Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Poetische Kleiderordnung

Poetische KleiderordnungDer Abend hält die Tagesschwüle
noch zäh in seinen Klauen fest.
Ich hocke zwischen Herd und Spüle
und schwitz wie beim Idiotentest.

Und da die Witterung nicht knausert
mit Schweiß, den von der Stirn man tupft,
hab ich mich kurzerhand gemausert
und mir das Hemd vom Leib gerupft.

Da seht den nimmermüden Sänger,
wie er den Kleiderzwang bezwingt
und sich je lieber desto länger
Gedichte aus dem Brägen wringt!

Nun will ich mal ‘ne Frage wagen,
die selbst Horaz sich nicht gestellt:
Darf lediglich mit Schlips und Kragen
beackern man sein Musenfeld?

Legt man sich nicht mit här’nem Kittel,
womöglich gar noch unbeschuht,
genauso engagiert ins Mittel,
wie man’s mit einem Smoking tut?

Mir scheint, dass doch aus gutem Grunde
tabu das Thema seinerzeit –
das goldne Wort aus Dichtermunde
verdarb nicht mal ein Lumpenkleid.

Und selbst wenn ich hier meinen Käse
hätt splitternackt mir ausgeheckt –
wer nähm es wahr, wenn er es läse?
Die Zeilen halten sich bedeckt.

 

Volksvertretermehrheit

VolksvertretermehrheitFettaugen gleich sie träge schwimmen
auf dem Gesupp des Volkes hin –
die Profiteure jener Stimmen,
die reichten für den Wahlgewinn.

Wie sie mit Engelszungen mahnen
die Massen zur Bescheidenheit,
selbst umso frecher abzusahnen,
was ihnen nun ihr Amt verleiht!

Demokratie? Die kannste knicken.
Die Wählerkreuzchen holn die nur,
um sich ein Alibi zu stricken
für ihre Bonzendiktatur.

Kaum sind die Urnen zugeschlossen,
ist abgehakt der kurze Spuk,
schon basteln Christen und Genossen
gewissenhaft am Wahlbetrug.

Ihr Motto (klar: uneingestanden):
„Der kleine Mann die Zeche zahlt“ –
dem einen Bärn sie aufgebunden,
als mit „Entlastung“ sie geprahlt.

Entlastung schon: Doch für die Reichen.
Dem Habnichts der Fiskus droht.
So stelln Politiker die Weichen
für die zukünft’ge Massennnot.

Sie schöpfen selbst ja aus dem Vollen
als Lohn der Doppelzüngigkeit.
Das Volk kenn’n sie aus Protokollen –
Papier, das nicht vor Kohldampf schreit!

Leichtes Los

Leichtes LosAls Glück kann ich es nur empfinden,
dass weder Neigung noch Talent
an Marmor und Granit mich binden
als meiner Künste Element.

Gewalt’ge Räume wärn vonnöten,
um meine Steine zu behaun,
die Licht und Luft in Fülle böten
und Platz, sie prüfend anzuschaun.

Das wär vielleicht noch hinzukriegen,
‘ne Werkstatt im XL-Format,
dass man im Sitzen, Stehen, Liegen
sich hämmernd seinem Ziele naht.

Doch was, wenn unsre Künstlerseele,
wie die des Vogels leicht und frei,
dass sie sich aus dem Käfig stehle,
auf große Fahrt versessen sei?

Sie kann den Block auf keine Weise
als Koffer oder Handgepäck
auf irgend’ne Vergnügungsreise
bugsieren durch den Schwere-Check.

Vom Heimatatelier geschieden,
fehlt es an Stoff dem Kunstgenie.
Hammer und Meißel ruhn in Frieden
als potenzielle Energie.

Der Dichter hat nur leicht zu tragen
an etwas Pinsel und Papier,
kann überall sein Zelt aufschlagen,
dass Verse hübsch er modellier.

Fehlprognose

FehlprognoseWas haben unsre Wetterfrösche
vor Pfingsten noch so laut gequakt –
die Sonne gar nicht mehr verlösche,
ein Superfest sei angesagt!

Holt eure Räder aus dem Schuppen,
macht euren Grill gefechtsbereit,
versammelt eure Freundestruppen
zu kollektiver Fröhlichkeit!

Je näher diesen Feiertagen
wir aber auf den Pelz gerückt,
schien desto sich‘rer umzuschlagen
die Stimmung, die so hoch entzückt.

Zu Pfingsten selbst ist nichts geblieben,
die ganze Euphorie lag flach.
Die Sonne war fast abgeschrieben,
es plätscherte aufs Studiodach.

Natürlich hat’s die Mikro-Meister
gebracht nicht aus der Grinsespur –
sie drehn auch weiter immer dreister
umsonst am Knopfe der Natur.

Da ähneln sie den Astrologen,
die x-mal in die Irre gehn
und einmal dabei unbetrogen
sich wunderbar bestätigt sehn.

Man kann durchaus ja falsch mal liegen –
Gewitterfront statt Sonne satt!
Doch ein „Bedaure!“ mal zu kriegen,
das steht auf einem andern Blatt!

Allerlei Geistesgrößen

Allerlei GeistesgrößenDes Haushalts kleine Alltagsdinge
beschäftigen sie ausnahmslos –
die Schärfe einer Messerklinge,
der Pegelstand des Bierdepots.

Ihr werter Busenfreund indessen
hält von dem Weiberkram nicht viel,
hat rein geschäftliche Int’ressen,
hofft täglich auf den großen Deal.

Dafür ein anderer Bekannter
sich der Kultur weiht und dem Geist,
der Frage etwa auch, was „Panther“
auf Quechua und Aztekisch heißt.

Das kann natürlich nur noch toppen
der Polyhistor Dr. X –
gewohnt, das Hirn sich vollzukloppen
mit seinen Mnemotechnik-Tricks.

Ein bisschen fällt aus diesem Raster,
weil Hobby und Beruf er mischt,
der von Vermessung und Kataster,
der gern nach Millimetern fischt.

Man sollte meinen, so ‘ne Bande
kriegt nie man unter einen Hut –
bei diesem Spektrum von Verstande,
bei diesem Berg an Geistesgut!

Doch falsch! Auf ‘ne bestimmte Weise
sie sich total konform verhält:
Schwatzt pausenlos zum Lob und Preise
der eigenen beschränkten Welt!

Martialische Beschützer

Martialische BeschützerMan lässt den Frieden nicht gefährden,
des Vaterlandes Wohl und Weh,
wo Männer zur Maschine werden –
im Schmiedefeuer der Armee.

Die Offiziere wie aus Eisen,
gerade, steif, kühl distanziert.
Wenn stählern ihre Blicke kreisen,
des Zivilisten Blut gefriert.

Die Uniform tut noch das Ihre –
Rüstungstextil aus einem Guss;
heißt: Zugehörig wie ‘ne Niere
oder der Hypothalamus.

Die Ausdrucksweise kurz, gediegen,
vorzüglich im Kommandoton.
So spricht ein Held. Den zu bekriegen,
wäre so gut wie Selbstmord schon.

Wo doch, wird’s ganze Männer brauchen,
dass man den Trumm hol vom Podest.
Eh’r wird er’s in der Pfeife rauchen,
als dass er‘s Land dem Teufel lässt.

Da kann dir angst und bange werden,
stehst du mal Aug in Aug vielleicht
mit so ‘nem Schutzpatron auf Erden,
der eher einem Kriegsgott gleicht.

Ein Biermann-Lied zu variieren:
Soldaten sind darin vereint,
dass ihr Gesicht sie stets verlieren –
als Freund genauso wie als Feind.

Mensch h. c.

Mensch h. c.Der hat auf der Visitenkarte,
erläuternd unterm Namenszug,
ein Dipl.-Ing., gleich welcher Sparte,
als Synonym für neunmalklug.

Ein andrer kann sich sogar schmücken
mit einem Doktor phil., jur., med.
und dadurch die Bewundrung pflücken
fürn Geist der Universität.

Steht gar „Professor“ vor dem Namen,
spielt Ehrfurcht sicherlich schon mit:
Entzücken bei den „Büldungs“-Damen,
Beklemmung bei Hauptschüler Schmidt.

„Direktor“ ist ‘ne Variante,
mit der man seiner Macht sich rühmt:
Der Wirtschaftsgötter Abgesandte,
geschäftig, gierig, unverblümt.

Der Adel, den von andern Leuten
ein kleines „von“ allein noch trennt,
benutzt es gern, um zu bedeuten,
dass seine Wirkung er wohl kennt.

Ja, könnten tote Kirchenfürsten
sich solcherart noch präsentiern,
sie würden sicher danach dürsten,
mit „heilig“ ihren Wisch zu ziern.

Die Leute wollen Eindruck schinden
und holn die Titelkeule raus.
Ich kann daran nichts Schlimmes finden –
sagt es doch viel über sie aus!

Überkommene Jagdlust

Überkommene JagdlustWie immer spät noch in der Klause,
in der seit je ich sitz und sinn,
der abendlichen Koch-Kartause,
dern Prior und Poet ich bin.

Und just wie dort laut Ordensregel
von Brot und Wein man leben muss,
bläh mönchisch ich mein Gaumensegel
mit regelmäß’gem Traubenguss.

Die Ähnlichkeit geht sogar weiter:
Da schmettert man den Chorgesang,
hier müht der Lieder Wegbereiter,
der Dichter sich um Text und Klang.

Und beide wohl in dem Bestreben,
die letzten Dinge zu erschaun –
der eine nur das ew’ge Leben,
der andre nur des Kosmos Graun.

Das soll indes uns nicht entzweien –
erlangt man Weisheit mit dem Schwert?
Uns alle, Kleriker und Laien,
mehr als der Fund die Suche ehrt.

Und grade die macht ja Vergnügen!
Der Beute auf der Spur zu sein!
Und mit geschickten Winkelzügen
kreist man sie immer weiter ein.

Warum am Ende sie erschlagen,
dass elend sie im Staube liegt?
Nur der, der aufgehört zu jagen,
im Blutrausch sich der Strecke wiegt!

 

Anhaltende Baulust

Anhaltende BaulustNun war ich weg ‘ne ganze Weile
und guck, da schließlich heimgekehrt,
hier rauf und runter meine Meile,
ob sie mich etwas Neues lehrt.

Die Baumanie ist ungebrochen,
wie mir der erste Blick schon zeigt.
Denn um nach Kräften abzukochen,
man stark zur Immobilie neigt.

Da drüben in dem Straßenbogen,
der Brachland lange Zeit umschloss,
sind jetzt Fassaden hochgezogen
durchgängig bis zum Dachgeschoss.

Und auch dahinter recken Kräne
den Schwanenhals aus diesem Meer,
dass es sich immer weiter dehne
in Welln, zement- und ziegelschwer.

Ja, selbst hier unten an der Ecke
die Apotheke, die ich nutz,
gab, sicher zu gesundem Zwecke,
sich einen frischen Sonntagsputz.

Wann wird der Mensch mal Ruhe geben?
Er wirkt und werkelt ohne Rast,
als ob sein Acht-Jahrzehnte-Leben
die ganze Ewigkeit umfasst!

Im Notfall baut er Pyramiden,
dass er in Stein unsterblich sei –
und west als Toter fort hienieden
mit einer Mumie Konterfei.

Fan-Abend

Fan-AbendMan hupt die Freude in die Stille!
Sieg für den eigenen Verein!
Das Leder als Begeist’rungspille,
schlug es im Tor des Gegners ein.

Aus den Lokalen rings auch fliegen
die Sprechgesänge mir ins Ohr
der Fans, die nicht die Kurve kriegen,
als nimmermüder Schlachtenchor.

Für Fußball bin ich kein Experte.
Ich guck mir selten Spiele an.
Nur dem Ergebnis auf der Fährte,
beschäftigt er mich dann und wann.

Für wen und was sollt ich auch brüllen?
Für Siege, die ich nicht erstritt?
Für Youngster, die ihr Säckel füllen
mit Ballgeschubs im Sauseschritt?

Mit Tempo, Technik, Winkelzügen
ein Sport, der immerhin gefällt
und manchem Anspruch kann genügen,
den man an Spaß und Spannung stellt!

Doch dass mit Trommel ich und Tröte,
Vereinstrikot und Transparent
den Narrn zu spieln mich je erböte,
bestreite ich hier vehement.

Ein schöner Zeitvertreib im Leben,
der manchmal gar vom Hocker reißt –
indes zum Kult ihn zu erheben,
zeugt eher von profanem Geist.