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Licht aufgegangen

Licht aufgegangenAllein, den Abend zu verdenken,
sitz in der Stube ich und sinn,
und grad so schön beim Hirnverrenken
treibt jäh es mich zum Fenster hin.

War es das Kirchlein gegenüber,
war es die flache Häuserfront?
Es kam mir vor wie’n Nasenstüber
mit einer Masse Kilopond.

Als ob ich eingeschlafen wäre
und dadurch plötzlich aufgeschreckt,
obwohl, bei meiner Dichterehre,
hellwach ich doch und aufgeweckt!

Na, kurz und gut, so hochgerissen
von irgendeinem Impetus,
will ich auch unverzüglich wissen,
ob irgendwas ich wissen muss.

Ich mache also lange Schritte
und renne auf das Fenster los,
wobei ich mir nach alter Sitte
das Knie an einer Kante stoß.

Doch statt erhoffter Sensationen
liegt friedlich nur die Straße da;
die Knochen hätt ich können schonen –
kein Jux und kein Allotria.

Das Kirchlein und die kleinen Katen
und, gelb gedämpft, Laternenschein.
O je, jetzt hab ich es erraten –
der wahre Grund, das muss er sein!

Alles lecker

Alles leckerSo kommt man Stück für Stück sich näher,
indem man jede Kost probiert
und sich als guter Europäer
und Küchenkenner profiliert.

Was heute Abend ich genossen
war zwar nicht spitzendelikat,
doch auch nicht blutig hingegossen
als rüde Speisemissetat.

Für ‘ne bescheidene Taverne
im Fischerviertel irgendwo
lag, unterhalb der Köchelsterne,
sie auf erstaunlichem Niveau.

Das Essen, es geriet zum Schlemmen:
Salat, Tostadas, Huhnragout –
kaum konnt den Appetit ich hemmen
und kriegte kaum die Kiefer zu.

Und das im schlichtesten Ambiente,
im anspruchslosen Kneipenlook –
‘ne Kutte statt der Paramente,
wenn ich es christlich mal beguck.

Am Tresen lümmelten sich Leute,
im Fernsehn lief ein Fußballspiel;
es ist ja schließlich Freitag heute
und das Lokal sein Pilgerziel.

Und um die Sache abzurunden,
an der ich mich so delektiert,
hab ich Geschmack auch noch gefunden
am Wesen, das sie hübsch serviert.

Schön finster

Schön finsterSpät hat es mich noch rausgetrieben,
ich weiß nicht, wieso grade heut;
es war gewiss schon weit nach sieben,
verklungen längst das Kirchgeläut.

Und längst in Finsternis versunken,
was hier auf engem Raum sich drängt –
die Berge oben, meerestrunken,
das Meer, das füßelnd sie empfängt.

Wortwörtlich wurd mir schwarz vor Augen.
Die Skala: Kohle, Pech, Asphalt
selbst schien mir nicht so recht zu taugen
für diesen dunklen Sachverhalt.

Es war, als ob sich eine Binde,
wie man sie braucht beim Blindekuh,
ganz fest um meine Schläfen winde
und hielte mir die Augen zu.

Durch diesen grässlich großen Rachen
zog zitternd sich ein helles Band,
dem blinden Wandrer klarzumachen
die Grenze zwischen Meer und Land.

Wie Hunde, die in wilden Sätzen,
vor weißem Geifer schäumend scharf,
vergeblich nach der Beute hetzen:
Die Flut, die sich aufs Ufer warf!

Doch mochte auch die Brandung toben,
die Nacht mich in die Hölle sperrn:
Ein Feuer stand, ein Leuchtturm droben,
ein Superlicht: der Abendstern.

 

Farbenspiel

FarbenspielMehr als ein Witz – ‘ne Katastrophe:
Ein Dichter, der in Wolken fliegt,
geladen hoch zum Musenhofe –
wobei die Tinte ihm versiegt!

Im Anflug auf parnass’sche Ehren,
da Pegasus so schön in Trab,
muss er das Wichtigste entbehren
und bricht die Reise erst mal ab.

Beginnt ‘ne fieberhafte Suche
(„Da muss doch wo ein Stift noch sein!“),
und nach dem üblichen Gefluche
fällt endlich ihm sein Standort ein.

Ich wusst es doch, hier dieser grüne
(„Wieso hab je ich Grün gewählt?“)
verhindert glücklich, dass der kühne
Gedankenflug sein Ziel verfehlt.

Heut muss ich mit dem Griffel leben,
doch morgen, wenn der Mittag graut,
sobald sich meine Lider heben,
wird nach ‘nem blauen ausgeschaut.

Am besten werd ich zwei erwerben,
dass ich auf Nummer sicher geh;
wird sich der eine dann entfärben,
na, wie ich dem ‘ne Nase dreh!

Ob da wohl falsche Töne schwangen
an dieser malerischen Naht?
Nein, offensichtlich gut gegangen –
das erste Lied im Farbspagat!

Schöner Standortwechsel

Schöner StabdortWenn ich den Blick mal nicht erhebe
und lass ihn auf den Block gebannt,
dann weiß ich nicht, was ich erlebe:
zu welcher Zeit, in welchem Land.

Die Perspektive war schon immer
am Abend mir aufs Blatt verkürzt,
dass ich von sonst nichts einen Schimmer
mich auf die Musen nur gestürzt.

Und ringsherum die Welt vergessend,
die weich sich um den Körper schlang,
nur Silben und nur Strophen messend
um ausgebuffte Reime rang.

Ein Weiser schon in alten Tagen,
der Feindschaft und Verbannung litt,
sprach: Aus dem Land könnt ihr mich jagen,
doch meinen Geist, den nehm ich mit.

Um wie viel mehr, möcht ich ergänzen,
wenn selbst man sich dazu entschließt
und weit von seinen Heimatgrenzen
der Fremde schönen Reiz genießt!

Ihr glaubt, jetzt habt ihr mich beim Wickel,
weil ich mir selber widersprech:
Die Welt vergess ich wie ‘nen Pickel,
wenn Gold ich aus dem Hirn erbrech.

Nein, dies fantastische Ambiente –
es wirkt ja heimlich, unbewusst,
und stärkt dem Sänger, der in Rente,
die alte Hieroglyphenlust!

 

Beinahe paradiesisch

Beinahe paradiesischEs hat mir immer schon gefallen,
wenn alles in den Federn liegt,
den Musen noch herauszulallen
ein Lied, das sie in Schlummer wiegt.

Doch fühl ich diesen Drang noch stärker,
seitdem ich von zu Hause fort,
entflohn dem nordisch kühlen Kerker
an diesen winterwarmen Ort.

Wir schreiben jetzt Novemberende,
für Nass und Nebel ja bekannt;
‘nen Regenschirm ich drauf verpfände:
Auch morgen sonnt man sich am Strand.

Statt dass Gewölk am Himmel wallte,
betupfen Schäfchen den Azur;
hoch in den Bergen der geballte
gewitterschwarze Nebel nur.

Von Kribbeln lediglich durchzogen
des Meers gewohnte Gänsehaut,
die statt bewegt in mächt’gen Wogen
von kurzen Wellen aufgeraut.

Seit Tagen keine starken Winde.
Die Palmen: Ohren angelegt.
Ein Lüftchen, friedlich und gelinde,
dass es noch Rosendüfte trägt.

So gleicht der Fleck dem Paradiese
in unsern Träumen wunderbar.
Indes nicht völlig ohne Krise –
‘nem Windstoß oder Schauer gar!

Gleiche Wellenlänge

Gleiche WellenlängeNun kann ich mich an Wellen weiden,
umsonst und ohne Strandgebühr,
muss niemals Mangel daran leiden,
sie liegen mir ja vor der Tür.

Wenn hinten ich das Haus verlasse,
mein erster Blick nur ihnen gilt
und dieser wüsten Wassermasse,
die bis zur Kimm da oben quillt.

Darüber Wolken aller Arten –
in Streifen und als Berg, der ragt,
als Schäfchen im azurnen Garten
und regenschwer vom Sturm gejagt.

Und manchmal tief auch überm Rande
als dünner Ring am Horizont,
da wo vielleicht schon ferne Lande
ganz anders wolkig und besonnt.

Und dass man in der Mordskulisse,
wie die Natur sie aufgebaut,
Lebendiges auch nicht vermisse,
man hin und wieder Schiffe schaut.

Die kläglich allerdings wie Fliegen,
die in den süßen Rahm gefalln,
in dieser salz’gen Suppe liegen
und haben nichts, sich festzukralln.

An dieser grenzenlosen Weite,
die nichts dem Auge offenbart,
ich täglich meine Runden schreite,
beglückt durch ihre Gegenwart.

Schöne Nachtruhe

Schöne NachtruheNatürlich schweigt die Nacht hier tiefer,
so zwischen Berg geklemmt und Meer,
so zwischen Salz und Glimmerschiefer
und was da sonst zu finden wär.

Die Autos, nun, die hört man rauschen
gelegentlich noch gummileis,
doch muss man schon sehr lange lauschen
für diesen schwachen Hörbeweis.

‘s ist halt ein Städtchen an der Küste,
das friedlich früh sich schlafen legt
und seine lauteren Gelüste
nur heimlich unterm Laken pflegt.

Und was es hier, wie soll ich’s wissen,
an Kraken und Makrelen gibt,
schwimmt wohl schon in den Wasserkissen,
wo es ‘ne ruh’ge Kugel schiebt.

Vom Berg ist eh nichts zu erwarten,
der mausert zum Vulkan sich nie –
ein Tummelplatz für Kaffeefahrten
und winters für Seniorenski.

Nur in den Kneipen herrscht noch Leben,
wird noch getrunken und gelacht,
weil Fuchs und Has sich heiter geben,
eh sie sich sagen gute Nacht.

Dann paart sich Berg- mit Meeresstille,
dass man es kaum ertragen kann.
Ich rück zurecht die Lesebrille
und rufe meine Muse an.

 

Eine Art Kirchgang

Eine Art KirchgangWeit steht die große Pforte offen,
denn heute ist der Tag des Herrn,
und alle, die auf Christus hoffen,
besuchen ihn besonders gern.

Die kleinen Glocken hoch im Giebel,
sie sammelten die Schäfchenschar
so aufgeregt zum Wort der Bibel,
dass sie sich überschlugen gar!

Die eine klang ein bisschen heller,
die andre gab sich dumpf und tief –
und eiferten, wer denn wohl schneller
das Volk zur Frohen Botschaft rief.

Die Kirche, die von Wuchs bescheiden,
erweckt gleichwohl Bewunderung:
Die weißen Wände gut sie kleiden
und der Fassade kühner Schwung.

Die Glöckchen und das Kirchgebäude,
die ihr soeben kennen lernt,
sie stehn zu meiner großen Freude
nur einen Steinwurf weit entfernt.

Muss nur mich aus dem Fenster beugen,
und alles mir vor Augen liegt –
und kann der Muse so bezeugen,
dass blickfangfrische Kost sie kriegt.

Wird feindlich sie zur Kenntnis nehmen,
dass ich auf fremder Götter Spur?
Kein Grund, o Muse, dich zu grämen:
Mein Tempel heißt Architektur!

Leihlektüre

LeihlektüreSoll Unflat ich in Verse gießen,
mir Reime aus der Gosse holn,
dass auf dem Beet der Musen sprießen
Gewächse, die ‘ne Sau empfohln?

Zwar muss es mir nicht keimfrei bleiben,
was man zur Lyra singt, steril,
doch auch nicht jene Blüten treiben,
die seuchenhaft der Sex befiel.

Um es euch näher zu erklären:
Hier seht ihr der Lektüre Spur,
die, meine Leselust zu ehren,
von einem Freund mir widerfuhr.

Roman. Ganz oben auf der Liste,
die für Verkaufserfolg man führt.
Und doch die ewig gleiche Kiste,
geschickt nach Schema F geschnürt.

Man nehme reichlich Mittelalter,
bekannte Größen ihrer Zeit,
Halunken, Huren, Schatzverwalter,
‘ne Untat, die zum Himmel schreit

Sowie ‘nen Bock, der seinen Ständer
in jede keusche Jungfer schiebt,
‘nen bullenmäß’gen Samenspender,
der’s allen geilen Müttern gibt

Und zu ‘ner Story es verrühre,
die ein’germaßen glaubhaft klingt –
wie dieses Helden Wahrheitsschwüre,
die erst die Folter ihm erzwingt.

Ja, außer den besagten Samen
muss literweise fließen Blut,
denn nur in diesem feuchten Rahmen
macht so ein Bestseller sich gut.

Gern wird der Leser auch verkraften,
der ja viel Krauses schon verdaut,
Verschwörungen und Bruderschaften,
die kaum der Autor selbst durchschaut.

Am Ende löst in der Schmonzette
in Wohlgefalln sich alles auf.
Bewegt begibt man sich zu Bette
und träumt gewiss vom Folgekauf.

Als früher man noch gut geschrieben,
warn solche Szenen ein Skandal.
Heut kräht kein Hahn nach diesen Trieben.
Doch heißt die Kunst jetzt: trivial.