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Umschwung erhofft

Umschwung erhofftIn Regen schier ersoffen
der schöne Monat Mai.
Die Optimisten hoffen,
doch stets den Schirm dabei.

Den flatterhaften Buben
April er übertrifft;
wir hocken in den Stuben,
weil’s draußen ewig schifft.

In weiten Landesteilen
steht Wasser bis zum Knie.
Die Feuerwehren eilen
so fleißig wie noch nie.

Und wenn man mal was kaufen
in einem Laden muss,
dann heißt’s wie Nurmi laufen
aus Angst vorm nächsten Guss.

Des Frühlings Gütezeichen?
Verwehrt zu seiner Schmach.
Mag er davon sich schleichen,
wir weinen ihm nicht nach.

Nur einen Tag noch warten,
dann zieht der Juni ein.
Die Erde wird zum Garten
mit eitel Sonnenschein.

Das ist es, was wir wollen –
auch wenn dann andres droht:
Der kühne Flug der Pollen
färbt uns die Zinken rot.

Vorschau garantiert

Vorschau garantiertEin weitrer Tag verrauscht, verronnen,
versandet und versickert so
mit allen Nöten, allen Wonnen
im Nirgendwo.

Die Uhr hat ihm den Rest gegeben:
Schlag 12 – und ab dafür!
Ephemeridenleben:
Nur Nachwuchspflicht und keine Kür.

Der nächste folgt ihm auf dem Fuße
und tritt sein Erbe an:
O Welt und Gott zum Gruße!
Und tschüs, kaum dass er Land gewann!

Und immer weiter in dem Stile
hell – dunkel, Tag und Nacht,
als ob‘s binär gefiele,
dem Kosmos, der das Zeug gemacht.

Wir aber mitten in dem Reigen,
gezogen, mitgeschleift,
und ohne Chance auszusteigen,
eh Thanatos uns greift.

Auf keinen Nu verzichten.
Und frisst ihn doch die Zeit –
ein Denkmal ihm errichten
aus Lob und Dankbarkeit!

Und sich nicht ewig sorgen,
denn die Natur hat vorgebaut:
Freun wir uns nicht auf morgen,
so wie man stets nach vorne schaut?

Relationen

RelationenDen Kosmos wird es wenig scheren,
dass heute Sonntag ist;
in seinen Weiten, seinen Leeren
gibt’s keine Wochenfrist.

Der Mond, den wir als Uhr benutzen,
weil immer er verlässlich geht,
er würd nicht ‘ne Sekunde stutzen,
die Emotion verrät.

Und auch der Stern, den wir umkreisen
in einem Jahr von Start bis Ziel,
er achtet die stupiden Reisen
nicht mal fürn Pappenstiel.

Für diesen göttlichen Giganten,
in dem die Galaxien pulsiern,
sind Lebewesen einfach Quanten,
die sich im Nichts verliern.

Der Schöpfung selbsternannte Krone –
dieselbe nimmt sie nicht mal wahr,
haust doch der Mensch in einer Zone,
die kosmisch atomar.

Und hat doch tausende Regenten,
die’s nur aufs Schröpfen abgesehn
und sich mit Pomp und Paramenten
zu höh’rer Weihe blähn.

Ein Weisel, ach, der’s unternähme
zu grübeln über Zweck und Sinn,
wohl auch auf Gottes Gnade käme,
warum er Königin!

 

Kampfstil

KampfstilBewaffnet? – Ja, bis an die Zähne.
Pistolen? – Tintenstift.
Der Feind? – Die Phänomene,
verweigernd sich der Niederschrift.

Ein weißes Blatt starrt mir entgegen.
Ich dränge auf Entjungferung.
Mit wilden Kugelschreiberschlägen
kommt Lust in Schwung.

Halt!, rufe ich der nächsten Zeile,
du bleibst mir aus der Strophe raus!
Ich habe keine Eile,
such mir ‘ne andre aus.

Erneut allons, Attacke!
Der Kuli stürmt aufs Blatt.
Ein Reim! Ein Reim! Au Backe –
das ging ja noch mal glatt.

Erbittert mein Ringen,
sie niederzuzwingen,
die Wörter im Widerstand.

Sie solln mir marschieren
in Reihen zu vieren,
gehorchen! – Der Kommandant.

Doch end ich nicht immer
als strahlender Held:
Statt Wohlklang Gewimmer
auf pierischem Feld.

Dienst du im Dichterheer,
sei Drill verpönt.
Hat je das Militär
die Welt verschönt?

Dosengift

Dosengift‘s ist wieder mal ein Gift entsprungen,
man weiß nicht recht, von welcher Art,
die Alten haben’s nicht besungen,
es ist ein Gift der Gegenwart.

Zum Glück gibt’s Ämter und Instanzen,
die ziemlich zeitnah reagiern
und so im Großen und im Ganzen
das Zeug nicht aus dem Blick verliern.

Doch wenn wir Bürger gerne wüssten,
ob’s uns auch an die Nieren geht,
erscheint ein „Sprecher“, sich zu brüsten,
dass „keinerlei Gefahr besteht“.

Den gleichen Spruch in gleicher Lage
hat man schon häufiger gehört,
so häufig, dass er ohne Frage
auch künftig Sicherheit beschwört.

Wir Menschen sind doch nicht Mimosen,
so wird uns jeweils suggeriert,
dass bei den toxisch winz’gen Dosen
Wunder wer weiß was gleich passiert.

Die Weisheit wär noch abzukaufen,
wenn’s bei dem einen Male blieb –
doch Gift für Gift wächst an zum Haufen,
wie man ihn Ratten nur verschrieb.

Die Folgen: nicht zu überblicken.
Nur eines stimmt mich dabei froh:
Auch die uns mit den Dosen spicken,
Politiker erwischt es so.

Goldene Nacht

Goldene NachtO Maiennacht, du wunderschöne,
wenn auch nicht grade lau und lind,
doch ohne jener Tropfen Töne,
die tags so reich erklungen sind!

Ich weiß nicht wie: Die schwarze Masse,
die da so lange reglos stand
und ihre Ladung, ihre nasse,
geleichtert hat auf Stadt und Land

Ist in Bewegung jäh geraten
und gab den Himmel wieder frei,
aus dem sofort die Sterne traten
wie auf Befehl von Zauberei.

Wie funkeln sie da in der Ferne
in frischer, ungetrübten Luft,
wo doch nach Lichtjahrn gut und gerne
gerechnet diese Wahnsinnskluft!

Als könnte man mit Händen greifen
den Schatz, der da so golden glänzt,
dass man mit Ringen und mit Reifen
sein dürft’ges Kästchen sich ergänzt.

Ach, wie viel mehr als an Juwelen
ist dort an jenen „Steinen“ dran –
‘s sind Himmelsblüten, die nicht stehlen,
doch schaun man und bewundern kann.

Vor Ehrfurcht sollten wir erschauern,
von Habsucht nicht und Gier gehetzt,
in Demut vor dem Kosmos kauern,
der Heimat uns im Hier und Jetzt!

Wortgefecht

WortgefechtDie Sterne stehen ruhig Posten;
wie’n Dieb der Mond vorüberschleicht.
Ich sitze, meinen Wein zu kosten,
so lang bis Mitternacht verstreicht.

Den Kugelschreiber in der Rechten
dem Blatt schon auf die Brust gesetzt,
versuch ich, Siege zu erfechten,
für die der Helikon mich schätzt.

Bisweiln verhalt ich, zu erlauschen,
was flüsternd mir die Nacht verrät –
dann hör ich, wie die Räder rauschen,
wenn’s durch asphaltne Pfützen geht.

Sonst tote Hose auf den Gassen;
kein einz’ger grölender Passant,
der, seelisch Wasser mal zu lassen,
sich an die ganze Stadt gewandt.

Des Lyrikers ersehnte Stille
ist in die City eingekehrt,
die nicht einmal ‘ne späte Grille
mit ihrer schrillen Brunst beschwert.

Die beste Basis für die Siege,
von denen oben ich schon sprach,
und mit der Strophe hier ich liege
doch schon ganz gut dem Anschein nach.

Ein Hieb noch mit der Tintenklinge –
und voll getroffen: Aus der Spaß!
Sechsmal kein Ende ich erzwinge:
Der siebte aber, ja, der saß!

Verssuche

VerssucheDer Mond ist schon zur Ruh gegangen,
nur noch die Sterne blieben wach.
Sie recken ihren Hals, den langen,
und blinzeln auf die Erde schwach.

Nein: Keine Sterne mehr zu sehen,
nur noch des Monds geschwellter Leib,
um den wie Fetzen Tuches wehen
die Wolken so zum Zeitvertreib.

Nein: Wolken übern Himmel jagen,
verwischen schwarz das Firmament,
das kaum noch Sterne scheint zu tragen,
kaum noch ein Licht, das heller brennt.

Nein: Aus dem trüben Teich der Sterne
sticht glänzend groß der Mond hervor –
so wie ‘ne mächt’ge Stalllaterne
vom dämmerdunklen Scheunentor.

Na ja, die Kurve gleich zu kriegen,
hat man den Grundvers erst gelegt,
das hieße doch im Kampfe siegen,
bevor man noch Bataillen schlägt.

Ein bisschen Mühe muss es kosten,
damit es für die Musen reicht:
„Die Sterne stehen ruhig Posten;
wie’n Dieb der Mond vorüberschleicht.“

Für ein Gedicht kein gutes Ende –
doch hatt ich andres ja im Sinn.
Am besten ich noch mal verwende
die beiden Zeilen – als Beginn.

Pfingstwunder

PfingstwunderWie gerne hätt ich mehr berichtet
und was, das aus dem Rahmen fällt –
doch Wunder hab ich nicht gesichtet
und nichts, was man so dafür hält.

Die Tage sind im Nu verronnen.
Es hat geregnet, Wind geweht.
Des Mais berühmte Wärmewonnen
verschaffte mir ein Heizgerät.

An draußen mocht ich gar nicht denken.
Von Frühlingssonne keine Spur.
Auf allen Park- und Wiesenbänken
statt Liebespaaren Wasser nur.

Auch sonst von Schnäbeln nichts zu sehen:
Die Enten, ungefüttert nun,
beleidigt in die Binsen gehen,
wo sie an Grün sich gütlich tun.

Dann lieber in der Bude bleiben –
ein Tässchen Kaffee, Buch zur Hand,
und wenn’s dich juckt, die Nase reiben
so ganz privat und unerkannt.

Doch weiß ich nicht, woran’s gelegen
(war’s diese Stille weit und breit?),
dass ein Gefühl sich wollte regen
von irgendeiner Festlichkeit.

Na, typisch für die Feiertage –
was ist daran verwunderlich?
Der Geist des Weines, beste Lage,
kommt dann doch immer über mich!

 

In voller Blüte

In voller BlüteDa ragen, kleine Pyramiden,
sie luftig bunt aus dem Gezweig
der Büsche in den Frühlingsfrieden
von Straßenrand und Bürgersteig.

Und tauchst du ein in diesen Schatten
im eiligen Vorübergehn,
spürst in den Nüstern du den satten,
den schweren Duft noch lange stehn.

Das Lodenzeug, kaum wahrgenommen
in seinem ungeblümten Kleid,
zu Rang und Namen ist’s gekommen,
da Blüten ihm nun aufgereiht.

Wie stolz sie sich vom Blatte heben
und frei im Winde balanciern,
um aller Welt bekannt zu geben,
wo sie als Flieder residiern.

Noch niemals sie vergeblich warben
um Blicke, die mit Freud’ gepaart,
wo alle drei doch ihrer Farben
ganz wunderbar auf ihre Art.

Wer kann sich der Magie entziehen,
die seltsam auch Holunder heißt,
wenn aus den öden Grünpartien
so leuchtend es zum Himmel gleißt?

Nach meines Tags gelinden Mühen
befahl ich endlich mich zu Bett.
Und Träume gingen auf, zu blühen
in Lila, Weiß und Violett.