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Vorrang Wind

Vorrang WindWas für ein Elend hier beim Dichten:
Mir fehlt ein wicht’ges Utensil –
muss auf die Kerze heut verzichten,
für mich weiß Gott kein Pappenstiel!

Ihr dank ich’s ja und ihrem Flackern,
dass mir erwacht die Fantasie
und ich, auch ohne groß zu ackern,
schon bald die schönsten Früchte zieh.

Zwar steht sie mir auch jetzt zur Seite,
doch von des Dochts gekrümmtem Quell
ergießt kein Strahl sich in die Weite,
der brennt wie Feuer, heiß und hell.

Das Wachs, vom Flämmchen ungeschoren,
total zerronnen und erstarrt,
sieht aus wie ‘n Tümpel, zugefroren,
der auf den nächsten Frühling harrt.

Stets wenn ich einen Blick riskiere
auf dies erloschene Fanal,
den roten Faden ich verliere,
so rührt es mich, so kalt und kahl.

Was ist passiert? Die Sommerhitze,
die Hitze, die ist schuld daran,
dass, wenn ich meine Reime ritze,
auf Wind ich nicht verzichten kann.

Die fleiß’gen Ventilatorblätter:
Kein Palmenzweig kann fächeln so!
Doch lieber wäre mir ein Wetter
für Kerzenschein. Und Kunstniveau.

Himmel jedenfalls

Himmel jedenfallsDas Tor zum Kosmos, schwarz und schweigend:
der Himmel über meinem Haupt.
Millionen Ehrfurcht ihm bezeigen,
weil man ihn hehr und heilig glaubt.

Bewohnt sei er von höhren Wesen,
die nicht zu Leid und Tod verdammt
und täglich in der Bibel lesen,
wo nicht von der Schalmei entflammt.

Um ihre Muße zu gestalten,
dien manchem auch das Harfenspiel,
da andre sich mit Inbrunst halten
an Sangeslust im Kirchenstil.

Verständlich, dass sie dabei tragen
ein blütenweißes Chorgewand –
wie auch an allen andern Tagen,
weil es beim Flug nicht kneift und spannt.

Und fliegen heißt’s vor allen Dingen,
die Wege sind einfach zu weit –
vom Luchs zur Leier sich zu schwingen,
braucht auch mit Flügeln seine Zeit.

Noch aber sind die sel’gen Genien
allein in ihrem Sternenhaus,
denn die aus Spanien und Slowenien
und andre Christen stehn noch aus.

Das Weltgericht, schon längst beschworen,
verzögert sich wer weiß bis wann,
so wie man’s bei den Erd-Juroren
ja leider auch verzeichnen kann.

Die Leichen müssen länger liegen
in ihrem düsteren Verschlag,
bis auf die Rippen wieder kriegen
sie etwas Fleisch am Jüngsten Tag.

Das Ganze ist mir doch zu vage,
der ew’ge Aufschub zu suspekt,
dass auf die Seite ich mich schlage
von denen, die schon mehr entdeckt.

Und dieses „Mehr“ ist schon ‘ne Menge
und schließt den ganzen Kosmos ein,
das heißt der Galaxien Gedränge
im grenzenlosen Ringelreihn.

Wir haben endlich lange Listen:
„Kriterien für den Wohnkomfort“,
zu sehn, ob’s ew’ge Leben fristen
man könnt wie im Excelsior.

Nun, wer auch immer droben wohne,
die Sache wäre nicht mein Fall:
Befund zu Paradiese: Ohne.
Befund zu Grauen: Überall.

Heiße Erwartung

Heiße ErwartungDie Dächer grade, würd ich sagen,
die voll der Sonne ausgesetzt
und ausgedörrt bis an den Kragen,
den First, der Wochen unbenetzt

Die Front der staubigen Fassaden,
dern Haut, die dürstende, schon reißt
und die gequält von höchsten Graden
in unwillkommnem Lichte gleißt

Die Straße, deren feste Decke
von groben Rissen übersät,
dass es den Wegwart gar erschrecke,
der prüfend seine Runde geht

Die Bäume, die gern Kühle fächeln
mit ihren Blättern, derb und dicht,
und selber jetzt nach Wasser hecheln,
da ihrem Grün das Auge bricht

So auch die Menge der Passanten,
wie sie da glühend und verschwitzt,
vorbei an rostigen Hydranten
fortlaufend auf dem Trocknen sitzt

Besonders aber die Poeten,
sensibel und mimosenhaft,
die immer um Erlösung beten,
gleich welcher Gott sie ihnen schafft

Sie, die Vertreter aller Sparten,
die wenig nur gemein zumeist –
sie alle auf den Regen warten,
zu einer Einheit fest „verschweißt“.

Karneval der Tiere

Karneval der TiereDas macht gewiss die Sommerhitze:
Im Traum sah ich ‘nen irren Zug,
‘ne Königin an seiner Spitze,
die eine goldne Krone trug.

Ihr nach das fröhliche Gepränge
von Hofstaat und Nobilität.
Das Ganze zog sich in die Länge,
dass ich das Ende kaum erspäht.

Wie eine schillernd schöne Schlange
sich windend ihres Weges zieht,
war diese Prozession in Gange,
doch schweigend, ohne Laut und Lied.

Ich meinte Fürsten zu erblicken,
die schritten in den ersten Reihn
mit Zobel, Hermelin und Flicken
von Purpur auf dem Wämselein.

Dann kamen sichtlich die Prälaten,
Gemisch aus Rot und Violett,
mit ihren seidnen Unikaten
nach dem sakralen Etikett.

Und all die andern von Geblüte,
die nicht von Sterblichen gesäugt,
das ganze Aufgebot der Hüte,
vor denen man den Nacken beugt.

Dahinter, eskortiert von Knappen,
die ganze edle Ritterschaft
mit ihren Schwertern, Lanzen, Wappen,
gerüstet mit des Panzers Kraft.

Und dann die Burschen, Zofen, Pagen,
genauso prächtig ausstaffiert
mit buntgewürfelten Kledagen,
von kindlichem Geschmack diktiert.

Es folgten schließlich, schwer mit Ketten
behängt das pelzige Ornat,
die großen Tiere aus den Städten,
die Handelsherrn mit Sitz im Rat.

Und diese ganze stumme Rotte,
das fiel im Traume selbst mir auf,
bewegte sich in leichtem Trotte,
doch ohne Pferd, in eignem Lauf.

Indem sie ihre dünnen Füße
(ich weiß nicht, waren’s mehr als zwei?),
als ob man eine Sünde büße,
geknickt hielt und verrenkt dabei.

Doch wie ich mich dem Bilde nahte,
zerriss es und ich wurde wach.
Ameisen warn’s in vollem Staate –
ja, das erinnre ich noch schwach.

Mag das ein anderer verstehen;
die Biester waren nie mein Fall –
indes possierlich anzusehen,
so menschlich da beim Karneval.

Ausnahmeerscheinung II

AusnahmeerscheinungSo’n Graf ist wirklich zu bewundern –
was der für Präferenzen hat!
So nährt sich unsereins von Flundern,
indes er sich von Hummer satt.

Ganz anders auch sein Trinkverhalten
als das der Menge, stammbaumfrei –
er schlürft Champagner, frischen, kalten,
und jene lauen Hopfenbrei.

Und was dabei auch für Manieren!
Die Eleganz in Reinkultur!
Der musste Knigge nicht studieren,
der lebt ihn live rund um die Uhr.

Und dann die Plünnen auf dem Leibe,
nur feinstes Tuch, ihm angepasst,
nichts von der Stange, dass es bleibe,
bis es die Plautze nicht mehr fasst.

Verrät nicht auch den reinsten Adel
der Klunkerzierrat da und hier –
die goldene Krawattennadel,
Manschettenknöpfe aus Saphir?

Dazu als ambulantes Möbel
der Stock mit Knauf von Elfenbein!
So’n Wanderstab fiel uns als Pöbel
nicht mal fürn Garten Eden ein.

In jeder Hinsicht zu beneiden,
teilt wenig mit dem Volk er nur –
nur dieses Altern, Sterben, Leiden,
nur dies Vulgäre der Natur!

Sinneswandel

SinneswandelEs ist schon wieder spät geworden,
halb eins ruft mir der Wecker zu.
Das Volk im Süden und im Norden
begab sich größtenteils zur Ruh.

Und ein’ge schickten noch Gebete
zu jeweils ihrem eignen Herrn;
und was man da so flüsternd flehte,
mein Gott, ich wüsste es zu gern!

Die Wünsche sind gewiss verschieden,
die jeder so im Herzen hegt,
doch eint sie wohl, dass man hienieden
sich leichter durch das Leben schlägt.

Und dass mit höchster Hand im Rücken
man sich nicht mal den Fuß verrenkt,
und wenn, dass man schon bald die Krücken
zur Wallfahrt an den Nagel hängt.

Na ja, ob wirklich heut so viele
von diesem Glauben noch beseelt,
dass in der Nische, in der Diele
es an ‘nem Kruzifix nicht fehlt?

Gewiss nicht mehr in unsern Landen,
die allen Wundern abgeschworn –
wie dass vom Tod wer auferstanden,
den eine Jungfrau einst geborn.

Doch irgendeinen Gott wir brauchen,
weil unser Herz nach einem schreit.
Lässt Mammon nicht den Schornstein rauchen?
Das heimliche Idol der Zeit.

 

Kleines Manko

Kleines MankoWas Rundes ist zunächst ihm eigen,
das auf den ersten Blick man sieht;
doch hier und da auch Beulen zeigen,
dass er zur Kugel nicht geriet.

Vollkommen nicht in seiner Schale,
doch ganz passabel von Figur,
hat er auch keine Muttermale
und auch von Runzeln keine Spur.

Die Haut ist glatt und ohne Falten
und glänzt wie’n neuer Henkelmann;
man mag ihn gern in Händen halten,
so fest und kühl fühlt er sich an.

Wie hübsch auch seine Rosenwangen,
von zartem Lindgrün untermischt –
wie eine Jungfer, die mit Bangen
nach ersten Komplimenten fischt!

Man muss sich schier zusammenreißen,
so appetitlich sieht er aus,
um nicht sofort hineinzubeißen
in dieses knack’ge Knusperhaus.

Wie sollt Schneewittchen widerstehen
‘nem Anblick, der so reizend war?
Sie konnt noch nach dem Äußren gehen,
die Gifte waren ja noch rar.

Was ich als Einziges nicht preise,
das ist des Apfels A und O:
Geschmack, der auf der langen Reise
verflüchtigte sich irgendwo!

Noch mehr Mond

Noch mehr MondDa schwebt und völlig aufgeblasen
zum proppedicken Luftballon
als Krönung seiner lichten Phasen
der Vollmond ohne Hofkokon.

Stark sticht er ab vom Himmelsgrunde,
dass deutlich er Kontraste schafft.
Sein Leib, der aufgeblähte, runde,
sieht gelblich aus und dotterhaft.

So wie er durch die Lüfte gleitet
ganz ohne Tampen, ohne Tau,
scheint’s, dass er auf den Winden reitet
und ziellos einfach nur ins Blau.

Und wenn dann hinter ihm erst liegen
die Dächer, die im Sprung er nahm,
wird er ins All davon uns fliegen,
von wo noch niemand wiederkam.

Nun ja, der Augenschein muss trügen,
denn heute weiß doch alle Welt,
dass der Trabant auf seinen Flügen
sich immer an die Erde hält.

Dies Faktum kann ich nur begrüßen:
Wie arm wär sonst die Poesie!
Millennien lagen ihm zu Füßen
und gern beug ich ihm auch mein Knie.

Man muss es ja nicht übertreiben
mit der romant’schen Bilderflut –
doch ab und zu wie Claudius schreiben,
ich glaub, das tut der Seele gut.

 

Sujets gefragt

Sujets gefragt2Als Dichter, werdet ihr begreifen,
brauch Blumen ich, brauch ich den Mond,
brauch Kühe, die auf Auen streifen,
von Fröschen, Hahnenfuß bewohnt.

Brauch Schwalben, die im Äther jagen,
der Schmetterlinge schwanken Flug,
die Hörnchen, die an Nüssen nagen
mit Äuglein, funkelnd scheu und klug.

Brauch über Dächern, über Traufen
am nachtgeschwärzten Firmament
die ungezählten Sternenhaufen,
die zärtlich man mit Namen nennt.

Ach, diese ganze rote Liste
der Utensilien, die hier rar,
wo nur ‘ne öde Autopiste
uninspirierend ich gewahr.

Gält’s einen Hymnus anzustimmen
von Häusern ohne Fantasie,
von Straßen, die in Plastik schwimmen –
an Versen fehlte es mir nie.

Doch meinte einst nicht ein Experte:
Für gut gemalte Rüben gilt,
dass künstlerisch von höhrem Werte
sie als ein schlecht’ Madonnenbild?

Da heißt es mit dem Mangel leben;
mit den paar Möwen, die hier schrein,
den Mücken, die am Leuchter kleben –
als City-Mensch nicht wähl’risch sein!

 

Entwertung

EntwertungStill, Nachrichten! Es sagt der Sprecher:
In Deutschland mangelt dies und das. –
Die Rechten werden immer frecher. –
Für Steuersünder Straferlass.

Wir brauchen keine Datenschützer;
der Datenzugang ist längst frei
für staatliche Geheimdienstnützer
und ihre Ami-Kumpanei.

Den Soli will man beibehalten,
auch wenn erreicht der Förderzweck.
Für alle Länder, auch die alten,
nimmt man ihn bald dem Bürger weg.

Als Hörer denkst du: Nicht zu fassen,
wie dich der Staat belügt, betrügt,
um dich zur Ader stets zu lassen,
wenn sein Tribut ihm nicht genügt.

Was er dir gestern fest versprochen,
ist ihm schon morgen Schall und Rauch.
Nur dieses Wort, das er gebrochen,
sei ganz gewiss, das hält er auch.

Doch schließlich kommt die große Wende,
der Umschlag in die Euphorie:
„30° Sonne ohne Ende.
So heiß war es seit X noch nie!“

Die letzte Botschaft, die bleibt hängen,
dies plötzliche Begeistertsein,
um all den Mist da zu verdrängen:
Na also, alles Sonnenschein!