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Rückspiegel

RückspiegelWie’s üblich ist zum Jahresende,
hab Inventur auch ich gemacht
und hab durch meines Hirnes Hände
das ganze Zeug zu Buch gebracht.

Mein Einduck: Völlig gleiche Lage
wie die zwölf Monate zuvor.
Gewinn, Verlust hält sich die Waage.
Es ist der Wandel, der verlor.

Da waren wieder Katastrophen,
naturgeborn von Zeit zu Zeit,
wenn aus des Globus ries’gem Ofen
es Feuer allverzehrend speit.

Vulkanausbrüche, heft’ge Beben
und Flut, die alles überspült –
der Erde wundes Innenleben,
das chronisch ihr im Pelze wühlt.

Da waren auch die Grausamkeiten,
die auf des Menschen Konto gehn:
Massaker, Mord in allen Breiten –
hier konnt die Welt sich einig sehn.

Und für die Umwelt gilt das Gleiche:
‘s ist weiter schlimm um sie bestellt.
Hier pflanzt man lärmend eine Eiche,
für die man da zwei stiekum fällt.

Auch hat der Frieden nicht gelitten
mehr als im letzten Rechnungsjahr:
Paar tausend, die sich totgestritten,
was im fatalen Rahmen war.

Obwohl doch hier und da Missionen
man militärisch losgeschickt,
das heißt in Krisenregionen,
die schön mit Waffen vorgespickt.

Doch dass man endlich mal verteile
das Brot gerechter als bisher,
zeigt’ wieder keiner große Eile –
drum nahm der Reiche sich noch mehr.

So bleibt denn alles schön beim Alten,
wie sehr auch mancher drüber klagt,
weil überall die Mächt’gen walten,
die nur die eigne Fresslust plagt.

Parole: Bloß am Ruder bleiben;
den Kurs bestimmen, der was bringt.
Erfolge auch ins Logbuch schreiben,
wenn die Erwartung längst schon sinkt.

Um gute Arbeit vorzutäuschen,
beschreit man noch den kleinsten Dreck.
Das Volk, mit sel’gen Schnarchgeräuschen,
es liegt im Tiefschlaf unter Deck.

So tuckert er denn fröhlich weiter,
der Seelnverkäufer von ‘nem Kahn,
kein Lotse auf der Jakobsleiter,
der Kapitän ein Liederjan.

Die Sache damit abgeschlossen.
Ergebnis: Wieder Status quo.
Auch ich reit’ noch den Musenzossen –
das allerdings, das macht mich froh.

 

Charaktere

CharaktereDas rechnet’ an ich mir zur Ehre,
der Dichterkrönung würdig fast:
im Vers zu zeichnen Charaktere
so wie in Prosa Theophrast.

Der Weise: Stets bereit zu raten,
weil er schon alles durchgedacht
und schnuppert glücklich jeden Braten,
bevor er auf den Herd gebracht.

Der Aktivist: Stets auf den Beinen,
dass er die Welt am Laufen hält,
die doch im Großen wie im Kleinen
trotz seiner nicht zusammenfällt.

Der Geiz’ge: Der mit hartem Herzen
auf dem gespickten Säckel thront,
sich jenen Reichtum zu verscherzen,
mit dem nur Dankbarkeit belohnt.

Der Neider: Dass er alles hätte,
woran der Nachbar sich erfreut,
der ja vom silbernen Tablette
tagtäglich Manna wiederkäut.

Der Eitle: Will Bewund’rung haschen,
weil er sich unvergleichlich weiß,
und gibt mit goldenen Gamaschen
sich billig nur dem Spotte preis.

Der Starke: Lässt die Muskeln spielen
und legt sich mit dem Teufel an,
um eine Wirkung zu erzielen,
die sanft er leichter haben kann.

Der Prahler: Führt nur auf der Zunge,
was selbst mit Lorbeer ihn belaubt,
und strapaziert die Pferdelunge
mit Sprüchen, die ihm keiner glaubt.

Der Intrigant: Beim Ränkeschmieden
von äußerst biegsamem Gemüt,
doch lässt das Wasser häufig sieden,
bis er sich selber dran verbrüht.

Der Schwätzer: Wälzt und wälzt die Worte
und wiegt sie auf der Zunge nicht.
Aus seiner Gurgel offner Pforte:
Ein Redeschwall, der Bände spricht.

Der Fromme: Gottes Lohn im Auge,
wie er nur dem Bekenner winkt,
seift er sich mit der Tugendlauge,
die säuerlich zum Himmel stinkt.

Der Eifersücht’ge: Der beflissen
beäugt des Weibes Ehrbarkeit,
indes sein männliches Gewissen
ihn selbst von Treue treu befreit.

Der Stolze: Lässt Verachtung spüren
den, der das Wasser ihm nicht reicht
und der doch auch bezahlt Gebühren
und einst wie er im Grabe bleicht.

Was? Auch vom Dichter wollt ihr hören?
Gewiss, das ist ein Fall für sich.
Doch Mitternacht! Ich könnte schwören,
ihr schlaft jetzt erst mal – so wie ich.

Auf Pirsch II

Auf Pirsch IIHier ein paar Lichter, da Laternen,
Fassadendunkel und Asphalt.
Jetzt heißt die Nacht es wieder lernen,
den düstren Stein- und Sternenwald.

Doch eh ich mich darin verliere,
nehm ruhig meinen Platz ich ein,
die ganze Straße im Visiere,
um Jäger, nicht gejagt zu sein

In meiner Küche und Kaschemme,
da wo ich meine Strophen schieß,
und die noch selten in der Klemme
mich unerlegter Beute ließ.

Da flackert mir das Kerzenfeuer,
damit es Nachtsicht mir gewähr
und mich mein Waidmannsabenteuer
mit einem zünft’gen Braten nähr.

Da lauert wie ein Jagdgehilfe
die Flasche stumm auf dem Tablett,
dass ich für Schüsse ins Geschilfe
‘ne sichre Hand zumindest hätt.

Und, heil’ger Hubert!, diese Büchse,
die was weiß ich für Kugeln hat –
die trifft die scheusten Versefüchse
unweigerlich direkt aufs Blatt!

Wenn schließlich in des Himmels Schweigen
der Mond die goldne Stunde schlägt,
dann will er mir im Glanz wohl zeigen
die Strecke, die ich schon erlegt.

Ein Grund, die Sache abzublasen.
Da liegt ja manches schon gereiht.
Und für die Hirsche und die Hasen
hab ich auch morgen wieder Zeit.

O Finsternis, wo bleibt dein Schrecken!
In Spaß hat sich die Furcht verkehrt.
Der Bruch, der an den Hut zu stecken,
ist tausend solcher Nächte wert!

Im Namen des Volkes

Im Namen des VolkesGehn zufällig dir mal beim Dichten,
bewahre!, die Gedanken aus –
die Politik wird es schon richten
in Vorder- oder Hinterhaus.

Da wimmelt’s ja nur von Gestalten,
die gerne mal gereimt man säh,
wie sie so ihres Amtes walten
in selbsternannter Bürgernäh.

Und zwar, es fällt mir schwer zu sagen,
egal, zu was sich wer bekennt –
er liegt dem Volke auf dem Magen,
ob orthodox, ob Dissident.

Denn was – psst, psst! – sie alle wollen,
beschränkt sich nicht auf ‘ne Fraktion:
mehr Kohle aus dem goldnen Stollen
der pralln Besoldung und Pension.

Dafür muss dann die Masse bluten,
der hoch und heilig man verspricht,
es wende alles sich zum Guten,
übt auf das Meiste sie Verzicht.

Geborne Sandmännchen sie alle,
weil täglich sie Versprechen streun
mit ihrer Zunge Engelsschalle
in Seel’n, die sich vergeblich freun.

Indes die Ärmsten sie betrügen
mit Wortgeklingel, das wohlfeil,
genießen sie in vollen Zügen
ihr gut dotiertes Erdenheil.

Zwar mit Programmen angetreten,
die hohe Ziele definiern,
sind’s nur Karriere und Diäten,
wofür sie echt sich engagiern.

Pragmatisch sie ihr Handeln nennen,
wenn’s ihnen in die Richtung passt;
das heißt wenn alle Hütten brennen,
trägt nur das Volk die Aschelast.

Dazu ersinnen sie Gesetze –
„gerecht für alle, Groß und Klein“:
doch so geknüpfte Steuernetze,
dass nur die Haie sich befrein.

Und solche „Leistung“, wie sie meinen,
würd noch zu wenig honoriert –
des Henkers Ford’rung, will mir scheinen,
der je nach Köpfen mehr kassiert.

Die Schafe aber, die geschoren,
sie lassen willig es geschehn.
Zum Blöken sind sie nur geboren:
Mein Schlächter, mäh, du mein Mäzen!

Ach, will mich hier nicht länger quälen,
bin so erregt, dass ich mich schneuz.
Nur eins: Wen immer wir auch wählen –
es wär mit allen nur ein Kreuz!

Heu für Pegasus

Heu für PegasusDer Nebel ging zur Neige
und Regen folgte ihm.
Ich sitze hier und schweige
ganz einsam und intim.

Damit es mir nicht fehle,
dass jemand mit mir spricht,
zum Zwiegespräch ich wähle
mich selber im Gedicht.

Mir hilft dabei die Flasche,
die heute voll Chablis,
für jede Backentasche
ein Schlückchen Poesie.

Ich drücke meine Zeilen
beharrlich aufs Papier,
indes Äonen eilen,
bis drei es wird und vier.

So lange säße keiner
bei mir zur Plauderei,
da hab ich grad als einer
viel mehr Geduld dabei!

Doch die ist auch zu Ende,
erschöpft sich erst der Stoff,
der hurtig und behände
mir durch die Kehle troff.

Dann stocken die Gedanken,
der Musenquell versiegt,
und stumm in seinen Schranken
der stolze Barde liegt.

Daran ist nicht zu rütteln,
heut fängt er sich nicht mehr,
und käme wer mit Knütteln
die kreuz ihm und die quer.

Sponsoren wärn nicht übel,
ein Weingut in der Pfalz,
dass stets aus vollem Kübel
er hätt was für den Hals.

Drum dies mit letzten Kräften:
Vermehrt des Dichters Ruhm
mit hausgemachten Säften –
aus Mäzenatentum!

Wünsche

WünscheWas wird das nächste Jahr uns bringen?
Die alte Frage, immer neu.
Und meint dabei vor allen Dingen
recht bodenständig: Geld wie Heu.

Das ist die häufigste Variante –
doch wird konkreter auch gedacht:
dass Oma etwa oder Tante
ihr hübsches Häuschen uns vermacht.

Doch kann sich auch auf Schmuck erstrecken,
auf Uhren, Aktien oder Gold,
was gern wir in die Tasche stecken,
vom letzten Willen so gewollt.

Und sicher brächte uns auch weiter
ein kleiner Höhenflug im Job –
ein Schritt auf der Karriereleiter
vom Zwischendeck hinauf zum Topp.

Indes sich nicht nur Wünsche regen,
die Habsucht und Begierde lenkt,
nein, mancher möcht auch, dass der Segen
des Hauses wieder grade hängt

Und wieder liebend den umfangen,
von dem er sich entfremdet fühlt,
mit seines Herzens Feuerzangen,
als hätt die Zeit sie nicht gekühlt.

Vielleicht auch an die Kinder denken,
die in der Penne schwer gestresst,
Gehör und Muße ihnen schenken
wie neulich erst beim Weihnachtsfest.

Und mancher mag sich auch entschließen,
‘nen Kumpel, ewig nicht gesehn,
mal endlich wieder aufzuspießen,
um mit ihm aufn Zwutsch zu gehen.

Nicht anders als die große Menge
dreht auch der Künstler seinen Ring:
Der Maler hofft, dass man ihn hänge,
der Dichter, dass man ihn verschling.

Dann wärn auch die noch aufzulisten,
die sich dem Eigennutz verwehrn
und die als Muster frommer Christen
nichts als den Gotteslohn begehrn.

Und jene, zwar profan gesonnen,
doch edelmütig von Natur,
die sich statt mehr privater Wonnen
ein Plus an Frieden wünschen nur.

Und, und, und, und…Nicht zu erschöpfen
der Seele brodelnde Begier –
von den ägypt’schen Hammeltöpfen
bis zu der Heil’gen Kochbrevier.

Hier möcht ich mich hinausbegeben
aus der abstrakten Verseflut
zurück erneut ins wahre Leben,
zurück zu mir aus Fleisch und Blut.

Konkret denn: Welche Wünsche wiegen
denn für mich selbst besonders schwer?
Nur dieser: Weiter Rente kriegen –
so sicher ist das ja nicht mehr.

Unisono

UnisonoSeht nur die Bäume, wie sie beben!
Der Wind kennt weder Rast noch Ruh –
als wollt er aus dem Grund sie heben,
so schüttelt er sie immerzu.

Hoch auf dem First die beiden Fahnen
erwischt er auch mit voller Wucht
und schlägt die schwarzrotgoldnen Bahnen
vom Mast nordöstlich in die Flucht.

Ja, selbst der Mond muss sich da stemmen
gegen die finstre Wolkenflut,
doch lässt er seinen Lauf nicht hemmen
im kalten Schweiße seiner Glut.

Die Straßen glänzen noch vom Regen,
doch hier und da im feuchten Kleid,
des permanenten Föhnens wegen,
Oasen schon der Trockenheit.

Halb zwölf. Doch dieses Tages Wärme
umfängt auch wohlig noch die Nacht –
indes mir selber im Gedärme
der Spätburgunder Feuer macht.

Der Winter, eben angetreten,
legt noch nicht volle Pulle los;
statt seiner klirrenden Trompeten
spielt Piccolo zunächst er bloß.

Nun ja, das sind so Wetterflausen –
doch passen heut sie übel nicht:
Was gibt nachher das für ein Brausen,
wenn dahinein das Böllern bricht!

Wenn in des Sturmes Wolfsgeheule
das Quäken sich der Knaller mischt
und des Kanonenschlages Keule
mit dumpfer Wut dazwischendrischt!

Zumindest einmal, zu Silvester,
Mensch und Natur in edlem Streit,
in dem als Sieger gilt, als Bester,
wer seinen Gegner überschreit!

Wenn denn ein neues Jahr auf Erden
Gerassel an der Wiege braucht,
kann’s nächste ja nur prächtig werden –
so wild beballert und behaucht!

Klimawandel

KlimawandelZwei Tage Schnee und – Pustekuchen;
an Heiligabend alles weg!
Die Reste geh auf Grönland suchen –
hier dominiert mal wieder Dreck.

Statt Blitze sprühender Kristalle,
in die der Fuß sich knirschend frisst,
wirft Regentropfen, platschend pralle,
der Himmel in die Nacht des Christ.

Ach, all die Tannen, die wir riefen,
die Fichten aus dem Waldrevier,
da stehn sie auf dem Platz und triefen
wie’n eingeweichtes Zotteltier!

Und solln doch majestätisch ragen
so konisch kerzengrad empor,
um still und feierlich zu tragen
den fingerdicken Winterflor.

Da mögen in den Medien dudeln
noch so viel Harfen und Schalmei’n –
es ist, als äß zum Fest man Nudeln
statt Puten- oder Gänsebein.

Die rechte Stimmung will nicht steigen.
Der Weihnachtsmann ist schon geschlaucht,
weil seinem Schlitten es zu eigen,
dass Schnee als Makadam er braucht.

(Indessen könnt ich mir auch denken,
dass sich das ändert Land für Land.
Fuhr er nicht einst auch mit Geschenken
nach Bethlehem – und über Sand?)

Halt, noch ist alles nicht verloren,
da kommt mir grade ‘ne Idee:
Was man nicht hat vor seinen Toren,
das hat man auf dem Kanapee!

Für solche Fälle als Reserve
das Fernsehn schließlich man ersann:
Millionen Dinge in Konserve,
die man nicht frisch bekommen kann.

Ein Klick, und auf den zig Kanälen
entfaltet sich ‘ne Weihnachtswelt:
„Frohlockt“ aus tausend Kinderkehlen
vor Hängen, die mit Schnee bestellt.

Ja, für den weißen Festtagsfrieden
besitzen sie das Monopol,
die näher Gott als wir hienieden:
in Oberbayern und Tirol.

Doch ihre wunderbar gewisse
und schön erlebte Wirklichkeit –
in unsern Stuben bleibt’s Kulisse,
was warm da auf dem Bildschirm schneit.

Nun denn, soll es der Glühwein richten,
dass man den Unterschied nicht spür
und wir dies Zuckerwerk da sichten,
als wär es draußen vor der Tür!

Wenn feurig durch die Kehle rinnen
die würz’gen Schlucke eins, zwei, drei,
dann mag das Wetter noch so spinnen –
wir werden selig doch dabei.

Nachhall

NachhallDa drüben diese Wohnmaschine,
mein Gegenüber im Quartier,
verzieht auch heute keine Miene,
wenn ich sie angestrengt fixier.

Dieselben ausdruckslosen Augen,
dieselbe hartgesottne Stirn.
Kein Grund, mich daran festzusaugen
mit meinem hungrigen Gehirn.

Das Fest ist drüber weggegangen
und hinterließ nicht eine Spur.
Die Schatten auf den bleichen Wangen:
des Regens kalte Tränen nur.

Doch müssten nicht die Wände wanken,
nicht die Fassaden sich verzerrn,
bewegt vom einzigen Gedanken:
„Frohlocket der Geburt des Herrn!“?

Sie stehen, wie sie immer standen,
seitdem die Mauerleute fort –
wie Klippen, um die Wogen branden,
unwandelbar an ihrem Ort.

Wie viele Weihnachtsfeste haben
sie nicht so stumm schon angeschaut –
und keines hat sich eingegraben
mit Zeichen in die harte Haut!

Doch können Steinen wir vergeben:
Man schuf sie so, so starr und kalt –
ungleich uns Menschen, die wir leben
und zu Gefühlen fähig halt.

Und demzufolge auch zu denken
ans weltgeschichtliche Geschehn –
was an den Bergen von Geschenken
ja jedes Jahr sehr schön zu sehn.

Doch sind es wirklich auch Symbole
für Liebe, wie sie tiefer sitzt,
und nicht für Kasse oder Kohle,
die flüchtig nur die Herzen ritzt?

Ich fürchte fast, ob Mensch, ob Mauern,
da ist kein großer Unterschied:
Wie lang auf Bethlehem wir lauern,
und wie geschwind es wieder flieht!

Kaum sind die Tage abgefeiert
am Busen der Beschaulichkeit,
man wieder durch das Leben eiert
wie unser Kahn durch Raum und Zeit.

Man dreht die eingefahrnen Runden
mit nichts als diesem Weg als Ziel
doch wie gehetzt von tollen Hunden,
so eifrig, eilig und agil.

Und vorn, wo sich der Tunnel lichtet
und wo’s betörend blitzt und blinkt,
die Gier ihr Eldorado sichtet:
das Gold, das ihr aufs Konto sinkt.

Und dafür ließ ans Kreuz sich schlagen
ein Edler, der von Gott beseelt,
dass Gläub’ge eh’r ein voller Magen
denn’s sündige Gewissen quält?

Wie ihn wird es noch viele brauchen
voll Mitleid und voll Opfermut,
dass wir aus diesen Sümpfen tauchen
von Stumpfsinn, Nächstenhass und Blut.

Die Glocken leis und leiser schwingen.
Gestühl und Kanzel wieder leer.
Und Christen kreuzen ihre Klingen,
als ob nie was gewesen wär.

 

Erfolgsbilanz II

Erfolgsbilanz IIWeiß Gott, das ist nicht ihre Sache,
Bescheidenheit nicht ihr Niveau:
„Den besten Job im Amt ich mache
von alln seit anno soundso.“

Nun, da denn dieser Job dem Wohle
des ganzen Volkes dienen soll
vom Chefbüro zur siebten Sohle:
Macht auch von daher sie ihn toll?

Dass ihre Sorge dem Gedeihen
der ohnehin Gedeih’nden gilt,
das wollen wir ihr gern verzeihen,
wenn auch der Armen Not sie stillt.

Deshalb nun hier die Nagelprobe:
Gab sie des Volkes Wünschen statt,
das sie laut ihrem Eigenlobe
so beispielhaft gefördert hat?

Ja. Vielen nahm sie doch die Qualen,
malochen Tag für Tag zu gehn,
und ließ die Arbeitslosenzahlen
auf ihrem hohen Sockel stehn.

Zwar will sie, dass man glaube,
dass sie die Beutel schon’,
doch dreht sie an der Schraube,
die Mutter der Nation.

Ja. Manchen machte sie doch rege,
zur Flexibilität bereit:
für Hungerlöhne, Zeitverträge,
für Zweitjobs und für Leiharbeit.

Zwar will sie, dass man glaube,
dass sie die Beutel schon’,
doch dreht sie an der Schraube,
die Mutter der Nation.

Ja. Sparsam wieder sich zu zeigen,
der Tugend sie doch Glanz verlieh
und ließ darum die Kosten steigen
für Mieten und für Energie.

Zwar will sie, dass man glaube,
dass sie die Beutel schon’,
doch dreht sie an der Schraube,
die Mutter der Nation.

Ja. Vielen gab sie doch die Chance,
sozial sich umzuorientiern
und ihre unsich’re Balance
fürn festen Abstieg zu verliern.

Zwar will sie, dass man glaube,
dass sie die Beutel schon’,
doch dreht sie an der Schraube,
die Mutter der Nation.

Ja. Lässt sie doch zu fett nicht werden
die Schäfchen als ein guter Hirt
und macht, dass künft’gen Rentnerherden
das dürre Gras noch kürzer wird.

Zwar will sie, dass man glaube,
dass sie die Beutel schon’,
doch dreht sie an der Schraube,
die Mutter der Nation.

Ja. Hat sie gar nichts doch dagegen,
dass Studien man der Not ihr reicht,
woraus sie – zarter Seelen wegen –
dezent die schlimmsten Fakten streicht.

Zwar will sie, dass man glaube,
dass sie die Beutel schon’,
doch dreht sie an der Schraube,
die Mutter der Nation.

Ja. Denn als wahrer Luxusliner
das Staatsschiff stolz sich jetzt doch wiegt:
Die erste Klasse wird zwar kleiner,
doch immer mehr vom Kuchen kriegt.

Zwar will sie, dass man glaube,
dass sie die Beutel schon’,
doch dreht sie an der Schraube,
die Mutter der Nation.

Nachdem wir dies erwogen haben,
erkennen wir als wahr ihr Wort:
Verschwend’risch schenkt sie ihre Gaben –
den Nabobs und Moguln an Bord!

Auf Ohren stößt, auf taube,
das Völkchen unter Deck.
Wann nimmt man bloß der Schraube
die böse Mutter weg?