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Kurzbesuch

Kurze MondphaseWie schön, zu dieser Dämmerstunde
im blassen Blau den Mond zu sehn,
sein Licht, geschrumpft zu halbem Runde,
fast glänzender sich noch ergehn.

Ihn scheint es wenig nur zu scheren,
dass er der Sonne Launen spürt,
die immer mindern will und mehren,
die Glut so gern wie Asche schürt.

Er tanzt auf unsichtbarem Seile
mit des Artisten Sicherheit
‘ne kurze, wunderbare Weile
grad unterm Zelt der Ewigkeit.

Ihm folgen eh‘r wir als dem Sterne,
der machtvoll uns die Tage schenkt
und ungeachtet seiner Ferne
die schwachen Lider uns versengt.

Das Feuer, das wir nicht ertragen,
in ihm gespiegelt wird es mild,
in ihm erschaun wir mit Behagen
der Sonne kühles Ebenbild.

Indes um Worte ich gerungen,
verschwand er mir vom Firmament.
Die Finsternis hat ihn verschlungen,
wo jetzt ein Stern als Grablicht brennt.

Tomaten heute

Tomaten heuteTomaten heute, Butter, Brot
und Käse nicht vergessen.
Dann Vitamine, Kali, Jod
und so Delikatessen.

Sardinen noch zum Abendmahl?
Rosé vom Südfranzosen?
Da kommt es auch schon, das Regal
mit den Konservendosen.

Der Wein? Ein Schrittchen weiter links,
an Nähe nicht zu toppen.
Ja, Fisch muss schwimmen allerdings,
versteht sich grad beim Shoppen.

O weh, die Rolle Klopapier,
passt die noch in die Tüte?
Wo war das noch? Ach ja doch, hier –
drei Lagen erster Güte.

Das ging ja eigentlich ganz fix,
jetzt nur noch schnell zur Kasse.
O Schreck, das war ’n Satz mit x –
was für ’ne Menschenmasse!

Steh mir die Beine in den Bauch,
beweg mich nur in Schüben.
Im Körbchen welken Kohl und Lauch –
viel Zeit, Geduld zu üben!

Die Olsch ganz vorn, ich glaub, ich spinn,
das is mir ja ’ne flotte,
belatschert die Kassiererin
und kommt nicht recht zu Potte.

Jetzt stochert sie im Kleingeld rum,
um passend zu begleichen.
Die Schlange, giftig, aber stumm,
muss auf der Stelle schleichen.

Und endlich sieht der Nächste Land
mit seiner Hamsterkarre,
dern Waren quellen übern Rand –
da heißt es weiter: Harre!

Hilft keiner diesem Übel ab?
Ist König nicht der Kunde?
Von zwanzig Kassen ist mal schlapp
die Hälfte auf zur Stunde.

Ich fress den Ärger in mich rein.
Was ist da groß zu schelten:
Der Imbiss gleich mit Lachs und Wein
wird mir den Frust vergelten.

Da brüllt die Frau vom Kassenplatz:
“Hier bitte nicht mehr warten!“
Die ganze Übung für die Katz –
noch mal von vorne starten!

Da hört sich doch wohl alles auf,
da reißt mir echt der Faden!
Schikane gratis in den Kauf –
wirbt so man für ‘nen Laden?

Dass Wut manch schöne Frucht gebiert,
liegt auch in ihrem Wesen:
Hab’s „offene Gedicht“ kreiert –
mag jeder Shop es lesen!

Normales Defizit

Normales DefizitAls Irrer müsste Worte ich nicht wägen,
schrieb einfach nur nach Maul und nach Gemüt
’ne Hand voll Reime aus verkorkstem Brägen,
und schon zur Lesung mich die Szene lüd.

Hätt Vincent sich sein Ohr nicht abgeschnitten,
und läg er nicht mit Theo Seit an Seit –
noch heute wärn die Krämer unbestritten
zum Kauf der kühnen Striche nicht bereit.

Wer würde auf Villon ‘nen Sou nur geben,
hätt er als Pfaff gedichtet und als Christ,
anstatt gehetzt und vogelfrei zu leben
am seidnen Faden einer Galgenfrist?

Und auch Rimbaud, des Verse uns erklingen
wie eines Wunderkindes Melodie:
Was wär er ohne diese Todesschwingen,
die ihm Äthiopiens Höllenhitze lieh?

Des Schaffensgeists gediegenste Produkte –
was weiß die Menge schon von ihrem Wert?
Ästhetik ist’s nicht, was sie jemals juckte –
der Ruhm nur, der auf ihrem Trittbrett fährt.

Bei mir läuft da nun nix auf dieser Schiene,
bin so normal, dass es zum Himmel stinkt:
Kein Dämon hinter biedrer Bürgermiene,
kein Faust, der einem Teufel sich verdingt.

Ich halt es mit dem alten Stagiriten:
in Sophrosyne meine Tugend such;
kann den Banausen absolut nichts bieten,
nicht mal ein Ruhmesblatt im Guinness-Buch.

So stehn denn vor der Musenrichter Schranken
allein und schutzlos meine Verse da,
die Worte nur für sich und die Gedanken,
dazu noch das formale Trallala.

Ein leichter Job gewiss für die Juroren,
kein echter Prüfstein für ihrn Sachverstand –
total auf Sensationen eingeschworen,
hebt für die Kunst sich keine müde Hand.

O könnt ich nur der Mäßigung entsagen,
dem Käfig goldigen Gemüts entfliehn,
ich packte sämtlich sie bei Arsch und Kragen,
dass sie nach Jesus und der Jungfrau schrien!

Nach altem Brauch: Wen mit der Birne stoßen
recht grob und schmerzhaft auf ein Lernobjekt,
dass er den Prüfungstag, den zünft’gen, großen,
auf ewig sich hinter die Ohren steckt.

Schön wär‘s! Begeist’rung lässt sich nicht erzwingen,
den Sinn für Kunst, den bläut man keinem ein –
die Ochsen zieh an ihren Nasenringen,
das Sabbern lassen sie dabei nicht sein.

So kann ich nur noch auf ein Wunder warten,
auf die Gourmets der Poesie an sich –
doch diese Hoffnung selbst hat schlechte Karten:
Bei 13 Strophen kriegt sie keinen Stich!

Tacheles geredet

Tacheles geredet, Hans Joachim BoberGlaub nicht, ich ließe mich von jedem lesen,
nur dass ich möglichst viel gelesen sei –
verzichte gern auf die beflissnen Wesen,
die alles schön verrührn zum Einheitsbrei.

Bist, Unentwegter, du bis hier gedrungen,
gib’s wieder auf, du lyrischer Athlet!
Ich hab die Verse ja für die gesungen,
die scheiden zwischen Schrott und Qualität.

Wer hat mich deiner Leselust empfohlen?
Die Liste meistgekaufter Bücher schweigt.
Wohl dass im Internet, versteckt, verstohlen,
ein winz’ger „Daumennagel“ auf mich zeigt?

Gewiss steht dir der Sinn nach Sensationen,
nach einem postpoet’schen Hochseilakt,
Gratwanderungen in verbotnen Zonen,
Gedankenflügen, dass dich Schwindel packt?

Doch bin ich nicht als Sportler angetreten,
auf Siege und Rekorde nur fixiert –
pfleg eh’r das alte Image des Poeten,
der sich heroisch durch den Winter friert.

So werden wir uns also nie vertragen.
Als Zeichen meiner Güte dennoch dies:
Wenn meine Verse wirklich dir behagen,
dann, alter Freund, in Gottes Namen, lies!

An der Wirklichkeit vorbei

Hans HolbeinWir tun, als ob wir tausend Jahre lebten
und tot noch eine Ewigkeit dazu –
als ob die Parzen nicht schon ständig webten
am här’nen Hemdchen unsrer letzten Ruh!

Da kommt wer, dass er seine Schätze horte,
zur Truhe alle Nase lang gerannt –
und schon klopft ihm der Meister an die Pforte,
den Celan den aus Deutschland hat genannt.

Da haut wer, dass er ihm die Sterne zeige,
‘nem andern voll ins Mondgesicht –
und schon geht diesem Schlagetot zur Neige
das eigne schattenreiche Lebenslicht.

Da faselt jemand groß von den Meriten,
die er auf wicht‘gem Felde sich erwarb –
mehr hatte er indes auch nicht zu bieten.
Er lobte sich unsterblich, bis er starb.

Da knapst und knausert wer mit seiner Pinke,
hat sich gar selbst die Taschen zugenäht –
grad als man wünscht, dass er im Geld ertrinke,
trifft ihn der Schlag. Der Doktor kommt zu spät.

Schau sich auch einer an den Schwerenöter,
der hochbetagt noch geckenhaft poussiert –
in dieser Frühlingspose fast noch töter
als kurz darauf, gebahrt und balsamiert.

Des Landes höchster Lenker oder Leiter:
„Ein Unglück, gäbe ich’s Kommando fort!“
Das Staatsschiff aber schlingert fröhlich weiter,
holt der Klabautermann ihn auch von Bord.

Da seht ihn nur auf hohem Rosse sitzen,
den, der auf seinen Stand und Status pocht!
Den Dünkel wird er sich vom Leibe schwitzen,
wenn er demnächst im Höllenfeuer kocht.

Und dann der Boss, der Abgott unsrer Zeiten:
Success, Importance, Power in Person!
Auch er wird bald den bittren Weg beschreiten:
Sein Pluto – Hab und Hölle – wartet schon.

Zu guter Letzt des Feldherrn noch gedenken:
Je mehr geschlachtet, desto größre Ehr.
Theognis will als Grabspruch ich ihm schenken:
Wär besser, dass er nie geboren wär!

Am liebsten kürzt, die Zeit sich zu verkürzen,
der eine Mensch des andern Lebensfrist,
den faden Alltag kräftig sich zu würzen,
der ohne Blut ihm ungenießbar ist.

Und glaubt in seinem mörderischen Triebe,
er selbst sei gegen jeden Tod gefeit.
Woraus wir lernen, dass die Eigenliebe
dem größten Unsinn noch die Lauscher leiht.

Wir leben ohne Grenzen, ohne Schranken,
den Würmern gleich im bloßen Augenblick –
Halunken, die sich noch um Beute zanken,
schließt um den Hals sich schon der Galgenstrick.

Politpoesie

PolitpoesieGewiss glaubt ihr, ich könne nicht politisch denken
und brüte brav nur unbedarfte Verse aus,
dabei gewohnt, das Hirn nach Floskeln zu verrenken
der Marke „Sapperment“, „fürbass“ und „Ei, der Daus“.

Ja, es gefällt mir, mit der Sprache so zu spielen –
nein: „auf“, als wär‘s ‘ne Geige oder ‘n Kontrabass,
um Töne, melodiös, und Rhythmen zu erzielen –
die ich doch immer auch in einen Inhalt fass!

Wenn eine Blüte mich verführt, sie zu besingen,
wenn eine Lerche mich verlockt, zu jubiliern,
dann geht das Herz mir auf in allen diesen Dingen,
um sich in ihrem Grund des Daseins zu verliern.

Anders gesagt, an dieses Motto ich mich halte:
Freu an der Welt dich und an dem, was sie bewohnt.
Und als ihr Herr und Meister weise sie verwalte,
weil sie zu lieben und zu schützen es sich lohnt.

So Verslein, mögen sie belanglos auch erscheinen,
um nicht zu sagen: weltfremd gradezu, naiv,
verstecken aber öfter unter biedren Beinen
gleich dutzendweise Schlingen, kritisch-subversiv.

Gedichte sind nichts anderes als Utopien,
beschwörend des Poeten friedlich Ideal:
Nicht Slogans, furchterregend in die Schlacht geschrien,
nein, Minnelieder im geschmückten Rittersaal.

Auf die Gefahr hin auch, dass ich mich wiederhole:
Der Träumer nur gilt mir als wahrer Realist.
Kann es denn sein, dass dieser Kälbertanz um Kohle
tatsächlich schon der ganze Sinn der Übung ist?

Kleiner Klimawandel

Klimawandel, ZitterpappelNun geht der Juli schon zu Ende,
die Tage jagen rasch dahin;
der Glanz der Sommersonnenwende –
längst aus den Augen, aus dem Sinn.

Vorüber sind die schwülen Stunden,
die Nächte, die so brütend heiß,
Gewitter noch und noch umrunden
den heimatlichen Erdenkreis.

Der Himmel gießt auf jede Weise
das Füllhorn seiner Feuchte aus –
es schauert, schüttet, nieselt leise
im Schattenspiel des Wolkengraus.

Dem Arm wird’s leid, den Schirm zu halten –
die Büx wird sowieso besprüht.
’s sind Zeiten schlecht für Bügelfalten
und auch nicht bessre fürs Gemüt.

Pullover tragen nicht versäumen –
schon bläst der Herbst in manchem Hauch!
Die Blätter stehn noch an den Bäumen –
ach, seht doch nur, sie zittern auch!

Unterwegs entdeckt

Unterwegs entdeckt, Julius AlbertAuf Reisen sah ich neulich einmal ’ne Plakette,
dass da wer wohnte, der das Drahtseil einst erfand,
was unsre Welt doch kolossal verbessert hätte –
und ergo dieser schöne Hinweis an der Wand.

Ja, wenn ich lediglich an Förderkörbe denke,
wem leuchten sie nicht ein, die Strippen aus Metall?
Derart’ge Schwergewichte in ‘nen Schacht versenke –
da hilft nicht mal Manilahanf im schlimmsten Fall.

Doch so auf Draht zu sein hat durchaus seine Tücken –
erleichtert ja auch andern Dingen den Transport.
Du willst dem Nachbarn feindlich auf die Pelle rücken?
Das Seil schleppt locker auch Kanonen dir vor Ort.

Und sollte dieses – toi, toi, toi – doch mal zerbersten,
sackt es zu Boden nicht so faul wie’n Klumpen Blei –
es schnappt sich zuckend, züngelnd, just den besten Ersten
und schlitzt ihm ritsche, ratsch das liebe Fell entzwei.

Zweischneidig also wie so vieles, was erfunden
und dennoch allgemein ‘nen guten Ruf gewinnt –
lässt sich der Vorteil nur in barer Münze runden,
bleibt der Verstand ja gern auf einem Auge blind.

Drum säh ich lieber mal ein solches Schild geschrieben:
„Hier lebte der/die Soundso von dann bis dann.
Als kühne Neuerer zwar unbekannt geblieben,
taten der Menschheit sie auch keinen Schaden an.“

Lyrische Kehrtwende

Lyrische Kehrtwende, Josef ManesWenn ich dereinst, vom Aktenbock entbunden,
mich musischen Geschäften nur noch weih,
dann wähl ich mir die schönsten Morgenstunden
zur Frühgymnastik meiner Reimerei.

Vor Tau und Tag werd ich zur Leier greifen,
die ich bisher dem Abend nur geliehn,
um diese Bilder endlich abzustreifen,
auf die der Unstern alles Finstren schien.

Die Sonne werde täglich ich begrüßen
wie einen Bruder, der nach Hause kehrt,
den Sternenstaub zu schütteln von den Füßen
an seinem heimelig erhellten Herd.

Den Vögelchen, die auf geheimen Zweigen
mit süßen Seufzern aus dem Schlafe fahrn,
werd ich mein Ohr in stiller Andacht neigen,
ihr Tagelied in Strophen zu bewahrn.

Und an den Gräsern werde ich mich weiden,
wenn noch der Tropfen Silberfracht sie beugt
und feine Fäden zwischendurch beeiden,
dass Spinnen unermüdlich sie erzeugt.

Dem Morgen, der mit nachgewachsnen Schwingen
sich wie ein Phönix aus der Nacht erhebt,
will ich in Zukunft stets mein Ständchen bringen,
weil alles er erweckt und neu belebt.

Versiegend, werd die Quelle ich besingen,
verdämmernd, wie der lichte Tag beginnt.
Ist fort das Joch, mich in den Trott zu zwingen,
dann bin ich wieder frei – wie einst als Kind!

Kleine Bratenkunde

Kleine BratenkundeEin kleines Stückchen aus dem Kuchen,
der meiner Lebensfrist geweiht,
will weiterhin ich hier versuchen,
zur Lust des Augenblicks bereit.

Recht habt ihr, rätselhaft zu finden,
was vorlaut meine Feder schreibt,
doch schneid ich’s hier in alle Rinden,
dass sie so ominös nicht bleibt.

Denn um’s banaler auszudrücken,
was mir da so barock geriet:
Ich will den Stuhl zum Pulte rücken
und sinnen auf ein neues Lied!

Das ist, ihr habt es schon erraten,
‘ne Aussicht, die in mir rumort
wie’n anderem der Sonntagsbraten,
der lieblich in der Pfanne schmort.

Und wie mit wässerigem Munde
Besagter nach der Speise giert,
verschmacht ich meine späte Stunde
nach Versen, die der Bauch gebiert.

Da heißt’s wie auf ein Steak zu harren,
das Köchen immer Mühe macht,
weil lang sie mit dem Wender scharren,
bis sie es auf den Punkt gebracht.

Soll der Poet es besser haben?
Da sei Apicius davor!
Die einen schieben halt und schaben,
die andern feilen nach dem Ohr.

Doch mag’s auch Zeit und Arbeit kosten,
nie hört man einen Klageton –
sei’s Hobby, sei es fester Posten:
Man freut sich seiner Kreation.

Vor allem, wenn der krit’sche Gaumen
nach dem Genuss mit Lob nicht spart
und will Termine anberaumen
für weitre Schmäuse dieser Art.

Betrifft den Koch mehr als den Kleckser:
Der hört nicht, wie man Lippen leckt,
weil wie im Lotto fast ‘n Sechser
dem Feingeist seine Nummer schmeckt.

Dafür auch nie Reklamationen,
weil Brutzelzeit verlängt, verkürzt –
so muss denn meine Müh mir lohnen
der Lorbeer, der die Soße würzt.