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An der Alster

An der AlsterKein ideales Segelwetter,
zu stürmisch bläst dafür der Wind.
Zwar brauchen keine Lebensretter,
doch Nerven, die da draußen sind.

Anstatt am Liegeplatz zu bleiben
und trocknen Boden zu begehn,
wolln in den starken Böen sie treiben,
die jeden Fetzen Tuches blähn.

Den Spinnaker weit aufgeblasen,
jagt wer da durch die Wellenflur,
als ob ihm schon das letzte Glasen
Poseidons in die Knochen fuhr.

Ein anderer, der wie besessen
sich schnittig in die Kurve hängt,
lässt sich vom Wind so niederpressen,
dass bis zum Dollbord fast er krängt.

Um Raumgewinn scheint’s nicht zu gehen,
‘s ist eher was wie’n Bootsballett,
‘nen heißen Tanz zu überstehen
auf wacklig-wogendem Parkett.

Gleich tausend andern wir genießen
am Landungssteg die Skipperschau.
Bedächtig die Gespräche fließen,
die Hände frei von Schot und Tau.

Der schönste Kahn in diesem Haufen
liegt unbewegt am Ufer fest –
halb schon mit Wasser vollgelaufen,
und auf der Plicht ein Entennest.

Lyrik live

Lyrik liveNoch herrscht der Dämmer vor dem Dunkel,
obwohl schon gleich halb elf erreicht.
Der Himmel, ohne Sterngefunkel,
liegt noch in leichtem Blau gebleicht.

Da auf dem Dach die beiden Fahnen
entfalten noch in voller Pracht
das Farbenspiel auf ihren Bahnen,
das ihrer Heimat Ehre macht.

Erstorben aber auf den Straßen
die sonstige Geschäftigkeit;
die Leute eben nicht vergaßen
des Sommerabends wahre Zeit!

Man hockt in seiner guten Stube
bei leicht gedämpftem Tageslicht,
das nicht mehr brütet volle Tube,
doch außer der Gebührenpflicht.

Bei diesen stets erhöhten Preisen
hätt mehr man von der Helle gern,
doch leider muss die Erde kreisen.
Zum Glück!, sagt sich der Stromkonzern.

Nun, eh ich mich hier red in Rage,
zur Technik lieber noch ein Wort:
Heut Lyrik mal als Reportage,
live, wie auf Deutsch es heißt, vor Ort.

Die Nacht ist nämlich aufgezogen,
in schwarzem Schweigen liegt die Stadt.
Vers eins ist darum nicht gelogen –
es dauert, bis man sieben hat!

Lieber kein Stückwerk

Lieber kein StückwerkStell dir mal vor, du bist beim Bauen
und mitten in der Arbeit drin:
Wirst streng du auf die Uhr da schauen
und schmeißt Klock fünf die Brocken hin?

Nein, wenn du dich mit einer Ecke
so grade richtig mal befasst,
dann rührst du dich doch nicht vom Flecke,
bis du sie fix und fertig hast.

Genauso werkel am Gemäuer
ich jede Nacht der Poesie
und fahr kein Verslein in die Scheuer,
dem ich nicht letzten Schliff verlieh.

Das kann dann auch mal länger dauern –
noch länger als die Handwerkskunst,
da ich im Unterschied zum Mauern
dazu noch brauch der Musen Gunst.

Sie müssen mir Ideen schicken,
sonst hock ich hier vorm leeren Blatt,
anstatt mit Zeilen es zu spicken,
die keiner noch erfunden hat.

Ach, grade heute, meine Lieben,
winkt mir ein spätes Nachtgebet –
muss das Finale noch verschieben,
dieweil ich auf der Stelle tret!

In diesem Augenblick, o Segen,
morst mich die Muse doch noch an:
Ich – soll – mich – endlich – schlafen – legen –
damit – sie – Fofftein – machen – kann.

Schöne Symbiose

Schöne SymbioseHat das Quartier sich denn verschworen,
dass es mich heut in Frieden lässt?
Vergeblich spitze ich die Ohren:
Kein einz’ger Pieps in diesem Nest.

Ja, ja, am Tage dies Gejammer
von wegen Lärm und dies und das,
und abends in der stillen Kammer,
da fehlt dir plötzlich irgendwas!

Man ist auch wirklich nie zufrieden.
Mal will man, dass die Hütte brennt,
mal eine Klause, abgeschieden,
die nicht einmal der Förster kennt.

Mal spielt die Seele offen Karten,
mal zieht sie die gezinkten vor;
mal scheint sie teuflisch zu entarten,
mal jauchzt sie wie im Engelschor.

Den Zwiespalt trug das Menschenwesen
ja auch hinaus in seine Welt.
Man muss nur täglich Zeitung lesen,
da sieht man, wie sie steht und fällt.

Was mich betrifft, so konnt ich lösen
zumindest diesen Widerstreit –
soll nachts ich vor ‘ner Buddel dösen,
soll ich was dichten zu der Zeit?

Ich koppel diese beiden Fragen
zu einem schönen Zweierbund:
Die Fantasie soll Früchte tragen,
die Rebe macht sie reif und rund.

 

Gewohnter Rundgang

Üblicher RundgangDreh meine Runde ich, die stete,
dann hab ich ‘nen bestimmten Weg.
Vom Haus ich auf den Steindamm trete,
den ich zu überqueren pfleg.

Ich nehm die nächste Straßenecke
und biege ein zum Hansaplatz,
geh drüber weg die ganze Strecke
und erst mal keine Kurve kratz.

Stur gradeaus zur Langen Reihe,
passier Fassaden, die noch jung
und denen kaum ein Aug ich leihe,
weil künstlerisch sie ohne Schwung.

Die armen Leute, die da wohnen,
vor ihrer Tür ‘ne Müllabfuhr:
Container, die ihr Ohr nicht schonen –
mit Flaschenwurf bis 19 Uhr!

Darauf die Richtung wieder ändern:
Greifswalder Straße, scharf rechtsum.
Kaum Grün an ihren Fahrradständern,
doch selten auch Motorngebrumm.

Und wo die Pflastersteine münden:
des Bischofs doppeltürm’ges Haus,
der Dom, weit sichtbar zu verkünden,
das hohe Lied des Ziegelbaus.

Ich lass es mit ‘nem Blick bewenden
für diese kirchliche Bastion,
um meine Füße auszusenden
nach links, wie sie’s gewohnt hier schon.

Dann rechts die Lange Reihe runter
an Läden und Lokaln entlang,
wo ausgesprochen bunt und munter
das Leben fährt im fünften Gang.

Gemütlich Leute draußen hocken
und plaudern, trinken, schaun umher,
da sich die Autos vorwärtsstocken
im rollend ruhenden Verkehr.

Ich schlängle auf dem Bürgersteige
geschickt mich durch die Menschenflut,
den Rumpf mal so, mal so ich neige,
wie man’s beim Turnen eben tut.

Doch nun beginnt die Ruhephase
im Saumpfad vor dem Hospital –
‘ner lärmentrückten Grünoase,
die man der City-Wüste stahl.

Schnell wechselt, ach, auch diese Szene.
Schon, eine Elbe aus Asphalt,
seh ich des Steindamms platte Mähne,
die glasig in der Hitze wallt.

Und hier ich jäh mit raschen Schritten
die letzten Meter heimwärts eil.
Jetzt nur noch Treppe rauf zum Dritten –
dies ist der Reise schwerster Teil!

Musenstunde

MusenstundeMein Nachbar ist zu Bett gegangen.
Totale Stille auf dem Flur.
Die letzten Schritte, glaub ich, klangen
um, lass mich lügen, zwanzig Uhr.

Vier Stunden sind seitdem verstrichen,
die Ruhe sich beharrlich hält.
Nicht einmal Füße, die wo schlichen,
nicht mal ‘n Teller, der wo fällt.

Das gleiche Bild im Weltgeschehen.
Im Schlafe sich die Straße reckt,
die da vom Kopf bis zu den Zehen
unter der Fahrbahndecke steckt.

Und jene Flut metallner Käfer,
die tags sich über sie ergoss,
sie stört nicht mehr den Asphaltschläfer,
weil in Garagen sie zerfloss.

Gilt es die Stunde nicht zu nutzen?
Wohlan, hinauf zum Musenthron!
Da will ich gerne Klinken putzen
für des Poeten Mindestlohn!

Schon kann ich Pegasus erkennen,
da auf dem Weg zu mir im Ost.
Wie Feuer ihm die Flügel brennen –
schnell her, mein Pferd, und ab die Post!

Beim Zeus, er kommt nicht in die Hufe,
er tritt nur auf der Stelle dort!
„Gestatten: Sternbild von Berufe“.
Der Gaul hilft keinem Dichter fort.

Des Dauphins Tod

Des Dauphins TodNach einer Erzählung von Alphonse Daudet,
Briefe aus meiner Mühle, 1869

Da lag er schon auf Tod und Leben
in seinem Pfühle, lilienbleich,
dem doch dereinst zu übergeben
als Erbprinz dieses Königreich!

Die Mutter rang um ihn die Hände,
die Ärzte rangen blind um Rat,
doch umso mehr ging es zu Ende
und litt der kleine Potentat.

Auf Mittel sann er selbst und Wege,
wie seinem Range sie geliehn,
und kam auf eine Krankenpflege,
die ihm sehr überzeugend schien.

„Soldaten stellt mir hier ins Zimmer
und stellt Kanonen mir vors Tor –
das schützt, wie stark er sei auch immer,
vorm Tode mich mit ihrem Rohr!“

Da nahte, ihm ins Ohr zu flüstern,
der Beichtiger und Hofkaplan,
und unser Prinz, noch lebenslüstern,
sprang in ‘nen andern Rettungskahn.

„Und wenn wir einen Diener bäten,
dass er statt meiner sterben wollt,
indem auch wir ihm Gutes täten
mit einem Beutel voller Gold?“

Der Geistliche war gleich zur Stelle,
dass er die Frage ihm verneint
und ihn belehrte auf die Schnelle,
dass man vor Gott nur selbst erscheint.

„Wohlan!, so lasst mich prächtig kleiden
für den Empfang an seinem Thron –
ist ja mein Vetter, wird mich leiden
und hilft ins Paradies mir schon!“

Und wiederum, ihn zu ermahnen,
sprach unser Priester auf ihn ein:
dass trotz der königlichen Ahnen
Gott schaue nur aufs Herz allein.

Da warf er sich zur Wand der Kammer
verzweifelt schluchzend plötzlich hin
und schrie in seinem ganzen Jammer:
„Was nützt’s dann, dass Dauphin ich bin?!“

Kommunizierendes Röhren

Kommunizierendes RöhrenGrad weil die Stille so umfassend,
kommt der mir da besonders laut –
aufs Gas den Fuß noch einmal lassend,
weil er schon Ampelgelb geschaut!

Von Rücksicht ist da nichts zu spüren.
Da will wer möglichst schnell wohin.
Nur rasch das Feuer noch mal schüren,
Blitz, Donner im Zylinder drin.

Nicht ganz geschafft, drum kurz gehalten,
doch in den Startblock schon geduckt.
Den Motor lässt er nicht erkalten,
die Hand ihm schon am Knüppel juckt.

Jetzt wieder Grün – und volle Pulle
tritt dieser Rowdy ins Pedal.
Und weit und breit, pardon!, kein Bulle,
dass für den Übermut er zahl.

Der Jugend Imponiergehabe:
Geröhre in der Straßenschlucht.
Rivale ihr und Prügelknabe:
Der Bürger ohne Chance zur Flucht.

Soll ich mir deshalb Stöpsel kaufen,
dass ich die Ohren mir verstopf?
Von Pontius zu Pilatus laufen,
verklagend einen Auspufftopf?

Ist nicht auch gut so’n heißer Ofen,
zumal der Lärm ja schnell passé?
Wumm, wumm, ließ er mir diese Strophen,
wumm, wumm, als zündende Idee!

Therapie

TherapieWillkommen seid, o Sonnentage
nach dieser Frühlingsfeuchtigkeit,
die fröhlich ihr mit einem Schlage
(wie man so sagt) hereingeschneit!

Das Erste ist der ew’ge Regen,
dass der nun endlich mal versiegt
und man mit ungeschütztem Brägen
kein’n Guss mehr auf die Platte kriegt.

Die Jacke lass nur hübsch am Haken.
Ein Hemd mit kurzen Ärmeln reicht,
um rüstig durch den Wind zu staken,
der schnurrend um die Schläfen streicht.

Was ist denn mit dem Grün geschehen,
das ihn mir säumt, den Wanderpfad?
Wie Kinderlein die Bäume stehen,
ganz frisch und sauber nach dem Bad!

Und wie nach überstandnen Nöten
die Kleinen plappern wie befreit,
hört man die Vögel wieder flöten
ihr lieblich Liedchen weit und breit.

Da müsst ich aber sehr mich täuschen,
wenn nicht wie ausgewechselt wär
die Welt nach all den Regenräuschen
und nach der Sonne Wiederkehr.

Wie Balsam wirken ihre Strahlen
auf das empfindliche Gemüt –
und keine Kasse muss bezahlen,
was heilsam da vom Himmel glüht!

 

Späte Rache

Späte RacheDer Globus hier, auf dem wir kleben,
was schleppt der nicht so alles mit!
Nicht nur das Kribbelkrabbel-Leben,
nein, auch den zugehör’gen Shit.

Das ganze Grünzeug bohrt die Quanten
ihm kitzlig in die Humus-Haut
als tiefverwurzelte Garanten
für ein gedeih’ndes Oberkraut.

Dazu dann die Millionen Fratzen,
die auf ‘nem Fahrwerk rumstolziern
und ihm den schönen Bauch zerkratzen,
zerschneiden oder asphaltiern.

Ja, wenn es dies und das nur wäre,
dann wäre es schon schlimm genug –
doch rechnet sich’s der Mensch zur Ehre,
dass er nicht ein-, doch neunmalklug.

Entsprechend auch die Resultate:
Verblendung hat die Oberhand
und steht selbst feierlich noch Pate,
wenn sie den Täufling tot schon fand.

Ein Irrsinn, der sich widerspiegelt
in Plastik, Blech und sonst’gem Schrott –
mit Müll wird unsre Welt versiegelt,
Konsum zu unserm Supergott.

Und tief ins Innerste sich wühlen
die Bagger, Bohrer dicht an dicht,
ihm gierig auf den Zahn zu fühlen
nach allem, was Profit verspricht.

Schon ist, was in Milliarden Jahren
sich sinnvoll fügte zur Struktur,
weitgehend an die Wand gefahren
von dieser „Krone der Natur“.

Zwar weiß ich nicht, wie viel Epochen
die Plünderung noch dauert fort,
doch ist noch lange nicht gesprochen
der Artgeschichte letztes Wort.

Denn dass da einer sich verbreite
(„Macht euch die Erde untertan!“),
das ist weiß Gott nur eine Seite:
der religiöse Größenwahn.

Die Erde will sie alle betten,
dass jeder wo sein Plätzchen find
und so in tausenden Facetten
das Leben seinen Faden spinnt.

Sie wird gewiss nicht drauf verzichten,
das einzurenken, was entgleist:
Einst wird der Mensch sich selber richten –
mit seiner Selbstmordwaffe „Geist“.