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Fehlschlüsse

fehlschuesse-wilhelm-buschHat man nicht sogar Poe gescholten
und seine Verse parodiert,
mit Hohngelächter ihm vergolten,
was genial er generiert?

Der Rezensent: Unfehlbar Wesen,
sofern ex cathedra er spricht,
beschrieben nicht, doch wohl belesen,
hält als Gottvater er Gericht.

Es ist kein Künstler so vollkommen,
dass er ’nen Kritiker nicht fänd,
der ihm verschwiemelt und verschwommen
die Kinken seiner Schöpfung nennt.

Vor den gestrengen Kennermienen
hält schwerlich nur ein Oeuvre Stand,
die besten selbst, die Ruhm verdienen,
sie werden schmählich oft verkannt.

Der Schwan von Avon, ohnegleichen
in seinem göttlichen Gesang,
man ließ ihn lang vom Spielplan streichen,
weil er missfiel dem Kritteldrang.

Doch wenn sie sich mal überschlagen
ist höchste Vorsicht auch am Platz.
Sie hudeln mit gefülltem Magen,
bei Kuchen aus dem Kaffeesatz.

„Ein neuer Stern ist aufgegangen,
Komet am Dichterfirmament –
wann je so magisch Verse klangen,
wie man’s nur von George kennt?“

Das riecht nach ‘ner banalen Seele
und schillernd aufgeschlagnem Schaum:
Dass ihre Leere sie verhehle,
gibt Seifenblasen sie viel Raum.

(Das süße Nichts verkauft sich besser
als eine Wahrheit von Gewicht –
der Kritiker als guter Esser
verschmäht auch diese Weisheit nicht.)

Ist man nicht selbst darauf verfallen,
verspottet man Kolumbus’ Ei
und schwört bei allen Musen, allen,
dass solche Kunst gewöhnlich sei.

Allein, was hab ich schon zu maulen?
Zerpflückt mich denn so’n Malefiz?
Ich könnt im Winkel hier verfaulen
und niemand nähm davon Notiz.

Ich Glückspilz: Alle überflügelt!
O wie beredt dies Schweigen spricht!
Ein Benn, ein Byron abgebügelt –
nur meine Wenigkeit noch nicht!

Kreuzfahrt zu Lande

kreuzfahrtDaheim, daheim von großer Fahrt.
Europa halb durchquert.
An Kunst und Kirchen nicht gespart.
Und sonst auch wohlgenährt.

O Málaga, o Altstadtgassen,
so klein, um Tapas grad zu fassen!
Dafür der Hafen, weit und leer,
ein gier’ger Mund zum Meer!

Komm, lass uns nach Comares steigen,
ich will dir einen Friedhof zeigen,
der alles überragt!
Wir klimmen Richtung Hügelspitze
im Würgegriff der Mittagshitze
durchs Dörfchen unverzagt.

Verwinkelung in Weiß
und Blumen überall.
Am Ende unsrer Reis‘
ein christliches Walhall.

Der Toten trister Taubenschlag
mit herrlich weiter Sicht.
Zementgeviert statt Sarkophag
und Plastik-Rosen schlicht.

Doch wo die Menschen noch am Leben,
sich aus den Gartenbüschen heben
die frischen Blüten bunt,
da in der heilgen Höh hienieden
haucht Gottes Nähe Gottesfrieden
schon vor der letzten Stund.

Nach Frigiliana also dann,
da gibt’s ‘nen süßen Roten.
Ein Lädchen unser Aug gewann,
so recht, ihn auszuloten.

Da reichte man uns zu den Trauben
ein Heilandsbildchen als Geschenk,
wohl auch, an seine Kraft zu glauben,
des Herrenblutes eingedenk.

Doch wurde, Gott zu loben,
je prächtiger gebaut,
als was wir, fest verwoben,
in Córdoba geschaut?

Unlöslich eins ins andere verschlungen,
zu einem Leib verschmolzen, einem Stein:
Moschee und Kirche. Um mit gleichen Zungen
zu einem Herrgott aufzuschrein.

Was hältst, Granada, du dagegen?
Wie schlägst du Reisende in Bann?
Mit einer Burg, am Hang gelegen,
die sich ein Sultan einst ersann.

Sich wuchernd wiederholende Strukturen,
die kristallinisch alles überziehn
zum Tanz von Arabesken und Figuren
in Stuck erstarrter Harmonien!

Und überall ist Allahs Name
in dies Gewirr von Linien gesät,
so wie wer seiner Herzensdame
in spröder Rinde seine Glut gesteht.

Wie mag’s im Sommer hier wohl gleißen
bei gut und gerne dreißig Grad!
„Ich will nicht, Ullah!, Sultan heißen,
wüsst ich nicht dafür mir auch Rat.

Nur einen Katzensprung von dieser Stelle
baut mir ein schattiges Asyl!
Lasst Thujahecken wehrn der Helle
und Wasser rieseln klar und kühl!“

Alhambra und Generalife –
wie Wünsche, die ein Dschinn erfüllt
dem Herrscher ungesäumt,
da unten in des Tales Tiefe
in Dorn und Dickicht eingehüllt
die Stadt von Freiheit träumt.

Doch triumphal Toledo thront
hoch über Schluchten, die der Fluss sich gräbt,
auf einem Gipfel, den kein Wind verschont,
wenn im Gewitter er erbebt.

So furchtlos wie ein Kirchenmann,
der fest im Glauben ruht.
Die Kathedrale zeigt es an:
Man ist in Gottes Hut.

(Da baumeln Kappen von der Decke,
die Kardinäle einst geschmückt,
die jetzt wo in ‘ner dunklen Ecke
der ird’schen Eitelkeit entrückt.)

Ach, wie vergänglich, wie morbid
der Glanz auch weltlichen Geprägs,
der nach Aránjuez uns zieht,
die nach Madrid wir unterwegs!

Was für ‘ne Pracht erlesener Substanzen,
die mehr durch Fülle glänzen denn Geschmack,
Akanthusblätter nur als Zimmerpflanzen,
als Gärtner nur Lakai’n im Frack!

Man sieht, was gut und teuer ist,
den ganzen Prunk der Zeit
und desto deutlicher vermisst
‘nen Schuss Gemütlichkeit.

Vielleicht im Park bei den Fontänen,
wenn schon die Tageshitze weicht
und alle sich nach Schatten sehnen,
die kühlen Statuen selbst vielleicht?

Und dann Madrid: viril, urban,
dynamisch, quirlig und spontan,
rein nichts von Dorfidylle!
Im roten Doppeldeckerbus
zwei Stunden Rundfahrthochgenuss,
Madrid in seiner Fülle!

Am Abend diese Tapas-Bar,
die voll und voll gemütlich war,
am Straßenlärm gemessen.
Bei Schinken, Wurst und „San Miguel“
verging die Zeit uns furchtbar schnell –
doch seht, nicht unvergessen.

Man muss nach so viel City-Leben
auch der Provinz ’ne Chance geben,
dass man den Geist entspann.
So trieben uns die Ruhgelüste
direkt an die Atlantik-Küste
nach San Sebastián.

Scheint nicht der Strand wie’n goldner Reifen
um dieses Blau der Bucht zu schweifen,
ein Diadem aus Staub?
Und jene Villen auf dem Hange,
sind sie nicht Fibel ihm und Spange,
dass Neptun ihn nicht raub?

Doch wie hilft mir die Fantasie,
die Landes euch zu schildern?
So viele Kiefern sah ich nie
am Wegesrande wildern!

Wohin ich auch mein Auge warf,
es mit Natur zu nähren,
es deckte seinen Bildbedarf
allein mit Koniferen.

Mehr hab ich hier als Tour-Rapport
zu bieten nicht und beichten;
es lief so monoton ja fort,
bis wir Bordeaux erreichten.

Da ging es nicht so bräsig her
wie auf dem platten Lande,
die Stadt ein einzges Menschenmeer,
„Bonheur“ als Konterbande.

Was ist das für ein Trubel dort,
da bei der hohen Säule?
Man hört ja nicht sein eignes Wort,
Pardon, bei dem Geheule!

Zum Glück sind sie in Stein erstarrt,
die braven Girondisten,
die in des Rummels Gegenwart
ihr stilles Dasein fristen.

Mann, siehst du auch, was ich da seh?
Das scheint mir optimal:
Ein Riesenrad. Und mit ’nem Dreh –
Sightseeing vertikal!

Wie einer Braue sanfter Schwung
legt dunkel sich und matt
der Fluss in dieser Dämmerung
um die entflammte Stadt.

Wir sehen rechts die Brücke noch,
die wuchtig ihn durchquert,
dann stürzt die Gondel in ein Loch.
Wir landen unversehrt.

Nicht lange, und wir brachen auf,
geweckt vom gall’schen Hahn.
Die Kassen nahmen wir in Kauf
auf flotter Autobahn.

O Frankreich, das du groß an Geist
wie auch an Fläche bist –
wir haben zügig dich durchreist
in Ein-, Zweitagesfrist!

Hier gab die Loire uns das Geleit:
Parks und Paläste pur;
da dehnte öde sich und weit
der Somme blut‘ge Flur.

Noch leidlich hoch die Sonne stand
am Wolkenfirmament,
als Namen man auf Schildern fand
wie Kortrijk, Luik und Gent.

Da hatten wir’s zu guter Letzt
ins Flandrische gebracht,
nicht müde und nicht abgehetzt,
doch grad noch vor der Nacht.

O Brügge, wo des Flamen Seele
in Stein sich offenbart,
wo Giebel, Gassen und Kanäle
nach alter Meister Art!

Des Mittelalters kleine Welt
in Flair noch und Gestalt:
Ein Belfried, der den Tag „verbellt“,
ein Pflaster, das noch hallt

Vom Hufschlag flinker Pferde,
die der Verkehr nicht schert,
Besuch der ganzen Erde
im offenen Gefährt.

Die Zeit scheint stillzustehen
an dem verwunschnen Ort –
doch was wir auch gesehen,
es war nicht Bruges-la-Morte!

Jetzt erst mal Impressionen
von solchem Schlag entbehrn.
Doch glaub ich, dass Äonen
von diesen wir noch zehrn.

Fest verwurzelt

fest-verwurzeltDer Ort, an dem ich meine Reime
mit spitzer Mine niederkratz,
dient mir seit Olim schon zum Heime,
zum Wigwam und zum Weideplatz.

Zwar hat er mich nicht unter Qualen
auf diese Erde ausgepresst,
weil südlich lagen, in Westfalen
die Windeln für mein Wiegenfest.

Doch ist er mir so lieb geworden,
wie’s nur die Kinderstube war,
die nach der Nordsee und dem Norden
die erste Sehnsucht mir gebar.

Ich weiß nicht, wie viel sel’ge Stunden
an dieser Stätte ich verbracht,
wo glücklich alles ich gefunden,
was lebenswert das Leben macht.

Nur dass die Zeit mir rasch zerronnen
und hoch der Hügel sich erhebt,
der meines Gestern Weh und Wonnen
für ewig unter sich begräbt.

So warfen einst ja diese Wände
auch meiner Liebsten Laut zurück,
bevor nach ihr gestreckt die Hände
der Schnitter, dass er früh sie pflück.

Was für ein Fall aus allen Träumen,
was für ein Sturz in Einsamkeit!
So haus ich unter Straßenbäumen
als Klausner quasi seit der Zeit.

Da soll man nicht ins Grübeln kommen,
das Fantasieren nicht in Schwung?
Aus jedem Winkel weht verschwommen,
aus jedem Ding Erinnerung!

So hab ich’s lange ausgehalten,
die besten Jahre hier verlebt,
bis mir das Alter heimlich Falten
samt einem Bäuchlein angeklebt.

Die dreißig eben überschritten,
bezog als Jüngling ich Quartier –
demnächst muss ich zum Umtrunk bitten,
den auf die Rente ich spendier.

Bin zum Nomaden nicht geboren,
der unstet durch die Lande zieht,
ein Schäfchen eh’r, das ungeschoren
im Dämmer seines Schuppens kniet.

Soll ich zum Schluss noch aufbegehren,
gewaltsam mich vom Fleck befrein,
vom harten Brot des Wandels zehren –
um anderswo allein zu sein?

Dies Dornenschloss mag mich umfangen,
und wenn ich hier vergehen müsst –
wo fänd ich jetzt noch Liebverlangen,
das mich aus meiner Ruhe küsst?

Erwachen

erwachenHilft alles nichts, wird Zeit sich zu erheben.
Pitsch, patsch, mit Wasser sich den Dööts beleben.
Die Stoppeln sich vom Kinn rasiern.
Das Radio volle Pulle: Nachbarn nerven.
’nen flücht’gen Blick ins Morgenblättchen werfen.
’ne Stulle sich zum Frühstück schmiern.

Beug, streck – Gymnastik volle fünf Minuten.
Dann schnell zum Klo, es gilt schon sich zu sputen.
Geduscht – und die Klamotten an.
Fehlt selbstverständlich noch das Zähneputzen
(bloß jetzt mit Pasta nicht das Kinn beschmutzen!)
und husch, husch kommt das Kämmen dran.

Den Spiegel an der Wand befragt, den großen,
beruhigt dann die Haustür aufgestoßen
und Richtung Arbeitsplatz marschiert.
Die Steine, Steine immer nur die gleichen,
die Stein um Stein mir unterm Tritte weichen
als kleines steinernes Geviert.

Auch sie kenn ich schon längst, die Hausfassaden,
die stoisch ihre Stirn im Winde baden,
der kühl sie morgens noch umfährt.
Hier nur noch diese Kreuzung überqueren,
der Grünpfeil-Rechtsabbieger mich erwehren –
und da die Klitsche, die mich nährt!

PC anschmeißen, Outlook, E-Mail sichten
und lesend langsam ihre Reihen lichten
und notfalls Antwort gleich erteiln.
Kalender öffnen und Termine kucken,
Papier nachfülln, um gleich mal auszudrucken
des Arbeitstages erste Zeiln.

Dann Aug in Aug mit wem Gespräche führen
und Ohr an Ohr mit Hörer und Gebühren,
Notizen machen nebenbei.
Sich hin und wieder einen Kaffee kochen,
Geschreibsel für die Akte heften, lochen,
sofern nicht speichern als Datei.

Gelegentlich in eine Sitzung rennen,
wo kuchenrund die kleinen Lichter brennen,
um einen Riesentisch verteilt –
die reihum alle sich gewaltig blähen,
um ihre Petitessen rauszukrähen,
da kopfschüttelnd die Zeit enteilt!

Nach ungezählten Worten und Vermerken
begehrt der Magen plötzlich sich zu stärken,
und sei es mit Kantinenkost.
Und durch ein Meer von flücht’gen Mahlzeit-Grüßen
schwirrt man auf appetitbeschwingten Füßen
zu Pfanne, Topf und Bratenrost.

Nachmittags dann noch mal die gleiche Leier,
sofern nicht irgendeine fäll’ge Feier
zu Glückwunsch und ‘nem Schwätzchen lädt.
So gegen fünf den Rechner runterfahren,
Persönliches im Schreibtisch aufbewahren,
den Schlüssel zweimal umgedreht.

Dann nur noch Schrank auf, Sakko überstreifen.
Schon auf der Schwelle: letztes Blickeschweifen,
ob alles richtig aus und zu.
Den Fahrstuhl holen und sich runterrempeln,
um an der Uhr sich glücklich auszustempeln.
Das war’s für heute wieder, puh!

Und wieder längs an diesen Hausfassaden
mit gleichen, aber gegenläuf’gen Waden –
derselbe Fuß, derselbe Schritt.
Dieselben Steine, die am Boden lungern,
nach Leder, Hackenschweiß und Gummi hungern,
dieselben Steine schlurfen mit.

Dann Haustür öffnen und den Kasten leeren:
Reklame, Rechnung, Benefiz-Begehren –
kein rosiges Billet d’amour.
Die Treppe rauf bis in den Dritten steigen,
um mich privat nunmehr als Mensch zu zeigen
und Nachbar auf demselben Flur.

Doch kaum kann ich so weit die Kurve kriegen
und komm auf meine Bärenhaut zu liegen,
scheucht mich die Nacht ins Federland.
Die aber rast dahin mit hundert Sachen,
lässt mich entschlummern, träumen und erwachen:
Schon greift zum Wecker meine Hand…

Fahnenflucht

fahnenfluechtigDas Fahnenduo auf dem Dache
hängt schlaff herunter Seit an Seit;
kein Lüftchen weht, dass es entfache
des Tuchs textile Wendigkeit.

Noch breitet klar sich vor den Augen
der Himmel mit gedämpftem Grau,
die rosa Reste abzusaugen
von Helios‘ großer Abschiedsschau.

Nur wo der Mond mit trüber Miene
die Sichel durch die Dünste zieht,
blitzt, wie wenn’s davon widerschiene,
ein Licht, das einem Stern entflieht.

Die Nacht liegt leise auf der Lauer
und schiebt sich unaufhaltsam vor –
was hilft’s, dass ich im Winkel kauer,
sie packt mich dennoch gleich beim Ohr!

Dann reißt der letzte lichte Faden
und alles taucht ins Dunkel ein;
nur hier und da in den Fassaden
verharrt ein schwacher Lampenschein.

Dann sind die Fahnen auch verschwunden
wie ausgerupft mit Stumpf und Stiel
und erst einmal der Pflicht entbunden,
zu präsentiern ihr Farbenspiel.

Sie werden meinen Blicken fehlen,
denn immer, wenn ich mal verschnauf
vom Wort- und Reim- und Rhythmuswählen,
schau sinnend ich zu ihnen auf.

Ob sie vielleicht mich inspirieren
durch ihre bloße Gegenwart?
Gar weil auch sie symbolisieren
auf ihre eigne stumme Art?

Nicht Laute brauchen sie und Lettern
und teilen sich doch ständig mit:
Hier Hamburg, trotzend allen Wettern,
und hier der Bund im gleichen Schnitt.

Die Farben und die Muster reichen,
um ihre Botschaft zu erklärn:
Wir wehen hier als Hoheitszeichen,
den Ruhm des Landes zu vermehrn.

Was sollte der Poet draus lernen?
Um was zu sagen, braucht’s nicht viel.
Barockes Beiwerk stets entfernen.
Der Mensch (Buffon!) ist wie sein Stil.

Keine Theodizee

keine-theodizee-milletIch weiß nicht, wie es andre halten,
die sich Apollos Kunst geweiht,
ob sie genießend sie entfalten,
ob lieber mit Enthaltsamkeit.

Mir läuft am raschesten die Feder
im starken Sog der Fantasie,
wenn auf dem Küchentisch-Katheder
ein kleiner Trunk ihr Flügel lieh.

Auch etwas Beiwerk kann nicht schaden,
wie die Erfahrung mich gelehrt –
Oliven, Käse, Weißbrotfladen
haben sich bestens schon bewährt.

Die Gaumenfreuden, die sie schenken,
erwecken wohl des Geistes Neid –
sich nach den seinen zu verrenken,
scheint desto eher er bereit.

In diesem seligen Ambiente
erblickt mein Vers das Licht der Welt.
Ganz heidnisch. Ohne Sakramente.
Direkt ins Paradies gestellt.

So wäre, Leser, denn mein Glück vollkommen
im heitren Wandel eines Epikur –
so wie den gläubig Wissenden, den Frommen
nichts wirft aus seiner Seelenfriedensspur?

Ach, wenn ich reimend so an Wunden rühre
und diesen Jammerleib der Welt beklag,
dann, glaubt mir, dass ich die Gourmet-Allüre
mir stehnden Fußes aus dem Kopfe schlag!

Wie billig ist’s, das Elend zu beschreien,
sitzt man mit vollen Backen weit vom Schuss –
um ihm von fern sein Mitgefühl zu weihen,
doch nicht ein Krümelchen vom Überfluss.

Als gnäd’ges Schicksal kann ich es nur werten,
dass meine Mittel mich so leidlich nährn
und nicht einmal des Euphrat Göttergärten
als goldner Aufenthalt mir lieber wärn.

Doch mag des Denkerfürsten Ruhm erschallen,
wo tauben Herzen er die Zeit vertreibt:
Die Welt ist, ach, die beste nicht von allen,
nicht einmal gut, Monsieur Hochwohlbeleibt!

Da ich zum Platzen mir die Plautze stopfe,
so blind genießend und karzinogen,
zehrn wohl Millionen nur aus einem Topfe,
den sie nie fettig und nie voll gesehn.

Ich werd darum nicht Kohldampf schieben müssen,
das füllte keinem Hungernden den Bauch.
Geb lieber ihm was ab von den Genüssen,
dann steht er etwas wen’ger auf dem Schlauch.

Doch aller Satten Gabe würd’s bedürfen –
die meisten aber halten zu den Sack.
Drum werd ich weiter dichten. Weiter schlürfen.
Und weiter mit ’nem bittren Beigeschmack.

Früh verdunkelt

frueh-verdunkeltSchon gehn die Tage zügiger zur Neige,
ergeben früher sich der Dämmerung.
Der Nacht gebieterisches „Schlaf und schweige!“,
es liegt halb zehn schon wieder auf dem Sprung.

Noch kürzlich zeigten hell sich die Fassaden
der Häuser drüben um die gleiche Uhr,
die nun verschämt schon ihre Ziegel baden
im Dunkel der erschlaffenden Natur.

Und meine Klause, die in vollem Lichte
den alten Möbelstücken Glanz verlieh,
verdüstert sich, als wär’s zum Weltgerichte,
klingt neun Mal erst die Kuckucksmelodie.

Der Kühlschrank mit den schneeig weißen Wänden,
ein Block, wie aus poliertem Firn gehaun,
steht hoch schon über seinen steifen Lenden
in Schatten, die sich mählich höher staun.

Auch ihn, den Vorhang mit den aufgedruckten
Silhouetten von Henne und von Hahn,
die rabenschwarzen Mäuler schon verschluckten
bis fast ans Ende seiner ausgerollten Bahn.

Der Kaktus ebenfalls in Nichts zerflossen
samt seinem stopp’ligen Dreitagebart!
Wo er gewurzelt, mäßig aufgeschossen,
hat nur die Furcht vor Stichen sich bewahrt.

Und wie ein Spuk in nachtverlassner Heide,
des Wanderers beklommnes Herz zu narrn,
scheint reglos nahezu und weich wie Seide
die Heizungsflamme in den Raum zu starrn.

Doch da ins Dunkel alle sie enteilen,
die tausend Dinge meiner kleinen Welt,
erglänzen umso heller diese Zeilen,
auf die des Lämpchens trauter Kegel fällt.

O hauche, Schimmer, ihnen deine Seele,
des Lichtes fleckenlose Tugend ein,
dass ihnen Klarheit nicht noch Wärme fehle
noch eines glüh’nden Herzens Feuerschein!

Und lass sie, die von Finsternis umgeben,
die täglich gegen meine Mauern rennt,
wie ein Fanal dagegen sich erheben,
das weithin leuchtend für die Musen brennt!

Bestiarium, kulinarisch

bestiarium-kulinarisch-rembrandtBegrüßt sei, Leserin, auf dieser Seite,
sie freut sich herzlich über den Besuch,
zumal du ja schon ’ne gewisse Weite
damit erreicht in diesem Liederbuch.

(Ich will mich lieber gar nicht lange fragen,
ob nicht vielmehr der Zufall dich geführt
und dieses Blatt gezielt du aufgeschlagen,
nachdem du andre gar nicht erst berührt.)

Anscheinend hat es also dir gefallen,
was du an Versen unterwegs gewahrt,
dass deine Augen willens fortzuwallen
auf ihrer apollin’schen Pilgerfahrt.

Da du schon eine lange Wegesstrecke
hast mit Bravour bewältigt bis hierher,
verweil ein wenig doch an diesem Flecke –
zu Rast und leichter Geisteskost Verzehr.

Will dir hier nicht den del’schen Taucher spielen
und gründeln in der Weisheit Tiefenschicht –
begnügen mich mit erdennäh’ren Zielen,
aus denen auch der Schalk im Nacken spricht.

Lass mich, um dir mit heiteren Gedanken
die kleine Abschaltpause auszufülln,
mit ein paar Schnacks von Backen und von Banken
den Acker deiner Fantasie begülln.

Wie glücklich war die Hummerdame
im kühlen Kosmos ihrer Flut,
bis Fischerlist sie, o infame,
in siedend heiße Kessel lud!

Noch unlängst schwamm im Meer, im Gelben,
ein Thunfisch voller Energie.
Jetzt dient er ferne von demselben
in Osaka als Sashimi.

Auch seine Häscher waren schneller,
für immer sein Gequak erlosch:
Zerstückelt gliedert er den Teller,
der unerlöste Prinz – der Frosch.

Die Kröten-Seniorengruppe,
die gerne auf ihr Alter pocht,
sie wurd zur Lady-Curzon-Suppe
noch vor dem Hundertsten verkocht.

Da schau wer diese Turteltauben,
das schnäbelt sich nach Menschenart!
Na wartet! Schluss mit Küsserauben,
wenn über Flammen ihr erst gart!

Den Weckruf, Gockel, kanns vergessen
und auch den Kamm, der öfter schwillt!
Man hat auch so dich gern zum Fressen –
als Hähnchen, das selbst halb was gilt!

Und unsre Puszta-Bekassine,
die doch auf Vorsicht stets bedacht?
Ein Meisterschuss. In die Terrine.
HEUT GALA-JAGDSOUPER UM ACHT.

Ein Ferkel schnappt nach Mutters Zitze,
dass saugend Sättigung ihm werd.
Doch in des Mehls gemeiner Schwitze
brät’s früh vollendet auf dem Herd.

Der Pfau auch, der mit kühnem Schwunge
sein stolzes Rad uns präsentiert,
was nützt ihm seine schrille Zunge,
wenn ‘nen Gourmet sie int’ressiert?

Ein Lämmchen, grade erst geboren
und noch zu nackt, um es zu schern,
muss dennoch schon im Topfe schmoren
an Kümmel und Wacholderbeern.

Mit zartem Fuße die Savanne
betupfte das Gazellenkitz,
das nun in der Etoscha-Pfanne
zerschmurgeln muss bei Oberhitz.

Kaninchen mümmelten noch eben
ihr Feldgemüs in aller Ruh,
um jetzt ’ne Karte zu beleben
als Hasenpfeffer-Wildragout.

Die neulich noch in ihrem Koben
behaglich aufgegrunzt, die Sau,
lässt sich als Kotelett nun loben
von einer drallen Fleischersfrau.

Auf fetter Weide sah man grasen
ein Holstein-Rind gesund und heil,
da kam, um Kuhtod ihm zu blasen,
der Schlächter mit dem Hackebeil.

Der Ruhe freudig sah entgegen
ein Gaul nach langer Plackerei,
doch man entschied der Kohle wegen,
dass „Maxe“ zu verwursten sei.

Selbst Äffchen, ähnlich jenem Wesen,
das seines Schöpfers Ebenbild,
sind örtlich dazu auserlesen,
dass Hunger man an ihnen stillt.

Dies also, Leserin, dich zu erheitern.
Ich hoff, das Intermezzo dir gefiel.
Gelöst geh zu den Versen nun, den weitern,
die wieder ernst in Anspruch und in Stil.

Wie? Meine Meinung kannst du gar nicht teilen?
Die Pause bot kein muntres Possenspiel?
Ich hieß dich nur, in Muße zu verweilen
als ahnungsloses Propagandaziel?

Sehr wohl. Doch tu ich nur, was andre machen.
Verhöhn die Opfer unsrer Esskultur:
Die Werbung lässt die armen Kühe lachen,
schickt Schweine grinsend auf die Tötetour.

Der Teller, den wir täglich leeren:
Ein Golgatha aus Tiergebein.
Wann wird der Mensch sich menschlich nähren –
so wie der Ochse und das Schwein?

Der unbekannten Leserin

der-unbekannten-leserin-picassoIhr kennt mich schon, ihr zwei, drei Leser,
und meine Klaue, Stil genannt,
wisst, dass Murano mir durch Gläser,
Burgund durch Flaschen wohlbekannt.

Euch ist die Küche nicht verborgen,
die zum Parnass ich mir erwählt,
Apolls Geschäfte zu besorgen,
bei denen nur der Wohlklang zählt.

Und was ich an Gedanken hege,
gesteh ich euch ja frank und frei:
der Seele wundersame Wege
durch Wiesen und durch Wüstenei.

Mein Äußres hab ich euch beschrieben,
damit ihr mich leibhaftig seht,
nicht als Phantom, das, umgetrieben,
sich nur in Tintenspurn verrät.

Hab hautnah euch herangelassen
bis an den tiefsten Lebenskern,
wie einer, gleichsam anzufassen,
und nicht wie von ’nem andren Stern.

(Ganz sicher gibt es da auch Stellen,
an die ich euch kein Licht gesteckt.
Auch die würd ich euch gern erhellen –
hätt ich sie selbst nur erst entdeckt!)

Da lieg ich vor euch auf dem Blatte,
durchleuchtet wie von Röntgenlicht,
wie im Versuchslabor ’ne Ratte,
die man aufs Rad der Weisheit flicht.

Ein offnes Buch. Da ihr hingegen
mit sieben Siegeln mir versperrt,
ihr zwei, drei Leser, derentwegen
so viele Verse ich geplärrt.

Was hat zum Kuckuck euch bewogen,
grad diesen euer Ohr zu leihn,
die mit Sonetten und Eklogen
der höhren Dichtung nichts gemein?

Wie gern läs ich in eurer Seele,
wie ihr in meinen Zeilen lest,
dass sie mir klipp und klar erzähle,
was für ein Wind euch zu mir bläst!

Indes, bei näh’rem Überlegen
wär es wohl besser, wenn’s so blieb –
wer weiß, ob Freundschaft nur zu pflegen,
nicht nach dem Munde ich euch schrieb?

Drum weiter in gewohnter Weise
frisch einfach von der Leber weg –
nicht für blasierte Kennerkreise,
doch für das Herz am rechten Fleck!

Uhrenvergleich

uhrenvergleich-edvard-munchWill wieder mal die Verseschmiede schildern,
da wo Apollo, nicht Hephästos schafft,
im Reich der Küche hemmungslos zu wildern
nach Geistes- und Gestaltungskraft.

Dabei auch aus den Augen nicht verlieren,
was jenseits meiner Luke zu beschaun.
Ambiente diesem jämmerlichen Schmieren:
Die goldnen Lämmer auf den Himmelsau’n.

Nicht Geister durch den Ruhm entrückter Ahnen,
wie Scipio sie einst gesehn im Traum –
Laternen sind’s, damit auf ihren Bahnen
sich die Planeten nicht verirrn im Raum.

Ihr Licht, so winzig in des Kosmos Weiten,
strahlt seltsam mächtig mir doch ins Gemüt,
als wär’s dem Schlund der Räume und der Zeiten
wie Orchideen aus Permafrost entblüht.

Zurück indes zu unsren griffbereiten Dingen,
wie sie versammelt um den heim’schen Herd,
um mehr um Verse denn das Mahl zu ringen,
da auch bei diesen er sich gut bewährt.

Veränderungen sind nicht eingetreten,
wie lange mein Kontrakt hier auch schon läuft –
vom Atemzug der Zeit, dem stillen, steten,
hat’s etwas höher nur den Staub gehäuft.

(Der Store schien früher allerdings mir sauber,
jetzt wird er gegen seinen Saum schon grau –
da hilft wohl nur ein guter Wasserzauber,
den ich dem Luftgeist Ariel anvertrau.)

In etwa ist die Stimmung auch die gleiche:
Ein Dämmern, das der raschen Nacht gewiss.
Die Häuser drüben: Stein gewordne Deiche,
die bald schon überspült von Finsternis.

Wie üblich auch der Straße grobe Reize –
grad solche, die die Lauscher strapaziern;
doch dass sie auch mit Augenstress nicht geize,
lässt ab und zu ein Blaulicht sie rotiern.

Gerade kommt so‘n Martinshorn geflogen
mit seinen mächtig schwellenden Tatas –
die Straße dröhnt von Monster-Klangeswogen,
der Fuß, er fällt vor lauter Schreck vom Gas.

(Da seht verlegen mich am Schnauzer kraulen:
Der Lärm bringt völlig mich aus dem Konzept.
Ich fasse mich erst wieder, wenn dies Jaulen
mit wachsender Entfernung sacht verebbt.)

Gut, jetzt kann ich den Faden weiterspinnen.
Was wäre sonst noch, Les’rin, von Belang?
Der Kaktus? Will an Größe nicht gewinnen –
zeigt aber auch zum Schrumpfen keinen Hang.

Das kann ich von der Kerze gleichfalls sagen –
schon ewig hab ich sie nicht mehr entflammt!
Längst nistet Staub auf ihrem weißen Kragen,
ein feiner Film auf wächsern-glattem Samt.

Der ist indessen kaum noch zu erkennen,
das Dunkel saugt ihn auf wie Löschpapier.
Ich weiß nicht, lass ich noch mein Lämpchen brennen
oder verzieh ich mich ins Schlafquartier?

Na ja, an so‘n paar klitzekleinen Zeilen
blieb ich ein Weilchen doch noch gerne dran.
Das heißt fürs Wörterfinden und fürs Feilen
lass ich mir besser noch die Funzel an.

(Dezembertags, wenn früher schon die Fluten
der Schattenwogen lautlos uns umspüln,
seh gerne ich die Birne sich verbluten
in eiterbleichen, heißen Moleküln.)

Pardon, Verklammertes am besten streichen –
von Schrank sei nur die Rede und Regal;
und stellt euch vor: Die derben Bretter gleichen
den neuen noch von Anno dazumal.

Die Zeit, sie scheint mir hier so eingefroren,
als hätt man einen Winkel ihr gegönnt,
wo sie samt ihrem Schopfe ungeschoren
in aller Ruh einmal verschnaufen könnt.

Doch hat sie mir die Spuren eingeschnitten,
die ringsumher den Dingen sie erspart –
und dabei hab ich nicht einmal gelitten,
so still ging sie zu Werke und so zart.

Wer könnte sich verweigern ihrem Walten?
Dafür gibt’s nirgendwo ‘nen sichren Port.
Wohl hat sich mancher optisch gut gehalten –
doch auch im Innern nagt und frisst sie fort.