Fegefreudig

Mein Pinsel ist ein Wunderwesen
von ungebärd’ger Schaffenslust
gleich jenem Zauberlehrlingsbesen,
den höhren Orts man bremsen musst.

Lässt sich nicht an die Leine legen
und wirbelt ungestüm dahin,
entfesselt übers Blatt zu fegen,
dass Zeilen er wie Fäden spinn.

Zum Glück sich nur die Strophen häufen
zu einer wahren Verseflut,
die doch nicht ausreicht, zu ersäufen
die Welt mit ihrem Hab und Gut.

Doch weiß man, wo das enden würde,
wenn nichts den Stift zum Halten zwingt,
wär da der Schlaf nicht noch als Hürde,
die auch kein Sänger überspringt?

Das Werkzeug schlüpft ihm aus den Fingern,
wenn der allmählich Einzug hält,
indes sein Kopf beginnt zu schlingern,
bevor er ganz zur Seite fällt.

Dem Pinsel bleiben Mußestunden
in einem kurzen Schaffensbruch;
hat seinen Meister auch gefunden –
ganz ohne jeden Zauberspruch.

Maskerade

Mit fein gewirkten Requisiten,
die man vor Mund und Nase hält,
betreten wir jetzt wie Banditen
die Freilichtbühne dieser Welt.

Doch nicht, um wen zu überfallen
in räuberischem Übermut
und uns mit einem Coup zu krallen
sein lang gehäuftes Hab und Gut!

Und möcht uns die Idee verlocken,
hier im globalen Narrennest
macht grad das Volk sich auf die Socken
zum kollektiven Kappenfest,

Dann lägen gleichfalls wir daneben.
Nichts von ‘nem lust’gen Mummenschanz.
Die Tücher einfach nur da kleben
als Virengitter voll und ganz.

Doch nicht einmal im Wilden Westen,
der mancherlei Rekorde schlug,
gab so ein Schauspiel man zum Besten,
dass jeder fast ‘ne Maske trug.

Nur die vermaledeite Seuche,
die wie ein Blitz vom Himmel fuhr,
erfordert solche neuen Bräuche –
Gesundheit an der Gummischnur.

So seine Züge zu verdecken,
die ganz verschieden doch geprägt,
wird mancher Schönheit gar nicht schmecken,
die lieber sie zu Markte trägt.

Und geh mal und kommuniziere
mit so ‘nem Lappen vorm Profil!
Nur mit ‘nem offenen Visiere
durchschaut man auch das Mienenspiel.

Doch Schlimmres gibt’s unter der Sonne;
‘ne Weile nimmt man das in Kauf,
dann marsch die Maske in die Tonne!
Und schon setzt man die alte auf.

Sparflamme

Was soll ich von der Kerze halten?
Verweigert mir die Feuerpflicht
und flimmert nur, versteckt, verhalten,
so vor sich hin als kleines Licht!

Kaum noch als Fünkchen zu erkennen
durch ihrer Hülle glas‘ge Wand,
scheint sie wie’n Seufzer zu verbrennen,
der grad noch aus der Gurgel fand.

Der Docht, der sonst in schöner Länge
das stolze Flammenbanner führt,
dass es den festen Brei versenge,
bis er sich freier darin rührt,

Er guckt jetzt mit dem Fadenende
nur eben noch daraus hervor,
ein Stückchen Kohle im Gelände,
das sich im Teig des Talgs verlor.

Ist ihm der Atem ausgegangen
in stickiger Zylinderluft;
erstarben ihm die Rosenwangen
in seiner dumpfen Plastikgruft?

Ich kann nicht mit Gewissheit sagen,
was wirklich diese Schwäche schuf.
Sie müsste schließlich mehr vertragen,
ist sie doch Windlicht von Beruf.

Geborgen in robustem Rohre,
das schützend ihren Leib umstellt,
weilt oft sie hinterm Friedhofstore,
wo sie auf Gräbern Wache hält.

Und ob da nicht die Stürme rasen
in mancher unheilvollen Nacht,
um unerbittlich auszublasen,
was den Verstorbnen dargebracht!

Nein, grad in meiner stillen Klause,
in die kein Lüftchen sich verliert,
schrumpft ohne Punkt sie, ohne Pause,
bis selber sie zu Wachs gefriert.

Und längst ist nicht einmal die Sohle
des schmelzenden Geklumps erreicht,
dass sich die Fackel dort erhole
von allem, was sie aufgeweicht.

Ein Stumpf pappt da noch in der Säule,
der massig wie ein Eisberg ragt,
an dem die leichte Flammenkeule
sich selber kurz und klein genagt.

Belämmert seht mich also hocken
vor diesem seltnen Phänomen,
natürlich völlig von den Socken,
doch willens auch, es zu verstehn.

Der Fachmann wird es mir erklären,
er weiß für alles ja den Grund:
Die Kerzen sonst in allen Ehren,
doch diese hier ist einfach Schund!

Beschränkter Freigang

J

Hellrot seh Blüte ich an Blüte
Hibiskus an dem kleinen Busch,
wenn nach dem Einkauf mit der Tüte
am Park entlang ich heimwärts husch.

Und nur ein Dutzend Schritte weiter,
schon spürbar an dem duft’gen Hauch,
kaum dunkler auf der Farbenleiter
ein voll erblühter Rosenstrauch.

Ich kann sie leider kurz nur sehen,
muss weiter mit der schweren Fracht,
doch reicht ein Blick, um zu verstehen,
dass längst der Frühling schon erwacht.

Na und? Der Lauf der Jahreszeiten.
Das Erste, was der Mensch bemerkt,
wenn nach des Winters Widrigkeiten
er sich am Kelch des Krokus stärkt.

Doch diesmal ist was schiefgegangen.
Zwar ließ der Lenz sein Banner wehn,
doch durfte niemand unbefangen
zum Gruße ihm entgegengehn.

Ein Virus hat uns aufgezwungen
der Häuslichkeit begrenzte Welt,
damit er von lädierten Lungen
und Schwächelnden sich ferne hält.

Das Motto heißt „Kontakt vermeiden“,
dass man nicht fremde Keime schluckt,
und mit Tapeten sich bescheiden,
die zwar geblümt, doch nur bedruckt.

Schon Wochen sind ins Land gezogen,
seitdem zu Haus wir arrestiert
und halb schon um den Lenz betrogen,
der fröhlich seinen Weg marschiert.

Wir aber stecken in der Krise
noch weiterhin wer weiß wie lang.
O Wunder einer Blumenwiese –
mir wird schon um den Sommer bang!

Streitende Nachbarn

So an die zweimal hundert Staaten
bepflastern diesen Erdenbauch,
die in die Wolle sich geraten
um jeden Fitzel Schall und Rauch.

Hat jeder wo ‘ne winz’ge Ecke,
an der dem Nachbarn groß was liegt,
dass gierig er die Finger strecke,
bis er sie in dieselben kriegt.

Hat jeder seine Traditionen,
die dieser Nachbar diffamiert,
damit er seine Legionen
zu Hass und Hader motiviert.

Will jeder nur zu eignen Zwecken
die Schätze heben dieser Welt,
und jeder hat den Dreck am Stecken,
den ihm der andre unterstellt.

Und jeder hat auf seiner Seite
ganz selbstverständlich auch das Recht,
mit dem schon immer man „befreite“
ein Volk zu eines andern Knecht.

Dabei vereint im festen Glauben
an des Erlösers Lieb und Leid,
das Leben sie sich ständig rauben
im Namen der Barmherzigkeit.

Konsens kommt selten nur zustande,
der Egoismus überwiegt,
und selbst in seinem eignen Lande
man sich zur Not auch mal bekriegt.

Doch selbst in schönsten Friedenszeiten
lacht allen nicht das gleiche Glück;
es sichern kleine Minderheiten
sich überall das Sahnestück.

Und wo sie nicht den Knüppel nehmen
nach ewiger Tyrannenart,
geht man, das Unrecht zu verbrämen,
dem Volk mit „Freiheit“ um den Bart.

Auf einen Nenner hier zu bringen
dies Völkersammelsurium:
Die Menschheit fliegt auf Geistesschwingen,
die gierig, grausam, blind und dumm.

Und diese fast zweihundert Länder,
in die der Globus parzelliert,
sie sind die besten Unterpfänder,
dass er so bleibt, so kleinkariert.

Nachschrift für Epimenides

Als Mensch mich davon auszunehmen,
ich keine guten Gründe find;
müsste auch ich mich für was schämen,
dann wär’s am liebsten mir für „blind“.

Stets auf dem Sprung

Wer hat ihm einen Pass gegeben,
wer ihm ein Visum ausgestellt,
dass auf der Jagd nach neuem Leben
kein Schlagbaum ihn in Grenzen hält?

Doch braucht der Bursche Dokumente,
Papier, das staatlich ihn empfiehlt?
Als ob er nicht die Löcher kennte,
durch die man sich nach draußen stiehlt!

Er ist so frei wie die Gedanken
in jenem schönen alten Lied,
setzt ohne Müh über die Schranken,
die eine Obrigkeit ihm zieht.

Doch Böses führt er nur im Schilde,
das macht ihn überall suspekt,
wenn in entfernteste Gefilde
er seine gier‘gen Fühler streckt.

Damit man ihm das Handwerk lege,
hat sich ein Mittel nur bewährt:
Man geht ihm tunlichst aus dem Wege,
dass ihn die Einsamkeit verzehrt.

Denn wo’s an Nähe ihm nicht mangelt,
nicht lange unbehaust er irrt,
indem er durch die Luft sich hangelt
von einem bis zum andern Wirt.

Dem pflegt die Zeche er zu zahlen
auf die total perfide Tour –
lässt nichts als Kummer ihm und Qualen
und manchmal mehr als diese nur.

Noch hat den winzigen Gesellen
man keineswegs in der Gewalt.
Doch solln die Hunde weiterbellen –
mal macht die Karawane Halt.

Ruhe im Bau

Als wär kein Wandel eingetreten:
Des Abends im vertrauten Heim.
Vor Augen Isabell-Tapeten
und unsichtbar den gelben Leim.

Genügend Kraft ist noch vorhanden.
Ich führ den Pinsel wie ein Schwert,
dass Strich für Strich die Hiebe landen
als Verse von Gewicht und Wert.

Die Kerze weilt an Ort und Stelle,
den Schwanenhals ganz hochgereckt,
wo oben in bescheidner Helle
das Flämmchen seine Zunge streckt.

Wär er nicht untern Tisch gefallen,
der Wächter mit der späten Tour,
er ließ jetzt seinen Ruf erschallen:
„Elfmal, ihr Leute, schlug die Uhr!“

Zu seiner Zeit lag da die Erde
im Schlafe des Gerechten schon,
weil herrgottsfrüh von seinem Herde
es scheiden hieß für Brot und Lohn.

Als Rentner kann ich mich erdreisten,
weil meine Ernte eingebracht,
Gesellschaft sogar noch zu leisten
den Geistern weit nach Mitternacht.

Was für ‘ne kreative Stille
dann plötzlich dieses Haus durchweht,
als hätte ihm ‘ne Schlummerpille
den Saft zum Lärmen abgedreht.

Der Herr, der ohne Ruhn und Rasten
am Tag zu bohrn und hämmern pflegt,
er hat nun seinen Werkzeugkasten
zunächst einmal auf Eis gelegt.

Die Dame, die mit schriller Kehle
mich früh schon aus dem Schlummer reißt,
befiehlt jetzt ihre raue Seele
dem Traume, der sie schweigen heißt.

Die Stühle selbst, die ewig scharren
und quietschen von der Decke her,
in süßer Ruhe sie verharren,
von diesen Ärschen endlich leer.

Die Stille hat mit feinen Fäden
sich festgesponnen um das Haus
und lässt durch Tür und Fensterläden
nicht einen Seufzer mehr hinaus.

Man könnte fast Beklemmung kriegen,
denkt tiefer man darüber nach
und sieht im Geist die Nachbarn liegen
verpuppt in ihrem Schlafgemach.

Da klemmen sie in ihren Laken
und dösen einem Morgen zu,
der immer neu, doch mit dem Haken,
auch immer näh’r der letzten Ruh.

Unmöglich kann ich mich erwehren
Visionen auch von dieser Art,
wie sie die Geister ja bescheren,
die unsichtbar um mich geschart.

Womöglich werden sie sich steigern,
die Angst davor ich nicht verhehl,
zumal ich eher zu den Feiger‘n
als zu den Abgebrühten zähl.

Schon fühl ich Schauder mich beschleichen,
wie er zum Hasenherzen passt,
das, horch, ein jähes Lebenszeichen,
postwendend großer Schreck erfasst!

Wie kann man sich nur so verjagen!
Da fand wer spät noch unters Dach,
der laut die Haustür zugeschlagen –
hey, Nachbar, Dank für diesen Krach!

Massenflucht

Meist fühlt der Mensch sich in der Masse
geborgen und voll akzeptiert –
da seht, wie an der Stadionkasse
er in der Schlange sich verliert!

Und dann erst auf den harten Bänken,
wo Körper sich an Körper schmiegt,
um seine Augen ganz zu schenken
dem Heimteam, das natürlich siegt.

Nicht anders, wenn die Pop-Ikonen
das Volk versammeln zum Konzert,
dass von gefühlten Millionen
die Wiese vor der Bühne gärt.

Und auf den großen Rummelfesten,
wie hoch, oha, geht es da her,
da wimmelt es nur so von Gästen
und statt der Biene tanzt der Bär!

Doch auch die in Parkett und Rängen
goutieren meist des andern Näh
und in Theaterpausen drängen
sich gern zum Freak im Foyer.

Am Ende noch die Kirchengänger,
„Gemeinde“ traulich tituliert,
die selbst noch bei ‘nem Rattenfänger
getrost im Zuge mitmarschiert.

Doch hat die Nähe ihre Tücken,
wie grade heute sich erweist –
sie baut ‘nem Schädling goldne Brücken,
der gern zu andern Ufern reist.

Da musss auf einmal Abstand halten
das ausgemachte Herdentier,
dass, diesen Burschen auszuschalten,
es sich vom Nächsten isolier.

Wie lange, weiß kein Schwein zu sagen.
Noch eine Weile jedenfalls …
Mir scheint, ‘s ist eine von den Lagen,
da fiel man Satan um den Hals.

Doch fähig ist der Mensch zu lernen,
wenn es um Leib und Leben geht;
er kann vom andern sich entfernen –
und enger ihm zur Seite steht!

Distanzmesser

Der höchste Rat hat heut entschieden,
dass weiterhin Gefahr besteht
und möglichst der Kontakt vermieden,
der Viren auf den Hals uns lädt.

Bedeutet erst mal weitre Wochen
in seinem häuslichen Arrest,
als hätt wer weiß was man verbrochen
und säße in der Zelle fest.

Das ist in diesen Friedenszeiten
ein Zustand völlig neuer Art –
damit sich Keime nicht verbreiten,
wird an Geselligkeit gespart.

Verrammelt sind die Klassenzimmer,
die Pausenhöfe öd und leer.
Der Schule, sonst ein Horror immer,
weint manches Kind schon hinterher.

Man kann nicht mehr ins Kino gehen;
die Bühnen haben alle dicht.
Von wegen, samstags Fußball sehen,
und wenn dein Herz darüber bricht!

Die meisten Läden sind geschlossen,
die Kunden stehen auf dem Schlauch.
Der Weise nur bleibt unverdrossen:
„Wie viel es gibt, was ich nicht brauch!“

Im ausgekühlten Kirchenchore
ruft niemand zum Hosianna auf;
die ganze Osterfestfolklore
ging für die Virenabwehr drauf.

Doch immerhin, man weiß ja heute,
woran dies ganze Übel liegt,
und wird nicht ahnungslos zur Beute
des Stromers, der auf Wirte fliegt.

Die Maske notfalls vorgebunden,
die Hand in Zellophan gespannt,
dreht man gelassen seine Runden,
wo’s noch erlaubt nach neustem Stand.

Im Supermarkte beispielsweise,
denn jeder braucht sein täglich Brot,
und eine kurze Einkaufsreise
ist ausgenommen vom Verbot.

Ansonsten strikte Ausgangssperre.
Die Ordnungshüter kontrolliern
und trotz Gezeter und Geplärre
die Übeltäter abkassiern.

So hat uns mit dem Keimexporte
die Kunst auch China anvertraut,
wie außerhalb des Hauses Pforte
dem Volk man auf die Finger schaut.

Und unsre höchsten Demokraten,
nur Gutes, sagen sie, im Sinn,
sie riechen heimlich schon den Braten
fürn unverhofften Machtgewinn.

Mag Orwell stets in Frieden ruhen,
der 84er-Prophet,
dass man in furchtbar engen Schuhen
nicht plötzlich mal durchs Leben geht!

Landflucht

Vor etwa siebenhundert Jahren,
ihr wisst es selber ja gewiss,
die Zeiten auch nicht besser waren –
ein Floh gefährlich um sich biss.

Im Fell allgegenwärt’ger Ratten
fand er zunächst sein täglich Brot,
um schließlich schaurig zu begatten
die Völker mit dem Schwarzen Tod.

Die Menschen starben wie die Fliegen,
Europa war ein Leichenhaus,
und um die Seuche zu besiegen,
sang Gottes Lob man, römisch: laus.

Den Leib voll Schwären und voll Wunden,
verbrannte ihre Lebenskraft,
Bestatter machten Überstunden,
bis selber sie dahingerafft.

Beginnt mit solchen Schicksalsschlägen
der Herr sein letztes Weltgericht?
Was andres war nicht zu erwägen:
Pasteur und Koch noch nicht in Sicht.

Doch eine Ahnung, dass die Enge
befördere den Steppenbrand,
trieb manchen aus der Städte Menge
ins bäuerliche Hinterland.

Na, klingen jetzt bei euch die Glocken?
Boccaccio und Dekameron!
Zehn machten flugs sich auf die Socken,
raus aus Florenz in die Region!

Und was für köstliche Geschichten
erzählte man sich dann zuhauf –
reihum musst jeder sich verpflichten,
und Langeweile kam nicht auf.

So hat man aus der schlimmen Lage
‘ne Tugend schließlich noch gemacht,
sich abgelenkt von Pest und Plage
und trotzig diese gar verlacht.

Man sieht wohl leicht die Parallele
zu unsrer heut’gen Pandemie –
es reißt uns auch aus bleicher Seele
das Wunderkraut der Fantasie.

Die schafft sich in der Virus-Krise
in ungeahnter Weise Raum –
nicht anders als von damals diese:
Humor noch unterm Galgenbaum.