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Ein Volksheld

Ein VolksheldMit diesem Krieg schrieb man Geschichte:
Des Erbrivalen Untergang.
„Die Panzerschlacht am Fuß der Fichte“ –
so lebt sie fort im Volksgesang.

Der Sieger bleibt uns unvergessen,
sein Name strahlt in Ewigkeit.
Am Himmel nur sein Ruhm zu messen,
der mindestens drei Haufen weit.

Vernichtend schlugen wir der Riesen
millionenfache Übermacht,
die aus dem Megawald der Wiesen
so oft uns sauren Tod gebracht.

Schon hat der Lichtgott hundert Male
den Weg uns wieder frisch erhellt,
seitdem dies schreckliche Finale
der Feind fand auf dem Nadelfeld.

Und doch herrscht weiter süßer Friede,
dass herrlich unser Staat gedeiht –
die Arbeiter, stark und solide,
die Königin und der sie freit.

O dass sich dieser nie verliere,
wer immer auch das Reich bedroht,
und dass sich stets ein Magnomiere
erhebe für den Sieg von Rot.

Ameisen, könnten sie denn schreiben,
sie würden’s ähnlich formuliern.
Doch besser schon, sie lassen’s bleiben –
geht’s denn nicht so bei allen Tiern?

Pfennigfuchser

PfennigfuchserIm Angesicht der Armut fühlen
sich viele wohl nicht in der Haut
und sauber ihr Gewissen spülen
mit Gründen, die man leicht durchschaut.

„Wir kennen selbst dies Elendsleben
vom Krieg und von den Hungerjahrn.
Hat uns vielleicht wer was gegeben?
Vom Munde mussten wir’s uns sparn!“

„Gern gäben wir auch unsre Spende
‘nem Menschen, der in solcher Not,
doch sind gebunden unsre Hände,
da selbst von Mangel wir bedroht.“

„Und überhaupt: Wer kann denn wissen,
was mit dem schönen Geld geschieht
und ob uns wer nicht höchst gerissen
zum Suff was aus der Tasche zieht?“

‘ne Auswahl nur der Argumente,
mit denen man den Geiz kaschiert,
der von der Wiege bis zur Rente
bei vieln das Portemonnaie regiert.

Aufs Höchste sieht man hier gesteigert
des Menschenfeinds Charakterbild,
der selbst den Pfennig noch verweigert,
der sonst ihm einen Schmarren gilt.

Das Ärgernis sind nicht die Armen,
die nur ‘nen Obolus erflehn –
die Satten sind’s, die ohn Erbarmen
gerecht in ihrer Gier sich sehn.

 

Bilderstreit

BilderstreitWenn meine Augen sich so weiden
am stillen Glanz der Klause hier,
kann ich den Maler nur beneiden,
der Leinwand braucht anstatt Papier.

Den Eindruck, den sein Blick gewonnen,
hält er in Form und Farbe fest,
bis zum Gemälde er geronnen,
das ihn noch gut erkennen lässt.

Die Dichter muss ‘nen Umweg nehmen,
indem mit Worten er beschreibt
und statt Konturn Gedankenschemen
dem Hirn des Lesers einverleibt.

Doch wie’s so geht mit Leidenschaften:
Dem Griffel drum ich nicht entsag
und von dem Zeug, dem schattenhaften,
auch weiter fröhlich schwätzen mag.

Ja, Schuster bleib bei deinem Leisten,
Apelles‘ Kunst ist dir verwehrt,
doch an der Musen Tafel speisten
stets auch Poeten, heißbegehrt.

Einst ging Horaz ja diesen Dingen
in der „Poetik“ auf den Grund
und sah um Bilder beide ringen –
die Malerhand, den Dichtermund.

Doch falls der Leinwand Lücken blieben,
dann gälte sie als fertig nicht.
Ein Blatt indes, nur halb beschrieben,
trägt ein vollendetes Gedicht!

Verdiente Nachtruhe

Verdiente NachtruheSo klingt es aus, das Wochenende,
mit dieser Sonntagabendruh.
Im Schoße weiln des Bürgers Hände,
der Puschen trägt statt Straßenschuh.

Passanten sind nicht mehr zu hören,
dern Hacke sonst aufs Pflaster knallt.
Die Vesper auch von Krähenchören
ist längst im Raume schon verhallt.

Nur selten sausen noch Karossen
auf dem asphaltnen Gleis dahin
und kommen kaum noch angeschossen
die Kisten mit Sirenen drin.

Wie Balsam legt sich diese Stille
auf eine Stadt, die endlich parkt,
um vorzubeugen ohne Pille
dem Herz- und dem Verkehrsinfarkt.

Bad Hamburg: Eine Metropole,
die sich als Kurort profiliert?
Verdünnte Seeluft als die Sole,
die für die Gurgel man gradiert?

Was wäre daran auszusetzen?
Geschäftig tags und kunterbunt,
verpönt sie’s, nachts sich abzuhetzen,
und schnarcht im Heilschlaf sich gesund.

Das will ich doch mal ausprobieren,
indem ich gleich zu Bette geh.
Werd ich in Träumen mich verlieren,
bevor ich noch um Träume fleh?

Zum Gastmahl geladen

Zum Gastmahl geladen‘ne ausgewählte Freundesrunde
hatt‘ gestern Abend ich zu Gast,
der mit Dionysos im Bunde
den Zecherlorbeer ich verpasst.

Und alle, eingedenk der Ehre,
ha‘m freudetrunken zugelangt,
dass zügig einen Kelch man leere,
um den sich so ein Mythos rankt.

Profan: Es war so ‘ne Art Probe,
wie oft man sie beim Wein schon sah,
nur dass sie zu des Tropfens Lobe
und nicht zu seinem Kauf geschah.

Genuss erfolgte jahrgangsweise:
Erst 97, 90 dann,
danach der önologisch greise
von 83, der gewann!

Reif, abgerundet und mit „Schwänzen“
bezeugte er den besten Stock,
und gern ließ man sich mehr kredenzen
von seinen Brüdern aus Médoc.

Da galt es reichlich durchzuseihen,
denn Schuppen deckten dicht den Grund,
des Rostes Rot ihm zu verleihen,
der widrig dem Genießermund.

So ist der Abend uns vergangen.
Wir alterten mit unserm Wein.
Unmerklich, stetig, unbefangen –
um nichts als älter nur zu sein.

Worauf wir bauen

Worauf wir bauenDa drüben starrt ‘ne ganze Reihe
von leeren Fensterhöhln mich an:
Die Spur der Immobilienhaie –
mit ihrm Gewerbe geht’s voran.

Gerüste überall und Kräne.
Was alt ist, reißt der Bagger ein.
‘ne Lücke in der Straßenszene
bekommt als Füllung Stahl und Stein.

Man muss das gute Wetter nutzen.
Verschenkte Tage gehn ins Geld.
Sie mauern, hämmern und verputzen,
vom Bau die, was das Zeug nur hält.

Und manchmal kommt in Schlips und Kragen
auch der Investor zu Besuch,
sich tapfer um die Ohrn zu schlagen
den Holz- und den Zementgeruch.

Was ihm doch nicht Verdruss bereitet,
da dieser ja an Geld nicht klebt
und er auf einem Boden schreitet,
der künftig seine Konten hebt.

So stellt man überall die Weichen
für den Gewinn, der optimal.
Es werden reicher stets die Reichen,
der Mieter Mittel fahrn zu Tal.

Die Landschaft bleibt nicht ungeschoren,
verschandelt wird manch Wohnquartier.
Dann werden Staub die Investoren –
doch nicht die Zeugen ihrer Gier!

Info satt

Info sattNachrichten hören, Neuigkeiten,
halb, voll – man knipst die Kiste an,
um in den Äther zu entgleiten,
dem solche man entnehmen kann.

Am Anfang stehn die Kriegsberichte
aus dem und jenem Krisenland,
dann folgt die Kriminalgeschichte,
notiert von Terroristenhand.

Danach die heimischen Verbrechen,
die des Entsetzens wirklich wert,
sodann (und leider nicht zu rächen)
was die Natur an Schocks beschert.

Kommt das Soziale: Krankenkasse,
die Rente für den Millionär,
Vermischtes auch: ‘ne neue Trasse
für die A x durchs Wattenmeer.

Zum Schluss Verkehrs- und Wetterlage.
Chaotisch. Reiner Frustgewinn.
Doch pfiffig wirft da auf die Waage
der Sprecher stets sein „Immerhin“.

So rieseln Tag für Tag und rauschen
dir Fakten, Meinungen vorn Wanst,
die blablabla du wohl erlauschen,
doch zack nicht unterscheiden kannst.

Ins Stammbuch, Les’rin, dir geschrieben:
Glaub nicht, dass Neues je geschieht.
Die Welt, sie ist sich gleich geblieben,
pfeift anders nur das alte Lied!

Gepflegte Esskultur

Gepflegte EsskulturZunächst mal braucht man eine Speise,
die sich zwar sehen lassen kann,
doch nicht in allzu üpp’ger Weise –
der Wohlgeschmack steht obenan.

Die Basis ist damit gegeben
fürn Brillat-Savarin’sches Mahl.
Dazu dann: Nur sein Glas erheben
mit einem Tropfen erster Wahl.

Und weiter: Nicht zu viele Gäste,
sonst kommt man sich nicht richtig nah.
Da hab ich eine saubre Weste,
denn außer mir ist niemand da!

Und diese Gäste (wenn vorhanden),
sie sollten eines Sinnes sein.
‘nen weitren Treffer kann ich landen:
Ich stimm mit mir ganz überein!

Gemütlich sei auch das Ambiente –
gepflegte Räume, Kerzenlicht.
Als ob ich selbst nicht darauf brennte:
Die Küche nehm ich in die Pflicht!

Bei meinen nächtlichen Genüssen
läuft demnach alles comme il faut.
Man wird mir zugestehen müssen:
Ich liege auf Gourmand-Niveau.

Ein Letztes doch nicht zu vergessen:
Auch Kunst geziemt der Tafelei!
Drum schrieb beim Trinken ich und Essen
die Zeilen hier so nebenbei.

Alte Mienenspiele

Alte MienenspieleDie Fans, die kennen was vom Leben,
das war schon in der Steinzeit so.
Beim Kampf nicht nur Geschrei erheben,
nein, mit der Optik auch man droh!

Zum Beispiel mit den bunten Strichen,
die man auf Stirn und Wangen pappt,
bis alles Menschliche gewichen
und zum Dämonischen verkappt.

Von Kriegsbemalung ist die Rede,
als wäre Kunst dabei im Spiel,
obwohl Fanale einer Fehde
im ew’gen Dilettantenstil.

Was auch im Sinn des Streits indessen
gewiss von größrer Durchschlagskraft –
man glotzt sich ja nicht in die Fressen
aufgrund der Schminke Meisterschaft!

Man will dieselben ja polieren
womöglich rasch und absolut,
um im Triumph zu präsentieren
den Feind in seinem eignen Blut.

Das hat seit Anbeginn der Zeiten
im Grundsatz sich geändert nicht.
Wenn unser Steckenpferd wir reiten,
welch heil’ge Wut dann aus uns spricht!

Wie? Ja, ein Anlass ist gegeben:
Land x und Fußball, die WM.
Fassaden, die nach Ausdruck streben –
begeistert, farbenfroh, plemplem.

Blechkorken

BlechkorkenUm eine Flasche Wein zu köpfen,
wonach der Sinn mir manchmal steht,
kann stets ich aus dem Vollen schöpfen
beim adäquaten Hilfsgerät.

Doch ist genau nach meiner Mütze
mein Lieblingskorkenzieher nur,
dank dessen Hebel ich und Stütze
bisher noch immer bestens fuhr.

Kaum ist die Seele eingedrungen
in den verstopften Flaschenhals,
kommt auch schon hoch herausgesprungen
der Kork mit plopp! statt eines Knalls!

Ich fand das Ding mal auf ‘nem Haufen
in Avignons papalem Shop –
von all’m, was Pfaffen so verkaufen,
wohl mit das Einzige, das top.

„Palais des Papes“ prangt auf der Seite
in Gold und Gotisch, einfach cool,
dass auch den Zecher stets begleite
„Absolvo te“ vom Heil’gen Stuhl.

Doch wie so oft in der Geschichte
der ganze Trend auf Wandel weist,
wird alles Alte mal zunichte:
Die Kirche um die Sonne kreist.

Auch den Schock wird sie überleben,
dass kaum man noch entkorken muss –
wird bald wohl ihren Segen geben
dem zukunftsträcht’gen Schraubverschluss.