Archiv der Kategorie: Mensch

Mit Siebenmeilenstiefeln

Mit SiebenmeilenstiefelnWie schnell das alles immer geht!
Sie rennt nur so, die Zeit.
Sitz hier schon wieder abends spät
und lieg mit ihr im Streit.

Hat nicht der Tag mich grad geweckt,
die Träume mir verscheucht,
die Birne, untern Hahn gesteckt,
belebt mich frisch und feucht?

Gab ich nicht eben kurz und kühl
der Klinke noch die Hand,
bevor ich mich im Schriftgewühl
der Akten wiederfand?

Saß ich nicht vor Momenten nur
an Schreibtisch und PC,
zwei Finger auf der Tastatur,
ein Mäuschen in der Näh?

Minuten scheint es mir nur her
auf meiner Lebensbahn,
doch schneller als die Feuerwehr
nagt dieser Zeiten Zahn.

Er knabbert dir den Faden ab,
der dich ins Leben spinnt –
den lieben langen Tag auf Trab,
gefräßig, groß und blind.

Gibt es dagegen denn kein Kraut,
ihm heimlich appliziert,
dass schleichend er sich selbst zerkaut,
bis er an Biss verliert?

Ach, fing ich nicht erst eben an
mit Pinsel und Papier?
Und seht, beim Grübeln so zerrann
die Zeit noch rascher mir!

Blütenträume

BlütenträumeNun hock ich hier am Stubentische
und hänge den Gedanken nach
an die verflossne Sommerfrische,
die mit „Natürlichkeit“ bestach.

Mit Hügeln, die in feinem Schleier
den fernen Strand der Bucht gesäumt,
wo ihnen, unverhüllt und freier,
die weite See entgegenschäumt.

Mit lichten, ausgedehnten Hainen,
wo jedes Bäumchen früchteschwer,
Orangen üppig an dem einen,
am andern Mandeln kreuz und quer.

Mit manchem lieblichen Gefilde,
das endlos sich dahingestreckt
auf leicht gewölbtem irdnen Schilde,
dem friedlich Blumen aufgesteckt.

Und Bergen, die mit schroffen Zinnen
die Weiler rundherum bewehrt,
dass Krieger hier kein Land gewinnen,
wenn Beute ihren Ehrgeiz nährt.

Doch eh ich selig noch entschlafe
in dieser schönen Träumerei,
schlägt jäh wie eine Himmelsstrafe
ein Hammerschlag sie mir entzwei.

Akustisch, mein ich: ‘ne Sirene,
die heulend in die Stille gellt,
dass Pegasus mit weh’nder Mähne
sich auf die Hinterbeine stellt!

An Weiterreiten nicht zu denken –
dies Ross ist von sensiblem Blut.
Die Hoffnung, sicher es zu lenken,
nun wieder ganz auf morgen ruht.

Vor dem Abflug

Vor dem AbflugHibiskus blühte, blühte, blühte,
orangengelb, orangenrot,
auf dünnen Hälsen Trichterhüte,
die züngelnd aus Gezweig geloht.

Der Biene Summen, Summen, Summen,
die Blüten, rot und gelb, umkreist.
Geschäft mit Honig schien zu brummen –
schon kam die nächste angereist.

Am Palmenstamm ein Salamander,
gespreizte Beine, totgestellt.
Beim Gartentor der Oleander:
Zartrosa, sattem Grün gesellt.

Vorm glatten Grund geweißter Wände
der Bougainvillea Gerank –
o Lila, Lila ohne Ende
vom Dach bis auf die Gartenbank!

Wohin des Weges, du Geselle?
Ein Käfer trippelte vorbei.
Wo hat er Fingerhut und Elle?
Ich schwor, dass auf der Walz er sei.

Betrat man unversehns die Wiese,
o wie es hüpfte da und sprang –
in jene Richtung und in diese
ein Heupferd alle Nase lang!

Huhu, huhu klang aus der Krone
der Turteltaube kauz’ger Ruf,
huhu in diesem trüben Tone,
wie Gott ihn auch den Geistern schuf.

Noch einmal tief in mich gesogen
die Szenerie als Souvenir.
Schon morgen heißt‘s: Zurückgeflogen!
Im Austausch lass mein Herz ich hier.

In vino veritas

In vino veritasSind sie denn nicht die größten Denker,
die Säufer, leidend an der Welt?
Nenn’s Römer, nenn es Cognacschwenker –
’s ist Wahrheit, was das Ding enthält.

Gefällt dir nicht, dies „Hoch die Tassen“?
Dann wirst du nie ein Philosoph.
Ein Gläschen um die Hüfte fassen –
so macht der Weisheit man den Hof.

Schon mit den ersten kurzen Schlucken
entkrampft sich der gestresste Geist.
Der Globus kann dich nicht mehr jucken,
da zu den Sternen du nun reist.

Und wenn nach Dutzenden von Zügen
in Seligkeit die Seele schwimmt,
wird sie empfindlich für die Lügen,
auf die das Leben uns getrimmt.

Benebelt kannst du klarer blicken,
beschwipst wird nüchterner dein Sinn.
Du hörst des Kosmos Uhren ticken
und gibst dem Ewigen dich hin.

Schon wieder da auf deiner Runde,
du alter Stromer, du, Trabant?
Ich grüße dich zur Abendstunde
ganz herzlich übern Becherrand.

Nie möchte den Moment ich missen,
da du erscheinst am Firmament,
dass eine Weile mir beflissen
dein Lämpchen vor der Feder brennt.

Grad will auf Poe ein Glas ich leeren,
dann nehme ich Horaz mir vor,
um bald auch Goethe so zu ehren,
der selbst auf gute Tropfen schwor!

Will auch den Bellman nicht vergessen
und nicht Villon, den Galgenstrick,
Verlaine und Steinbeck. Währenddessen
wachs ich an Weisheit weiter. Hick!

Und sollte ein Lamento singen,
das dieses Jammertal beklagt –
doch desto wen’ger will‘s gelingen,
je mehr ich „Prosit!“ schon gesagt!

So wie die Pfaffen uns benebeln
mit Engelszungenfertigkeit,
kommt mählich, den Verstand zu knebeln,
die glaubensfreie Trunkenheit.

Dann geht die ganze Weisheit schlafen
und schwitzt sich das Bouquet vom Fell,
beginnend mit dem Zähln von Schafen
und endend mit dem Weckappell.

Wird mit ‘nem Kater sie erwachen?
Da sei Dionysos davor!
Entronnen kaum des Hades Rachen,
leiht schon den Musen sie ihr Ohr.

Schon morgens würd ich gerne dichten,
sobald mir Licht ins Auge fällt.
Ein erstes Schlückchen dann? Mitnichten.
So früh es nur die Kunst entstellt.

Erst abends, dämmernd oder dunkel,
wenn schon das Kerzenflämmchen glüht,
begeistert durch des Weins Gefunkel
zum Sang sich endlich mein Gemüt.

Hat durchaus seine prakt’sche Seite,
die es zu andrer Zeit nicht hätt –
wenn glücklich mich die Muse freite,
kann ich danach sofort ins Bett.

Musenschelte

MusenschelteWer lässt denn da die Tasten tanzen,
dass in den Straßen’s widerhallt?
Dass dröhnend sich in Dissonanzen,
die Leidenschaft zu Tönen ballt?

Jetzt regt sich wo ein wildes Kreischen,
ein Kichern albern jetzt und schrill,
jetzt, wie wenn Katzen sich zerfleischen,
ein Fauchen, das nicht enden will.

Jetzt Knattern – muss vom Moped rühren.
Und Trappeln – schwerer Füße Gang.
Der dumpfe Schlag der Autotüren
und Zündung alle Nase lang.

Hier kläfft sich von der wunden Seele
ein Köter hilflos seine Wut,
da klimpert an Laternenpfähle
ein bierbeseelter Tunichtgut.

Wie bräsig da die Busse brummen!
Und auch an Heuln wird nicht gespart:
Die Bulln und Sanis auf den krummen
Geleisen ihrer Rettungsfahrt!

Ihr Musen, stets als eins empfunden,
schämt eurer Schwester ihr euch nicht,
der zehnten, die in stillen Stunden
das Band der Harmonie zerbricht?

Hohe Messlatte

Hohe MesslatteNa schön. Ihr wollt von mir nichts wissen.
Was ich verzapfe, ist euch piepegal.
Ihr nährt euch nur von Leckerbissen,
nicht von den Lesefrüchten zweiter Wahl.

Gut, lasst mich euch darum empfehlen,
was eurem Gusto eher wohl entspricht –
Gesang aus größter Dichter Kehlen,
des Genres absoluter Oberschicht.

Der Älteste gilt als der Beste.
Von Helden sang er, Ruhm und Ehr’,
vom Tod vor Trojas hoher Feste,
von Leid und Liebe: Sängerfürst Homer.

Und diesem folgte auf dem Fuße
der Künder friedlich-fleiß‘ger Feldarbeit,
des Landmanns täglich Müh und Muße –
Hesiod, die Stimme der Gerechtigkeit.

Nicht wen’ger lobend zu vermerken:
Horaz, für seine Oden hochgeschätzt,
der selbstbewusst sich in den Werken
ein Denkmal „ewiger als Erz“ gesetzt.

Vergil auch bürgt für Lesewonnen,
des Epos sich um den Äneas rankt,
der, knapp nur Ilions Brand entronnen,
nach Rom ins rettende Asyl gelangt.

Dann lasst nach China euch entführen
zur Zeit der Tang genannten Dynastie,
um großen Versen nachzuspüren
des mut’gen Literaten Bo Juyi.

Und wer verzaubert mit Terzinen,
beschwört Visionen von gewalt‘ger Kraft?
Ein Dante, ewig der zu dienen,
die in der Blüte ihm dahingerafft.

Dem Schöpfer meisterhafter Dramen,
dem „Schwan von Avon“ Dank auch fürs Gedicht!
Welch Vielfalt in dem schlichten Rahmen,
den das Sonett um seine Zeilen flicht!

Wen heute ihnen beigesellen?
Den Hölderlin gewiss, den Baudelaire:
Die Verse, die zu Hymnen schwellen,
und die von Laster und Erlösung schwer!

Mit Poe will ich die Reihe schließen:
Er hauchte Finsternis dem Worte ein,
dass wohlig-kalte Schauer fließen
dem Gruselsuchenden durch Mark und Bein.

Wenn diesen ihr das Ohr geliehen
und Seligkeit hat euch erfasst –
dann sei als Kennern euch verziehen,
dann habt bei mir ihr nichts verpasst!

Dringender Appell

Dringender AppellWie eklig schleicht mir auf dem Pelz,
was andre warm begrüßen,
ein Sud mit dem besondren Schmelz
von ungewaschnen Füßen.

Wie eine Hand fühlt er sich vor
auf feuchten Fingerspitzen,
als ob ein Zauber ihn beschwor,
allez!, nie still zu sitzen.

Jetzt hat den Nacken er erreicht,
jetzt holt er sich den Rücken,
die Schultern gar, die ungeweicht
sich gern mit Kälte schmücken.

Schon ist der ganze Leib bedeckt
mit fauligem Geklebe,
aus allen Ritzen läuft und leckt
mir Saft aus dem Gewebe.

Das Hemd, so frisch und wolkengleich,
verfiel zum nassen Lappen:
die Hosenbeine pflasterweich
an schwamm’gen Schenkeln pappen.

Im Fieber gleichsam glüht die Stirn,
wie Lava glühn die Wangen,
es glüht das bisschen Menschenhirn
wie unter Schmiedezangen.

Wie im Kokon die Larve schmort,
dass schön sie sich verpuppe,
so hock ich hier, von Schweiß umflort
vom Schädel bis zur Kruppe.

Doch modelt mich nicht zum Apoll
die Rosskur, die ich leide,
ich werde nicht, so jammervoll,
verjüngt zur Augenweide.

Im Gegenteil: Er schreckt mich eh’r,
der Balsam dieser Schwüle,
als ob’s die Letzte Ölung wär
für meine Lebensmühle.

Ich weiß: Dagegen hilft kein Kraut,
hier kann die Zeit nur heilen.
Der Herbst, der Reif und Nebel braut,
er möge sich beeilen!

Hitzewallung

HitzewallungDie Hitze geht mir auf den Sack.
So was von Sommer kann’s mir schenken.
Bin fertig fast mit Büx und Jack
und durch mit allen Kaltgetränken.

Des Morgens, frisch mit Nass besprengt,
sieht man zum Arbeitsplatz mich schleichen,
und da die Sonne noch nicht sengt,
komm hin ich, ohne durchzuweichen.

Doch kaum schließt sich die Fahrstuhltür,
da bricht es mir aus allen Poren.
’ne schwüle Soße ist das hier,
um Saunawürste durchzuschmoren.

Und im Büro der nächste Schlag:
Die Luft vibriert in lauen Schwaden.
Das Hemd, das ich am Leibe trag,
geht für den Rest des Tages baden.

Achteinhalb Stunden Quälerei.
So lange heißt es auszuhalten
in diesem lauwarm-losen Brei,
dem Killer aller Bügelfalten.

Dann Feierabend, heiß ersehnt,
Erlösung endlich von den Leiden!
Doch draußen, wo ich Wind gewähnt,
‘ne Wand von Wärme, dick zum Schneiden!

Die erste Tat am heim’schen Herd:
Vom Rumpf herunter die Kompressen –
und dann zur Dusche, die bewährt,
erquickender das Fell zu nässen.

Danach knips ich das Radio an
und lass vom Wetter mir berichten,
denn, Mensch, es muss doch irgendwann
die graue Brühe sich mal lichten!

Der Sprecher sprüht wie immer Charme
und tiriliert in höchsten Tönen:
“Auch morgen wird uns herrlich warm
die Sonne wieder schön verwöhnen“.

Na, danke für ‘ne Herrlichkeit,
die wir mit saurem Schweiß begleichen.
„Des einen Freud, des andern Leid“ –
dies Motto aus dem Rundfunk streichen!

Nächtlicher Besuch

Nächtliche BegegnungVielleicht hat jemand, der in Hast,
in einer Ziffer sich geirrt,
dass grad, da er den Hörer fasst,
gewahr er seines Fehlers wird.

Und diesen wieder fallen lässt,
als hielt in Händen er die Pest,
um sich in Kürze zu besinnen
und dann von vorne zu beginnen.

Vielleicht auch hat von einst Vertrauten
’nen neuen Anlauf wer gewagt:
“Lass wieder mal von dir verlauten“ –
und dann doch noch – „Was soll’s?“ – verzagt.

Vielleicht war auch wer in Gefahr
und dieses gar ein Hilfeschrei –
„Hey, Baby, die Versuche spar,
aus diesem Spiel kommst du nicht frei!“

Ein Scherz vielleicht, den sich erlaubt
wer an mir Armem auszulassen,
und mich der Stille so beraubt
auf meines Geistes Mondscheingassen?

Nur einmal kam der Klingelton,
nur einmal, kurz und schrill.
Dann lag das gute Telefon
wie vorher stumm und still.

Die Nacht war schwül, die Nacht war schwer,
erstickte jeden Schlaf.
Ich wälzte mich nur hin und her
und träumte, wie sich‘s traf.

Da wurd ich irgendwann geweckt
von einem vagen Laut.
Ich hab mich fast zu Tod erschreckt
und ängstlich nachgeschaut.

Im Hemdchen hockte, weiß wie Schnee,
von hellem Haar umwallt,
im bleichen Schimmer des PC
’ne kleine Geistgestalt.

Mein Engel war’s, dem Freund entflohn,
zu nächt’gen bei mir heut.
Ich dachte gleich ans Telefon –
und hab mich still gefreut.

Neustart mit Noah

Neustart mit Noah, Pieter BruegelNun hat der Himmel sich verhüllt,
das Licht wird immer trüber,
die Hitze, die den Tag erfüllt,
geht sacht in Schwüle über.

Der Mond, der gestern lerchenleicht
auf blauer Bahn geflogen,
dem Auge unsichtbar nun streicht
durch dichte Wolkenwogen.

Gewitterluft. Die Flagge schlägt
schon stürmisch auf dem Dache.
Wer immer sich jetzt schlafen legt,
kommt nicht so bald zur Sache.

Die Häuser, stumm und ungerührt,
sie scheinen nicht zu leiden.
Das kalte Herz, in Stein geschnürt,
man möcht es ihnen neiden.

Ich schwitze mir die Seele aus.
Mein Hemd pappt auf der Pelle.
Blitz, Donner her und Sturmgebraus,
‘ne Sintflut – auf der Stelle!

Die Küche dient als Arche mir,
wiegt sanft mich durch die Wellen
und kann als „allerlei Getier“
auch eine Fliege stellen!

Und, Himmel, ist dein Zorn verraucht,
versiegt die Wassermasse,
schenk eine Hitze, die nicht schlaucht
fürn Sommer erster Klasse!