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Kein Märchen

Kein MärchenAus Bagdad, wo man viel Geschichten
in alten Zeiten sich erzählt,
will ich die folgende berichten,
weil es an Weisheit ihr nicht fehlt.

Ein Herr befahl einst seinem Diener,
dass er zum Markt für etwas lauf,
und der, bei Allah kein Schlawiner,
macht auf die Beine sich zum Kauf.

Doch angelangt in dem Gedränge,
wo kaum er sich bewegen kann,
fasst aus der Leiber heißer Enge
ihn eine Hand mit Absicht an.

Und wie er sich voll Neugier wendet,
zu sehn, wer ihm am Zeuge flickt,
prallt er zurück, entsetzt, geblendet,
da er den Teufel selbst erblickt.

Wer könnte wohl die Angst beschreiben,
die seinen Füßen Flügel lieh?
Nur weg von diesem tollen Treiben,
nur eine einz’ge Regung: Flieh!

Dem Herrn musst er nicht lang beweisen,
wie schrecklich ihm zumute war;
der ließ ihn nach Samarra reisen,
weit weg und außer der Gefahr.

Doch um der Sache nachzugehen,
begab er selbst zum Markte sich –
um bald vorm Teufel auch zu stehen,
dem er nicht einen Fußbreit wich.

Er gab als Herr sich zu erkennen
des Dieners, fast vor Furcht verreckt,
und sprach: „Kannst du den Grund mir nennen,
warum du diesen so erschreckt?“

„Ihn zu erschrecken lag mir ferne“,
entgegnete der Teufel frei,
„indes erkläre ich dir gerne,
woher dies wohl gekommen sei.

Verblüfft, in Bagdad ihn zu sehen,
hab große Augen ich gemacht –
sollt unser Treffen doch geschehen
in Samarra noch heute Nacht!“

Fragwürdig

FragwürdigWohin des Wegs, du gute Erde,
die Tag für Tag ich springen seh
rund um die Sonne mit der Herde
der andern Kugeln im Karree?

Gelüst auf neue Weidegründe,
um reicher deinen Flug zu nährn
und dass die angestammten Pfründe
sich noch um weitere vermehrn?

Vielleicht auch nur die Lust zu fliegen
so schwerelos durch Raum und Zeit
und deinen schiefen Hals zu wiegen
am Gängelband der Ewigkeit?

Womöglich gar, weil starke Kräfte
gewaltsam dir ‘ne Bahn verpasst,
obwohl für solche Zwangsgeschäfte
du weder Drive noch Neigung hast?

Wo ist, die Sache zu erklären,
ein Kepler, ein Kopernikus?
Nur immer um- und wiederkehren –
wär das der Weisheit letzter Schluss?

Ist gar der Kosmos zu verstehen
als Uhrwerk, das ein Gott ersann,
mit einem Blick zu übersehen,
wann rackern oder ruhn er kann?

Falls in die richt’ge Kerbe hiebe,
was hier mein Geist spontan geblitzt,
dann wär der Mensch in dem Getriebe,
der Rost, der auf den Rädern sitzt.

Stadtnatur

StadtnaturHier schlagen keine Nachtigallen,
hier ruht kein Reh im grünen Tann –
hier ist das Reich der Radarfallen,
der Polizist ein Jägersmann.

Kein Mond, der aus dem Meer der Wipfel
sein Strahlenhaupt zum Himmel reckt –
kaum sichtbar hinterm Häuserzipfel,
die nächste Wand ihn schon verdeckt.

Auf weichem Moos willst du dich betten,
die Füße wo im Blaubeerlaub,
und ringsherum die Lagerstätten
von Pilzen, die zurzeit noch taub?

Ein frommer Wunsch auf diesen Fluren,
die wenig mit Natur gemein
und tief versiegelt mit den Spuren
von Asphalt, Dreck und Ziegelstein.

‘nen Trupp von jugendlichen Bäumen,
der Schule eben erst entflohn,
sieht spärlich man die Straße säumen
als eines Waldes Illusion.

Daraus auf wundersame Weise
das Lied der Amsel noch erklingt
und dieses Tages triste Reise
zu einem blüh’nden Ende bringt.

‘ne Fliege summt mir hin und wieder
hier mitten in der Küche drin –
zwar nicht mit Fell und mit Gefieder,
doch schön natürlich immerhin!

Friedenszeit

FriedenszeitSo still konnt man nicht immer sitzen,
so friedlich nicht zu jeder Zeit –
mit Bomben trug man und Haubitzen
gewöhnlich aus den Völkerstreit.

Doch nach dem letzten Massenschlachten,
das mörderisch ergiebig war,
ein paar, die’s überlebten, dachten,
jetzt bannen wir die Kriegsgefahr.

Drum gaben sie dem Feind die Hände
auf ‘nem Millionenleichenberg
als längst schon überfäll‘ge Wende
zum riesenhaften Aufbauwerk.

Und weil sehr viel kaputtgegangen,
war auch sehr viel zu repariern.
So hat das „Wunder“ angefangen –
die Wirtschaft konnte nur floriern.

Doch unsre flunkernden Barone
in Politik und Hochfinanz,
sie wanden diesem Fakt zum Hohne
sich selbst dafür den Lorbeerkranz.

Dann war der Aufbau abgeschlossen
und Arbeit wurde wieder knapp.
Da lehnten die auf hohen Rossen
Verantwortung auf einmal ab.

Wer bei der Suche unterlegen,
sei, so der Tenor, selber schuld,
will sagen: seiner Faulheit wegen
und weil von Wohlfahrt eingelullt.

So wurden Tausende entlassen
und fanden keinen neuen Job –
indes die Unternehmerkassen
geklingelt ohne Halt und Stopp.

Das ist der Zustand, dem noch heute
verbittert wir ins Auge sehn –
Millionen „überflüss’ger“ Leute,
die blutend auf dem Zahnfleisch gehn

Da andre, die in Geld schon schwimmen,
das Wen’ge ihnen noch entziehn,
um goldne Berge zu erklimmen,
vor Mammon, ihrem Gott zu knien.

Da kann man ja von Glück noch sagen,
dass wenigstens der Frieden hielt
und statt dem Volk auf Kopf und Kragen
man auf sein Säckel nur gezielt.

Denn wehe wenn die Großgewinne
den Großgewinnlern nicht genug,
dann wär wie stets in ihrem Sinne
ein kapitaler Beutezug.

In Trümmer würden wieder legen
die Welt sie in gewalt’ger Schlacht,
um lukrativ gesund zu pflegen,
was selber sie kaputt gemacht.

Doch wie gesagt, ich sitze gerne,
den Rücken hin zum dunklen Flur,
und freu mich, dass das Feuer Sterne
und dass der Knall ein Auspuff nur.

Kerzeleid

KerzeleidDie meisten sind in Schlaf gefallen;
bis Mitternacht Minutenrest.
Und morgen früh mit Adlerkrallen
zerrt sie der Montag aus dem Nest.

Dem Rentner hier, der seine Zeilen
bedächtig übern Bogen sät,
muss mit dem Schlummer es nicht eilen,
da eh kein Hahn mehr nach ihm kräht.

Wenn herrgottsfrüh Millionen Wecker
die Bürger aus den Träumen schrein,
dann baumelt ihm der alte Stecker
wie’n toter Ast am Nachttischbein.

Er hört nicht ihre Füße trappeln
„ab zur Maloche, ab zur Schicht!“,
von Eichen träumt er und von Pappeln,
in die der Wind sein Raunen flicht.

Die große Freiheit, die ersehnte:
Er macht den Buckel nicht mehr krumm.
Statt dass er ins Büro sich gähnte,
dreht er sich wohlig noch mal um.

Bis in die Puppen kann er pofen,
bis überall ‘s schon „Mahlzeit!“ heißt
und man der Arbeit Katastrophen
sich mit ‘nem Schweinesteak verbeißt.

Er tanzt nach keiner fremden Flöte
und wird von keinem Boss gehetzt.
Nur, ach, die schöne Morgenröte
verpennt er nun zu guter Letzt!

Schlaffreiheit

SchlaffreiheitDie meisten sind in Schlaf gefallen;
bis Mitternacht Minutenrest.
Und morgen früh mit Adlerkrallen
zerrt sie der Montag aus dem Nest.

Dem Rentner hier, der seine Zeilen
bedächtig übern Bogen sät,
muss mit dem Schlummer es nicht eilen,
da eh kein Hahn mehr nach ihm kräht.

Wenn herrgottsfrüh Millionen Wecker
die Bürger aus den Träumen schrein,
dann baumelt ihm der alte Stecker
wie’n toter Ast am Nachttischbein.

Er hört nicht ihre Füße trappeln
„ab zur Maloche, ab zur Schicht!“,
von Eichen träumt er und von Pappeln,
in die der Wind sein Raunen flicht.

Die große Freiheit, die ersehnte:
Er macht den Buckel nicht mehr krumm.
Statt dass er ins Büro sich gähnte,
dreht er sich wohlig noch mal um.

Bis in die Puppen kann er pofen,
bis überall ‘s schon „Mahlzeit!“ heißt
und man der Arbeit Katastrophen
sich mit ‘nem Schweinesteak verbeißt.

Er tanzt nach keiner fremden Flöte
und wird von keinem Boss gehetzt.
Nur, ach, die schöne Morgenröte
verpennt er nun zu guter Letzt!

 

Landregen

LandregenNun seh ich wieder keine Sterne,
der ganze Himmel ist bedeckt
und hat die goldnen Apfelkerne
tief im Gehäuse wo versteckt.

Versteht sich, dass auch den Trabanten,
wenn er denn heute Nacht erschien,
die Wolken völlig überspannten,
dass unsichtbar er müsste ziehn.

Aus dieser schmutzig-grauen Decke
es unaufhörlich rauscht und rinnt,
dass das Gemäuer feuchte Flecke
und der Asphalt an Glanz gewinnt.

Und aus dem Regen ‘s wie Geraune,
Gemurmel mir herüberweht,
als wären Feen da und Faune
und flüsterten ihr Nachtgebet.

Die Büsche unten an den Wegen
sehn auch schon aus wie Schilf und Ried.
Noch ein paar Tage mit dem Regen,
dann ist zum Sumpf kein Unterschied.

Man könnte melancholisch werden.
Schon schwappen Flüsse übern Rand.
‘ne neue Sintflut hier auf Erden?
Landunter an der Waterkant?

Sollt ich mir Noahs Arche bauen?
Die würde sicher schief und leck.
Doch kann wie er ins Glas ich schauen –
und komm schon so darüber weg!

Röhrlinge

RöhrlingeEs heißen hier nur wenig Frauen
aufgrund der Männer Machenschaft
im Management, im hohen, rauen,
ihr ahnt es wohl schon: „Führungskraft“.

Der Hirsch beherrscht hier voll die Szene
mit seines Haupts gezackter Zier;
den Chef zu spieln: seine Domäne,
die ganze Firma sein Revier.

Er waltet mit geballter Strenge,
unnahbar und autoritär,
treibt jeden boshaft in die Enge,
und wenn’s der Herrgott selber wär.

Ja, in gediegnen Seminaren
wurd er in diesem Sinn belehrt:
Wenn wir an Nackenschlägen sparen,
der Leistungswille sich verzehrt.

Die Weisheit kommt ihm sehr gelegen,
bestärkt sie doch die harte Tour,
die seiner brünft’gen Machtgier wegen
er schon als kleiner Spießer fuhr.

Doch kann sie nie und nimmer stimmen:
Man motiviert nicht mit Gewalt.
Die röhrend ihren Platz erklimmen,
wie ich schon sagte: Hirsche halt.

Was aber, wenn die hohen Posten
vermehrt den Frauen auch geliehn?
Ich fürcht nur, wenn die Macht sie kosten,
röhrn sie nicht minder maskulin.

 

Mühsamer Aufstieg

Mühsamer AufstiegAuf ihren schwarzen Socken
schleicht sich die Nacht heran.
Sie findet mich hier hocken
schon in der Musen Bann.

Von Werkzeug schon umgeben
wie Kerze, Blatt und Stift,
mich zum Parnass zu heben
mit dem Poetenlift.

Wird’s heute mir gelingen
zu’n Schwestern, 12. Stock,
doch endlich vorzudringen
mit meinem Skizzenblock?

Der höchste war der vierte,
den jemals ich erreicht;
ein Kerl mich abservierte,
des Hirn gewiss durchweicht.

O weiser Majestäten
ew’ges Mysterium:
Umgeben sich mit Räten,
so eitel und so dumm!

Nur nicht den Mut verlieren –
die Kunst doch siegen muss.
Solln Händler spekulieren,
mir reicht der Musenkuss!

Drum werd ich weiterschmettern,
bis sie es hören kann,
mich bittend, zu erklettern
den Thron gleich nebenan.

Gedichte b. A.

Gedichte b. A.So viele Marken, viele Sorten
hatt ich schon auf dem Tisch;
sie wachsen allerorten
und immer wieder frisch.

Denn Jahr für Jahr gebären
die Reben wieder neu
aus prallen und aus schweren
Gehängen ihr Gebräu.

Und streun den Saft der Trauben
in alle Welt mit Fleiß,
wo immer man in Lauben
ihn zu genießen weiß.

Die Fruchtbarkeit in Ehren,
die nicht nur Gaumen schmeckt,
nein, auch den Geist kann nähren,
der Fantasie erweckt!

Die Weine sich da gleichen
mit wenig Unterschied –
die harten wie die weichen
beflügeln mir mein Lied.

Fantastisch ohne Frage:
Ich kann mich durchprobiern
durch jede bessre Lage –
und selber produziern

Gedichte, auserlesen,
von Baden bis Bordeaux,
wie dies vom zarten Wesen…
erraten!, des Merlot!