Archiv der Kategorie: Mensch

Mehr als Unlust

Mehr als UnlustIch weiß nicht, will nicht, will nicht wollen –
so ist den ganzen Tag mir schon.
Liegt sicher an dem Magengrollen,
Vulgärlatein: Indigeschtjon.

Wie hab ich mir das zugezogen?
Das brummt und grummelt pausenlos,
als käm’s da bald herausgeflogen
wie Magma aus dem Erdenschoß.

Und immer wieder Krämpfe zucken,
der Eruption vorausgesandt,
als würd man an ‘ner Kette rucken,
die mitten durch den Bauch gespannt.

Gefühl der Übelkeit im Rachen,
das bis zum leichten Würgen geht –
doch kurz vorm Eimer stets verflachen
die Wogen der Vomizität.

Allmählich auch den Kopf befielen
die Schmerzen, die nach ihm benannt,
dem Elend in die Hand zu spielen,
das so mich völlig überrannt.

Doch um nicht ganz zu unterliegen
dem rüden Angriff der Natur,
erklomm mit letzter Kraft die Stiegen
ich zum Parnass, zum Musenflur.

Zwei Strophen noch herausgestammelt,
dann warf der Jammer mich aufs Bett.
Hab heut sie wieder aufgesammelt
und, seht, erweitert zum Septett!

Frisch gewagt also

Frisch gewagt alsoAuch eine Tausendmeilenreise
beginnt mit einem einz’gen Schritt,
wusst schon der alte China-Weise,
bevor sein Fuß an Blasen litt.

Doch muss man gar so weit nicht stecken
das Ziel, das man ins Auge fasst,
die ganze Wahrheit rauszuschmecken
vom Wagnis, das den Aufbruch hasst.

Ich kann ein Liedchen davon singen,
da täglich ich ins Weite schweif,
um aus dem Brägen heimzubringen
‘nen Vers, der konsumentenreif.

Was für ein Akt, den Stift zu heben,
der lauernd überm Blatte kreist,
und jäh ihm dann den Stoß zu geben,
dass schreibend er sich drin verbeißt!

Wie zögert erst die Adlerkralle,
wie unstet hastet erst der Blick,
bis endlich flugs im Niederfalle
die Beute baumelt am Genick!

Und so befreit von weitren Zwängen,
hält sie ihr Opfer eisern fest
und bringt es in bewährten Fängen
ganz unversehrt ins Felsennest.

Ach, müsste ich wohl tausend Meilen
um eines Verses willen gehn –
ich würde lieber hier verweilen
und hunderttausend Däumchen drehn!

Kein Ende finden

Kein Ende findenMal wieder Zeit zum Schlafengehen.
Die Uhr hat Mitternacht passiert.
Auf wackeligen Füßen stehen
die Verse schon dahingeschmiert.

Das Fläschchen mit dem Korkenschnuller
hab ich schon lange ausgesaugt,
dass satt und selig ich wohl kuller
in Schlummer, der für Tage taugt.

Doch Nacht für Nacht geschieht das Gleiche,
geht meine Sitzung auf den Rest:
Statt dass ich in die Koje schleiche,
kleb wie geleimt am Stuhl ich fest.

Mit Zähnen wehr ich mich und Klauen
dagegen, dass der Tag vorbei
und schon das nächste Morgengrauen
dem Horizont im Nacken sei.

Profan: Ich kann kein Ende finden,
bin einmal ich so recht in Fahrt,
um, schnipp, den Faden zu entbinden
vom schönen Schnurrn der Gegenwart!

Mal ist sie kürzer, ist sie länger,
die Galgenfrist, die ich noch hab,
dieweil sie häufen sich, die Hänger,
und Pegasus kommt aus dem Trab.

Das Schicksal ist nicht abzuwenden,
zu dem uns die Natur bestimmt.
Der Pinsel gleitet aus den Händen;
das letzte Geisteslicht verglimmt.

Dickhäutige Bauten

Dickhäutige BautenMein Dank gilt heute den Erbauern
von Häusern, die aus einem Guss!
So sitz ich hinter dicken Mauern,
als wär ich wunders weit vom Schuss!

Der Nachbar mag die Laute schlagen,
die Stimme heben wie’n Prophet,
die Wäsche durch die Trommel jagen –
und alles meinem Ohr entgeht!

Tief eingemummt in meine Wände,
die gut gefüttert sind mit Stein,
haus friedlich ich in ‘nem Gelände,
wo selbst die Musen noch gedeihn.

Gerade jetzt zu dieser Stunde,
da längst verblich das Abendrot
und voll die Buden in der Runde,
erscheint der Bau wie mausetot.

Mag manchmal auch am Fernsehn liegen,
weil da ein Straßenfeger läuft
mit Menschen, die krepiern wie Fliegen,
in Strömen frischen Bluts ersäuft.

Doch auch die schrillen Sterbensschreie,
von seichten Krimis produziert,
sie schänden nicht die stille Weihe,
die meine Dichterklause ziert.

Trotzdem gleicht meine Gummizelle
nicht jenem Turm aus Elfenbein.
Doch Stille schafft die grüne Welle,
um rasch auf dem Parnass zu sein!

Lack ab

Lack abWenn alt und hässlich du geworden,
gibt keiner dir ‘nen Penny mehr.
Verachtung heißt den Menschen morden
mit Blicken, ohne Schießgewehr.

Ein junges Blut mit frischen Wangen,
das süß sich in den Hüften wiegt,
erweckt dagegen das Verlangen,
dass man um jeden Preis es kriegt.

So ist den meisten mitgegeben
des Leibs latentes Kapital,
dereinst von Männern abzuheben,
denen als wert es sich empfahl.

Die handeln aus der reinsten Liebe,
wie sie um einen Pol nur kreist,
das heißt gemeinhin aus dem Triebe,
der Liebe zu sich selbst beweist.

Allmählich fängt man an zu hassen,
was früher man zur Lust begehrt,
und würde liebend gerne chassen
das Kapital, das aufgezehrt.

Meist bleibt man aber noch zusammen
und lebt doch fremd für sich allein,
verbeißt die steten Seelenschrammen
nebst Vatertag und Skatverein.

Doch besser so als nach der Weise:
Zur Frühe fad, am Abend frisch.
Käm alle Schönheit erst dem Greise,
wär sicher bald der Mensch vom Tisch.

Plötzlich und unverhofft

Plötzlich und unverhofftEs war um sie schon still geworden.
Man glaubte nicht an ein Comeback.
„Längst ruht sie aus von ihrn Rekorden
an irgendeinem fernen Fleck.“

Fast dass man sie nicht mehr vermisste
und aufgab, nach ihr auszuspähn –
da springt wie’n Teufel aus der Kiste
sie wieder mitten ins Geschehn!

Der Schreck fuhr allen in die Glieder,
die mit dem Herbst sich arrangiert.
„Ich fass es nicht, da ist sie wieder,
die Schweiß uns in den Nacken schmiert!“

Die Ärmsten! Doch die meisten brachen
in Hochs und Hosiannas aus,
dass jetzt die Strahlen wieder stachen
ins bleiche Fleisch des Körperbaus.

Ja, Totgesagte leben länger,
beweist die liebe Sonnen nun,
und wie ein rechter Wiedergänger
gibt sie uns ordentlich Kattun.

Kein Wunder, dass im Handumdrehen
sie manchem auch ‘nen Stich versetzt,
dass Hör’n und Sehen ihm vergehen,
ja, auch das Hirn zu guter Letzt.

Dies Phänomen ist zu studieren
im Radio alle Nase lang.
Die Wetterfrösche delirieren
wie weiland Franz beim Sonnensang!

 

Neues Musenspiel

Neues MusenspielDer Abend ist nicht aufzuhalten.
Ich mach es mir am Tisch bequem.
Hell scheint durch die Gardinenfalten
der alte Stern von Bethlehem.

Den haben mir vom Bau die Leute
da drüben an den Kran gehängt,
die wundersam am Sonntag heute
den Schritt zur Arbeit hingelenkt.

Ansonsten liegt der Himmel droben
in Dunst und Wolken eingetaucht
mitsamt dem Volk der Leuchtmikroben,
das Funken in die Nächte haucht.

Vom Mond würd ich so ähnlich sagen,
käm’s mir nicht überflüssig vor,
in eine Kerbe hier zu schlagen,
die offen wie ein Scheunentor.

Drum rasch von der Natur zur Stube,
die nicht dem Wetter unterliegt –
da mischt er wieder, der Herzbube,
die Verse, dass er Trümpfe kriegt.

Als ob das kein Ambiente wäre,
das prickelnden Gewinn verspricht –
‘ne Hinterzimmeratmosphäre
mit schön gedämpftem Kerzenlicht!

Und bin ich etwa ‘ne Mimose,
bei Misserfolg gleich eingeschnappt?
Geht mir das Spiel auch in die Hose –
schon morgen ‘s wieder besser klappt.

 

Stille Gäste

Stille GästeWie seltsam sind mir diese Gäste,
die hier seit Tagen einquartiert –
behandelt und versorgt aufs Beste
und dennoch schrecklich reserviert!

Erfreun sich einer eignen Bleibe
als ständigem Refugium,
schön luftig ohne Fensterscheibe,
doch fest vergittert ringsherum.

Ein Teppich aus den feinsten Spänen
ist locker darin ausgelegt,
der jederzeit bequem zu dränen,
wenn er mit Flüssigkeit beschlägt.

Auch Schlafgemächer, separate,
in Birke alle, rustikal,
sie stehen hier den Träumen Pate,
den satt-zufriedenen zumal.

Dies zum Komfort. Und ist das Essen
nicht auch so recht nach ihrer Art?
So mittendrin im Heu gesessen
und auch an Gurke nicht gespart?

Das reinste Paradiesesleben –
nur fressen, dösen, ohne Pflicht.
Man lernt nicht einmal Pfötchengeben,
bedankt auch sonst sich weiter nicht.

So gehn den Meerschweinchen die Tage
in stetem Gleichmaß rasch dahin.
Nicht sehr beneidenswert, die Lage:
Das weiß ich, seit ich Rentner bin.

Noch offene Fragen

Noch offene FragenJetzt krebs ich schon so siebzig Jahre
auf diesem Schleuderstein herum
und fühl mich angesichts der Bahre
noch immer wickelwiegendumm.

Allein die Erde, nicht zu fassen:
Ein Stäubchen, das im Kosmos irrt;
und oben drauf Mikrobenmassen,
dass nur so krabbelt es und schwirrt!

Und unter diesen winz’gen Wesen
ein einz’ges, das Hosianna schreit
und das von Göttern auserlesen
sich glaubt für die Unsterblichkeit.

Der Mensch hält sich fürn Geistgiganten
und drum allein erhaltenswert,
dass er von seinen Tierverwandten
sich naserümpfend abgekehrt.

Er faselt von der Wahrheitsliebe
und lügt sie sich stets mundgerecht,
dass meistens dem Erkenntnistriebe
Begierde die Befunde schwächt.

Und hör ihn gar von Frieden schwätzen –
da grinst Tartuffe aus jedem Wort!
Sein ew’ges Hobby: Messerwetzen
für Bruder- und für Völkermord.

Ein Parasit von Gottes Gnaden,
der mählich seinen Wirt verschlingt.
Ob’s letzte Stück vom Lebensfaden
mir Licht noch in dies Dunkel bringt?

 

Unter dem Herbstmond

Unter dem HerbstmondNun wühlte aus den Wolkenschären
der Mond zuletzt sich freie Bahn
und schwimmt als großes Licht im leeren
und weiten Himmelsozean.

Der liegt in Finsternis verborgen
und zeigt nicht einen Wellenschlag,
weil ohne Kümmernis und Sorgen
sich seine Stirn nicht kräuseln mag.

Nur wo ihm auf den Leib gefallen
der Schein, den jener um sich streut,
sieht aus dem Schwarz man widerhallen
die hellen Flecken, die verbläut.

Hienieden herrscht die schönste Frische.
Die Luft ist klar, mit Reif vermengt.
Ein Monat, wieder gut für Fische,
weil ihm ein R am Hintern hängt.

Der Bäume sommergrüne Mähne
fraß schon der Rost ein wenig an,
dass man in jeder zweiten Strähne
ein braunes Schleifchen sehen kann.

Der ew’ge Gang der Jahreszeiten –
ein Kreisel, der nie stillesteht.
Und wachen Augs sieht man entgleiten
das Traumbild der Realität.

Noch hält auf die gewohnte Weise
die welke Hand den Pinsel fest.
Ob sie ihn auf der Winterreise
nicht irgendwann mal fallen lässt?