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Begegnung im Backshop

Begegnung im BackshopSie kam nur langsam von der Stelle,
nur Zentimeter Bein für Bein.
Ein Hindernis: die Ladenschwelle,
für Sportler selbst ein Stolperstein.

Und immer weiter stückchenweise,
bis an der Theke sie dann stand,
wo diese mühevolle Reise
für ‘n Augenblick ihr Ende fand.

Das heißt: Bestellung aufgegeben,
gewartet, bis die Sachen da,
und dann auf dem Tablett sie heben
zu einem Plätzchen möglichst nah.

Balanceakt wie auf einem Seile:
Schritt, ruhig Atem holen, Schritt –
fürn Kuchen braucht’s ja keine Eile,
kalt nimmt er sein Aroma mit.

Geschafft, und glücklich Platz genommen,
Besteck ergriffen, zugelangt.
Mag’s wohl, wünsch still ich, ihr bekommen,
die um dies bisschen so gebangt!

Erst als sie zu mir rüberguckte,
wir saßen uns ja vis-à-vis,
schien ihre Haltung, die geduckte,
mir plötzlich seltsam irgendwie.

Ein Antlitz, das die Jugendzüge
beinahe unverwelkt bewahrt,
als ob’s der Zeit ein Schnippchen schlüge,
die andres ihr doch nicht erspart.

Die Glieder schwer, gebeugter Nacken,
der Greisin schleppend-schiefer Gang.
Erwartungshaltung: Hängebacken
und Falten alle Naselang.

Doch Gorgo nicht und nicht Xanthippe,
kein Konterfei, das einen schreckt,
vielmehr ein Stück aus Adams Rippe,
das durchaus Appetit erweckt.

Oder muss anders ich’s betrachten,
das hier beschriebne Phänomen:
Die Dame noch als jung erachten
und doch auf morschen Knochen stehn?

Weil diese, die noch jung an Jahren,
ein Missgeschick erlitt, ein Leid,
dass ihr nicht mehr so dienstbar waren
die Körperstützen vor der Zeit?

Auch die Erklärung könnte passen.
Der Fall indes bleibt rätselhaft.
Schon bald hat sie den Shop verlassen.
Ganz langsam. Und doch voller Kraft.

Mobile Kirche

mobile kircheAls ob ihr Wunsch Gehör nicht fände
bei einem Gott, der nicht präsent,
klatschen sie erst mal in die Hände,
damit er weiß: Hier ein Petent!

So ist an fernen Shinto-Schreinen
seit alters es der Gläub’gen Brauch –
und doch, man sollte es nicht meinen,
gibt’s das im Abendlande auch.

Wie anders wäre es zu deuten,
wenn Biker in den Himmel wolln
und als Motorradfahrer-Meuten
laut orgelnd durch die Straßen rolln?

Das ist ein einziges Gedröhne,
das auf dem Kirchplatz kulminiert
und mit der Urgewalt der Töne
die taubsten Götter aktiviert.

Es ruft den Pfaffen auch zur Stelle,
der in der Götter Namen spricht
und hier auf ihres Hauses Schwelle
mit pfingstgestütztem Geist besticht.

Da abgestellt nun die Motoren
und ab der Schutzhelm zum Gebet,
die Predigt und dann des Pastoren:
„Gesegnet Mensch und Fahrgerät!“

Dann ruckeln sie auf ihren Sitzen,
die Sohle auf den Hebel stößt,
um jäh im Schwarm davonzuflitzen,
als wärn auf einmal sie erlöst.

Ein Zeichen wär’s der Nächstenliebe
an all den Nachbarn nahebei,
dass dies Gejage und Geschiebe
doch möglichst ohrenschonend sei.

Wer aber so was sich erhoffte,
der kennt die gute Kirche schlecht,
die mit der ganzen Welt sich zoffte,
ging’s um ihr Wohl, das stets „gerecht“.

„Der Rocker sucht den Gottesfrieden!“ –
das Highlight für den Werbezweck.
Und unser Pfaff, ein Fuchs hienieden,
der Meute fröhlich vorneweg!

Gekrönte Häupter

Gekrönte HäupterAls sie in ihren jungen Jahren
sich plötzlich sah als Königin,
trug sie die Klunker auf den Haaren
noch mit ästhetischem Gewinn.

Sie mochte nicht mal dreißig zählen,
als sie dem Throne sich verband,
dass ihr das Hütchen aus Juwelen
wie Brautschmuck zu Gesichte stand.

Der Aufbau konnte gar nicht stören,
weil er ein hübsches Haupt gekrönt,
als würd’s ‘ner Puszta-Maid gehören,
die apfelfrisch auch ungeschönt.

Doch will’s das Schicksal, dass die Wangen,
die rosig einst geblüht im Mai,
sobald sie in den Herbst gelangen,
erschlaffen form- und farbenfrei.

Und auch der Seidenglanz der Mähne,
wie eines Rappen Fell so dicht,
erliegt der Jahreszeiten-Szene
und kräuselt grau sich ums Gesicht.

Die Krone nur hat sich gehalten
mit ihrer Edelsteine Last
und bildet nun zum Haupt der Alten
‘nen seltsam schillernden Kontrast.

Die gleicht, ich sag’s mal übertrieben,
‘ner Shopping-Queen, die ungeniert
beim schönen Einkaufswagenschieben
die Lockenwickler präsentiert!

Spur gehalten

Spur gehaltenOft wandern wir auf krummen Wegen,
als ob das Ziel verloren sei,
nicht sichtbar häufig und entlegen –
und doch im Hinterkopf dabei.

Schau rückwärts von der hohen Warte,
die du nach all den Jahrn erreicht,
und sieh, dass deine Erststandarte
der heutigen noch immer gleicht!

Nach Studium und Staatsexamen
hast als Jurist du reüssiert,
weil dir als Kind bereits der Rahmen
von Recht und Regel imponiert.

Asklepios’ Künste dir gefielen,
dass du ‘ne Praxis aufgemacht?
Das liegt wohl an den Doktorspielen,
die dir den Körper nahgebracht.

Du bist im Lehramt aufgegangen
und trägst dein Wissen weiter fort?
An deinen Lippen hat gehangen
schon einst die Schar im Kinderhort.

Und wenn, um Seelen aufzurichten,
du sonntags von der Kanzel brüllst:
Die Saat der Muttermilch-Geschichten,
die du mit spätem Leben füllst.

Ja, selbst der Lump, der machtbesessen
nach Tausenden die Opfer zählt,
hat wohl aus niedrigen Int’ressen
auch Frosch und Fliege schon gequält.

Dass ich mich aber hier versuche
an Versen, die auf Reime stehn,
ich gerne auf das Konto buche
vom angebornen Wortverdrehn.

So treibt am Ende wohl fast jeder,
was früh sich angedeutet hat –
der eine mit der spitzen Feder,
der andre mit dem Sägeblatt.

Nur wenn die Jobs ein bisschen schräger,
scheint dieser Schluss mir nicht probat.
Wie wird der Mensch zum Kammerjäger?
Ein schönes Thema fürn Traktat.

Ruhender Verkehr

Ruhender VerkehrWie eines Flusses Doppelbetten
ziehn gegenläufig sie dahin,
die Bahnen, die Asphalte glätten,
doch ohne einen Tropfen drin.

Da können keine Schiffe fahren,
die Wasser brauchen unterm Kiel,
dass ihren Bauch sie voller Waren
gemütlich schaukeln an sein Ziel.

Nein, dies ist eine Festlandspiste,
so trocken wie ein Friesenwitz,
damit da jede Motorkiste
recht reibungslos ins Blaue flitz.

Sofern, der Einwand ist vonnöten,
durch dieser Kisten Überzahl
nicht die Geschwindigkeit geht flöten
bis hin zum Stillstand auf einmal.

Der Regelfall fast für Verkehre.
Triumph für die Vokabel „Stau“,
wenn da nicht auch die „Sperrung“ wäre,
das Synonym für „Straßenbau“.

Grad heute wieder eingetreten:
Man bastelt an ‘ner neuen Spur.
Da gilt’s ‘ne Brücke auszujäten –
„Geduld bis morgen vierzehn Uhr!“

Die kann man auch schon vorher zeigen,
wenn man, den Engpass zu umgehn,
jäh musste in die Eisen steigen,
um anderswo im Stau zu stehn.

Auch darin sie den Wassern gleichen,
die Straßen in die Ferne raus:
Wenn deren Lauf gehemmt, dann weichen
sie weit in das Gelände aus.

So müssen auch die Automassen,
die irgendwo sich festgefranst,
dem Rattenschwanz die Chance lassen,
dass er dann aus der Reihen tanzt…

Und mit den kaum erwärmten Reifen
sich seitwärts in die Büsche schlägt,
um eine Chance zu ergreifen,
die ihn zur nächsten Schlange trägt.

Da hilft auch kein Verkehrsminister,
der baut und baut und baut und baut,
indes der stolze Blechphilister
im Leerlauf an den Nägeln kaut.

Der Hexenmeister der Ballade,
der seines Lehrlings Künste toppt,
wär hier der Richtige wohl grade,
dass er die Flut der Kisten stoppt!

 

Geführter Rundgang

Geführter RundgangMit Wissen und mit Kennermiene
eilt er dem kleinen Trupp voraus,
nennt Wappensprüche wie „Ich diene“
und sonst auch alles übers Haus.

Weist auf die porträtierten Ahnen,
die an den Wänden aufgehängt,
und ihre ausgefransten Fahnen,
die anno Tobak sie geschwenkt.

Und wie in dem und jenem Kriege
(er gibt genau die Jahre an)
der Vorfahr X durch seine Siege
‘ne Menge Morgen sich gewann.

„Hier die Frau Gräfin Kunigunde,
ein Muster an Barmherzigkeit,
die noch in ihrer Todesstunde
der Kirche ihren Schmuck geweiht.

Und hier, wenn Sie mir folgen wollen,
Graf Hubert, der die Jagd gepflegt
und der durch bloßes Augenrollen,
so heißt es, manchen Hirsch erlegt.“

Er schleppt die Schar in jede Ecke,
aus der er Anekdoten saugt,
ganz offensichtlich zu dem Zwecke,
dass er als Fremdenführer taugt.

Doch tratscht und plaudert so beflissen
von längst vergangner Zeit daher,
dass einem scheint, er müsst es wissen,
weil er dabei gewesen wär.

Nein, mehr: Dass von dem Fürstenglanze,
den so lebendig er beschwört,
ein Fünkchen fällt auf ihn, die Schranze,
die mit zur Dynastie gehört.

So kreist er um der Großen Sonne
als spätgeborener Trabant,
der seines Daseins ganze Wonne
im Schüren dieses Scheines fand.

Ortsbegehung

imagesEin großes Krankenhausgelände.
Bemerkenswerter Baumbestand.
Gebäude ohne Zahl und Ende,
Modern und Muffig Hand in Hand.

Auch vom Format her unterschieden –
hier unscheinbar nur ein, zwei Stock,
da, abgeschaut den Pyramiden,
ein klotzig aufgeführter Block.

Ein Schornstein irgendwo am Rande
aus einem kleinen Kraftwerk ragt
gleich der Agave Blütenstande,
der kühn sich in die Weite wagt.

Patienten aber Mangelware.
Kaum einer schleppt sich siech vorbei.
Sogar im Flur die Notfallbahre
zeigt nur ihr leeres Konterfei.

Der Klinik schöne Sonntagsbilder:
Ein Park, dem Paradiese gleich –
wärn da nicht diese Hinweisschilder
für den und jenen Fachbereich

Auf medizinischem Gebiete,
in griechisch-röm’schem Stil gestelzt,
dass du bei deiner Stippvisite
gehörig auch in Ehrfurcht fällst.

Unglaublich dass in der Idylle
Asklepios‘ hohe Kunst gedeiht
und man so manches Leibes Hülle
gar neue Innerein verleiht!

Von solchem Ruhm ist dieses Spittel,
dass weltweit Aufsehn es erregt
und mancher seiner höhren Kittel
die Nase drum noch höher trägt.

 

Der Megastar

Der MegastarMuss seine Seele wohl erheben,
wenn er so auf der Bühne steht
und tausend Augen an ihm kleben,
dass Argus glatt vor Neid vergeht.

Und die entsprechend tausend Ohren
in gleicher Weise wie gebannt
im Tontopf der Akkorde schmoren,
die er den Tasten eingebrannt.

Und wenn die Fans dann in Ekstase,
betört von seinen Melodien,
im Stile ‘ner Sextanerblase
ganz hemmungslos vom Leder ziehn…

Indem sie von den Sitzen springen,
die Arme in die Lüfte schwelln
und ihre Hinterbacken schwingen
wie Hunde, die mit Schwänzen belln!

Muss seine Seele wohl verlocken,
dass hoch sie sich in Wolken fühl,
da andere im Schatten hocken
gesichtslos im Parterre-Gestühl.

Und seine Stimme, die der Krücke
des Mikrofons so viel verdankt,
erfüllt der Halle kleinste Lücke,
mit Selbstbewusstsein vollgetankt.

Berauscht von ihren eignen Kräften,
bekifft von ihrem eignen Klang,
verleiht sie seinen Lebenssäften
den größten Kick und Überschwang.

Und steigert sich bis zum Finale,
der letzten Dröhnung vor dem Schluss,
in dem das lauteste Geprahle
unweigerlich doch enden muss.

Tumult bricht aus auf allen Bänken,
Applaus ist gar kein Wort dafür –
der Sänger, beugen und verrenken,
läuft selig seine Ehrenkür.

Und Blumenwerfen, Sträuße-Reichen.
So endet jedes Gastspiel mal.
Danach aus dem Programm zu streichen.
Licht aus im schönen Erdensaal.

Zum Abschied

Zum AbschiedDas war’s mal wieder, wie im Fluge
ist sie dahingerauscht, die Zeit,
und morgen heißt es schon: Dem Zuge
nach Norden hübsch sich eingereiht!

Die Schönen liegen jetzt am Strande,
die Lütten hüpfen fröhlich rum,
und draußen fern vom festen Lande
stößt sich ein Kahn den Steven krumm.

Indessen schwenkt die Himmelslampe
bedächtig über den Azur
und tätschelt Hühnerbrust und Wampe
ganz ohne Ansehn der Figur.

Kaum Wind, um aus der Ruh zu bringen
des Sandes flüchtigen Verbund,
und auch der Palmen grüne Schwingen
scheuern sich träg am Stamme wund.

Gedämpfter klingen jetzt die Laute
im glühend heißen Sonnenlicht,
als ob’s die Kehle rötlich raute,
dass leis sie nur und zögernd spricht.

Ein Seebad, eine Sommerfrische.
Doch nicht mondän und nicht vulgär,
vielmehr als ob am Sonntagstische
Familie versammelt wär.

Versteht sich, dass man ungern scheidet
von so ‘nem liebenswerten Fleck
und seine Einschlafschäfchen weidet
auf Daunen weit von diesem weg.

Doch ungeübt in Hitzegraden,
die häufig über 30 gehn,
geht auch die Lust, zu bleiben, baden
bei Otti, Mika und Marlen.

Und die aus Odense und Pommern,
aus Glasgow, Helsinki und Brest,
sie fliegen heim zu übersommern
im tiefer temperierten Nest.

Schiffe gucken

Schiffe guckenVorbei am Leuchtturm auf dem Deiche,
dem Hamburger aus alter Zeit,
der lichtlos da als Ziegelleiche
den Winden seine Lenden leiht…

Und schon ist man am Ziel der Reise,
die ohnehin nicht weitergeht,
weil hier der Strom auf seine Weise
den Wandrer nötigt, dass er steht.

Ein Bau aus Balken und aus Bohlen,
der trotzig in die Fluten ragt,
indes parterre sich untern Sohlen
der Gischt durch alle Ritzen nagt.

Und durch des luftige Arkade,
die kaum geschützte Nischen kennt,
die Windsbraut öfter als Mänade
wie rasend um die Pfeiler rennt…

Da draußen übern trüben Wogen
die Möwe ihre Kreise kreischt
und von des fernen Holsteins Koogen
der Blick ‘nen Zipfel Dunst erheischt.

Die Elbe, die mit offnem Rachen
sich in die Nordsee hier verbeißt,
will noch mal richtig Eindruck machen
auf den sensiblen Menschengeist.

Doch kann sie auch noch anders glänzen
an ihrem Eingangstor zum Meer –
mit Helgoländer Hummerschwänzen
und ‘nem enormen Schiffsverkehr!

Was für ein Kommen und ein Gehen:
Brunsbüttel, Hamburg und nach See,
und stolz sieht man sich Buge blähen
zu Tausenden in Luv und Lee.

‘ne pausenlose Schiffsparade
durch diesen Trichter defiliert,
wie andernorts sie pro Dekade
ein einz’ges Mal vielleicht passiert.

Da sitzt man wie in einer Loge
(in der es freilich etwas zieht)
wie seinerzeit Venedigs Doge,
der seine Flotte übersieht.

Und kriegt wie jener von den Sbirren,
was man an Daten dazu braucht,
nur dass sie hier elektrisch schwirren,
von Mikrofonen ausgehaucht.

Die „Alte Liebe“, Gott befohlen,
auch sie gealtert mit der Zeit –
statt faulig-grüner Eichenbohlen
Zement schon längst ihr Trauerkleid!