Verschlag,
bis auf die Rippen wieder kriegen
sie etwas Fleisch am Jüngsten Tag.

Das Ganze ist mir doch zu vage,
der ew’ge Aufschub zu suspekt,
dass auf die Seite ich mich schlage
von denen, die schon mehr entdeckt.

Und dieses „Mehr“ ist schon ‘ne Menge
und schließt den ganzen Kosmos ein,
das heißt der Galaxien Gedränge
im grenzenlosen Ringelreihn.

Wir haben endlich lange Listen:
„Kriterien für den Wohnkomfort“,
zu sehn, ob’s ew’ge Leben fristen
man könnt wie im Excelsior.

Nun, wer auch immer droben wohne,
die Sache wäre nicht mein Fall:
Befund zu Paradiese: Ohne.
Befund zu Grauen: Überall.

Sinneswandel

SinneswandelEs ist schon wieder spät geworden,
halb eins ruft mir der Wecker zu.
Das Volk im Süden und im Norden
begab sich größtenteils zur Ruh.

Und ein’ge schickten noch Gebete
zu jeweils ihrem eignen Herrn;
und was man da so flüsternd flehte,
mein Gott, ich wüsste es zu gern!

Die Wünsche sind gewiss verschieden,
die jeder so im Herzen hegt,
doch eint sie wohl, dass man hienieden
sich leichter durch das Leben schlägt.

Und dass mit höchster Hand im Rücken
man sich nicht mal den Fuß verrenkt,
und wenn, dass man schon bald die Krücken
zur Wallfahrt an den Nagel hängt.

Na ja, ob wirklich heut so viele
von diesem Glauben noch beseelt,
dass in der Nische, in der Diele
es an ‘nem Kruzifix nicht fehlt?

Gewiss nicht mehr in unsern Landen,
die allen Wundern abgeschworn –
wie dass vom Tod wer auferstanden,
den eine Jungfrau einst geborn.

Doch irgendeinen Gott wir brauchen,
weil unser Herz nach einem schreit.
Lässt Mammon nicht den Schornstein rauchen?
Das heimliche Idol der Zeit.

 

Kleines Manko

Kleines MankoWas Rundes ist zunächst ihm eigen,
das auf den ersten Blick man sieht;
doch hier und da auch Beulen zeigen,
dass er zur Kugel nicht geriet.

Vollkommen nicht in seiner Schale,
doch ganz passabel von Figur,
hat er auch keine Muttermale
und auch von Runzeln keine Spur.

Die Haut ist glatt und ohne Falten
und glänzt wie’n neuer Henkelmann;
man mag ihn gern in Händen halten,
so fest und kühl fühlt er sich an.

Wie hübsch auch seine Rosenwangen,
von zartem Lindgrün untermischt –
wie eine Jungfer, die mit Bangen
nach ersten Komplimenten fischt!

Man muss sich schier zusammenreißen,
so appetitlich sieht er aus,
um nicht sofort hineinzubeißen
in dieses knack’ge Knusperhaus.

Wie sollt Schneewittchen widerstehen
‘nem Anblick, der so reizend war?
Sie konnt noch nach dem Äußren gehen,
die Gifte waren ja noch rar.

Was ich als Einziges nicht preise,
das ist des Apfels A und O:
Geschmack, der auf der langen Reise
verflüchtigte sich irgendwo!

Sujets gefragt

Sujets gefragt2Als Dichter, werdet ihr begreifen,
brauch Blumen ich, brauch ich den Mond,
brauch Kühe, die auf Auen streifen,
von Fröschen, Hahnenfuß bewohnt.

Brauch Schwalben, die im Äther jagen,
der Schmetterlinge schwanken Flug,
die Hörnchen, die an Nüssen nagen
mit Äuglein, funkelnd scheu und klug.

Brauch über Dächern, über Traufen
am nachtgeschwärzten Firmament
die ungezählten Sternenhaufen,
die zärtlich man mit Namen nennt.

Ach, diese ganze rote Liste
der Utensilien, die hier rar,
wo nur ‘ne öde Autopiste
uninspirierend ich gewahr.

Gält’s einen Hymnus anzustimmen
von Häusern ohne Fantasie,
von Straßen, die in Plastik schwimmen –
an Versen fehlte es mir nie.

Doch meinte einst nicht ein Experte:
Für gut gemalte Rüben gilt,
dass künstlerisch von höhrem Werte
sie als ein schlecht’ Madonnenbild?

Da heißt es mit dem Mangel leben;
mit den paar Möwen, die hier schrein,
den Mücken, die am Leuchter kleben –
als City-Mensch nicht wähl’risch sein!

 

Entwertung

EntwertungStill, Nachrichten! Es sagt der Sprecher:
In Deutschland mangelt dies und das. –
Die Rechten werden immer frecher. –
Für Steuersünder Straferlass.

Wir brauchen keine Datenschützer;
der Datenzugang ist längst frei
für staatliche Geheimdienstnützer
und ihre Ami-Kumpanei.

Den Soli will man beibehalten,
auch wenn erreicht der Förderzweck.
Für alle Länder, auch die alten,
nimmt man ihn bald dem Bürger weg.

Als Hörer denkst du: Nicht zu fassen,
wie dich der Staat belügt, betrügt,
um dich zur Ader stets zu lassen,
wenn sein Tribut ihm nicht genügt.

Was er dir gestern fest versprochen,
ist ihm schon morgen Schall und Rauch.
Nur dieses Wort, das er gebrochen,
sei ganz gewiss, das hält er auch.

Doch schließlich kommt die große Wende,
der Umschlag in die Euphorie:
„30° Sonne ohne Ende.
So heiß war es seit X noch nie!“

Die letzte Botschaft, die bleibt hängen,
dies plötzliche Begeistertsein,
um all den Mist da zu verdrängen:
Na also, alles Sonnenschein!

Das alte Wechselspiel

Das alte WechselspielNoch liegt der Abendröte Schimmer
verblassend auf der Häuserfront,
Relikt der Sonne, die wie immer
schon lange hinterm Horizont.

Ihr Erbe hat schon angetreten
ein ungeduldiger Trabant,
der platzt vor Stolz aus allen Nähten,
von Licht gefüllt bis an den Rand.

Das Timing wieder gut gelungen,
salopp gesprochen: wie geschmiert,
dass auf der Erde Niederungen
Hell stets mit Dunkel kontrastiert.

Es ist, als ob ein Schöpfer hätte,
von Rembrandts dunklem Stil verführt,
auf seiner kosmischen Palette
nur Licht und Kohle angerührt.

Doch nicht, dass auf ‘ner großen Fläche
ästhetisch Spannung er erzeug,
nein, dass die Zeit er unterbreche
und unters Joch des Rhythmus beug.

So flieht sie uns nicht ungesehen
mit unbewegter Miene hin
und muss uns Red und Antwort stehen
verlässlich im Uhrzeigersinn.

Doch malt zu düster nicht der Dichter?
Ist’s nicht ein heitrer Kontertanz?
Nachts hüpfen tausend Sternenlichter,
den Tag verklärt der Sonnenglanz.

Nichts verschwitzen

Nichts verschwitzenIm Hintergrund dreht sich die Scheibe
des Ventilators unentwegt,
damit ich kühl und trocken bleibe,
solang die Hitze sich nicht legt.

Schlägt eine Bresche in die Schwüle,
die fettig in der Küche steht,
dass brisend auf dem Leib ich fühle
die Bora, die beharrlich weht.

Wär nicht die fleiß’ge Windmaschine,
ich säß nur hundeelend da
mit ausdrucksloser Leichenmiene
wie einer, der ‘ner Ohnmacht nah.

Nicht einen Finger könnt ich rühren;
apathisch glotzend wie ein Rind,
würd grad den Tropfen ich noch spüren,
der sacht den Nacken runterrinnt.

Und statt dass ich mit gift’gem Blute
wie Herkules einst überschwemmt,
würd enden meine Lebensroute
im schweißgetränkten Nessushemd.

Doch warum groß noch davon reden?
Das Rädchen schnurrt und schnurrt und spinnt
in feinen, unsichtbaren Fäden
mir haspelweise frischen Wind.

Gleichwohl hab ich auch dies geschrieben
in meines Angesichtes Schweiß.
Denn äußerlich zwar drög geblieben,
liefs Hirn sich doch wie immer heiß.

 

Passt doch

Passt dochNun ist die Kruke ausgetrunken –
der Tatendurst indes noch brennt.
Wie, dass in Poesie versunken,
noch jemand Zeit und Stunde kennt?

Jetzt läuft der Geist auf vollen Touren,
es brummt mir unterm Schädeldach,
als hielten tausend Kuckucksuhren
mit ihrem Dauerruf mich wach.

Ein neues Beet will ich mir bauen,
in das ich auch vier Zeilen zieh,
um jederzeit zu überschauen
die Blüten meiner Fantasie.

Und wenn ich glücklich dann gegründet
dies eher schlichte Areal,
gewiss sich dran der Wunsch entzündet:
Das Ganze gerne noch einmal!

So stetig ich denn weiterschreite
und streue schöne Worte ein,
bis schließlich auf der ganzen Seite
kein Platz mehr bleibt für Sämerein.

Da kannst du, Les’rin, dir wohl denken,
dass ich zerstört am Boden bin –
muss plötzlich diese Hacke senken,
die doch noch flink wie zu Beginn.

Beim zweiten Hinsehen indessen
erkenne ich der Zeiln Struktur:
Da liegen sie, perfekt bemessen,
wie ein Gedicht auf weiter Flur!