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Kleine Wunschliste

Kleine WunschlisteChristlich muss die Welt nicht werden,
Jesu Geist, der tät ihr gut:
Friede herrschte stets auf Erden,
nicht der Schlächter Übermut.

Reichtum sollte nicht mehr sitzen
auf der Wünsche höchstem Thron.
Ideale zu erschwitzen
wär des Lebens größrer Lohn.

Es dürft nicht zu diesen zählen
Glanz, den Macht und Ruhm verleiht;
der nur, den wir uns erwählen
im Gewand der Menschlichkeit.

Deshalb auch in Eintracht leben
mit der Kugel, die uns nährt;
über kein Geschöpf uns heben,
das im gleichen Boote fährt.

Ob auch tausend Lehren gaukeln
uns des Paradieses Ruh:
Nur das Schiff, auf dem wir schaukeln,
wird, wenn wir es wolln, dazu.

Ewiger Sommer

Ewiger SommerDer 1. Juni. Sommerträume,
die werden heute noch nicht wahr.
Da sausen Wolken durch die Räume
mit feuchter Last und Sturzgefahr.

Und unsre alte Thermowaage,
die Opa Celsius konstruiert,
bringt Kaltluft aus der Ruhelage,
dass sie ganz schön nach unten schmiert.

Bevor ich meinen Bau verlasse,
schnell aus dem Fenster noch ‘n Blick
zur Straße auf die Menschenmasse:
Genau, die Fummel wieder dick!

Was Warmes also überziehen,
bevor ich mich nach draußen trau.
Die Jacke fast bis zu den Knien
wie bei ‘ner Wintermodenschau.

Und von der Schulter bis zur Lende
ist so der Wetterschutz gewährt,
doch übers Kopf- und Fußesende
der Wind mit seiner Klinge fährt.

Wie sonnenhungrig die Gesichter,
und keine Strahlen, sie zu nährn!
Die Wolken jagen immer dichter,
der ganze Himmel scheint zu gärn.

Ich nehm die Beine in die Hände
und wetz zum nächsten Supermarkt,
schieb schnell die Karre durchs Gelände,
dann an der Kasse kurz geparkt

Und im Galopp zurück nach Hause!
Das kommt ja grade noch so hin:
Der Himmel schickt ‘ne kalte Brause,
kaum dass ich durch die Türe bin!

So hat’s mir nicht den Pelz gewaschen
und die Fassade nicht entstellt.
Jetzt pladdert’s, seh ich durch die Maschen
des Stores, der sich am Fenster wellt.

Pah, soll’s nach Herzenslust doch gießen –
ich hocke trocken im Verschlag,
bei einem Tässchen zu genießen
der Stube steten Sommertag!

Einem alten Dichter gewidmet

Einem alten Dichter gewidmetTatkräftig Pflichten zu versehen,
wie sie der Dienst am Staat verlangt,
hast, einem Amte vorzustehen,
im Wesen niemals du geschwankt.

Alleine an Gelegenheiten,
dich zu bewährn in diesem Sinn,
war Mangel wohl zu deinen Zeiten,
nahm man nicht wahllos alles hin.

Obgleich’s dir öfter auch gegeben,
zu wirken fürs gemeine Wohl,
war doch privates Tun und Streben
dir ständig Ruh- und Gegenpol.

Yamswurzeln hast du dann gezogen
und Rettich wohl auf deinem Feld,
das auch mit Hirse mochte wogen,
war es mit Hirse denn bestellt.

Und hast trotz aller Müh genossen
der Scholle wilde Einsamkeit,
von Weiden, Ulmen rings umschlossen,
das nächste Dorf zehn Meilen weit.

Am Abend, wenn die Hand gesunken,
ermattet von des Tages Fleiß,
hast gern ein Schälchen du getrunken
im liebenswerten Freundeskreis.

Nicht aber nur mit Literaten,
denn jeder Nächste war dir wert,
der mit dem Karst und mit dem Spaten
und der sich mit dem Pinsel nährt.

Man hörte auch von dir erzählen,
dass Alte dir besonders lieb.
O Ehrfurcht vor den Väterseelen,
bevor sie’s in die Gräber trieb!

Indessen hast du auch den Kindern,
so heißt es, deine Gunst geschenkt –
zu lachen, lachten sie, zu lindern
den Kummer, der sie leicht bedrängt.

Natürlich dies nicht zu vergessen:
Gedichten hast du anvertraut
dein Herz, wenn sinnend du gesessen
und nur der Mond dir zugeschaut.

Gab’s nicht die Mär vom Paradiese,
das Pfirsichblütenquell genannt?
Pflaumen und Beern auf deiner Wiese.
Und auch manch Pfirsichbaum da stand.

Wieder Musendienst

Wieder MusendienstZu dieser vorgerückten Stunde
(den Ausdruck prägte wohl ein Tor,
denn, sei er auch in aller Munde,
die Zeit rückt immer ja nur vor)

Zur Stunde also, dieser späten,
füg ich korrekter nun hinzu,
knie vor der Muse ich, zu beten,
dass sie zu segnen mich geruh

Mit Versen allerfeinster Ware,
wie sie nur je ein Dichter spann,
dass er sie ihr auf dem Altare
als fromme Spende weihen kann.

O Götter ihr der alten Griechen,
wie rasch werft’s Echo ihr zurück:
Schon fängt’s an, brenzlig hier zu riechen –
ach so, die Kerze, na, zum Glück!

Mir scheint es immerhin ein Zeichen,
das pfiffig der Parnass gesandt,
ich möcht von meinem Ziel nicht weichen,
für das mein Herz so heiß entbrannt.

Schon ist es mir ja auch gelungen,
den Zeilen Wohnungen zu baun,
die, so in Strophen eingezwungen,
gewiss sehr künstlich anzuschaun.

Noch ein paar mehr von diesen Buden
im abgemessenen Geviert,
mit Möbeln aus dem Rechtschreibduden
ganz standardmäßig ausstaffiert

Dazu in jeder Zimmerecke
(auch dies im allgemeinen Trend)
zu höherem ästhet’schen Zwecke
ein Reim als festes Ornament

Und fertig ist zu meiner Freude
als Dithyramben-Architekt
das wundersame Luftgebäude,
das sich in Babels Bläue reckt!

Ich glaub, ich kann schon innehalten
und Richtfest feiern auf Papier.
Und jetzt noch mal die Hände falten:
O Helikon, gefällt es dir?

Kaum ist die Spannung zu ertragen.
Das Urteil – kontra oder pro?
Da Hermes, um Bescheid zu sagen,
persönlich, nicht per Mail und so!

Ja, ja, ja, ja! Wird angenommen
nach uralt heil’gem Götterbrauch,
den Unsterblichen nahzukommen –
in Feuer und in Rauch!

Im Zwielicht der Klause

Im Zwielicht der KlauseNoch kann man alles gut erkennen;
doch lautlos steigt die Schattenflut,
mit Finsternis zu überrennen
den letzten Hauch der Mittagsglut.

Des Tages sommerliche Schwüre,
mit heißem Atem ausgehaucht:
auch dieser Nacht noch Ouvertüre,
lauwarm indessen und verbraucht.

Dass dieses schwüle Unbehagen
nicht lähmend auf die Lyra fällt,
hab ich den rebenfreud’gen Magen
auf Gerste heute umgestellt.

Im Übrigen die Requisiten,
die euch als Kennern ja vertraut:
Herd, Kerze – nicht zu überbieten,
wenn nächtlich man ein Liedchen braut

In seiner Alchimistenküche,
wo man nach Kräften sublimiert,
dass aus dem Sud zerkauter Sprüche
der Weisheit Gold kristallisiert.

Und wie die Alten halb besessen,
zufrieden doch verfolgt ihr Ziel,
so hock ich heute selbstvergessen,
‘ne Handbreit Glück stets unterm Kiel.

O wie das Schicksal mich begnadet
und Segen übers Haupt mir gießt,
so dass es wirklich nicht mal schadet,
wenn keiner meinen Schmonzes liest!

Im Frieden seine Leier zupfen
und fröhlich seinen Teller leern
und außer jährlich einem Schnupfen
mit sonst nichts weiter sich beschwern

Scheint mir der Gipfel der Vergnügen,
die uns das Leben bieten kann,
und, um dies noch hinzuzufügen,
ein kleines Schlückchen dann und wann.

Das mag nicht sehr bedeutsam klingen,
setzt man auf Ehre, Ruhm und Geld –
doch grad an so banalen Dingen
fehlt’s allenthalben auf der Welt.

Zwar kann ich hören nichts und sehen,
die Finsternis ist gar zu groß.
Doch fühl ich Augen daraus flehen,
die mich beneiden um mein Los.

Allgemeine Sonntagsruhe

Allgemeine SonntagsruheIhr glaubt, auf diesen sonntagsleeren,
den Straßen unten sei nichts los?
Ein Festival der Feuerwehren –
das Gegenteil von Abrams Schoß!

Nicht enden wollendes Getute,
das kaum ‘ne kurze Pause kennt,
da ausgerechnet diese Route
zu allen Punkten führt, wo’s brennt.

Und dass dies höllische Gedröhne,
mit dem man übers Pflaster flitzt,
die angemessne Optik kröne,
ein Blaulicht auf den Blechen blitzt.

So boxen sich die Dioskuren
gemeinsam ihre Wege frei:
Dem Auge der Verblendung Spuren,
dem Ohr ‘ne Anti-Loreley!

Natürlich weiß ich um den Nutzen,
der Leiter, Beil und Schlauch entspringt,
und würd doch gern die Platte putzen,
wenn er so schrill sich selbst besingt.

Zumal, ihr habt es schon erraten,
dem Dichter heilig seine Ruh,
dass mit dem Versfuß er kann waten
in seichten Träumen immerzu.

Soll er nicht auf den Sabbat setzen,
der für besonders friedlich gilt?
Den keine heißen Hunde hetzen
wie sonst der Wochentage Wild?

Nun ja, es liegen an der Kette
gewiss die meisten Köter heut.
Doch reicht nicht einer, dass die Stätte
sich ihres Friedens nicht erfreut?

Und schon der nächste rote Kasten,
wie er mit Donner naht und Blitz!
‘ne Gegend hier, um auszurasten:
Thor, Zeus und Jahve. Göttersitz.

Poesie wird kleingeschrieben

Poesie wird kleingeschriebendie dämmerung in zähem ringen
mit einem tag der schwächer wird
der möwe schreie die verklingen
die fledermaus die lautlos schwirrt

in schattenrouge getaucht die mauern
für ihre hochzeit mit der nacht
die ersten blassen sterne kauern
grad aus dem wolkenbett erwacht

gedämpfter schleichen sich die töne
in meines küchenstudios ohr
kein krach mehr heute kein gedröhne
die ambulanz mal außen vor

in den fassaden angegangen
schon hier und da das stubenlicht
ein glühen auf den häuserwangen
das eckig aus dem dunkel sticht

der mond rollt ruhig auf dem pflaster
das locker seine bahn bestimmt
kein pkw sonst da kein laster
rein nichts was ihm die vorfahrt nimmt

und auch die loreley da drüben
die fensterfrau im dritten stock
scheint weiter sich darin zu üben
dass sie die blicke auf sich lockt

o rad das niemals anzuhalten
die speichen schaufeln finsternis
bis morgens sie dann kurz erkalten
weil sie verschnaufen müssen bis

die dämmerung in zähem ringen
mit einem tag der ihr erliegt
verstummt der amsel vespersingen
gespenstisch wie die eule fliegt

nun rühren sich millionen wesen
die klug das licht des tages scheun
im schutz der dunkelheit zu lesen
im lebensbuche für nach neun

und morgen übermorgen wieder
wer weiß in tausend jahren noch
macht dann wohl solche küchenlieder
gekonnter gar ein sternekoch

 

Nicht eitel Sonnenschein

Nicht eitel SonnenscheinIst sie nicht prächtig anzuschauen,
wenn sie in ganzer Majestät
mit goldumglänztem Haupt im blauen
Gewölbe ihres Himmels steht?

Dann will sie uns den Segen spenden
mit tausendfingrig heißer Hand,
so kraftvoll, unser Aug zu blenden,
bewundert es sie unverwandt.

Und es gefällt ihr, uns zu baden
in wohl’ger Wärme rundherum,
den Kopf, den Nacken, Rumpf und Waden
und selbst des Bauchs Proszenium

Dass wir so quietschfidel uns fühlen
wie’n plitsche-platsche Wannenkind
und uns mit Säften gerne kühlen,
die gelb und gut vergoren sind.

Und leichter die Gedanken kreisen
in schwerelosem Hin und Her,
wie Vögel, die ins Blaue reisen
wie Punkte über Land und Meer.

Weg mit dem Sakko in die Ecke!
Übt auf den Kragenknopf Verzicht!
Und dass man mir die Bänker wecke
aus der verschnarchten Binderpflicht!

Beschwingter lebt es sich hienieden
und lockrer als zu andrer Zeit,
wenn sich die Sonne ganz entschieden
nur ihrem Tagsgeschäfte weiht!

Doch das, um es mal zuzugeben,
hat sie noch gar nicht angepackt,
und dies verklärte Sommerleben
ist leider nur ein Wunsch, kein Fakt.

Der Himmel grau. Die Wolken jagen
in feuchten Fetzen vor dem Wind.
In tausend Schauern Unbehagen
den Rücken kalt herunterrinnt.

Verdattert guckst du auf die Stelle
der Wand, wo der Kalender hängt.
Da steht es: Mai, der Wonne Quelle,
der Monat, der nur Freude schenkt.

Ein Witz! Der macht sich keine Ehre
mit dem, was momentan er treibt
fern jener reinen Wetterlehre,
die Petrus ihm ins Stammbuch schreibt.

Da kann man nur die Augen schließen,
damit man nicht das Heulen kriegt,
und träumend ein Welt genießen,
die ungetrübt im Herzen liegt!

 

Dem Mai gesungen

Dem Mai gesungenNoch hat er sich nicht aufgeschwungen
zum besten Kunststück, das er kann.
Noch prustet er aus feuchten Lungen
die Erde, die erschauert, an.

Wie wunderbar kann er jonglieren,
hat er den Sonnenball dabei
und lässt ihn hoch im Blau spazieren,
so lang er will, der gute Mai!

Man braucht nicht einmal hinzusehen,
und dennoch geht es einem nah.
Den städt’schen Tauben selbst und Krähen
wird’s warm ums Herz – und nicht nur da.

Doch deutet nichts auf diese Nummer –
kein Zeichen, dass der Künstler zieht
aus seines Zauberhutes Schlummer
das heiß ersehnte Requisit.

Stattdessen stiert er, o Malesche,
wie’n Clown, wenn er auf traurig macht,
so melancholisch aus der Wäsche,
als würd der Weltenbrand entfacht.

Bindfäden regnet es, in Schnüren,
mit mehr mal, mal mit wen’ger Wind,
doch keiner, uns herauszuführen
aus diesem Schmuddel-Labyrinth.

Natürlich kann man Hoffnung hegen,
wie sie Pandoras Büchse birgt,
sich trösten, dass des Schauspiels Segen
verschoben, aber nicht verwirkt.

Ja, als Privatmann sozusagen
säng ich der Sonne hohes Lied,
die noch in diesen Maientagen
gewiss man fröhlich scheinen sieht!

Den Dichter lasst damit in Frieden!
Denn eins mit Sicherheit er weiß:
Der Verse Eisen muss er schmieden
– wie immer kalt -, solang es heiß!

Bescheidene Palette

Bescheidene Palette2Bedächtig habe ich wie immer
den Bogen vor mich hingelegt.
Halb neun. Die Zeit, da sich ein Schimmer
von Sternen schon am Himmel regt.

Auf meinem Tisch nur, was ich brauche:
Ein Lämpchen, das sein Licht mir leiht,
und auf der Kerze dickem Bauche
das Flämmchen der Gemütlichkeit.

An Wein hab ich ‘nen trocknen Weißen
mir für heut Abend ausgeguckt.
Dazu ein bisschen was zum Beißen,
falls es den Gaumen danach juckt.

Mehr nicht. Um Bragis Kunst zu üben,
reicht dies bescheidne Drumherum.
Kein Atelier wie Kraut und Rüben,
kein Studio mit Harmonium.

Doch Strich für Strich die Worte fallen,
die in der Seele angerührt
und sich zu bunten Bildern ballen,
von keinem Rahmen eingeschnürt.

Indes im Rhythmus ihrer Füße,
der ruhig und melodisch fließt,
ein Hauch sich schon der ganzen Süße
gottseliger Musik erschließt.

Ja, so spartanisch das Ambiente,
so dionysisch oft die Kunst,
winkt doch dem lyrischen Talente
nicht nur der einen Muse Gunst.

Es muss sich keinem Zwange beugen,
der „tonig“ oder „tönend“ heißt,
kann all dies und noch mehr erzeugen
in seinem grenzenlosen Geist.

(Bisweilen, in ganz seltnen Fällen,
gelingt dies auch der Staffelei.
Wer hört ihn nicht im Raume gellen,
Munchs manisch laut gemalten „Schrei“!)

Was sehen lassen oder hören
mit Pinsel die und Notenblatt,
der Barde kann es auch beschwören
genauso klang- und farbensatt.

Doch nicht so ‘n hergelaufner kleiner –
nur ein Gigant im Dichterchor.
Der Dante, ja, das war so einer:
ein Bosch fürs Auge, Bach fürs Ohr.

Der Hölle unsägliche Qualen
so schrill und schmerzlich er beschrie,
dass selbst dem übelsten Rivalen
die Sünden man noch gern verzieh.

Des Himmels höchste Lichtgefilde
er so berauschend gar besang,
dass von dem unsagbaren Bilde
wie Offenbarung es erklang.

Ach, in so blendenden Regionen
verliern nur Große nicht die Sicht!
Ich muss indes die Augen schonen,
die nur gewöhnt an Kerzenlicht.

Kein Aufschwung, keine Wiedergabe
von letzten Dingen, kühn geschaut.
Hie Laureat, hie Waisenknabe,
der einfallslos am Griffel kaut.

Wenn aber Kräfte zu entbinden,
ein Weib uns aus dem Schlummer weckt,
dann lass, o Gott, den Rock mich finden,
in dem ‘ne Beatrice steckt!