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Kleine Modifizierung

Kleine ModifizierungEs sollte immer gültig bleiben,
von Juvenal, dies biss’ge Wort –
unmöglich sei es, nicht zu schreiben
Satiren nur in einem fort.

Doch wenn es wirklich das nur wäre!
Wenn wenigstens man högen könnt!
Wenn uns die Welt als einz’ge Zähre
nur die aus Jux entstandne gönnt’!

Nein, diese größre Flut der Tränen
der Lust, zu spotten, nicht entquillt;
sie stammt aus seelischen Migränen,
die kein befrei’ndes Lachen stillt.

Das ganze Elend, das zum Kotzen!
Der Katalog der Barbarei!
Gemetzel, das wir täglich glotzen
und knabbern Salzgebäck dabei!

Gewalt in allen Varianten,
aus Dummheit, Egoismus, Hass –
die Gründe stets die altbekannten,
und bodenlos wie je das Fass.

Und dies ist nur die eine Seite
der Münze, die am meisten gilt;
die andre zeigt in ganzer Breite
des Hochmuts und der Lüge Bild.

Weit eher, ach, noch als Satiren
verfasste man ein Trauerspiel:
Nach Glück die Menschen alle gieren –
zerreißend sich für dieses Ziel.

Antikes Quantum

Antikes QuantumDa von der Flasche grünem Grunde
sticht dunkelrot der Pegel ab
des Weins, den mehrfach schon zum Munde
genüsslich ich gehoben hab.

Das heißt dass bis zum Halse oben
derselbe nicht mehr stehen kann –
mit meinem Gaumen kaum verwoben,
er gurgelnd durch den Abfluss rann.

Und wenn dann in den Magenwänden
behaglich erst sein Feuer glüht,
lässt er mir schöne Grüße senden,
mir zu erwärmen das Gemüt.

Dann fühl wie Faust ich ein Behagen,
der, auch erhitzt von „neuem Wein“,
fand Mut, sich „in die Welt zu wagen“
und fest in jedem Sturm zu sein.

Nun, mein Gewinn an Zuversichten
ist nicht so faustisch weit gespannt,
doch regt sich jäh die Lust zu dichten,
als hätte Bacchus sie gesandt.

Ach, mit mänadisch wüsten Tänzen
müsst ich mein Leierspiel begehn,
mit Weinlaub mir die Schläfen kränzen,
da tausend Tücher mich umwehn!

Ja, das entspräch den heil’gen Bräuchen.
Was bin ich für ein dröger Spund!
Die Alten soffen Wein aus Schläuchen –
und heut noch ist ihr Lied uns kund!

Eingetopft

EingetopftDa prangt ‘ne halbe Blumenwiese
im Krug, worin einst Bier geschäumt;
der Nachbar schenkte nett mir diese,
als den Balkon er aufgeräumt.

Erspart mir, alle aufzuzählen,
erkenn ich grad noch an dem Blau
die Kornblume unter den Seelen
der frisch gemähten Blütenschau.

Nein, außerdem die Margerite
an ihres Körbchens goldnem Stand;
doch das ist alles, was ich biete,
floristisch wenig weltgewandt.

Das Weitre überlass ich gerne,
o Lesrin, deiner Fantasie,
die üppig blüh’nd auch aus der Ferne
noch stets zum rechten Bild gedieh.

Doch mag er ihm auch ähnlich sehen,
ein echter Feldstrauß ist er nicht –
ein Kübel ließ ihn auferstehen
zum mütterlichen Tageslicht.

Er wuchs auf eng begrenztem Raume
in eine betonierte Welt
und dachte nicht einmal im Traume
an Größen so wie Wald und Feld.

Und wird sie auch nie kennenlernen,
so wie er langsam da verdorrt.
Ein Häufchen Erde unter Sternen –
der Globus auch als Lebensort.

Großes Sommerhaus

Großes SommerhausWo wohnst du? – In der alten Linde.
Das heißt nur in der Sommerzeit,
solange ich da Nektar finde,
den ich zu Honig mir bereit.

Was für ein herrliches Gebäude!
Unendlich hoch und weit verzweigt
und überall zu meiner Freude
die Blüte sich zum Schlecken neigt.

Und immer in Gesellschaft fliegen,
doch ohne Zwang und völlig frei!
Da spieln wir ausgelassen kriegen
und haschen noch den Saft dabei!

Das Schwirrn von unserm Flügelschlagen
den lieben Tag lang nicht verstummt,
dass unsre Linde vor Behagen
vom Wipfel bis zur Wurzel brummt.

So schönen Schatten sie uns spendet,
und ihre Blätter fächeln Wind!
Und dieses Grün, das niemals endet –
so licht und leicht, wahrhaftig lind!

Mich sorgt allein ihr hohes Alter –
da weiß man nie, was noch passiert.
Vielleicht dass gar der Hausverwalter,
ein Landmann, einst sie renoviert.

Unendlich würd ich das bedauern –
doch ist für Bienen man ja blind.
Ich hänge so an diesen Mauern,
und grade so, so wie sie sind!

Weitgehende Enthüllung

Weitgehende EnthüllungWann sah das nächtliche Gefunkel
ich eigentlich zum letzten Mal?
Es ist, als ob ein kaltes Dunkel
den Himmel uns für immer stahl.

In all den letzten Tagen, Wochen
war abends stets der Vorhang dicht
und ist kein Fünkchen rausgekrochen
als Herold für das Sternenlicht.

Genauso hinter den Kulissen
blieb auch der gute Mond versteckt.
Hat seine Schau er abgerissen?
Ist auf der Bühne er verreckt?

Als ob ein Brand gewütet hätte,
das Firmament zu Fall gebracht
und nun in Asche läg die Stätte
zu ewig sternenloser Nacht!

Doch derart kosmisches Geschehen,
sag selbst, geneigte Leserschaft,
könnt doch der Menschheit nicht entgehen
mit ihrer Teleskopenkraft.

Wir müssen anders es erklären:
als schlichtes Wetterphänomen.
Die Wolken sind’s, die regenschweren,
die da nicht von der Stelle gehen.

Ja, lassen den Verstand wir spielen,
bleibt uns kein Rätsel ungelöst.
Muss dennoch oft zum Himmel schielen –
der irgendwie mir Angst einflößt.

Passendes Schuhwerk

Passendes SchuhwerkGegluckse, Juchzen, dumpfes Lachen –
und Totenstille wieder gleich;
als würden Frösche kurz erwachen
in ihrem sumpfig-seichten Teich.

Die Stadt liegt einsam und verlassen;
nur manchmal tönt noch da und dort
das Echo der lebend’gen Gassen
des lichten Tages leise fort.

In hunderttausende von Waben
zog sich der fleiß’ge Mensch zurück,
sich nach dem Nektarflug zu laben
an Glotze und Pantoffelglück.

Der Erst’ren mag ich gern entgleiten,
doch nicht dem filz’gen Fußgerüst,
obwohl, um Pegasus zu reiten,
man eher Stiefel tragen müsst.

He, he! Sollt’s etwa daran liegen,
dass er mich oft nicht weiterbringt
und statt beherzt dahinzufliegen
(falls das in Lüften geht) nur hinkt?

Ich werd ihn auf die Probe stellen,
der Sache geh ich auf den Grund –
und weh dem wiehernden Gesellen,
entpuppt er sich als krummer Hund!

Gleich morgen jag ich in die Flanken
ihm Sporen zur gewohnten Zeit.
Mal sehn, ob’s mir die Flügel danken.
Ich sing euch dann sofort Bescheid.

 

Im Versmaß

Im VersmaßHalb zwölf, und meine erste Zeile
betritt noch schüchtern das Parkett.
Doch bleibt sie nur ‘ne kurze Weile
allein in diesem Versquartett.

Na, was hab ich gesagt, ihr Lieben?
Schon haben sich um sie geschart
die eilends ich ihr nachgeschrieben,
Geschwister gleicher Wesensart!

Und so geht es beharrlich weiter,
als bände Blüten man zum Kranz:
Die Zeilen, sie formiern sich heiter,
gemessen zum Gesellschaftstanz.

Menuett, Quadrille, Sarabande?
Ich weiß nicht, wie mein Versfuß hinkt;
doch dies auch nur mal so am Rande –
Hauptsache ist, er tut’s beschwingt!

Ist alles das dann hübsch im Gange,
bekommt man so viel Spaß daran,
dass locker man wer weiß wie lange
sich damit amüsieren kann.

Doch selbst wenn üppig wir belüden
mit Beifall sie als luft’gem Lohn,
sie müssten einmal doch ermüden
im Gleichschritt ihrer Perfektion.

Drum auf dem Höhepunkt der Dinge,
so wie der Volksmund es uns rät,
ich lieber sie zum Stillstand zwinge:
Stopp! Und die letzte Zeile steht.

Lautwandel

LautwandelVokale gehn und Konsonanten
auf Straßen täglich hin und her –
im Munde tausender Passanten,
mal flink und mal gedankenschwer.

Als Wörter kommen sie in Rudeln
in Sätzen und Sentenzen gar,
um ungehemmt herauszusprudeln,
mal trübe und mal sonnenklar.

Doch müssen sie sich rasch entscheiden,
wer geht mit wem heut Arm in Arm –
der Wind mag ihr Gesumm nicht leiden,
verbläst sie wie ‘nen Mückenschwarm.

Doch die Flaneure, nicht verlegen
um Nachschub aus dem Rachenraum,
wirken dem Schwund geschickt entgegen
und schlagen noch mehr Wörterschaum.

Was für ‘ne Lust sich einzuseifen:
Du hast da ‘nen Vokal im Haar. –
Und du fang an, mal abzustreifen
vom Hemd das Konsonantenpaar!

Ja, so viel Aufmerksamkeit schenken
die Menschen ihrem Lautbestand:
Wer würd’s den Wörtern da verdenken,
wenn manchmal sie auch arrogant?

Ich hoff, dass mir die flücht’gen Phone
stets höflich von den Lippen gehen –
lass ich sie doch zum Musenthrone
von einem milden Zephir wehn!

Zeitversetzt

ZeitversetztWie eine dieser weißen Nächte
im hohen Norden irgendwo,
dass man noch gerne säß und zechte,
der Sonne statt des Mondes froh!

Und während man im Freien plaudert,
zum stillen See den Blick gewandt,
sieht, ohne dass es einen schaudert,
die lichten Föhren man am Strand.

Ach, nur weil früher ich heut hocke,
mich meiner Leier zu erfreun
und meine Verse schon verbocke
statt Mitternacht um kurz nach neun!

Es ist der Dämmer dieser Stunde,
der bleich noch um die Häuser liegt
und mit der Abendruh im Bunde
in solcher Illusion mich wiegt!

Des Lichts verhaltne Atemzüge
behauchen zauberisch die Welt,
als ob es schweigend Sorge trüge,
dass sie nicht jäh ins Finstre fällt.

Das ich so oft doch schon besungen,
wenn’s mich umgab mit schwarzem Vlies
und ich auf späten Wanderungen
den Pfiff im Wald ertönen ließ.

Soll ich drum mehr im Dämmer dichten,
wenn halbwegs hell die Szenerie?
Die Nacht ist Mutter der Geschichten,
die Furcht der Preis der Fantasie!

Rhythmusstörung

RhythmusstörungGewiss ist er nicht angeboren
und nichts, was die Natur uns riet:
der Rhythmus, der uns an den Ohren
frühmontags aus den Kissen zieht.

Der Mensch hat selber ihn erfunden
und ihn als Gottes Werk verkauft,
damit nach fünf, sechs Klopperrunden
zur siebten, Sonntag, er verschnauft.

Wie schnell geht so ein Wochenende
mit seinen Freuden doch vorbei
und regt man wieder fleiß’ge Hände,
wo immer man auch tätig sei!

Da horcht nur, diese Abendstille!
Man sammelt sich, bereitet brav
sich vor auf morgen mit der Pille
des Fernsehns für gesunden Schlaf.

Man weiß ja, wenn der Wecker bimmelt,
geht die Stampede wieder los
und dass es auf den Straßen wimmelt
vom edlen Schlachtvieh der Büros.

Doch unter uns: Ich hab gut reden –
gehör nicht mehr zur Arbeitswelt
und zappel nicht mehr an den Fäden,
an denen mich ‘ne Klitsche hält.

Wenn andre aus dem Bett sich quälen,
bleib träg ich noch im Pfühle drin –
doch während sie die Tage zählen,
fliehn mir die Wochen nur so hin!