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Archetypisch

ArchetypischNoch immer prasseln die Geschosse
der Wolken hier vor unsern Türn,
den Hof verwandelnd in ‘ne Gosse
mit Wassern, die ins Leere führn.

Mit lautem Aufprall sie zerplatzen
und hauchen ihre Seele aus.
Es regnet Hunde, regnet Katzen,
es regnet Tiere größren Baus.

‘ne wahre Sintflut von der Sorte,
die mindestens drei Tage schwillt,
bis oben von der Himmelspforte
man ihren Feuereifer stillt.

Doch unsre Arche, die aus Steinen
und zünftig mit Zement verpicht,
haut nichts von den stabilen Beinen,
geschweige denn, dass sie zerbricht.

Drum wird sie nicht auf Gipfeln landen,
von Wogen in die Höh gespült,
wenn auch genug davon vorhanden,
die auf dem Haupt nie Holz gefühlt.

Man muss auch keine Taube testen,
ob in den Schlag sie wiederkehrt,
um Boden zu erschließen, festen,
den man auf Sohlen überquert.

Wie nervig aber, nur zu hocken
in seinem Loch wie’n Wurm im Watt.
Man kriegt zwar keine nassen Socken –
doch dies Geprassel einmal satt!

Falscher Verdacht

Falscher VerdachtSelbst wenn ich’s nicht vor Augen habe,
im Rücken spür ich’s irgendwie
mit der ihm eignen Sehergabe,
die ihm der sechste Sinn verlieh.

Ja, mag es nachts auch schläfrig schweigen
im flachen Atem seiner Welln,
ich hör es falln und hör es steigen
und landwärts bis zur Brandung schwelln.

In Träumen fühl ich es noch flüstern,
als wär’s ein fernes Wiegenlied,
dass es mit aufgerissnen Nüstern
mich in den tiefsten Schlummer zieht.

Wenn morgens wieder Autos brausen
und Straßenlärm das Ohr bedrängt,
dann hör ich in den kurzen Pausen,
wie’s rauschend seine Mähne schwenkt.

Und lauf ich auf der Promenade,
wenn Sternenlicht am Himmel steht,
in seinem Fluidum ich bade,
das schwer und lautlos mich umweht.

Jetzt eben lässt es sich vernehmen
ganz deutlich zu der stillen Stund –
ja, ganz als ob sie näher kämen,
die Welln aus ihrem weiten Rund.

Fast schon, als ob sie draußen stünden,
dass gleich die Flut mich überfällt –
ich raus, die Sache zu ergründen:
In Regen, ach, ertrinkt die Welt!

Bei Licht besehen

Bei Licht besehenHeut führte uns die Fahrt nach Osten
schön auf der Küstenautobahn,
die überragt von manchem Posten,
der einst als Wachtturm Dienst getan.

Und so wie dieser überschaute
das Meer, um Feinde zu erspähn,
so stießen Überraschungslaute
wir aus vor diesem Phänomen.

Nicht dass sich näherten Piraten,
nicht dass ‘ne Flotte uns bedroht,
nein, weil so herrlich wohlgeraten
die Landschaft sich den Blicken bot.

‘ne Wasserfläche ohne Ende
da schimmernd uns zu Füßen lag,
die unaufhörlich und behände
sich tummelte im Wellenschlag.

Und wo die Ufer sie berührte,
zu weiten Buchten sich gebaucht,
und was an Sand sie mit sich führte
für deren Strände aufgebraucht.

Darüber sich die Berge türmten
vom Hügel rauf bis zum Massiv,
das Wolken schwarz und schwer umstürmten,
als ob ein Gott sie zu sich rief.

Lang haben wir die Sicht genossen
vom Ausguck ‘ner Taverne her.
Dann kam die Nacht auf leisen Flossen,
verschluckte uns samt Fels und Meer.

Im sicheren Hafen

Im sicheren HafenEs war kein Wetter zum Flanieren.
Von See her blies ein kalter Wind
und ließ zur Gänsehaut gefrieren
die Stellen, die ihm offen sind.

Das Meer hatt‘ bis zum letzten Tropfen
in Angst und Schrecken er versetzt;
sein weiches Herz, man sah es klopfen,
als wär’s von Furien gehetzt.

Und ums noch stärker zu beklemmen,
war es in Düsternis getaucht,
bis weithin zu den Bergeskämmen
von schwarzen Wolken überraucht.

Die Sonne, die an heitren Tagen
den Bauch ihm kitzelt unentwegt,
war ganz in diesen Rauch geschlagen,
mit andern Worten: lahmgelegt.

Inmitten dieser Widrigkeiten
fand sich nur eine Lebensspur –
ein Kahn, den Weg sich zu erstreiten
aufs Trockne nach der Wasserkur.

Das Schäfchen hatten sozusagen
auf dieses wir bereits gebracht.
Gemütlich wir vor Anker lagen
in Plastikwänden, überdacht.

‘ne andalusische Taverne.
Der Dannebrog am Maste weht.
Bei diesem Käptn hockt man gerne:
Wie der auf Klopse sich versteht!

Landpartie

LandpartieKaum hatt‘ ich mich dem Pfühl entwunden,
als mir ein Anruf widerfuhr:
Heut soundso viel Sonnenstunden –
wie wär es mit ‘ner Autotour?

Obwohl ich müde noch und träge,
hab ich begeistert zugesagt,
denn nichts macht ja den Geist so rege
wie eine Aussicht, die behagt.

Die Uhrzeit will ich euch ersparen.
Wir trafen unten uns am Strand.
Und kaum dass wir davongefahren,
warn mitten wir im Hügelland.

Das Ziel: Knapp unter ihrer Spitze,
sechshundert Meter über See.
Ich saß auf meinem Krähensitze
und spähte scharf nach Luv und Lee.

Im Auf und Ab von Meereswellen
ergingen sich hier Berg und Tal,
ein grenzenloses Sinken, Schwellen,
doch fest, als wär’s erstarrt einmal.

Und von den sanft geneigten Hängen
bis in der Schluchten engen Raum
sah um die Wipfel man sich drängen
der Mandelbäume Blütenschaum.

Kein Wind blies, ihnen zu entreißen
auch nur ein einz’ges Flöckchen heut.
Still standen sie, die herrlich weißen,
und auch die roten, drin verstreut.

Ein Lichtblick

Ein LichtblickDen Anker schnell noch mal gelichtet
und einen Trip zum Meer gemacht.
Doch hab davon nicht viel gesichtet,
es war ja dunkel schon und Nacht.

Ich wusste nur, es lag begraben
in diesem Wust von Finsternis,
doch ohne einen Punkt zu haben,
in den mein Auge sich verbiss.

So lief ich an der Schweigemauer
ein ganzes Stückchen still entlang,
wohl eher wie ein Sargbeschauer
als ein Tourist auf Bilderfang.

Doch plötzlich, mehr zu meiner Linken,
der uferabgewandten Seit,
sah ich es tausendfältig blinken
aus ebensolcher Dunkelheit.

Das stammte aber von den Bergen,
dern Fuß sich bis zur See erstreckt,
als ob da bei den sieben Zwergen
die Grubenlampen angesteckt.

Doch sind’s die Häuser an den Hängen
mit ihren Leuchten, matt und mild,
die schimmernd sich zu Haufen drängen
wie Gold, das aus den Felsen quillt.

Da in die Hügel sie sich ducken
des Meeres wegen und der Sicht.
Da kann ich ja noch besser gucken:
Sie sehen Schwarz. Ich sehe Licht!

Gewachsenes Papier

Gewachsenes PapierUm dieses Blatt hier zu beschmieren,
o welche Mühe hat’s gebraucht!
Erst musst ‘nen Baum man animieren,
dass hoch er in die Lüfte taucht

Und dabei nicht von seinem Wege,
das heißt vom graden Kurse wich,
kam ihm auch einer ins Gehege,
der einfach nicht die Segel strich.

Doch durfte ihm dann Hilfe leisten
ein Förster, eigens angestellt,
dass den Bedränger, diesen dreisten,
er kurzerhand zu Boden fällt.

So konnt das Bäumchen weiterwachsen,
bis fast es an den Himmel stieß,
indes das Harz zu seinen Haxen
sich immer seltner niederließ.

Kurzum, ein wahrer Waldesrecke,
den man da aufgepäppelt hat –
doch, wie gesagt, nur zu dem Zwecke,
dass Axt er spür und Sägeblatt.

Da stürzte er in hohem Bogen,
war ihm das Bein ja weggesackt,
und wurd die Haut ihm abgezogen,
in Stücke ihm sein Fleisch zerhackt!

Dass dies hier einmal Holz gewesen,
das nach der Sonne sich gesehnt –
wie kann man so was überlesen,
da selbst die Tinte es betränt?

In der Wintersonne

In der WintersonneEin Nachtrag hier zu dem Gedichte,
das neulich ich euch angetan:
Das Eigentliche der Geschichte –
die Sonne war’s als Kneipkumpan.

Des ersten Jahresmonats Ende –
und diese, sie verzehrt sich schier,
dass Runde sie um Runde spende
an Wärme zum gekühlten Bier!

Die Jacke um den Stuhl gewunden
und aufgekrempelt und –geknöpft
das Oberhemd für Mußestunden,
hab viel ich davon abgeschöpft.

Das Meer, es blinkte um die Ecke
und wippte mit dem Achterstert –
ich weiß zwar nicht, zu welchem Zwecke,
doch irgendwie war’s sehenswert.

Mit Sonne, See und Meeresfrüchten –
wie dass da einer Trübsal blies!
In diesen Winter sich zu flüchten:
Vertreibung in ein Paradies!

Man muss den Blick nur etwas wenden,
dass er ein Stück Gebirge fasst,
dann sieht man zu den lauen Stränden
die eis’gen Gipfel als Kontrast.

Und kann man seinen Augen trauen?
Ist’s nur der Kalkstein, weiß wie je?
O nein, wie seltsam anzuschauen –
da liegt, kein Zweifel, da liegt Schnee!

Kleine Fische

Kleine FischeNie war den Fischen ich so nahe
wie jetzt drei Schritt entfernt vom Strand,
dass nur Jan Maat an Mast und Rahe
mit ihnen besser noch bekannt.

Natürlich kann ich nicht erlauschen,
was sie da tuscheln, tief im Meer,
doch höre ich die Wellen rauschen,
als ob es ihre Stimme wär.

Auch sind sie niemals zu erspähen,
wie sehr ich auch die Flut fixier –
nur wenn sie in die Netze gehen
und dann in Kisten ruhn am Pier

Als glitschig-glimmernd tote Masse,
entrissen ihrem Element,
Sardinensilber für die Kasse
des Fischers, der die Gründe kennt.

Und niemand, der sein Beileid sendet.
Gelebt, gestorben anonym.
Obwohl Organe sie gespendet
mehr als genug, dass man sie rühm.

Es ist halt so, dass große Fische
sich gerne von den kleinen nährn.
Gefühle fegen sie vom Tische –
das, was man speist, muss man nicht ehrn.

Im Übrigen: Mit seinesgleichen
hält es der Mensch ja ebenso.
Fürs Fressen geht er über Leichen.
So bleibt es stets auf Meer‘sniveau.

Raus in die Fische

Raus in die FischeFrühmorgens, wenn noch alle schlafen
genau wie ich in diesem Haus,
verlassen sie schon ihren Hafen
und jagen auf das Meer hinaus.

Es muss wohl an den Fischen liegen,
die stets geneigt zur Schwärmerei
und sich nicht mehr im Schlummer wiegen
schon vor dem ersten Knurrhahnschrei

Dass Fischer in die Stiefel fahren
im trübsten Morgendämmerlicht,
um sich die Chance zu bewahren
auf einen Fang von Schwergewicht.

Wenn endlich dann wir Hausgenossen
erwacht, gegürtelt und gestylt,
sehn wir die fleiß’gen Kielkarossen
weit übern Horizont verteilt.

Erst nachmittags fährt sich die Flotte,
die träge, plötzlich wieder warm,
und wie das Licht umschwirrt die Motte,
umkreist sie dann ein Möwenschwarm.

Mit schweren, ausgedehnten Schritten
zerpflügt sie die bewegte Flur –
der Markt lässt sich nicht lange bitten:
Versteigerung ab 18 Uhr.

Ein harter Arbeitstag zu Ende.
Die tausend Tampen sind vertäut.
Die Fischer reiben sich die Hände.
Dat langt ja woll noch mal. Für heut.