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Kein gutes Pflaster

Kein gutes PflasterKein Dichter möchte die Natur wohl missen,
in der er seine schönsten Verse fand –
an Wordsworth denke man und die Narzissen,
an Mörike mit seinem blauen Band!

Ist es der Frühling nicht mit seinen Blüten,
der Sommer in der Fülle seiner Kraft,
die das Geheimnis des Lebend’gen hüten,
aus dem der Sänger seine Welten schafft?

Was das betrifft, da hab ich schlechte Karten –
die Landschaft hier gibt keine Blumen her,
aus Stein nur einen labyrinth’schen Garten,
der mit Zement bepflanzt, Beton und Teer.

Soll ich der Lyrik deshalb mich versagen,
der Öde beugen mich im Wohnquartier?
O nein, so leicht geb ich mich nicht geschlagen –
hab ich doch immer noch die Rauke hier.

Mit diesem Pflänzchen könnt ihr nichts verbinden?
Nun, viele Fensterbänke wird’s nicht ziern,
mit Gummibäumen und mit Zimmerlinden
kann im Geringsten es nicht konkurriern.

Es ist ja auch ein struppiger Geselle,
der wild ins Kraut in seinem Topfe schießt
und danach giert, dass man ihm auf die Pelle
tagtäglich eine Kruke Wasser gießt.

Da gibt’s ‘ne Menge Blätter auch zu tränken,
die furchtbar mager und am Rand gesägt
und sich wie Schlangen winden und verrenken,
medusenhäuptig wild und ungepflegt.

Feinschmeckern aber scheint sie zu behagen,
weil in der Schüssel sie Geschmack beweist
(nachdem in „Rucola“ sie übertragen:
Gourmets goutieren nicht, was „Rauke“ heißt!)

Wenn auch zu spärlich hier, mir zu ersetzen
den bunten Blütenflor, der inspiriert,
weiß ihre Gegenwart ich doch zu schätzen
als Mauerblümchen, das sich nicht verliert.

Pflichtvergessen

PflichtvergessenHe, Juli, was ist los mit dir,
nun lass dich doch nicht lumpen.
Grad zu dem Zweck bist du ja hier,
uns Sonnenschein zu pumpen!

Kommst im Gefolg des Sommers her,
uns Freuden zu verheißen.
Da tu dich jetzt doch nicht so schwer
und dich am Riemen reißen.

Okay, sechs Tage bist du alt
und magst dich Jüngling nennen,
doch auch ein Monat schwindet bald,
die Stunden nur so rennen.

Ein Knäblein grad noch, lebensfrisch,
ein süßer kleiner Racker,
reißt dich die Zeit vom Wickeltisch
im Nu zum Gottesacker.

In deines Leibes Winzigkeit
glaubst ewig du zu bleiben,
die Zukunft so unendlich weit,
sie förmlich abzuschreiben.

Doch nimm von mir die Lehre an,
ich hab’s ja selbst erfahren:
Was immer auch so zart begann,
kommt zügig auch zu Jahren.

Verlass dich nicht mit leichtem Sinn
auf ein gewisses Morgen,
ist deine Frist erst hops und hin,
gibt’s neue nicht zu borgen.

Auf denn, du fauler Juli-Kerl,
sollst dich ins Zeug nun legen,
dass Licht uns blitzend niederperl
und nicht so‘n trister Regen.

Nur so erfüllst du deine Pflicht,
den Goldpokal zu reichen,
zum Rand gefüllt mit Sonnenlicht –
als Juli ohnegleichen.

Ach, nur ein Aufruf, ein Appell
an dunkle Wettermächte –
bewahrn sie doch mit dickem Fell
die eignen wind’gen Rechte!

 

In der Schreibstube

In der SchreibstubeGanz nüchtern will ich Folgendes notieren,
und Kunst sei keineswegs dabei im Spiel.
Sollt’s dennoch jemand einmal kommentieren:
Ich selbst verstehe es als Prosastil.

Ich möchte ohne Schnickschnack einfach schildern,
was mir beim Schreiben hier vor Augen liegt.
Im Feld der Fantasie muss ich nicht wildern,
weil Wirkliches mir vor die Büchse fliegt.

Den Tisch hab ich entfremdet seinem Zwecke
und kurzerhand zum Schreibpult ihn gemacht.
Jetzt hock ich wieder in der Küchenecke
und nach der Musen Götterspeise schmacht.

Das heißt, die Esslust ist nicht ganz verschwunden,
auch die nicht, die den Gaumen nur erfreut;
drum Lippen öffnen ab und zu und runden –
ein Stücken Käse hat noch nie gereut!

A nos moutons! Da wär die Fenstertüre,
die zum Balkon sich öffnet oder schließt;
davor, Karrees von Löchern mit Bordüre,
in Faltenwellen die Gardine fließt.

Den Vorhang kann ich hier gleich miterwähnen,
der linker Hand gerafft die Stellung hält,
drauf schwarz und weiß von Hühnern und von Hähnen
die Silhouette groß ins Auge fällt.

Und hab ich je schon diesen Stuhl beschrieben,
den vor der Heizung voll in meiner Sicht,
sein Kiefernholz, aus dem wie eingetrieben
das dunkle Muster seiner Mas’rung sticht?

Und sicher auch nicht diese Dioskuren
von Topflappen am Haken überm Herd –
die völlig frei von Brand- und Hitzespuren,
weil man hier selten nur die Flamme nährt.

So könnt ich wohl ‘ne Weile noch erzählen
von diesem und von jenem episch breit,
doch will ich, Leser, dir Zeit nicht stehlen,
die du gewiss der Lyrik ja geweiht.

Verzeih mir, dass ich mit Banalitäten
dein Ohr, nach Höhrem lauschend, abgespeist –
du wirst ihn wiederfinden, den Poeten,
wenn du’s auch künftig seinen Zeilen leihst!

Ein Gelöbnis

Ein Gelöbnis (Oswald von Wolkenstein)Hier diese Lanze hab ich dir geweiht
und meiner Seele ganzes Feuer,
auf dass ich kühner, Herrin, dir bestreit
die Welt und ihre Abenteuer.

Hier diese Klinge hab ich dir verehrt
und meines Willens ganze Schärfe,
auf dass ich, Herrin, schrecklicher bewehrt
für dich mich in die Schanze werfe.

Hier diese Arme hab ich dir gelobt
und meines Leibes ganze Stärke,
auf dass ich, Herrin, wenn die Schlacht schon tobt,
geh umso mutiger zu Werke.

Hier diese Augen gab ich dir zum Pfand
mit dir als ihrer schönsten Weide,
dass, Herrin, wenn ihr Licht einst ausgebrannt,
ich tiefer um dein Bildnis leide.

Hier dieses Herz, ich ließ es immer treu
im Takt mit deinem, Herrin, schlagen,
dass nicht einmal ich seinen Stillstand scheu,
den liebend wir gemeinsam tragen.

Darum bei diesem Becher hier mein Schwur,
der leicht der Kehle zu entringen:
Wie du der Schönen, tapfrer Troubadour,
will mutig ich dem Guten singen!

Gardinenpredigt

Gardinenprdigt (Adolph von Menzel)Wenn ich sie so im Dämmerlicht betrachte:
Im Grunde weiß ich kaum etwas von ihr,
nicht wer – und wann – sie hier in Stellung brachte,
nicht, wo sie herkam: Straße, Haus, Quartier.

Genug, dass grad ich ihren Namen kannte –
ihr ganzes Wesen lag für mich darin.
Besaß sie Freunde irgendwo, Verwandte?
Die Frage kam mir niemals in den Sinn.

Nur dieses Wort ist sie für mich gewesen,
ein Luftgebilde ohne Fleisch und Blut,
so wie Gedrucktes wir in Büchern lesen,
das farblos auf der Wirklichkeit beruht.

Ich hab sie nicht mal richtig angesehen,
nur wie zerstreut durch sie hindurchgeschaut,
als würd sie mir da wohl im Wege stehen,
doch nur als Schatten ohne Bein und Haut.

Die Augen sind mir endlich aufgegangen,
so plötzlich, wie man wohl aus Trance erwacht:
Als Blickfang hat sie immer da gehangen
und so mich praktisch unsichtbar gemacht

Für Bürger, die spaziern, und Bürgerinnen,
dern Neugier so ein helles Fenster weckt –
wobei die ungetrübte Sicht von drinnen
sie andrerseits mir züchtig nie verdeckt.

Da bauscht sie luftig sich mit ihren Falten,
dass ständig sich der Maschen Netz verschiebt,
um hier und da ein wenig einzuhalten,
wenn es dem Wind im Türspalt so beliebt.

Und dann, als ob es ihr egal nicht schiene,
dass ich auf einmal ihr Beachtung schenk,
lässt ihren Saum sie fliegen, die Gardine –
kokett gewiss, doch etwas ungelenk.

Geballte Spannung

Geballte Spannung2Das ganze Land im Fußballfieber.
Ein neuer Titel ist in Sicht.
Der Dichter aber dichtet lieber,
weil dieser Hafer ihn nicht sticht?

Im Gegenteil, er zieht mit Freude
sich möglichst viel Partien rein,
dass seine Leidenschaft vergeude
er auch einmal fürs Wadenbein.

Da gibt’s ‘ne Menge zu bemerken
an Fakten, die er sonst nicht kennt,
zum Beispiel auch die Kopfballstärken,
die wichtig, wenn die Hütte brennt.

Und auch gezielte Ruppigkeiten
schon im neutralen Mittelfeld,
die ihn verpflichten, einzuschreiten,
den Zensor, der die Pfeife hält.

Im Hin und Her der Pässe, Flanken,
paart Kampfkraft sich mit Präzision,
bis schließlich Abwehrmauern wanken
und Tore falln als Stürmerlohn.

Und wer die Palme dann errungen,
genüsslich übern Platz stolziert,
dieweil mit unverbrauchten Lungen
von Fans die Hymne intoniert.

Dann rauscht es mächtig von den Rängen
in siegestrunkner Sangeslust
von kolorierten Menschenmengen
aus voller Patriotenbrust.

Die Fouls, vom eignen Team begangen,
empörten ohnehin sie nie –
doch jetzt, im sel’gen Rausch gefangen,
verzeihn sie selbst dem Gegner sie.

Die Sache geht indes noch weiter:
Es handelt sich um ein Turnier –
die nächste Sprosse auf der Leiter
hat schon die Mannschaft im Visier.

Man muss sich mühsam vorwärtstasten,
mal auch mit Glück und Fantasie –
oft springt per Zufall in den Kasten
der Ball vom Hintern oder Knie.

Ich lausch nach draußen: Grabesstille.
Im Fernsehn läuft ein Match zurzeit.
Des Fußballvolks gebrochner Wille
jetzt stumm nur noch nach Toren schreit.

Als gäbe es ‘ne Ausgangssperre,
so öd die Straße und so leer;
nicht mal das übliche Geplärre
vom Schuppen um die Ecke her.

Man fühlt es wie ‘ne Spannung liegen
in dieser schwülen Sommerluft.
Dann das Finale: Elf, die siegen –
und Leidenschaft, die jäh verpufft.

küchenimpressionen

küchenstückdie küche der ausblick das sanfte dämmern
ich hab es besungen schon tausendmal
und will es aufs blatt hier noch einmal hämmern
ins herz jedes wort ins herz wie ein pfahl

der tisch mir zu händen die gummidecke
mit karo rotweiß in reih und in glied
oliven und wein dass die muße schmecke
der mond der den augen sachte entflieht

der toaster der stuhl am hängenden teller
die maurischen muster golden und blau
ibiza die stadt die disco im keller
die nächte im freien lavendellau

der kühlschrank summend die kaffeemaschine
das flackernde flämmchen saunier duval
gekühlt dennoch streichbar die margarine
die eier aus heimischem hühnerstall

der hahn mit der chronisch laufenden nase
die tropfen klingend zerplatzend auf chrom
der blumenstrauß welk in der humpenvase
zerfleddert zerflossen im zeitenstrom

das radio das rot die reihe von knöpfen
brüchige ziffern im grauen display
der kleine balkon um atem zu schöpfen
im duftenden schrank bergamott earl grey

die stunden die träge tickend entgleiten
wie durch die enge der fallende Sand
der federstrich furchend wechselnd die seiten
ein pflügender ochse in dichterhand

die flasche die fliesen der feuerhaken
der vorhang die verse und pegasus
die kerzen die triefende trauer blaken
am himmel die sterne plötzlich und schluss

Bank und Baum

Bank und BaumVor meiner Bank, da steht ein Baum,
der weicht nicht von der Stelle.
Er hütet hier den Straßenraum
grad vor des Mammons Schwelle.

Dass er dem Sommer Ehre mach,
hat er sich reich gekleidet.
Unter smaragdnem Blätterdach
das Spatzenvölkchen weidet.

Bisweilen zwinkert lustig er
im goldnen Licht der Sonne,
bisweilen seufzt er tränenschwer,
fällt Regen in die Tonne.

So wurzelt er hier Jahr für Jahr
und hält dem Ort die Treue –
ganz anders als Freund Adebar,
der ewig winterscheue.

Als hätten Feuer sie im Schuh,
sieht er die Menschen hasten,
und raunt er ihnen etwas zu,
geht’s nicht in ihren Kasten.

Allein aufs Geld, ihr A und O,
beschränkt sich ihr Bestreben.
Hast du kein Konto, kein Depot,
bist für sie Luft du eben.

Der Baum, er wiegt sich fort im Wind,
dem Klang der Welt zu lauschen.
Vielleicht vernimmt des Bankers Kind
einmal sein schönes Rauschen.

Zeitaufschreibung

ZeitaufschreibungAm Abend zur gewohnten Zeit.
Ich knie vor den Musen nieder,
das Trankopfer vollzugsbereit,
wie sie es fordern immer wieder.

Gewähren mir im Gegenzug,
dass meine Verse ich schon finde
nach flüchtigem Gedankenflug
wie’n Specht den Wurm in seiner Rinde.

Die Stunden rinnen aus dem Glas,
indem sie auch die Buddel leeren,
und machen dennoch mir den Spaß,
die Strophen mählich zu vermehren.

Bemerkt, dass ich von Kunst nicht red,
nicht von der Weisheit tiefem Bronnen –
bloß, dass hier Zeit geschrieben steht,
in Tintenblau und -schwarz geronnen.

Ein Hobby ist’s, ‘ne Spielerei,
wie andre am Computer hocken,
‘ne Tüte Erdnussflips dabei,
und manche Kurzweil ihm entlocken.

Das Spiel indes, das mich erfreut
in langen abendlichen Stunden,
beginnt genauso stets erneut,
doch ist beendet nicht verschwunden.

Die Wörter ziehen ihre Spur
wie Adern übern Leib der Seiten,
wie Furchen auf beschneiter Flur,
die erdig ihr das Weiß bestreiten.

Und greif ich auch zu neuem Blatt,
ihm andre Linien einzupressen –
das Alte bleibt an seiner Statt,
verblassend, aber unvergessen.

Denn was ich wohlbedacht gefüllt
mit Zeilen von beredten Händen,
wird nicht zerrissen und zerknüllt,
wie Wurstpapier im Müll zu enden.

Und heb ich’s auf, gewiss nicht weil
es von besondrem Werte wäre,
so grob behaun vom Bardenbeil
macht es der Kunst nur wenig Ehre.

Nein, eher gilt’s mir als Beleg,
als Auszug aus den Depositen
des Kontos, das zu führen pfleg
für Chronos ich ohne Renditen.

Und wie es schleichend sich erschöpft,
füll ich’s geduldig mit Gedichten –
die Zeit, die mir schon abgeknöpft,
kann ich poetisch somit sichten.

Wie ein Insekt, das unverwest
im Leib des Bernsteins eingeschlossen,
so in die Zeilen, die ihr lest,
ist meine Lebensfrist geflossen.

Drum ist sie ja nicht wen’ger weg –
doch irgendwie auch nicht verloren.
Man stirbt. Und nach dem ersten Schreck
wird in der Kunst man neu geboren!

Am Rande des Sports

Am Rande des SportsErinnert euch: Es herrschte Frieden,
solang die Fackel noch gebrannt
den Helden, wie sie einst hienieden
olympisch nach dem Ruhm gerannt.

Und die da aus verschiednen Gauen
zur heil’gen Walstatt angereist
auf Wegen, denen nicht zu trauen,
falls unbeschützt von diesem Geist.

Denn Völker, die in sich zerstritten
aus Gründen voller Fadenschein,
sie brauchen diese strengen Sitten,
sonst hauen sie noch fester drein.

‘ne Vorsichtsregel jener Alten,
die bei den Spielen sich bewährt –
Rabauken mussten an sich halten,
bis die Athleten heimgekehrt.

Wie schade, dass im Lauf der Zeiten
man diesen Brauch nicht mehr gepflegt –
wenn heutzutage Sportler streiten,
auch der Randale Stunde schlägt.

Dann lassen ihre Fäuste fliegen
(nur äußerlich für ‘nen Verein),
die Schläger, in den Griff zu kriegen
mal dies Gefühl, ‘ne Null zu sein.

Ein Aufgebot von Polizisten
hält sie mit Mühe nur in Schach –
den Stall Augias‘ auszumisten,
ist ihre Keule viel zu schwach.

Per Zufall kriegt man am Schlafittchen
mal hier und da ein schwarzes Schaf
und schleppt das zappelnde ins Kittchen,
dass es die Pritsche hart bestraf.

Doch eine Nacht erst durchgestanden
in wohlbewachter Zelle Haft,
erlöst es aus den Kerkerbanden
der Richter mit Gesetzeskraft.

Denn ist ein Wohnsitz nachzuweisen,
an dem man angemeldet ist,
kann frei man in die Fremde reisen,
wo man in jede Ecke pisst.

Gesetz und Recht sei unbenommen,
dem Bürger, der es einst erstritt –
und wird doch stets zugutekommen
auch dem, der’s frech mit Füßen tritt.