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Nix los

Nix losDer Bürger lauscht schon in die Kissen,
vor meinen Augen liegt die Nacht.
Hab wieder einen Tag verschlissen,
der sicher nicht Furore macht.

Zuerst die alten Rituale,
die nutzlos, aber nötig sind:
Die Pflege dieser äuß’ren Schale,
bei der die Zeit so zäh verrinnt.

Dann endlich lecker Kaffee trinken
und eine Stulle reingestopft –
um gleich in Arbeit zu versinken:
die Petersilie umgetopft.

Danach die E-Mail inspizieren:
Na wieder mal nur Werbeschrott!
Und schon „Papierkorb“ aktivieren –
für heute Schluss mit com und dot.

Die Klappe zu, zum Buch gegriffen,
ein halbes Stündchen Zeilenkost.
Doch bald auch dies zurückgepfiffen –
es klingelt; ach, die Schneckenpost!

Und nur so fort und nur so weiter
in diesem alten Trott und Stil.
Die Julisonne gab sich heiter,
was auch nicht aus dem Rahmen fiel.

Was wird von einem Tage bleiben,
der sich so rasend rasch verliert?
Ein Zusatz nur zum Verseschreiben:
Der Zahlencode, der ihn datiert.

 

Fassadensanierung II

Fassadensanierung2Noch herrscht so was wie Friedhofsruhe;
noch ist ja Sonntag Gott sei Dank.
Doch bald schon klappern Arbeitsschuhe
mir draußen vor der Fensterbank.

Dann seh die fleiß’gen Handwerksleute
ich über das Gerüst flaniern,
dass eimerweis mit Schutt als Beute
die Hausfassade sie saniern.

Den Brüdern würd ich nie im Leben
so was wie Rücksicht unterstelln;
sobald sie nur den Hammer heben,
die Dezibel nach oben schnelln.

Und wenn sie sich verständ’gen müssen
(doch dies sei ihnen gern verziehn),
geschieht das wie mit Donnerschüssen,
die ihrem Rachenrohr entfliehn.

Es werden harte Wochen werden.
Die Arbeit ist geplant auf zehn –
so lang wird „Steine, Bau und Erden“
mir täglich auf den Zeiger gehen.

Doch wenn sie endlich dann gewichen,
erkennt man ihre Meisterhand,
denn die Balkone sind gestrichen
und auch der Putz bleibt an der Wand.

Für seine lauteren Methoden
wird’s Handwerk fürstlich honoriert.
Noch immer hat es goldnen Boden –
von Mietern meistens mitsaniert.

In der Sommernacht

In der SommernachtZufriedenheit? Da muss ich zaudern,
weil ich noch unentschieden bin.
Hör über mir die Nachbarn plaudern
die laue Sommernacht dahin.

Ja, abends so im Freien sitzen
am Ufer wo, am Waldesrand,
wo Kiefern ihre Tränen schwitzen
und Mücken außer Rand und Band.

Und Aug in Aug der großen Liebe,
von blondem Lächeln süß umflort,
indes mit kräft’gem Schnabelhiebe
der Buntspecht seine Wiege bohrt.

Der Tag will nicht zu Ende gehen.
Um elf taucht kurz die Sonne ab,
um bald schon wieder aufzustehen,
das heißt drei Stunden später knapp.

Längst überfiel der Schlaf die Tiere;
kein Käfer wandert mehr durchs Gras.
O diese Stille, diese schiere,
wie keine Stadt sie je besaß!

Wer dürfte dieses Schweigen trüben?
Wir sitzen, beinah Schatten nur,
in diesem Zauber uns zu üben
der weithin träumenden Natur.

Von Frieden war ich da durchdrungen,
ja, was man glücklich nennt sogar;
doch lang ist’s her: Erinnerungen –
wer weiß, ob alles rosig war.

Fassadensanierung

FassadensanierungSchluss mit den stillen Sommertagen –
jetzt wird gehämmert und gebohrt!
Vors Haus ist ein Gerüst geschlagen,
verplankt, verwinkelt und verrohrt.

Allein schon, um es aufzubauen –
was für ein Lärm erfüllt die Luft!
Sie lieben’s, feste zuzuhauen,
die Herren in der Handwerkskluft.

Das ist ein Scheppern, Klötern, Klingen,
das keine Melodie ergibt,
nur Töne, die ins Mark dir dringen,
als ob man Stein auf Eisen schiebt.

Das Schlimmste aber soll noch kommen:
Die Hausfassade wird saniert,
und ich erinnre mich verschwommen,
dass so was höllisch laut passiert.

Des Rentnerdaseins dunkle Seite
sehr schön sich hier erkennen lässt –
einst suchte man im Job das Weite,
jetzt hängt man in der Bude fest.

Die Zähne drum zusammenbeißen,
das heißt die Ohren, falls das geht,
denn schließlich ist uns ja verheißen,
ein Haus, das wieder sicher steht.

Der Eigner wird dafür nicht bluten.
Er hat ja fleißig bilanziert –
und angesichts der Kostenfluten
schon mal die Mieten aufpoliert!

Ahnenforschung

AhnenforschungAm Anfang waren da die Quallen,
nicht mehr als Wasser und als Haut,
doch ihnen hat es gut gefallen,
so hat man eben ausgeschaut.

Und so genügsam auch die Schwämme,
die blieben am Geburtsort gar,
aus Furcht vielleicht, dass in die Klemme
sie sonst wo kämen und Gefahr.

Dann tauchten die auf, die in Schale
sich warfen gegen Feindesbiss,
die Muscheln, Krebse tief im Tale
der maritimen Finsternis.

Danach die sich mit vielen Gräten
im Innern festen Halt verschafft
und die in jeden Winkel spähten
vermöge ihrer Flossenkraft.

Nun, manches will ich übergehen,
damit ich kurz mich fassen kann;
am Schluss indes die Säuger stehen
und wir als Homo obenan.

Eins aus dem anderen entsprungen
nach festen Regeln der Natur,
und alles Leben so verschlungen
in einem einz’gen Stammbaum nur.

Wie weit auch seine Zweige reichen,
wie üppig er ins Kraut auch schoss –
für Kön’ge, Fürsten und dergleichen
entwickelte er keinen Spross.

 

Bei der Fachgenealogie zitiert

Antikes Quantum

Antikes QuantumDa von der Flasche grünem Grunde
sticht dunkelrot der Pegel ab
des Weins, den mehrfach schon zum Munde
genüsslich ich gehoben hab.

Das heißt dass bis zum Halse oben
derselbe nicht mehr stehen kann –
mit meinem Gaumen kaum verwoben,
er gurgelnd durch den Abfluss rann.

Und wenn dann in den Magenwänden
behaglich erst sein Feuer glüht,
lässt er mir schöne Grüße senden,
mir zu erwärmen das Gemüt.

Dann fühl wie Faust ich ein Behagen,
der, auch erhitzt von „neuem Wein“,
fand Mut, sich „in die Welt zu wagen“
und fest in jedem Sturm zu sein.

Nun, mein Gewinn an Zuversichten
ist nicht so faustisch weit gespannt,
doch regt sich jäh die Lust zu dichten,
als hätte Bacchus sie gesandt.

Ach, mit mänadisch wüsten Tänzen
müsst ich mein Leierspiel begehn,
mit Weinlaub mir die Schläfen kränzen,
da tausend Tücher mich umwehn!

Ja, das entspräch den heil’gen Bräuchen.
Was bin ich für ein dröger Spund!
Die Alten soffen Wein aus Schläuchen –
und heut noch ist ihr Lied uns kund!

Eingetopft

EingetopftDa prangt ‘ne halbe Blumenwiese
im Krug, worin einst Bier geschäumt;
der Nachbar schenkte nett mir diese,
als den Balkon er aufgeräumt.

Erspart mir, alle aufzuzählen,
erkenn ich grad noch an dem Blau
die Kornblume unter den Seelen
der frisch gemähten Blütenschau.

Nein, außerdem die Margerite
an ihres Körbchens goldnem Stand;
doch das ist alles, was ich biete,
floristisch wenig weltgewandt.

Das Weitre überlass ich gerne,
o Lesrin, deiner Fantasie,
die üppig blüh’nd auch aus der Ferne
noch stets zum rechten Bild gedieh.

Doch mag er ihm auch ähnlich sehen,
ein echter Feldstrauß ist er nicht –
ein Kübel ließ ihn auferstehen
zum mütterlichen Tageslicht.

Er wuchs auf eng begrenztem Raume
in eine betonierte Welt
und dachte nicht einmal im Traume
an Größen so wie Wald und Feld.

Und wird sie auch nie kennenlernen,
so wie er langsam da verdorrt.
Ein Häufchen Erde unter Sternen –
der Globus auch als Lebensort.

Passendes Schuhwerk

Passendes SchuhwerkGegluckse, Juchzen, dumpfes Lachen –
und Totenstille wieder gleich;
als würden Frösche kurz erwachen
in ihrem sumpfig-seichten Teich.

Die Stadt liegt einsam und verlassen;
nur manchmal tönt noch da und dort
das Echo der lebend’gen Gassen
des lichten Tages leise fort.

In hunderttausende von Waben
zog sich der fleiß’ge Mensch zurück,
sich nach dem Nektarflug zu laben
an Glotze und Pantoffelglück.

Der Erst’ren mag ich gern entgleiten,
doch nicht dem filz’gen Fußgerüst,
obwohl, um Pegasus zu reiten,
man eher Stiefel tragen müsst.

He, he! Sollt’s etwa daran liegen,
dass er mich oft nicht weiterbringt
und statt beherzt dahinzufliegen
(falls das in Lüften geht) nur hinkt?

Ich werd ihn auf die Probe stellen,
der Sache geh ich auf den Grund –
und weh dem wiehernden Gesellen,
entpuppt er sich als krummer Hund!

Gleich morgen jag ich in die Flanken
ihm Sporen zur gewohnten Zeit.
Mal sehn, ob’s mir die Flügel danken.
Ich sing euch dann sofort Bescheid.

 

Im Versmaß

Im VersmaßHalb zwölf, und meine erste Zeile
betritt noch schüchtern das Parkett.
Doch bleibt sie nur ‘ne kurze Weile
allein in diesem Versquartett.

Na, was hab ich gesagt, ihr Lieben?
Schon haben sich um sie geschart
die eilends ich ihr nachgeschrieben,
Geschwister gleicher Wesensart!

Und so geht es beharrlich weiter,
als bände Blüten man zum Kranz:
Die Zeilen, sie formiern sich heiter,
gemessen zum Gesellschaftstanz.

Menuett, Quadrille, Sarabande?
Ich weiß nicht, wie mein Versfuß hinkt;
doch dies auch nur mal so am Rande –
Hauptsache ist, er tut’s beschwingt!

Ist alles das dann hübsch im Gange,
bekommt man so viel Spaß daran,
dass locker man wer weiß wie lange
sich damit amüsieren kann.

Doch selbst wenn üppig wir belüden
mit Beifall sie als luft’gem Lohn,
sie müssten einmal doch ermüden
im Gleichschritt ihrer Perfektion.

Drum auf dem Höhepunkt der Dinge,
so wie der Volksmund es uns rät,
ich lieber sie zum Stillstand zwinge:
Stopp! Und die letzte Zeile steht.

Lautwandel

LautwandelVokale gehn und Konsonanten
auf Straßen täglich hin und her –
im Munde tausender Passanten,
mal flink und mal gedankenschwer.

Als Wörter kommen sie in Rudeln
in Sätzen und Sentenzen gar,
um ungehemmt herauszusprudeln,
mal trübe und mal sonnenklar.

Doch müssen sie sich rasch entscheiden,
wer geht mit wem heut Arm in Arm –
der Wind mag ihr Gesumm nicht leiden,
verbläst sie wie ‘nen Mückenschwarm.

Doch die Flaneure, nicht verlegen
um Nachschub aus dem Rachenraum,
wirken dem Schwund geschickt entgegen
und schlagen noch mehr Wörterschaum.

Was für ‘ne Lust sich einzuseifen:
Du hast da ‘nen Vokal im Haar. –
Und du fang an, mal abzustreifen
vom Hemd das Konsonantenpaar!

Ja, so viel Aufmerksamkeit schenken
die Menschen ihrem Lautbestand:
Wer würd’s den Wörtern da verdenken,
wenn manchmal sie auch arrogant?

Ich hoff, dass mir die flücht’gen Phone
stets höflich von den Lippen gehen –
lass ich sie doch zum Musenthrone
von einem milden Zephir wehn!