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Die Uhr

die-uhrDie Uhr, das ist bekanntlich ein Gerät,
die Zeit in kleine Brösel zu zerhacken.
Und zwar in völlig gleiche früh und spät,
vollkommen für sich jeder, ohne Macken.

Sie braucht ja diesen Grad von Präzision,
der Menschheit Tag und Tun zu sekundieren,
die im Gedränge, wirr und asynchron,
ihren Zusammenhang würd rasch verlieren.

Es ist der Zeiger, der die Welt regiert
wie der Maestro mit dem Stock die Geigen,
den keiner aus dem Auge je verliert,
um seinem Wink gefügig sich zu zeigen.

Schon wenn man morgens seinen Törn beginnt,
die Lebensgeister mählich erst erwachen,
begreift man, wie rapid die Zeit verrinnt,
und fährt furios in seine Siebensachen.

Derweil treibt dich die Uhr zur Eile an.
„Mach zu! Ich gebe dir noch fünf Minuten!“
Du rennst und springst und hältst dich wacker ran,
um ewig doch vergebens dich zu sputen.

Und weiter so den lieben langen Tag:
Tyrannisches Stakkato der Termine.
Sie fallen unerbittlich Schlag auf Schlag
so wie die Ritzen in der D-Zug-Schiene.

Wenn endlich dann der Feierabend winkt,
glaubst du dem Tempus-Terror dich entronnen.
Doch ach, der Stern des Chronos nimmer sinkt,
er wacht auch über deine Freizeitwonnen.

Genieße deine Muße rasch, hopphopp!
Und nie vergiss: Sie ist nur knapp bemessen.
Zuhause ist nur flüchtig, nur ein Stopp
im Dauerrennen, mit Verlaub, ums Fressen.

Schnapp dir zum Beispiel ein beredtes Buch
und lass entspannt dich von der Stille wiegen,
ein Weilchen wenigstens befreit vom Fluch
der Zeit, so wie ein Pfeil davonzufliegen.

Wie alles Schöne währt auch dies nur kurz,
ein flücht’ger Aufschwung in azurne Auen –
und aus dem Höhenfluge jäh der Sturz
ins nächste eilbedürft‘ge Morgengrauen.

Ach, niemand wusste besser wohl Bescheid
als Salomo von dieser Crux hienieden:
Es hat, so sprach er, alles seine Zeit.
Ist ja mein Reden: Auch das Verseschmieden.

Wetterwünsche

wetterwuenscheJetzt kommt er schon mit solchen Mätzchen
und gaukelt uns den Frühling vor!
Nur weiter, und die Weidenkätzchen
entfalten ihren Silberflor!

Will uns der Bursche irreführen,
den man nur feucht und frostig kennt,
das Herz uns mit ‘nem Lächeln rühren,
das kalt ihm auf den Lippen brennt?

November, grimmiger Geselle!
Warum jetzt diese sanfte Tour?
Zwölf, dreizehn Grad bei Tageshelle
gehn dir doch gegen die Natur!

Da trägt man auch die falschen Sachen:
Am Morgen tut was Warmes not,
doch kommt die Sonne Feuer machen,
schwitzt in der Jacke man sich tot.

Es ist ein Kreuz mit diesem Wetter!
Auf nichts ist wirklich mehr Verlass!
Der Sturm reißt nicht vom Ast die Blätter,
nach Wasser lechzt das Regenfass.

Ein Wischiwaschi ist das heuer,
ein lenzluftlauer Herbstverschnitt.
Der Jahreszeiten Abenteuer
erlebt ja so kein Schwein mehr mit.

Er sollte nicht mit Reizen prahlen,
die er sich billig nur geliehn.
Warum die Miene übermalen,
die uns doch immer schön erschien?

Beharrlich rieselt feiner Regen,
den Himmel hüllen Wolken ein.
Das Laub glänzt golden auf den Wegen
wie Glimmer und Karfunkelstein.

Wie Ährenleser streifen Krähen
mit krummem Rücken übers Feld,
nach letzter Nahrung auszuspähen,
bevor der Winter es bestellt.

Oft fährt auch in die nackten Kronen
und peitscht ihr zitterndes Geäst
der Sturm, Gevatter der Zyklonen,
der seine Macht uns spüren lässt.

Und Nebel wabert auf der Heide,
der blendet uns mit einem Husch,
dass unser Blick nicht unterscheide
den Moorgeist vom Wacholderbusch.

Ja, dass ein Aufmarsch solcher Bilder
den Weg durch unser Auge zieh,
viel rauer als zurzeit, viel wilder
und stimmig mit Melancholie!

Im Rhythmus der Routine

rhythmische-routineDes grauen Tages graues Ende.
Ein Herr nimmt seinen Stammplatz ein.
Rings um ihn Kacheln, Küchenwände.
Es ist halb zehn. Er ist allein.

Er hat das Blatt schon ausgebreitet.
Er wiegt den Schreiber in der Hand.
Er senkt ihn, dass er sutje gleitet
vom linken bis zum rechten Rand.

Jetzt hat er etwas schon geschrieben.
Das Blatt ist nicht mehr völlig leer.
Ein Brief? Vielleicht an seine Lieben:
“Ich grüße und vermiss euch sehr“?

Nein, nichts von solchen trauten Zeilen.
Was er da schreibt, ist ein Gedicht.
Gedanken, um uns mitzuteilen,
was seine Muse durch ihn spricht.

Es scheint ihm daran nicht zu fehlen
noch an den Worten, ihrem Kleid.
Er hat ‘ne Menge zu erzählen.
Und jetzt am Abend auch die Zeit.

Nicht, dass er wie besessen wäre
und trunken nur vom Musenkuss;
er gießt von Zeit zu Zeit die Beere
des Bacchus in den Redefluss.

Der Fantasie kommt dies entgegen.
Der Dünger lässt sie üppig blühn.
Und um der schönen Verse wegen
muss sich der Barde wen’ger mühn.

Die Stunden ticken träge weiter.
Die Sterne rücken leise vor.
Wann trennt des Flügelrosses Reiter
sich endlich von Papyr und Rohr?

Jetzt hat er wohl zu viel des Guten.
Jetzt schlägt des Nektars Wirkung um,
verlaufen sich die Bilderfluten,
macht A und O den Rücken krumm.

Da hat er‘s selber eingesehen,
da macht er rasch den letzten Strich.
Erhebt sich, um zu Bett zu gehen.
Ganz unter uns: Der Herr bin ich.

Fehlschlüsse

fehlschuesse-wilhelm-buschHat man nicht sogar Poe gescholten
und seine Verse parodiert,
mit Hohngelächter ihm vergolten,
was genial er generiert?

Der Rezensent: Unfehlbar Wesen,
sofern ex cathedra er spricht,
beschrieben nicht, doch wohl belesen,
hält als Gottvater er Gericht.

Es ist kein Künstler so vollkommen,
dass er ’nen Kritiker nicht fänd,
der ihm verschwiemelt und verschwommen
die Kinken seiner Schöpfung nennt.

Vor den gestrengen Kennermienen
hält schwerlich nur ein Oeuvre Stand,
die besten selbst, die Ruhm verdienen,
sie werden schmählich oft verkannt.

Der Schwan von Avon, ohnegleichen
in seinem göttlichen Gesang,
man ließ ihn lang vom Spielplan streichen,
weil er missfiel dem Kritteldrang.

Doch wenn sie sich mal überschlagen
ist höchste Vorsicht auch am Platz.
Sie hudeln mit gefülltem Magen,
bei Kuchen aus dem Kaffeesatz.

„Ein neuer Stern ist aufgegangen,
Komet am Dichterfirmament –
wann je so magisch Verse klangen,
wie man’s nur von George kennt?“

Das riecht nach ‘ner banalen Seele
und schillernd aufgeschlagnem Schaum:
Dass ihre Leere sie verhehle,
gibt Seifenblasen sie viel Raum.

(Das süße Nichts verkauft sich besser
als eine Wahrheit von Gewicht –
der Kritiker als guter Esser
verschmäht auch diese Weisheit nicht.)

Ist man nicht selbst darauf verfallen,
verspottet man Kolumbus’ Ei
und schwört bei allen Musen, allen,
dass solche Kunst gewöhnlich sei.

Allein, was hab ich schon zu maulen?
Zerpflückt mich denn so’n Malefiz?
Ich könnt im Winkel hier verfaulen
und niemand nähm davon Notiz.

Ich Glückspilz: Alle überflügelt!
O wie beredt dies Schweigen spricht!
Ein Benn, ein Byron abgebügelt –
nur meine Wenigkeit noch nicht!

Herbstbilder

herbstbilder2Es ist, als ob die Möwe schrie
am gottverlassnen Strand
wie eine Kinderseele, die
sich jäh im Finstern fand.

Es ist, als ob der Rabe krächzt’
auf nebelnassem Feld
wie einer, der nach Heimat lechzt
in feind gewordner Welt.

Es ist, als ob des Mondes Rund
in sternenklarer Nacht
verbellte wo ein treuer Hund,
der unermüdlich wacht.

Es ist, als ob am kahlen Strauch
noch eine Rose hing,
die in des Eises Todeshauch
als einz’ge nicht verging.

Es ist, als ob auf hoher See,
von Sternen nur besonnt,
ein Lichtlein glömm in Küstennäh
ganz fern am Horizont.

Es ist, als ob im Morgengraun
noch vor des Tages Hast,
er heimwärts schlich an Haus und Zaun,
der letzte Kneipengast.

Es ist, als ob dir im Gemüt,
das heiter stets gestimmt,
ein Schatten plötzlich aufgeblüht,
der ihm die Sonne nimmt.

Es ist, als ob am Küchentisch
wer fleißig Verse schrieb
und doch am Ende seinem Wisch
nur der Papierkorb blieb.

Es ist so schwer ums Herz mir heut,
ich sitze und sinnier.
Das Laub liegt faulig feucht verstreut.
Ich fühl den Herbst in mir.

Kreuzfahrt zu Lande

kreuzfahrtDaheim, daheim von großer Fahrt.
Europa halb durchquert.
An Kunst und Kirchen nicht gespart.
Und sonst auch wohlgenährt.

O Málaga, o Altstadtgassen,
so klein, um Tapas grad zu fassen!
Dafür der Hafen, weit und leer,
ein gier’ger Mund zum Meer!

Komm, lass uns nach Comares steigen,
ich will dir einen Friedhof zeigen,
der alles überragt!
Wir klimmen Richtung Hügelspitze
im Würgegriff der Mittagshitze
durchs Dörfchen unverzagt.

Verwinkelung in Weiß
und Blumen überall.
Am Ende unsrer Reis‘
ein christliches Walhall.

Der Toten trister Taubenschlag
mit herrlich weiter Sicht.
Zementgeviert statt Sarkophag
und Plastik-Rosen schlicht.

Doch wo die Menschen noch am Leben,
sich aus den Gartenbüschen heben
die frischen Blüten bunt,
da in der heilgen Höh hienieden
haucht Gottes Nähe Gottesfrieden
schon vor der letzten Stund.

Nach Frigiliana also dann,
da gibt’s ‘nen süßen Roten.
Ein Lädchen unser Aug gewann,
so recht, ihn auszuloten.

Da reichte man uns zu den Trauben
ein Heilandsbildchen als Geschenk,
wohl auch, an seine Kraft zu glauben,
des Herrenblutes eingedenk.

Doch wurde, Gott zu loben,
je prächtiger gebaut,
als was wir, fest verwoben,
in Córdoba geschaut?

Unlöslich eins ins andere verschlungen,
zu einem Leib verschmolzen, einem Stein:
Moschee und Kirche. Um mit gleichen Zungen
zu einem Herrgott aufzuschrein.

Was hältst, Granada, du dagegen?
Wie schlägst du Reisende in Bann?
Mit einer Burg, am Hang gelegen,
die sich ein Sultan einst ersann.

Sich wuchernd wiederholende Strukturen,
die kristallinisch alles überziehn
zum Tanz von Arabesken und Figuren
in Stuck erstarrter Harmonien!

Und überall ist Allahs Name
in dies Gewirr von Linien gesät,
so wie wer seiner Herzensdame
in spröder Rinde seine Glut gesteht.

Wie mag’s im Sommer hier wohl gleißen
bei gut und gerne dreißig Grad!
„Ich will nicht, Ullah!, Sultan heißen,
wüsst ich nicht dafür mir auch Rat.

Nur einen Katzensprung von dieser Stelle
baut mir ein schattiges Asyl!
Lasst Thujahecken wehrn der Helle
und Wasser rieseln klar und kühl!“

Alhambra und Generalife –
wie Wünsche, die ein Dschinn erfüllt
dem Herrscher ungesäumt,
da unten in des Tales Tiefe
in Dorn und Dickicht eingehüllt
die Stadt von Freiheit träumt.

Doch triumphal Toledo thront
hoch über Schluchten, die der Fluss sich gräbt,
auf einem Gipfel, den kein Wind verschont,
wenn im Gewitter er erbebt.

So furchtlos wie ein Kirchenmann,
der fest im Glauben ruht.
Die Kathedrale zeigt es an:
Man ist in Gottes Hut.

(Da baumeln Kappen von der Decke,
die Kardinäle einst geschmückt,
die jetzt wo in ‘ner dunklen Ecke
der ird’schen Eitelkeit entrückt.)

Ach, wie vergänglich, wie morbid
der Glanz auch weltlichen Geprägs,
der nach Aránjuez uns zieht,
die nach Madrid wir unterwegs!

Was für ‘ne Pracht erlesener Substanzen,
die mehr durch Fülle glänzen denn Geschmack,
Akanthusblätter nur als Zimmerpflanzen,
als Gärtner nur Lakai’n im Frack!

Man sieht, was gut und teuer ist,
den ganzen Prunk der Zeit
und desto deutlicher vermisst
‘nen Schuss Gemütlichkeit.

Vielleicht im Park bei den Fontänen,
wenn schon die Tageshitze weicht
und alle sich nach Schatten sehnen,
die kühlen Statuen selbst vielleicht?

Und dann Madrid: viril, urban,
dynamisch, quirlig und spontan,
rein nichts von Dorfidylle!
Im roten Doppeldeckerbus
zwei Stunden Rundfahrthochgenuss,
Madrid in seiner Fülle!

Am Abend diese Tapas-Bar,
die voll und voll gemütlich war,
am Straßenlärm gemessen.
Bei Schinken, Wurst und „San Miguel“
verging die Zeit uns furchtbar schnell –
doch seht, nicht unvergessen.

Man muss nach so viel City-Leben
auch der Provinz ’ne Chance geben,
dass man den Geist entspann.
So trieben uns die Ruhgelüste
direkt an die Atlantik-Küste
nach San Sebastián.

Scheint nicht der Strand wie’n goldner Reifen
um dieses Blau der Bucht zu schweifen,
ein Diadem aus Staub?
Und jene Villen auf dem Hange,
sind sie nicht Fibel ihm und Spange,
dass Neptun ihn nicht raub?

Doch wie hilft mir die Fantasie,
die Landes euch zu schildern?
So viele Kiefern sah ich nie
am Wegesrande wildern!

Wohin ich auch mein Auge warf,
es mit Natur zu nähren,
es deckte seinen Bildbedarf
allein mit Koniferen.

Mehr hab ich hier als Tour-Rapport
zu bieten nicht und beichten;
es lief so monoton ja fort,
bis wir Bordeaux erreichten.

Da ging es nicht so bräsig her
wie auf dem platten Lande,
die Stadt ein einzges Menschenmeer,
„Bonheur“ als Konterbande.

Was ist das für ein Trubel dort,
da bei der hohen Säule?
Man hört ja nicht sein eignes Wort,
Pardon, bei dem Geheule!

Zum Glück sind sie in Stein erstarrt,
die braven Girondisten,
die in des Rummels Gegenwart
ihr stilles Dasein fristen.

Mann, siehst du auch, was ich da seh?
Das scheint mir optimal:
Ein Riesenrad. Und mit ’nem Dreh –
Sightseeing vertikal!

Wie einer Braue sanfter Schwung
legt dunkel sich und matt
der Fluss in dieser Dämmerung
um die entflammte Stadt.

Wir sehen rechts die Brücke noch,
die wuchtig ihn durchquert,
dann stürzt die Gondel in ein Loch.
Wir landen unversehrt.

Nicht lange, und wir brachen auf,
geweckt vom gall’schen Hahn.
Die Kassen nahmen wir in Kauf
auf flotter Autobahn.

O Frankreich, das du groß an Geist
wie auch an Fläche bist –
wir haben zügig dich durchreist
in Ein-, Zweitagesfrist!

Hier gab die Loire uns das Geleit:
Parks und Paläste pur;
da dehnte öde sich und weit
der Somme blut‘ge Flur.

Noch leidlich hoch die Sonne stand
am Wolkenfirmament,
als Namen man auf Schildern fand
wie Kortrijk, Luik und Gent.

Da hatten wir’s zu guter Letzt
ins Flandrische gebracht,
nicht müde und nicht abgehetzt,
doch grad noch vor der Nacht.

O Brügge, wo des Flamen Seele
in Stein sich offenbart,
wo Giebel, Gassen und Kanäle
nach alter Meister Art!

Des Mittelalters kleine Welt
in Flair noch und Gestalt:
Ein Belfried, der den Tag „verbellt“,
ein Pflaster, das noch hallt

Vom Hufschlag flinker Pferde,
die der Verkehr nicht schert,
Besuch der ganzen Erde
im offenen Gefährt.

Die Zeit scheint stillzustehen
an dem verwunschnen Ort –
doch was wir auch gesehen,
es war nicht Bruges-la-Morte!

Jetzt erst mal Impressionen
von solchem Schlag entbehrn.
Doch glaub ich, dass Äonen
von diesen wir noch zehrn.

Fest verwurzelt

fest-verwurzeltDer Ort, an dem ich meine Reime
mit spitzer Mine niederkratz,
dient mir seit Olim schon zum Heime,
zum Wigwam und zum Weideplatz.

Zwar hat er mich nicht unter Qualen
auf diese Erde ausgepresst,
weil südlich lagen, in Westfalen
die Windeln für mein Wiegenfest.

Doch ist er mir so lieb geworden,
wie’s nur die Kinderstube war,
die nach der Nordsee und dem Norden
die erste Sehnsucht mir gebar.

Ich weiß nicht, wie viel sel’ge Stunden
an dieser Stätte ich verbracht,
wo glücklich alles ich gefunden,
was lebenswert das Leben macht.

Nur dass die Zeit mir rasch zerronnen
und hoch der Hügel sich erhebt,
der meines Gestern Weh und Wonnen
für ewig unter sich begräbt.

So warfen einst ja diese Wände
auch meiner Liebsten Laut zurück,
bevor nach ihr gestreckt die Hände
der Schnitter, dass er früh sie pflück.

Was für ein Fall aus allen Träumen,
was für ein Sturz in Einsamkeit!
So haus ich unter Straßenbäumen
als Klausner quasi seit der Zeit.

Da soll man nicht ins Grübeln kommen,
das Fantasieren nicht in Schwung?
Aus jedem Winkel weht verschwommen,
aus jedem Ding Erinnerung!

So hab ich’s lange ausgehalten,
die besten Jahre hier verlebt,
bis mir das Alter heimlich Falten
samt einem Bäuchlein angeklebt.

Die dreißig eben überschritten,
bezog als Jüngling ich Quartier –
demnächst muss ich zum Umtrunk bitten,
den auf die Rente ich spendier.

Bin zum Nomaden nicht geboren,
der unstet durch die Lande zieht,
ein Schäfchen eh’r, das ungeschoren
im Dämmer seines Schuppens kniet.

Soll ich zum Schluss noch aufbegehren,
gewaltsam mich vom Fleck befrein,
vom harten Brot des Wandels zehren –
um anderswo allein zu sein?

Dies Dornenschloss mag mich umfangen,
und wenn ich hier vergehen müsst –
wo fänd ich jetzt noch Liebverlangen,
das mich aus meiner Ruhe küsst?

Haltbarkeitsdaten

haltbarkeitsdatenOb ihre Uhren anders gehen,
nach einem andern Zifferblatt?
Ich will mal auf die Finger sehen
dem Haus, der Straße und der Stadt.

Die stehen da so fest wie Steine
und unverwüstlich an Gestalt,
Gebäude härter als Gebeine,
Bitumen stärker als Basalt.

Was alles, wenn die Augen schweifen,
den Schein der Stetigkeit bewahrt –
doch kaum, dass sie zur Lupe greifen,
die Zeit sich ihnen offenbart

Mit den verräterischen Spuren,
die überall sie hinterlässt
an Dingen und an Kreaturen,
zwar winzig, aber manifest.

Ein Fundus auch für Depressionen,
was unsern schwachen Leib betrifft –
sie wird ihn nicht davon verschonen,
dass Charon ihn schon bald verschifft.

Befragt das Krähenfuß-Orakel,
das einz’ge, das die Wahrheit spricht.
Die tausend Falten: ein Debakel
fürs vormals glatte Mondgesicht!

Dagegen sind die im Gemäuer,
die Risse harmlos gradezu –
zwar steht hier Chronos auch am Steuer,
doch schippert er mit größrer Ruh.

Wie diesen Unterschied begreifen,
dass stärker er an Menschen zehrt
als an Asphalt und Autoreifen,
die er nicht weniger begehrt?

Das tote Zeug aus Stein und Erden
hat einfach nur das dickre Fell,
da kann sein Zahn so schnell nichts werden,
dass zur Ruine er’s entstell.

In Fleisch und Blut kann er sich bohren
und findet wenig Widerstand –
so geht ihm alles Maß verloren
für Seele oder Häuserwand.

Er übersät den Leib mit Malen
‘ner immer tödlichen Tortur –
der Aufpreis, den wir Wesen zahlen,
die wir lebendig von Natur!

Erwachen

erwachenHilft alles nichts, wird Zeit sich zu erheben.
Pitsch, patsch, mit Wasser sich den Dööts beleben.
Die Stoppeln sich vom Kinn rasiern.
Das Radio volle Pulle: Nachbarn nerven.
’nen flücht’gen Blick ins Morgenblättchen werfen.
’ne Stulle sich zum Frühstück schmiern.

Beug, streck – Gymnastik volle fünf Minuten.
Dann schnell zum Klo, es gilt schon sich zu sputen.
Geduscht – und die Klamotten an.
Fehlt selbstverständlich noch das Zähneputzen
(bloß jetzt mit Pasta nicht das Kinn beschmutzen!)
und husch, husch kommt das Kämmen dran.

Den Spiegel an der Wand befragt, den großen,
beruhigt dann die Haustür aufgestoßen
und Richtung Arbeitsplatz marschiert.
Die Steine, Steine immer nur die gleichen,
die Stein um Stein mir unterm Tritte weichen
als kleines steinernes Geviert.

Auch sie kenn ich schon längst, die Hausfassaden,
die stoisch ihre Stirn im Winde baden,
der kühl sie morgens noch umfährt.
Hier nur noch diese Kreuzung überqueren,
der Grünpfeil-Rechtsabbieger mich erwehren –
und da die Klitsche, die mich nährt!

PC anschmeißen, Outlook, E-Mail sichten
und lesend langsam ihre Reihen lichten
und notfalls Antwort gleich erteiln.
Kalender öffnen und Termine kucken,
Papier nachfülln, um gleich mal auszudrucken
des Arbeitstages erste Zeiln.

Dann Aug in Aug mit wem Gespräche führen
und Ohr an Ohr mit Hörer und Gebühren,
Notizen machen nebenbei.
Sich hin und wieder einen Kaffee kochen,
Geschreibsel für die Akte heften, lochen,
sofern nicht speichern als Datei.

Gelegentlich in eine Sitzung rennen,
wo kuchenrund die kleinen Lichter brennen,
um einen Riesentisch verteilt –
die reihum alle sich gewaltig blähen,
um ihre Petitessen rauszukrähen,
da kopfschüttelnd die Zeit enteilt!

Nach ungezählten Worten und Vermerken
begehrt der Magen plötzlich sich zu stärken,
und sei es mit Kantinenkost.
Und durch ein Meer von flücht’gen Mahlzeit-Grüßen
schwirrt man auf appetitbeschwingten Füßen
zu Pfanne, Topf und Bratenrost.

Nachmittags dann noch mal die gleiche Leier,
sofern nicht irgendeine fäll’ge Feier
zu Glückwunsch und ‘nem Schwätzchen lädt.
So gegen fünf den Rechner runterfahren,
Persönliches im Schreibtisch aufbewahren,
den Schlüssel zweimal umgedreht.

Dann nur noch Schrank auf, Sakko überstreifen.
Schon auf der Schwelle: letztes Blickeschweifen,
ob alles richtig aus und zu.
Den Fahrstuhl holen und sich runterrempeln,
um an der Uhr sich glücklich auszustempeln.
Das war’s für heute wieder, puh!

Und wieder längs an diesen Hausfassaden
mit gleichen, aber gegenläuf’gen Waden –
derselbe Fuß, derselbe Schritt.
Dieselben Steine, die am Boden lungern,
nach Leder, Hackenschweiß und Gummi hungern,
dieselben Steine schlurfen mit.

Dann Haustür öffnen und den Kasten leeren:
Reklame, Rechnung, Benefiz-Begehren –
kein rosiges Billet d’amour.
Die Treppe rauf bis in den Dritten steigen,
um mich privat nunmehr als Mensch zu zeigen
und Nachbar auf demselben Flur.

Doch kaum kann ich so weit die Kurve kriegen
und komm auf meine Bärenhaut zu liegen,
scheucht mich die Nacht ins Federland.
Die aber rast dahin mit hundert Sachen,
lässt mich entschlummern, träumen und erwachen:
Schon greift zum Wecker meine Hand…

Fahnenflucht

fahnenfluechtigDas Fahnenduo auf dem Dache
hängt schlaff herunter Seit an Seit;
kein Lüftchen weht, dass es entfache
des Tuchs textile Wendigkeit.

Noch breitet klar sich vor den Augen
der Himmel mit gedämpftem Grau,
die rosa Reste abzusaugen
von Helios‘ großer Abschiedsschau.

Nur wo der Mond mit trüber Miene
die Sichel durch die Dünste zieht,
blitzt, wie wenn’s davon widerschiene,
ein Licht, das einem Stern entflieht.

Die Nacht liegt leise auf der Lauer
und schiebt sich unaufhaltsam vor –
was hilft’s, dass ich im Winkel kauer,
sie packt mich dennoch gleich beim Ohr!

Dann reißt der letzte lichte Faden
und alles taucht ins Dunkel ein;
nur hier und da in den Fassaden
verharrt ein schwacher Lampenschein.

Dann sind die Fahnen auch verschwunden
wie ausgerupft mit Stumpf und Stiel
und erst einmal der Pflicht entbunden,
zu präsentiern ihr Farbenspiel.

Sie werden meinen Blicken fehlen,
denn immer, wenn ich mal verschnauf
vom Wort- und Reim- und Rhythmuswählen,
schau sinnend ich zu ihnen auf.

Ob sie vielleicht mich inspirieren
durch ihre bloße Gegenwart?
Gar weil auch sie symbolisieren
auf ihre eigne stumme Art?

Nicht Laute brauchen sie und Lettern
und teilen sich doch ständig mit:
Hier Hamburg, trotzend allen Wettern,
und hier der Bund im gleichen Schnitt.

Die Farben und die Muster reichen,
um ihre Botschaft zu erklärn:
Wir wehen hier als Hoheitszeichen,
den Ruhm des Landes zu vermehrn.

Was sollte der Poet draus lernen?
Um was zu sagen, braucht’s nicht viel.
Barockes Beiwerk stets entfernen.
Der Mensch (Buffon!) ist wie sein Stil.