Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Paketdienst, interaktiv

Sie scheun sich nicht, mir hochzuschleppen
ein zentnerschweres Möbelstück
drei stufenreiche Altbautreppen,
dass es den Korridor mir schmück.

Nahm jeder sich ‘nen Stapel Bretter
als Einzelteile von dem Trumm,
damit er langsam höherkletter
wie’n Kräuterweiblein schief und krumm.

Doch ließ nicht einen Seufzer hören
den dornenvollen Pfad entlang,
nicht das geringste Stocken stören
den Fuß in seinem Vorwärtsdrang.

Ein andrer will ein Päckchen bringen,
nicht schwerer als ein Zeichenblock,
den höre ich nach Atem ringen
verzweifelt schon im ersten Stock.

Doch schafft er auch die letzte Hürde
und macht mir nicht vorm Ziele schlapp,
entledigt sich der braunen Bürde –
quittieren, tschüs und schon treppab!

Das nenn ich, seine Pflicht erfüllen,
auch wenn sie einem sauer wird,
und sich in Gleichmut einzuhüllen
wie’n Ochse, der ins Joch geschirrt.

Doch gibt es da auch Zeitgenossen,
die nehmen es nicht so genau,
ersparen sich die läst’gen Sprossen
mit einem Trick, der ziemlich schlau.

„Empfänger war nicht zu erreichen –
ob ich’s auch hier abgeben kann?“
Und dienstbereit lässt sich erweichen
die Apotheke nebenan.

So hat der ausgebuffte Bruder
sich rasch von einem Gang befreit,
und ich kauf Pillen oder Puder
beim Abholn noch aus Höflichkeit.

Doch Arbeitsscheu muss hier nicht herrschen.
Der Bote jobbt gewiss mit Fleiß.
Die Crux liegt bei den Schreibtisch-Ärschen,
die machen ihm die Hölle heiß.

Befrachten ihm mit so viel Packen
tagtäglich seinen Lieferbus,
dass abends er trotz allem Placken
‘nen Rest auf morgen schieben muss.

Da braucht es Gauß nicht oder Riese,
dass man die Folgen übersieht –
‘ne ständig stärkre Absatzkrise
in seinem ganzen Fuhrgebiet.

Der Dumme, claro, ist der Kunde,
der extra in der Bude bleibt,
da an dem Tag und zu der Stunde
die Sendung kommt, wie man ihm schreibt.

Warum wir online wohl bestellen?
Wird alles an die Tür gebracht!
Es sei denn, dass in solchen Fällen
die Rechnung ohne Post gemacht.

Online-Geschäfte

Auf Werbung kann man nicht verzichten,
denn Konkurrenz, die gibt‘s zuhauf.
So lässt auch Kunden man berichten,
warum sie glücklich mit ‘nem Kauf.

Und stellt dem weitren Int’ressenten
ihr Urteil ins globale Netz,
dass dank des Lobs, des vehementen,
auch dieser die Erwerbung schätz.

Nur leider zeigt als fauler Kunde
sich mancher in ‘nem andern Sinn
und stiehlt aus der Jurorenrunde
sich mangels eigenem Gewinn.

Doch schlimmer als Politparteien,
die für ‘ne Wahl auf Stimmenfang,
mag dich die Firma nicht befreien
aus deinem schwachen Tatendrang

Und schickt, dich vorwurfsvoll zu mahnen
an dein erbetenes Retour,
‘ne neue Botschaft auf den Bahnen,
die online schon die erste fuhr.

„Auf unsre Bitte wir verweisen
zu Ihrem Kauf von dann und dann,
uns Ihre Meinung einzuspeisen,
die sehr auch andern helfen kann.

Und sollten etwa Sie vermuten,
der Aufwand sei für Sie zu groß:
Sie brauchen nur ein paar Minuten
und ein paar kurze Sätze bloß“.

Wenn so was alle Jubeljahre
mir mal ins Haus geflattert käm,
ich raufte mir drum nicht die Haare
und mir die Zeit zur Antwort nähm.

Doch will das Unglück, ich bestelle
‘ne Menge übers Internet,
das heißt, in jedem dieser Fälle
ich meinen Senf zu geben hätt.

Das würde locker sich am Ende
zu vielen Stunden aufsummiern,
und ich vertippte ganze Bände,
anstatt mein Leben zu goutiern.

Warum soll ich die Trommel rühren
für ‘nen gefräß’gen Großkonzern
und ihm noch die Geschäfte schüren
per Hymnus und Bewertungsstern?

Muss es nicht ohnehin erschrecken,
wie sehr er uns als Kunden kennt
und neue Wünsche zu erwecken,
uns ständig unsre alten nennt?

Was warn das doch für schöne Zeiten,
als sich der Bürger noch empört,
sobald er nur von Staates Seiten
das Wörtchen „registriern“ gehört!

So „gläsern“ ist er heut geworden
in unsrer digitalen Welt,
dass Handel er und Hackerhorden
kaum noch vor größre Rätsel stellt.

Sein Psychogramm „Konsumverhalten“
wird aktenkundig blitzesschnell,
wo immer sie Datei‘n verwalten
für Kunden jetzt und potenziell.

Du schämst dich, ein Kondom zu kaufen
im Supermarkt zum Ladenpreis?
Ach, online wirst Gefahr du laufen,
dass bald schon jeder Puff es weiß!

Für Waffennarren

So eilt nur, Brüder, zu den Waffen,
auch wenn zurzeit kein Streit in Sicht,
es gilt, Gewissheit sich zu schaffen,
dass notfalls dieser Joker sticht.

Und wenn gesalbt ihr sie in Händen
wie Kerzen in ‘ner Prozession,
dann spürt, wie sie euch Segen spenden
zu künft’ger Siege süßem Lohn!

Versteht sich: Nicht zu Überfällen
sei so ein Prügel rasch zur Hand;
bloß gegen solche Spießgesellen,
die gegen euch den Hahn gespannt.

Nur Notwehr darf den Abzug drücken –
nein, wartet, dieses Bild ist schief,
denn mit dem Wort auch die sich schmücken,
die gern sich wehren präventiv.

So hat zu defensiven Zwecken
der Colt auch seinen Ruf verlorn
und sollte endlich doch verrecken
als Schnapsidee, die tot geborn.

Das sehn auch die, die uns regieren,
und wärn das Teufelszeug gern los,
weshalb sie’s kräftig exportieren,
und zwar zu Friedensfürsten bloß.

Da red man nicht von schnödem Schacher!
Es geht ja auch um Wohl und Weh
der Dealer und Geschäftemacher
und ihr Verdienst ums Staatsbudget!

Indessen bleibt das Unbehagen,
dass keineswegs genug geschieht,
um diese Pest zu Grab zu tragen,
die ewig Gräber nach sich zieht.

Als ob wir nicht ein Beispiel hätten,
das mutig an die Dinge rührt –
das Warnsignal bei Zigaretten:
Genuss, der auf den Friedhof führt!

Was zeigt, dass unsrer Führungsriege
es an Entschlossenheit nicht fehlt
und sie im Anti-Tabak-Kriege
ihr Äußerstes an Mitteln wählt.

Was hindert sie, beim Waffenhandel
genauso konsequent zu sein
und ihren edlen Sinneswandel
als Warnung in die Welt zu schrein?

„Dies Schießgewehr hier zu gebrauchen,
kann Folgen haben, die fatal,
denn wenn der Lauf beginnt zu rauchen,
krepieren Menschen jedes Mal.“

Der münd’ge Bürger allerorten,
der sonst zur Flinte griff im Zorn,
er wirft bei diesen schönen Worten
sie unverzüglich wohl ins Korn.

Führungsstil

War morgens er dem Fond entstiegen,
samt Fahrer ins Büro geeilt,
ging er daran, zu überfliegen
die Presselandschaft unverweilt.

Des Globus allgemeine Lage,
das Neueste aus Stadt und Land
verband er mit der Gretchenfrage,
was über ihn geschrieben stand.

Wenn nichts: Da ist was schiefgelaufen!
Wenn Gutes: Prima, Redaktion!
Wenn Schlechtes: Die wolln wir uns kaufen –
und schon der Griff zum Telefon.

(Ich muss mal kurz ‘ne Pause machen,
weil mit ‘nem dicken Bauch von Licht
der Vollmond grad mit hundert Sachen
sich Bahn durch die Gebäude bricht.

Wie könnt dem Glanz ich widerstehen,
der jäh den halben Himmel füllt,
und weiter auf die Fläche sehen,
die weiß noch keinen Vers enthüllt?

Zwei hab ich oder drei Minuten
in seinen Anblick mich versenkt,
als sie mich mahnte, mich zu sputen,
die Muse, die den Griffel lenkt.)

Drum rasch zurück zu diesem Wesen,
dem heut ich weih mein kleines Werk –
er hatt‘ die Blätter ausgelesen
und fraß sich durch den Aktenberg.

Das war nicht seine starke Seite.
Zwar wusste er sich immer Rat,
doch zeigte schon nach Höh und Breite
sich eher als ein Mann der Tat.

Das kriegten die zuerst zu spüren,
die löschen, wenn die Hütte brennt –
ihm von der Pelle ein, zwei Türen:
die Tippse und der Referent.

Die saßen ständig wie auf Kohlen
und harrten auf des Alten Wort,
nur um sich Watschen abzuholen
für dies und das in einem fort.

(Zur Ehrenrettung muss ich sagen,
dass mancher, den er angeblafft,
kaum Schaden hat davongetragen,
weil er zum Aufstieg ihm verschafft.)

Auch seine Tür zu öffnen, schließen
wie jeder andre fiel ihm schwer –
er liebte es, hindurchzuschießen,
als ob er der Leibhaft’ge wär.

Und hat sie auf- und zugeschmissen
mit wohlgezieltem Knalleffekt,
dass noch im ruhigsten Gewissen
er ein Gefühl der Schuld erweckt.

Auch bei den ständigen Routinen
mit Leitern jeglicher Sektion
stieß meist er auf ‘ne Wand von Mienen,
versteinert vom Kommando-Ton.

Denn zwischen Äußern und Agieren
galt klitzeklein der Weg ihm nur –
wer wollt schon seinen Job riskieren,
weil an die Karre er ihm fuhr?

Er hat die Zügel straff gehalten
und fest, als ließ er nie mehr los –
zig Jahre alles stets beim Alten,
gewechselt ha’m die Pferde bloß.

Dabei ist er sich treu geblieben,
ein ungehobelter Patron,
dem Herrschen hieß, „mit steten Hieben
erstickt man jede Rebellion“.

Er blieb und blieb. Da half kein Beten.
Je länger, desto mehr erstarkt.
Doch plötzlich musst er kürzertreten.
Natur natürlich: Herzinfarkt.

Ein Autodidakt

Begeisterung war seine Stärke;
auf einmal riss die Tür er auf
und zog aus irgend’nem Vermerke
mich mitten in den Weltenlauf!

„Ich sag dir, wo sie stattgefunden,
hatt längst die Gegend in Verdacht,
der letzte Zweifel ist geschwunden,
ich weiß den Ort der Varus-Schlacht!“

Und, heureka!, im Rausch der Freude,
den ihm der Forschergeist beschert,
hat gleich er sein Beweisgebäude
vom Keller bis zum Dach erklärt.

‘ne gute halbe Stunde später
(man nimmt’s im Amt nicht so genau)
sah gleichsam ich wie unsre Väter
den alten Ostwestfalen-Gau.

Und wo der Römer Lager standen
und wie geschwind ihr Heer marschiert,
um auf dem Schlachtfeld just zu landen,
wie er sich’s da rekonstruiert.

Dann trollte er sich, der Kollege,
zurück zu seinem Kämmerlein,
ich weiß nicht, ob er auf dem Wege
woanders auch noch kehrte ein.

Begeisterung war seine Stärke.
Doch oft auch nur für kurze Zeit.
Stets ging entschlossen er zu Werke,
doch stets zum Absprung auch bereit.

So kam er wohl im Lauf der Jahre
zigmal in mein Kabuff gestürmt
und hat mir seine Wissensware
in Haufen vor den Bug getürmt.

Mal hatte er sich fest verbissen
in die Strukturen der Chemie
und gab sich völlig hingerissen
von Molekülen-Harmonie.

Mal hatt‘, o welche lyr’sche Wende!,
er sich dem Volkslied zugewandt,
dass bald davon schon viele Bände
ihm die Regale überrannt.

Es schien, als ob im Eilverfahren
er Dinge nach und nach durchlief,
die schulisch ihm entgangen waren,
weil er den Unterricht verschlief.

Und dass dem Schüler, der so träge,
als Mannsbild die Erkenntnis kam,
die einst verhasste Bildungspflege
war alles andre als infam.

(Will hier die Frage zwischenkleistern
zur Schule als Politikum:
Ist sie zu blöd, um zu begeistern,
oder erzieht bewusst sie dumm?)

Ein Spätentwickler sozusagen,
der hastig an dem Zeug gekaut,
dass es sein überreizter Magen
im besten Fall nur halb verdaut.

„Doch wenn die Kräfte auch nicht reichen“
(ein altes Sprichwort, leicht verkürzt),
so war der Wille ohnegleichen,
mit dem er sich aufs Fach gestürzt.

Hätt er ihn damals schon bewiesen,
als er die Schulbank noch gedrückt,
man hätt ihn wohl als Geistesriesen
mit manchem Lorbeer noch geschmückt.

Herr H., Akribiker

Wer als Vermessungskunst-Eleve
in den Betrieb sich je verliert,
dem liest drei Jahre lang das Breve
Kollege H., der drin versiert.

Und reicht als seiner Lehre Leiter
und Beicht’ger für Verständnisnot
ihm Stück für Stück sein Wissen weiter,
bis ihm die Feuerprobe droht.

Dabei ist er in besten Händen.
Denn H., der gern das Raubein spielt,
würd seinen „Theo“ eh’r verpfänden,
als dass er Hilfe vorenthielt.

Darunter muss die Kunst nicht leiden.
Die liebt er, wenn sie punktgenau,
Herrn Millimeter noch zu scheiden
von seiner Millimeterfrau.

Dagegen ist ja nichts zu sagen,
verbirgt sich in der Winzigkeit
die Kraft doch, Brücken selbst zu tragen
und Babeltürme unsrer Zeit!

Doch leider mit der gleichen Liebe
fürn ähnlichen Exaktheitsgrad
lustwandelt er auch im Getriebe
der Menschheit amtlich und privat.

Es geht darum, ‘ne Mail zu schicken?
Er feilt so lange am Detail,
dass, bis er wagt, sie abzunicken,
ein halber Monat schon vorbei.

Dann kriegst du endlich in ‘ner Sache,
die höchstens fürn paar Zeilen reicht,
den Weisheitsspruch des Freaks vom Fache,
der fast ‘ner Doktorarbeit gleicht.

Und musst du selbst was übermitteln,
legt er die große Elle an,
um jedes Wörtchen zu bekritteln,
das man auch anders sagen kann.

Am Inhalt würde es nichts ändern,
und hat nicht jeder seinen Stil?
Doch scheint’s, die Angst vor weißen Rändern
führt magisch ihm den roten Kiel.

Die Fahne, die vorweg ihm flattert
als seiner Streitbarkeit Panier,
ist die des Druckers, die nicht knattert
und so geduldig wie Papier.

Sollt ich erraten, wo die Lehre
er selber einmal absolviert,
ich gäb Herrn Beckmesser die Ehre,
der selbst den Punkt noch präzisiert.

Doch führt er Böses nicht im Schilde
trotz seines herrschaftlichen Lauts –
er bleibt mir jederzeit der milde
und komisch angehauchte Kauz.

Fürn Wunder kann ich das nicht halten,
selbst da nicht, wo man Erbsen zählt –
die Ämter wimmeln von Gestalten,
die sichtlich den Beruf verfehlt.

Der Gourmet

Vielleicht hätt Koch er werden sollen,
denn nicht ein einz’ger Tag vergeht,
an dem er nicht mit Augenrollen
ins Schwärmen vor Genuss gerät.

Doch hat es ihn ins Amt verschlagen,
wo eher Akten man goutiert
und einem so sensiblen Magen
gezählte Erbsen nicht püriert.

Ob grade das ihn erst bewogen,
der Kost nie an Kantinen maß,
dass innerlich er fortgezogen
und ins Schlaraffenland sich fraß?

Ich weiß es nicht. Und auch er selber
den Kopf sich drüber nicht zerbricht.
Denkt nur an Schweine, Kühe, Kälber
und an sein nächstes Leibgericht.

Doch hoppla: Nicht nach Mütterweise
als Hausmannskost der schlichten Art –
er tafelt wie im Götterkreise
ambrosisch immer und apart.

Dazu hat er auf vielen Fahrten,
die um den Globus ihn geführt,
dem schönen Paradiesesgarten
der Gaumenfreuden nachgespürt.

Nenn ein Ragout ihm, einen Braten,
der auf der Zunge dir zerfloss,
er wird ‘ne Anschrift dir verraten,
wo er ihn feiner noch genoss.

Hors d’œuvres, Haupt- und Nebengänge
hat er wo immer auch probiert,
die Karten in der ganzen Länge
bis zum Erbrechen durchstudiert.

Den Sinn für Flüssiges verloren?
Schlürft er zum Hummer grünen Tee?
Als Schlemmer nun einmal geboren,
ist er nicht wen’ger Sommelier!

Nicht nur, dass er ‘nen guten Tropfen
bis hin zur Spitzenlage schätzt,
er schilt auch, dass als Flaschenpfropfen
den Korken man durch Blech ersetzt.

Sollten wir Connaisseur ihn nennen?
Er störte sich nicht an dem Wort –
glaubt jedes Weinchen zu erkennen
nach Sorte, Jahrgang und so fort.

Kollegen auf ‘ne Probe drängen.
Daneben! Er von dannen schleicht.
Ach, manche Trauben höher hängen,
als dass sie selbst ein Fuchs erreicht!

Kollege Perfekt

Würd er mit Leistung überzeugen,
man nähm es ihm gewiss nicht krumm
und ließ ihn weiter sich verbeugen
vorm eigenen Ingenium.

So lagen reihenweise Fächer
in manchem Hörsaal und Kolleg,
versteht sich: stärker oder schwächer
auf seinem breiten Studienweg.

Den Rechten galt sein Hauptint’resse,
auf ihren Fersen Medizin,
und, „last not least“, der Tagespresse,
in deren Dunstkreis er nun dien.

Empfehlungen der besten Sorte,
wenn die Erwartung sie erfülln
und nach dem hochgestochnen Worte
das Siegel ihrer Tat enthülln.

Doch bei dem Worte ist’s geblieben,
das ihm schon immer locker saß –
was auch gedacht er und geschrieben,
es krebste unterm Mittelmaß.

Und umso krasser klingt den Ohren
sein selbstgefäll’ges Eigenlob,
er sei für seinen Job geboren
wie für die Fabel ein Äsop.

Da lässt er sich nicht irremachen
an seiner heilen Schnuller-Welt,
dass selbst, wenn andre ihn verlachen,
er’s seinem Lalln zugutehält.

Selbst wenn ‘ne Klatsche er erlitten,
bekam er nie ‘nen größren Schock,
hat stets die eigne Schuld bestritten
und schob sie auf ‘nen Sündenbock.

Bescheiden nur in einem Punkte
und da auch eitel nur gestellt,
wenn er erzählt, wie oft es funkte
für ihn schon in der Damenwelt.

Beneidenswert, dies Selbstvertrauen
auf dem Gewölk der Eitelkeit –
die Zeit verlangt heut solche Schlauen
im Nadelstreifen-Narrenkleid.

Und sie belohnt die Schwadroneure
mit bunten Perlen, aufgeschnürt,
wie einst die Sklaven-Spediteure
sie in die Südsee mitgeführt.

Seht im Pullover ihn posieren
von Wolle, die unendlich fein,
die kann kein Schaf hier produzieren,
muss von der Kaschmir-Ziege sein!

Und auch die Uhr, die ihm gediegen
und glänzend aus dem Ärmel sticht,
ist nicht im Supermarkt zu kriegen
und auch für wenig Kröten nicht.

Wie Orden oder Wehrgehänge
sich einst der Dünkel vorgeschnallt,
zeigt so der mittelmäß’gen Menge
er sein horrendes Dienstgehalt.

Ach, zwecklos ist es zu verweilen
bei einem in dem Gnadenstand,
der, so viel Lose ihn ereilen,
doch niemals eine Niete fand.

Warum mich also weiter plagen
mit meiner eitlen Reimerei?
Ich hör ihn ohnehin schon sagen,
wie gut dies Lob gelungen sei.

Holzköpfe

Man sollt es nicht für möglich halten
und ist doch bitterlich verbürgt –
der Mensch in seinem Erdenwalten
hat schon den halben Wald erwürgt.

Die himmelstürmenden Giganten,
die ihm doch niemals feindlich warn,
im Feuer seiner Rodung brannten,
um noch mehr Kohle einzufahrn.

War’s nicht genug, ihn umzuhauen
für Bauten, Möbel und Papier
und auch schon dabei zuzuschauen,
wie rasch ihm schrumpfte das Revier?

Jetzt nimmt man statt mit Axt und Säge
ihn mit der Flamme ins Gebet,
dass man in Schutt und Asche lege,
was mehr Profit im Wege steht.

So muss er täglich Federn lassen
und macht stupiden Feldern Platz,
auf die Millionen Pflanzen passen,
die besser für die Mäusehatz.

Denn jede der beschlipsten Kröten
auf ihrer schleim’gen Lebensfahrt
frisst mehr als ihrem Maul vonnöten
an Zukunft von der Gegenwart.

Als wär’s ein Niemand, den man schändet,
ein halbverdorrter Wüstenstrauch,
und nicht der Urgrund, der uns spendet
den ewig nöt’gen Lebenshauch!

Da baggern sie, die Profiteure,
nach immer neuem Geld und Gut
und knicken Gummibaum und Föhre
gemäß „Nach uns die Sündenflut!“

Wenn einmal diese trüben Tassen
verpieseln sich vom Erdenrund,
dann werden schlimmer sie’s verlassen,
als sie’s beschrien mit Baby-Mund.

Die Staaten aber und Kartelle,
die um die Welt sich schern ‘nen Dreck?
Auch ihnen schwimmen mal die Felle
mit dem erwürgten Walde weg.

Der Mensch indes, liegt in Ruinen
sein ehemals so prächt‘ges Haus,
er baut womöglich sich Maschinen
und reißt woanders Bäume aus!

Macht was her

Er pflegt Kontakt zu höchsten Kreisen.
Man setzt ihn nirgends vor die Tür.
Muss seine Würde nicht beweisen –
sein bloßer Name bürgt dafür.

Er fühlt sich wohl in seiner Rolle.
Er liebt es, wenn man ihn hofiert,
liebt Sitzungen und Protokolle,
in denen man ihn oft zitiert.

Wie majestätisch kann er schreiten,
wie kühn reckt er sein Haupt empor
und schaut prophetisch in die Weiten
wie kaum ein Seher je zuvor!

So sticht er glücklich aus der Menge,
die fast ihn übersehen hätt,
und macht das Manko seiner Länge
mit ausgeprägten Gesten wett.

Und auch mit seiner Wunderwaffe,
dem Füller mit dem prallen Lauf –
sei’s Unterschrift, sei es Paraphe,
mit goldner Tinte trägt er auf!

Versteht sich, dass er seine Leute
mit väterlicher Strenge führt –
zwar spricht er nicht von Hundemeute,
doch mag’s, wenn er Gehorsam spürt.

Das gilt auch fürs Familienleben,
Verhalten: Pascha oder Pfau,
dem Junior manchmal eine kleben,
den Marsch mal blasen seiner Frau.

Mehr kann man praktisch nicht erreichen,
das Schicksal hat es gut gemeint,
und wird er einst vom Acker schleichen,
wird er im Kirchenblatt beweint.

Da kann man eigentlich nur hoffen,
dass auch noch dies ihm zuerkannt:
Der einz’ge Wunsch, der ihm noch offen –
ein Stückchen Blech am Ordensband.

Er bräucht nur einen Wegbereiter,
der für die Ehre ihn benennt:
„Verdienst“, „Gemeinwohl“ usw. –
als Dackelzüchter-Präsident.