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Eremit

EremitErneut hab ich zum Stift gegriffen,
ich weiß nicht, unter welchem Zwang –
vielleicht die Stunden zu umschiffen,
die ich allein und die mir lang.

Es herrscht ja nicht des Tags Getriebe,
das unablässig läuft und lärmt,
so dass man meinen muss, man bliebe
von Wesen tausendfach umschwärmt

Und fühlt sich wie im weiten Meere
dem Fisch gleich, der mit andern zieht,
als ob er ein Verwandter wäre –
und doch die Einsamkeit nur flieht.

Nein, leer die Straßen und verlassen.
Kein Motor und kein Möwenschrei.
Die unsichtbaren Himmelstrassen
selbst stumm jetzt und maschinenfrei.

So wie Antonius in der Wüste
hock ich als Klausner in der Nacht,
als ob ich meine Sünden büßte,
die unter Menschen ich gemacht.

Ob er sich Schweigen auferlegte,
das er zur Strafe niemals brach,
oder, wenn sich sein Herz erregte,
mit Küh’n und Antilopen sprach?

Das Zwiegespräch, das ich entfalte,
ein stummes nur mit Versen ist.
Was immer man von Anton halte:
Ich wäre jedenfalls Trappist.

Nachtstück

NachtstückMal wieder eine dieser Nächte,
in denen man zum Dichter wird –
man fühlt geheimnisvolle Mächte,
und Pegasus steht angeschirrt.

Es ist so still, dass aus dem Schweigen
sich Stimmen lösen geisterhaft.
Da heißt es in den Sattel steigen,
dass lyrisch man sich Luft verschafft.

‘s ist Sonntag. Die Geschäfte ruhen,
bewacht von strengem Neonlicht.
Gefährte, flink auf Gummischuhen,
hört man seit elf Uhr dreißig nicht.

Die Decke übers Ohr gezogen,
der Wolken flauschigen Flanell,
hat um die Sterne uns betrogen
der Himmel – ach, ihn fröstelt schnell.

Um wie viel tiefer wird das Dunkel,
wenn uns kein Licht von oben brennt
und unser Blick, gewöhnt Gefunkel,
sich fängt im Wattefirmament!

Die dürren Äste: Scherenschnitte,
die nur als Standbild angelegt.
Der steife West zur Tagesmitte
woanders sich in Büsche schlägt.

Die Nacht verhofft wie eingefroren
und doch gespannt wie vor dem Knall.
Ich geb dem Musengaul die Sporen –
und bring ihn lieber in den Stall.

 

Rückspiegel

RückspiegelWie’s üblich ist zum Jahresende,
hab Inventur auch ich gemacht
und hab durch meines Hirnes Hände
das ganze Zeug zu Buch gebracht.

Mein Einduck: Völlig gleiche Lage
wie die zwölf Monate zuvor.
Gewinn, Verlust hält sich die Waage.
Es ist der Wandel, der verlor.

Da waren wieder Katastrophen,
naturgeborn von Zeit zu Zeit,
wenn aus des Globus ries’gem Ofen
es Feuer allverzehrend speit.

Vulkanausbrüche, heft’ge Beben
und Flut, die alles überspült –
der Erde wundes Innenleben,
das chronisch ihr im Pelze wühlt.

Da waren auch die Grausamkeiten,
die auf des Menschen Konto gehn:
Massaker, Mord in allen Breiten –
hier konnt die Welt sich einig sehn.

Und für die Umwelt gilt das Gleiche:
‘s ist weiter schlimm um sie bestellt.
Hier pflanzt man lärmend eine Eiche,
für die man da zwei stiekum fällt.

Auch hat der Frieden nicht gelitten
mehr als im letzten Rechnungsjahr:
Paar tausend, die sich totgestritten,
was im fatalen Rahmen war.

Obwohl doch hier und da Missionen
man militärisch losgeschickt,
das heißt in Krisenregionen,
die schön mit Waffen vorgespickt.

Doch dass man endlich mal verteile
das Brot gerechter als bisher,
zeigt’ wieder keiner große Eile –
drum nahm der Reiche sich noch mehr.

So bleibt denn alles schön beim Alten,
wie sehr auch mancher drüber klagt,
weil überall die Mächt’gen walten,
die nur die eigne Fresslust plagt.

Parole: Bloß am Ruder bleiben;
den Kurs bestimmen, der was bringt.
Erfolge auch ins Logbuch schreiben,
wenn die Erwartung längst schon sinkt.

Um gute Arbeit vorzutäuschen,
beschreit man noch den kleinsten Dreck.
Das Volk, mit sel’gen Schnarchgeräuschen,
es liegt im Tiefschlaf unter Deck.

So tuckert er denn fröhlich weiter,
der Seelnverkäufer von ‘nem Kahn,
kein Lotse auf der Jakobsleiter,
der Kapitän ein Liederjan.

Die Sache damit abgeschlossen.
Ergebnis: Wieder Status quo.
Auch ich reit’ noch den Musenzossen –
das allerdings, das macht mich froh.

 

Wetterlage

WetterlageWenn er doch nur mal dichter fiele,
anstatt so federleicht und fein!
So trägt man sich ja in die Diele
nicht mal ‘nen müden Abdruck rein!

Am Nachmittag hat’s angefangen;
auf einmal stob ein weißer Flaum
von Flocken auf die tauben Wangen,
sie sprenkelnd wie mit Seifenschaum.

Doch wie er flüchtig dir am Leibe
so wie gefallen, so zerfloss,
war auch das Pflaster keine Bleibe,
die lange er als Gast genoss.

Nur hier und da auf größren Flächen,
in die kein Rad, kein Fuß sich prägt,
gefiel’s ihm, nicht gleich aufzubrechen,
nachdem er sich dort hingelegt.

Ganz anders auf dem breiten Streifen,
der Straße starrem Lavafluss:
Da schmolz er untern heißen Reifen
von Pkw und Omnibus.

Kaum blieb er an den Bäumen hängen;
die Zweige, weithin ausgespreizt,
dass sie ein wenig Puder fängen,
sie blieben schwarz und braun gebeizt.

Das heißt am falschen Ende sparen:
‘ne Schütte Schnee fürs ganze Land!
Nicht einmal Schlitten kann man fahren.
Der Winter, ach, verläuft im Sand!

 

Charaktere

CharaktereDas rechnet’ an ich mir zur Ehre,
der Dichterkrönung würdig fast:
im Vers zu zeichnen Charaktere
so wie in Prosa Theophrast.

Der Weise: Stets bereit zu raten,
weil er schon alles durchgedacht
und schnuppert glücklich jeden Braten,
bevor er auf den Herd gebracht.

Der Aktivist: Stets auf den Beinen,
dass er die Welt am Laufen hält,
die doch im Großen wie im Kleinen
trotz seiner nicht zusammenfällt.

Der Geiz’ge: Der mit hartem Herzen
auf dem gespickten Säckel thront,
sich jenen Reichtum zu verscherzen,
mit dem nur Dankbarkeit belohnt.

Der Neider: Dass er alles hätte,
woran der Nachbar sich erfreut,
der ja vom silbernen Tablette
tagtäglich Manna wiederkäut.

Der Eitle: Will Bewund’rung haschen,
weil er sich unvergleichlich weiß,
und gibt mit goldenen Gamaschen
sich billig nur dem Spotte preis.

Der Starke: Lässt die Muskeln spielen
und legt sich mit dem Teufel an,
um eine Wirkung zu erzielen,
die sanft er leichter haben kann.

Der Prahler: Führt nur auf der Zunge,
was selbst mit Lorbeer ihn belaubt,
und strapaziert die Pferdelunge
mit Sprüchen, die ihm keiner glaubt.

Der Intrigant: Beim Ränkeschmieden
von äußerst biegsamem Gemüt,
doch lässt das Wasser häufig sieden,
bis er sich selber dran verbrüht.

Der Schwätzer: Wälzt und wälzt die Worte
und wiegt sie auf der Zunge nicht.
Aus seiner Gurgel offner Pforte:
Ein Redeschwall, der Bände spricht.

Der Fromme: Gottes Lohn im Auge,
wie er nur dem Bekenner winkt,
seift er sich mit der Tugendlauge,
die säuerlich zum Himmel stinkt.

Der Eifersücht’ge: Der beflissen
beäugt des Weibes Ehrbarkeit,
indes sein männliches Gewissen
ihn selbst von Treue treu befreit.

Der Stolze: Lässt Verachtung spüren
den, der das Wasser ihm nicht reicht
und der doch auch bezahlt Gebühren
und einst wie er im Grabe bleicht.

Was? Auch vom Dichter wollt ihr hören?
Gewiss, das ist ein Fall für sich.
Doch Mitternacht! Ich könnte schwören,
ihr schlaft jetzt erst mal – so wie ich.

Auf Pirsch II

Auf Pirsch IIHier ein paar Lichter, da Laternen,
Fassadendunkel und Asphalt.
Jetzt heißt die Nacht es wieder lernen,
den düstren Stein- und Sternenwald.

Doch eh ich mich darin verliere,
nehm ruhig meinen Platz ich ein,
die ganze Straße im Visiere,
um Jäger, nicht gejagt zu sein

In meiner Küche und Kaschemme,
da wo ich meine Strophen schieß,
und die noch selten in der Klemme
mich unerlegter Beute ließ.

Da flackert mir das Kerzenfeuer,
damit es Nachtsicht mir gewähr
und mich mein Waidmannsabenteuer
mit einem zünft’gen Braten nähr.

Da lauert wie ein Jagdgehilfe
die Flasche stumm auf dem Tablett,
dass ich für Schüsse ins Geschilfe
‘ne sichre Hand zumindest hätt.

Und, heil’ger Hubert!, diese Büchse,
die was weiß ich für Kugeln hat –
die trifft die scheusten Versefüchse
unweigerlich direkt aufs Blatt!

Wenn schließlich in des Himmels Schweigen
der Mond die goldne Stunde schlägt,
dann will er mir im Glanz wohl zeigen
die Strecke, die ich schon erlegt.

Ein Grund, die Sache abzublasen.
Da liegt ja manches schon gereiht.
Und für die Hirsche und die Hasen
hab ich auch morgen wieder Zeit.

O Finsternis, wo bleibt dein Schrecken!
In Spaß hat sich die Furcht verkehrt.
Der Bruch, der an den Hut zu stecken,
ist tausend solcher Nächte wert!

Im Namen des Volkes

Im Namen des VolkesGehn zufällig dir mal beim Dichten,
bewahre!, die Gedanken aus –
die Politik wird es schon richten
in Vorder- oder Hinterhaus.

Da wimmelt’s ja nur von Gestalten,
die gerne mal gereimt man säh,
wie sie so ihres Amtes walten
in selbsternannter Bürgernäh.

Und zwar, es fällt mir schwer zu sagen,
egal, zu was sich wer bekennt –
er liegt dem Volke auf dem Magen,
ob orthodox, ob Dissident.

Denn was – psst, psst! – sie alle wollen,
beschränkt sich nicht auf ‘ne Fraktion:
mehr Kohle aus dem goldnen Stollen
der pralln Besoldung und Pension.

Dafür muss dann die Masse bluten,
der hoch und heilig man verspricht,
es wende alles sich zum Guten,
übt auf das Meiste sie Verzicht.

Geborne Sandmännchen sie alle,
weil täglich sie Versprechen streun
mit ihrer Zunge Engelsschalle
in Seel’n, die sich vergeblich freun.

Indes die Ärmsten sie betrügen
mit Wortgeklingel, das wohlfeil,
genießen sie in vollen Zügen
ihr gut dotiertes Erdenheil.

Zwar mit Programmen angetreten,
die hohe Ziele definiern,
sind’s nur Karriere und Diäten,
wofür sie echt sich engagiern.

Pragmatisch sie ihr Handeln nennen,
wenn’s ihnen in die Richtung passt;
das heißt wenn alle Hütten brennen,
trägt nur das Volk die Aschelast.

Dazu ersinnen sie Gesetze –
„gerecht für alle, Groß und Klein“:
doch so geknüpfte Steuernetze,
dass nur die Haie sich befrein.

Und solche „Leistung“, wie sie meinen,
würd noch zu wenig honoriert –
des Henkers Ford’rung, will mir scheinen,
der je nach Köpfen mehr kassiert.

Die Schafe aber, die geschoren,
sie lassen willig es geschehn.
Zum Blöken sind sie nur geboren:
Mein Schlächter, mäh, du mein Mäzen!

Ach, will mich hier nicht länger quälen,
bin so erregt, dass ich mich schneuz.
Nur eins: Wen immer wir auch wählen –
es wär mit allen nur ein Kreuz!

Heu für Pegasus

Heu für PegasusDer Nebel ging zur Neige
und Regen folgte ihm.
Ich sitze hier und schweige
ganz einsam und intim.

Damit es mir nicht fehle,
dass jemand mit mir spricht,
zum Zwiegespräch ich wähle
mich selber im Gedicht.

Mir hilft dabei die Flasche,
die heute voll Chablis,
für jede Backentasche
ein Schlückchen Poesie.

Ich drücke meine Zeilen
beharrlich aufs Papier,
indes Äonen eilen,
bis drei es wird und vier.

So lange säße keiner
bei mir zur Plauderei,
da hab ich grad als einer
viel mehr Geduld dabei!

Doch die ist auch zu Ende,
erschöpft sich erst der Stoff,
der hurtig und behände
mir durch die Kehle troff.

Dann stocken die Gedanken,
der Musenquell versiegt,
und stumm in seinen Schranken
der stolze Barde liegt.

Daran ist nicht zu rütteln,
heut fängt er sich nicht mehr,
und käme wer mit Knütteln
die kreuz ihm und die quer.

Sponsoren wärn nicht übel,
ein Weingut in der Pfalz,
dass stets aus vollem Kübel
er hätt was für den Hals.

Drum dies mit letzten Kräften:
Vermehrt des Dichters Ruhm
mit hausgemachten Säften –
aus Mäzenatentum!

Wünsche

WünscheWas wird das nächste Jahr uns bringen?
Die alte Frage, immer neu.
Und meint dabei vor allen Dingen
recht bodenständig: Geld wie Heu.

Das ist die häufigste Variante –
doch wird konkreter auch gedacht:
dass Oma etwa oder Tante
ihr hübsches Häuschen uns vermacht.

Doch kann sich auch auf Schmuck erstrecken,
auf Uhren, Aktien oder Gold,
was gern wir in die Tasche stecken,
vom letzten Willen so gewollt.

Und sicher brächte uns auch weiter
ein kleiner Höhenflug im Job –
ein Schritt auf der Karriereleiter
vom Zwischendeck hinauf zum Topp.

Indes sich nicht nur Wünsche regen,
die Habsucht und Begierde lenkt,
nein, mancher möcht auch, dass der Segen
des Hauses wieder grade hängt

Und wieder liebend den umfangen,
von dem er sich entfremdet fühlt,
mit seines Herzens Feuerzangen,
als hätt die Zeit sie nicht gekühlt.

Vielleicht auch an die Kinder denken,
die in der Penne schwer gestresst,
Gehör und Muße ihnen schenken
wie neulich erst beim Weihnachtsfest.

Und mancher mag sich auch entschließen,
‘nen Kumpel, ewig nicht gesehn,
mal endlich wieder aufzuspießen,
um mit ihm aufn Zwutsch zu gehen.

Nicht anders als die große Menge
dreht auch der Künstler seinen Ring:
Der Maler hofft, dass man ihn hänge,
der Dichter, dass man ihn verschling.

Dann wärn auch die noch aufzulisten,
die sich dem Eigennutz verwehrn
und die als Muster frommer Christen
nichts als den Gotteslohn begehrn.

Und jene, zwar profan gesonnen,
doch edelmütig von Natur,
die sich statt mehr privater Wonnen
ein Plus an Frieden wünschen nur.

Und, und, und, und…Nicht zu erschöpfen
der Seele brodelnde Begier –
von den ägypt’schen Hammeltöpfen
bis zu der Heil’gen Kochbrevier.

Hier möcht ich mich hinausbegeben
aus der abstrakten Verseflut
zurück erneut ins wahre Leben,
zurück zu mir aus Fleisch und Blut.

Konkret denn: Welche Wünsche wiegen
denn für mich selbst besonders schwer?
Nur dieser: Weiter Rente kriegen –
so sicher ist das ja nicht mehr.

Relativ rasch

Relativ raschEheu fugaces,
Postume, Postume,
Labuntur anni!

Horaz (65 – 8 v. Chr,), Oden II, 14

Man kann den raschen Lauf beklagen,
die überstürzte Flucht der Zeit –
doch würd man andres drüber sagen
als der, der in die Wüste schreit?

‘ne Wahrheit, die das Röhricht raunen
man seit Jahrtausenden schon hört,
wen brächte sie denn noch zum Staunen,
dem Geist und Sinne nicht gestört?

Ach, nicht zum Staunen: Zum Verzagen
erwähn ich dieses Faktum bloß –
pro domo, weil in diesen Tagen
ich näher an die 70 stoß.

Springst du als Kind noch durch die Fluren
als Frischling dieses Erdenballs,
gehn nach Minuten deine Uhren,
von heut auf morgen bestenfalls.

Und steht nach freudigem Geschehen
dir mal erwartungsvoll der Sinn,
dann scheint der Zeiger stillzustehen,
so schneckenhaft kriecht er dahin.

In winz’gen, unauffäll’gen Dosen
verabreicht Chronos uns sein Gift –
du glaubst dich noch in Strampelhosen,
wenn unverhofft der Schlag dich trifft.

Jetzt schlug er auf die nächste Seite:
Ein 68er bin ich nun.
Weiß Gott! Doch einmal Scherz beiseite:
Das Alter kam auf Flügelschuhn.

(Der Zeitpfeil, wie Gelehrte sagen,
hat leider eine Richtung nur.
Ich könnte Einstein drum erschlagen,
dass er nicht hier schuf Remedur!)

Wie oft sah ich den Mond nicht tauchen
wie jetzt aus schwarzem Wolkendunst,
ihn als Staffage zu gebrauchen
zur höh’ren Weihe meiner Kunst?

Genug, um drüber zu vergreisen –
und doch zu selten allemal.
Schon bald wird ohne mich er kreisen
in andren Versen ohne Zahl.

Was kann es da denn noch bedeuten,
wenn ich die Bürgerstube flieh,
um bei den Musen anzuläuten
zum Türverkauf der Poesie?

Natürlich nichts. Doch dies Hausieren
ist ja mein einziges Talent.
Drum will ich keine Zeit verlieren –
grad wenn sie, wo sie, weil sie rennt!