Archiv der Kategorie: Alle Gedichte

Das alte Wechselspiel

Das alte WechselspielNoch liegt der Abendröte Schimmer
verblassend auf der Häuserfront,
Relikt der Sonne, die wie immer
schon lange hinterm Horizont.

Ihr Erbe hat schon angetreten
ein ungeduldiger Trabant,
der platzt vor Stolz aus allen Nähten,
von Licht gefüllt bis an den Rand.

Das Timing wieder gut gelungen,
salopp gesprochen: wie geschmiert,
dass auf der Erde Niederungen
Hell stets mit Dunkel kontrastiert.

Es ist, als ob ein Schöpfer hätte,
von Rembrandts dunklem Stil verführt,
auf seiner kosmischen Palette
nur Licht und Kohle angerührt.

Doch nicht, dass auf ‘ner großen Fläche
ästhetisch Spannung er erzeug,
nein, dass die Zeit er unterbreche
und unters Joch des Rhythmus beug.

So flieht sie uns nicht ungesehen
mit unbewegter Miene hin
und muss uns Red und Antwort stehen
verlässlich im Uhrzeigersinn.

Doch malt zu düster nicht der Dichter?
Ist’s nicht ein heitrer Kontertanz?
Nachts hüpfen tausend Sternenlichter,
den Tag verklärt der Sonnenglanz.

Nichts verschwitzen

Nichts verschwitzenIm Hintergrund dreht sich die Scheibe
des Ventilators unentwegt,
damit ich kühl und trocken bleibe,
solang die Hitze sich nicht legt.

Schlägt eine Bresche in die Schwüle,
die fettig in der Küche steht,
dass brisend auf dem Leib ich fühle
die Bora, die beharrlich weht.

Wär nicht die fleiß’ge Windmaschine,
ich säß nur hundeelend da
mit ausdrucksloser Leichenmiene
wie einer, der ‘ner Ohnmacht nah.

Nicht einen Finger könnt ich rühren;
apathisch glotzend wie ein Rind,
würd grad den Tropfen ich noch spüren,
der sacht den Nacken runterrinnt.

Und statt dass ich mit gift’gem Blute
wie Herkules einst überschwemmt,
würd enden meine Lebensroute
im schweißgetränkten Nessushemd.

Doch warum groß noch davon reden?
Das Rädchen schnurrt und schnurrt und spinnt
in feinen, unsichtbaren Fäden
mir haspelweise frischen Wind.

Gleichwohl hab ich auch dies geschrieben
in meines Angesichtes Schweiß.
Denn äußerlich zwar drög geblieben,
liefs Hirn sich doch wie immer heiß.

 

Glücklich zurück

Glücklich zurückHat er sich endlich losgerissen
von seinem ew’gen Gängelband
und irrt auf Pfaden, ungewissen,
durch uferlosen Sternensand?

Wie ich zum leeren Himmel blicke,
wo er seit Wochen nicht erschien,
und unbewusst im Geiste nicke
zu so abstrusen Theorien

Zeigt unversehns sich in ‘ner Ecke
da oben rechts am Dächerrand
und sehr wahrscheinlich zu dem Zwecke,
mich zu beschämen, der Trabant.

Er wirkt ein wenig angeschlagen –
wie immer auch, wie immer auch!
So bleich und ohne Mantelkragen
und mit ‘ner Delle drin im Bauch.

Ja, nur Geduld, Geduld – am Ende
klärt sich doch alles wieder auf.
Der Mond markierte keine Wende
im kosmisch vorgesehnen Lauf.

Experten werden sicher lächeln
der Einfalt wegen, die ich zeig,
würden sie selbst doch niemals schwächeln
in diesem alten Wissenszweig.

Die Wolken haben ihn verborgen –
natürlich leuchtet mir das ein.
Doch werd ich mich auch künftig sorgen –
und frage nicht nach Sonnenschein!

Passt doch

Passt dochNun ist die Kruke ausgetrunken –
der Tatendurst indes noch brennt.
Wie, dass in Poesie versunken,
noch jemand Zeit und Stunde kennt?

Jetzt läuft der Geist auf vollen Touren,
es brummt mir unterm Schädeldach,
als hielten tausend Kuckucksuhren
mit ihrem Dauerruf mich wach.

Ein neues Beet will ich mir bauen,
in das ich auch vier Zeilen zieh,
um jederzeit zu überschauen
die Blüten meiner Fantasie.

Und wenn ich glücklich dann gegründet
dies eher schlichte Areal,
gewiss sich dran der Wunsch entzündet:
Das Ganze gerne noch einmal!

So stetig ich denn weiterschreite
und streue schöne Worte ein,
bis schließlich auf der ganzen Seite
kein Platz mehr bleibt für Sämerein.

Da kannst du, Les’rin, dir wohl denken,
dass ich zerstört am Boden bin –
muss plötzlich diese Hacke senken,
die doch noch flink wie zu Beginn.

Beim zweiten Hinsehen indessen
erkenne ich der Zeiln Struktur:
Da liegen sie, perfekt bemessen,
wie ein Gedicht auf weiter Flur!

 

Nix los

Nix losDer Bürger lauscht schon in die Kissen,
vor meinen Augen liegt die Nacht.
Hab wieder einen Tag verschlissen,
der sicher nicht Furore macht.

Zuerst die alten Rituale,
die nutzlos, aber nötig sind:
Die Pflege dieser äuß’ren Schale,
bei der die Zeit so zäh verrinnt.

Dann endlich lecker Kaffee trinken
und eine Stulle reingestopft –
um gleich in Arbeit zu versinken:
die Petersilie umgetopft.

Danach die E-Mail inspizieren:
Na wieder mal nur Werbeschrott!
Und schon „Papierkorb“ aktivieren –
für heute Schluss mit com und dot.

Die Klappe zu, zum Buch gegriffen,
ein halbes Stündchen Zeilenkost.
Doch bald auch dies zurückgepfiffen –
es klingelt; ach, die Schneckenpost!

Und nur so fort und nur so weiter
in diesem alten Trott und Stil.
Die Julisonne gab sich heiter,
was auch nicht aus dem Rahmen fiel.

Was wird von einem Tage bleiben,
der sich so rasend rasch verliert?
Ein Zusatz nur zum Verseschreiben:
Der Zahlencode, der ihn datiert.

 

Fassadensanierung II

Fassadensanierung2Noch herrscht so was wie Friedhofsruhe;
noch ist ja Sonntag Gott sei Dank.
Doch bald schon klappern Arbeitsschuhe
mir draußen vor der Fensterbank.

Dann seh die fleiß’gen Handwerksleute
ich über das Gerüst flaniern,
dass eimerweis mit Schutt als Beute
die Hausfassade sie saniern.

Den Brüdern würd ich nie im Leben
so was wie Rücksicht unterstelln;
sobald sie nur den Hammer heben,
die Dezibel nach oben schnelln.

Und wenn sie sich verständ’gen müssen
(doch dies sei ihnen gern verziehn),
geschieht das wie mit Donnerschüssen,
die ihrem Rachenrohr entfliehn.

Es werden harte Wochen werden.
Die Arbeit ist geplant auf zehn –
so lang wird „Steine, Bau und Erden“
mir täglich auf den Zeiger gehen.

Doch wenn sie endlich dann gewichen,
erkennt man ihre Meisterhand,
denn die Balkone sind gestrichen
und auch der Putz bleibt an der Wand.

Für seine lauteren Methoden
wird’s Handwerk fürstlich honoriert.
Noch immer hat es goldnen Boden –
von Mietern meistens mitsaniert.

In der Sommernacht

In der SommernachtZufriedenheit? Da muss ich zaudern,
weil ich noch unentschieden bin.
Hör über mir die Nachbarn plaudern
die laue Sommernacht dahin.

Ja, abends so im Freien sitzen
am Ufer wo, am Waldesrand,
wo Kiefern ihre Tränen schwitzen
und Mücken außer Rand und Band.

Und Aug in Aug der großen Liebe,
von blondem Lächeln süß umflort,
indes mit kräft’gem Schnabelhiebe
der Buntspecht seine Wiege bohrt.

Der Tag will nicht zu Ende gehen.
Um elf taucht kurz die Sonne ab,
um bald schon wieder aufzustehen,
das heißt drei Stunden später knapp.

Längst überfiel der Schlaf die Tiere;
kein Käfer wandert mehr durchs Gras.
O diese Stille, diese schiere,
wie keine Stadt sie je besaß!

Wer dürfte dieses Schweigen trüben?
Wir sitzen, beinah Schatten nur,
in diesem Zauber uns zu üben
der weithin träumenden Natur.

Von Frieden war ich da durchdrungen,
ja, was man glücklich nennt sogar;
doch lang ist’s her: Erinnerungen –
wer weiß, ob alles rosig war.

Wohnobjekte

WohnobjekteMan braucht doch irgendeine Höhle,
wo nachts man seine Füße reckt
und auch, dass man vom Hals sich gröle
das Los, das einem bitter schmeckt.

Der Fuchs im Wald hat so ‘ne Bude,
der Hase eine, wen’ger groß,
ein bisschen derb, ein bisschen krude,
doch immerhin auch kostenlos.

Der Mensch, gewohnt sich auszunützen
in der ihm eigenen Manier,
er baut mit steinern starken Stützen
dem Nächsten ein Betonquartier.

Und für die kalten, kahlen Wände,
vom Zauber des Zements umweht,
kralln gierige Vermieterhände
sich so viel Zins, wie’s irgend geht.

Dafür dass man mit Arsch und Kragen
nicht kläglich in der Gosse liegt,
muss seinen halben Lohn man tragen
zu einem, der’s im Schlafe kriegt.

Und dass so viel es zu berappen
für diese Kasematten gilt,
muss sie der Staat geschickt verknappen
als der Besitzer Schirm und Schild.

Dann machen Nägel wir mit Köpfen
und hausen preiswert in ‘nem Stall.
Doch ach, selbst da wird man uns schröpfen –
denn das „Prinzip“ gilt überall!

Fassadensanierung

FassadensanierungSchluss mit den stillen Sommertagen –
jetzt wird gehämmert und gebohrt!
Vors Haus ist ein Gerüst geschlagen,
verplankt, verwinkelt und verrohrt.

Allein schon, um es aufzubauen –
was für ein Lärm erfüllt die Luft!
Sie lieben’s, feste zuzuhauen,
die Herren in der Handwerkskluft.

Das ist ein Scheppern, Klötern, Klingen,
das keine Melodie ergibt,
nur Töne, die ins Mark dir dringen,
als ob man Stein auf Eisen schiebt.

Das Schlimmste aber soll noch kommen:
Die Hausfassade wird saniert,
und ich erinnre mich verschwommen,
dass so was höllisch laut passiert.

Des Rentnerdaseins dunkle Seite
sehr schön sich hier erkennen lässt –
einst suchte man im Job das Weite,
jetzt hängt man in der Bude fest.

Die Zähne drum zusammenbeißen,
das heißt die Ohren, falls das geht,
denn schließlich ist uns ja verheißen,
ein Haus, das wieder sicher steht.

Der Eigner wird dafür nicht bluten.
Er hat ja fleißig bilanziert –
und angesichts der Kostenfluten
schon mal die Mieten aufpoliert!

Ahnenforschung

AhnenforschungAm Anfang waren da die Quallen,
nicht mehr als Wasser und als Haut,
doch ihnen hat es gut gefallen,
so hat man eben ausgeschaut.

Und so genügsam auch die Schwämme,
die blieben am Geburtsort gar,
aus Furcht vielleicht, dass in die Klemme
sie sonst wo kämen und Gefahr.

Dann tauchten die auf, die in Schale
sich warfen gegen Feindesbiss,
die Muscheln, Krebse tief im Tale
der maritimen Finsternis.

Danach die sich mit vielen Gräten
im Innern festen Halt verschafft
und die in jeden Winkel spähten
vermöge ihrer Flossenkraft.

Nun, manches will ich übergehen,
damit ich kurz mich fassen kann;
am Schluss indes die Säuger stehen
und wir als Homo obenan.

Eins aus dem anderen entsprungen
nach festen Regeln der Natur,
und alles Leben so verschlungen
in einem einz’gen Stammbaum nur.

Wie weit auch seine Zweige reichen,
wie üppig er ins Kraut auch schoss –
für Kön’ge, Fürsten und dergleichen
entwickelte er keinen Spross.

 

Bei der Fachgenealogie zitiert