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Kleiner Klimawandel

Klimawandel, ZitterpappelNun geht der Juli schon zu Ende,
die Tage jagen rasch dahin;
der Glanz der Sommersonnenwende –
längst aus den Augen, aus dem Sinn.

Vorüber sind die schwülen Stunden,
die Nächte, die so brütend heiß,
Gewitter noch und noch umrunden
den heimatlichen Erdenkreis.

Der Himmel gießt auf jede Weise
das Füllhorn seiner Feuchte aus –
es schauert, schüttet, nieselt leise
im Schattenspiel des Wolkengraus.

Dem Arm wird’s leid, den Schirm zu halten –
die Büx wird sowieso besprüht.
’s sind Zeiten schlecht für Bügelfalten
und auch nicht bessre fürs Gemüt.

Pullover tragen nicht versäumen –
schon bläst der Herbst in manchem Hauch!
Die Blätter stehn noch an den Bäumen –
ach, seht doch nur, sie zittern auch!

Lyrische Kehrtwende

Lyrische Kehrtwende, Josef ManesWenn ich dereinst, vom Aktenbock entbunden,
mich musischen Geschäften nur noch weih,
dann wähl ich mir die schönsten Morgenstunden
zur Frühgymnastik meiner Reimerei.

Vor Tau und Tag werd ich zur Leier greifen,
die ich bisher dem Abend nur geliehn,
um diese Bilder endlich abzustreifen,
auf die der Unstern alles Finstren schien.

Die Sonne werde täglich ich begrüßen
wie einen Bruder, der nach Hause kehrt,
den Sternenstaub zu schütteln von den Füßen
an seinem heimelig erhellten Herd.

Den Vögelchen, die auf geheimen Zweigen
mit süßen Seufzern aus dem Schlafe fahrn,
werd ich mein Ohr in stiller Andacht neigen,
ihr Tagelied in Strophen zu bewahrn.

Und an den Gräsern werde ich mich weiden,
wenn noch der Tropfen Silberfracht sie beugt
und feine Fäden zwischendurch beeiden,
dass Spinnen unermüdlich sie erzeugt.

Dem Morgen, der mit nachgewachsnen Schwingen
sich wie ein Phönix aus der Nacht erhebt,
will ich in Zukunft stets mein Ständchen bringen,
weil alles er erweckt und neu belebt.

Versiegend, werd die Quelle ich besingen,
verdämmernd, wie der lichte Tag beginnt.
Ist fort das Joch, mich in den Trott zu zwingen,
dann bin ich wieder frei – wie einst als Kind!

Kein gutes Pflaster

Kein gutes PflasterKein Dichter möchte die Natur wohl missen,
in der er seine schönsten Verse fand –
an Wordsworth denke man und die Narzissen,
an Mörike mit seinem blauen Band!

Ist es der Frühling nicht mit seinen Blüten,
der Sommer in der Fülle seiner Kraft,
die das Geheimnis des Lebend’gen hüten,
aus dem der Sänger seine Welten schafft?

Was das betrifft, da hab ich schlechte Karten –
die Landschaft hier gibt keine Blumen her,
aus Stein nur einen labyrinth’schen Garten,
der mit Zement bepflanzt, Beton und Teer.

Soll ich der Lyrik deshalb mich versagen,
der Öde beugen mich im Wohnquartier?
O nein, so leicht geb ich mich nicht geschlagen –
hab ich doch immer noch die Rauke hier.

Mit diesem Pflänzchen könnt ihr nichts verbinden?
Nun, viele Fensterbänke wird’s nicht ziern,
mit Gummibäumen und mit Zimmerlinden
kann im Geringsten es nicht konkurriern.

Es ist ja auch ein struppiger Geselle,
der wild ins Kraut in seinem Topfe schießt
und danach giert, dass man ihm auf die Pelle
tagtäglich eine Kruke Wasser gießt.

Da gibt’s ‘ne Menge Blätter auch zu tränken,
die furchtbar mager und am Rand gesägt
und sich wie Schlangen winden und verrenken,
medusenhäuptig wild und ungepflegt.

Feinschmeckern aber scheint sie zu behagen,
weil in der Schüssel sie Geschmack beweist
(nachdem in „Rucola“ sie übertragen:
Gourmets goutieren nicht, was „Rauke“ heißt!)

Wenn auch zu spärlich hier, mir zu ersetzen
den bunten Blütenflor, der inspiriert,
weiß ihre Gegenwart ich doch zu schätzen
als Mauerblümchen, das sich nicht verliert.

Pflichtvergessen

PflichtvergessenHe, Juli, was ist los mit dir,
nun lass dich doch nicht lumpen.
Grad zu dem Zweck bist du ja hier,
uns Sonnenschein zu pumpen!

Kommst im Gefolg des Sommers her,
uns Freuden zu verheißen.
Da tu dich jetzt doch nicht so schwer
und dich am Riemen reißen.

Okay, sechs Tage bist du alt
und magst dich Jüngling nennen,
doch auch ein Monat schwindet bald,
die Stunden nur so rennen.

Ein Knäblein grad noch, lebensfrisch,
ein süßer kleiner Racker,
reißt dich die Zeit vom Wickeltisch
im Nu zum Gottesacker.

In deines Leibes Winzigkeit
glaubst ewig du zu bleiben,
die Zukunft so unendlich weit,
sie förmlich abzuschreiben.

Doch nimm von mir die Lehre an,
ich hab’s ja selbst erfahren:
Was immer auch so zart begann,
kommt zügig auch zu Jahren.

Verlass dich nicht mit leichtem Sinn
auf ein gewisses Morgen,
ist deine Frist erst hops und hin,
gibt’s neue nicht zu borgen.

Auf denn, du fauler Juli-Kerl,
sollst dich ins Zeug nun legen,
dass Licht uns blitzend niederperl
und nicht so‘n trister Regen.

Nur so erfüllst du deine Pflicht,
den Goldpokal zu reichen,
zum Rand gefüllt mit Sonnenlicht –
als Juli ohnegleichen.

Ach, nur ein Aufruf, ein Appell
an dunkle Wettermächte –
bewahrn sie doch mit dickem Fell
die eignen wind’gen Rechte!

 

Sommerleid

SommerleidEin Tag so Ende Mai.
Die Luft ist schwer und schwül.
Mein Körper klebt wie Brei
im feuchten Amtsgestühl.

Ein Tag so Ende Mai.
Die Sonne brennt und sengt.
Der Himmel, blau hoch drei,
den Erdkreis sacht umfängt.

Ein Tag so Ende Mai.
Ich bete still um Wind.
Ein Tröpfchen mir dabei
den Nacken runterrinnt.

Ein Tag so Ende Mai.
Und jäh Gewölk zuhauf.
Was soll die Grummelei?
Gewitter ziehen auf.

Ein Tag so Ende Mai.
Der Regen prasselt schwer.
Doch alles rasch vorbei –
der Schwüle Wiederkehr.

Ein Tag so Ende Mai.
Wie doch der Herbst verwöhnt!
Dass niemals Sommer sei,
wenn man nur schwitzt und stöhnt!

Ein Tag so Ende Mai.
Viel fehlt nicht, und ich koch.
Gedanken, die sonst frei,
gehn jammernd unterm Joch.

Ein Tag so Ende Mai –
doch keiner, den man pflückt.
Anis und Akelei,
ich werd noch mal verrückt!

Stille Dämmerung

Stille DämmerungEs dämmert, und aus meiner Stube
blick auf die Stadt ich, die versinkt.
Kein bisschen Rot mehr in der Tube,
nur Grau, das mit dem Tode ringt.

Grad gegenüber, scharf gestochen,
mit weiß gekalkter Außenhaut,
‘ne Hauswand wie ein Wüstenknochen,
der bleich an seiner Dürre kaut.

Es scheint kein Lüftchen sich zu regen.
Die Fahne hängt wie eingerollt,
die sonst mit Stößen und mit Schlägen
frenetisch schwenkt ihr Schwarzrotgold.

Und auch der Bäume dichte Mähne,
die gern gelöst im Winde fliegt,
betont das Schweigende der Szene,
indem sie still vor Anker liegt.

Auf diesen regungslosen Lüften
schwingt auch kein Ton sich in die Welt –
es ist so lautlos wie in Grüften,
wo hörbar jedes Stäubchen fällt.

Soll eine Nacht das vorbedeuten,
die friedlich ihre Stunden zählt,
zu einem Morgen sich zu häuten,
den Eos rosenrot beseelt?

Falls die Auguren sich nicht irren,
ist der Idylle nicht zu traun.
Wie Krähen die Gerüchte schwirren,
der Wind würd nicht mehr lange flaun

Und plötzlich sich zum Sturm erheben,
als hätt ‘nen Drachen man geweckt,
der für ein Nickerchen mal eben
sich wo im Winkel ausgestreckt.

Nun, wie auch immer die Prognosen,
tangiern sie mich nur peripher –
die üblichen Metamorphosen.
Als ob das Wetter statisch wär!

In wie viel Kalmen und Orkane
war wechselnd schon mein Haupt getaucht;
da oben auf dem Dach die Fahne,
wie oft zerfranst und aufgebraucht!

Man fügt sich den Gegebenheiten.
Und Schluss jetzt mit der Verseflut!
Werd „Pegi“ morgen weiterreiten –
wenn’s sein muss, auch mit Regenhut.

Dagegen gewettert

WärmeeinbruchHört sie sich wieder überschlagen,
die Wetterfrösche von Beruf,
wie sie der Herr mit Schlips und Kragen
fürs Mediengequak erschuf.

Kaum steigen unsre Hitzegrade
auf fünfundzwanzig oder mehr,
klingt ihre Stimme (eher fade),
als ob sie ausgewechselt wär.

Auf einmal: Was für ein Volumen
und was für eine Ausdruckskraft!
Und wie die Floskeln plötzlich boomen,
mit denen man Extreme schafft!

Man tut es nicht mehr unter „super“
(„sehr schön“ wär einfach obsolet),
weil jeder dieser Sesselpuper
auf Höhenflüge sich versteht.

Du bist allergisch gegen Hitze
und ziehst ein Schattenplätzchen vor?
Es hämmert dir der Radiofritze
nur „Sonne“ ins genervte Ohr.

Vielleicht hast du ‘nen Schrebergarten,
als Bauer sogar Feld und Flur?
Dass manche heiß auf Regen warten,
versaut den Jublern nicht die Tour.

Selbst Leuten, die jetzt höllisch leiden,
zum Beispiel weil sie asphaltiern,
die Funk-Euphoriker bescheiden:
Mehr Schwitzen wir euch garantiern!

Als ob sie, Klippschulabsolventen,
mit Algebra im Widerstreit,
nur diese eine Gleichung kennten:
Mehr Sonne: Mehr Zufriedenheit.

Soll meinen Ärger ich verbeißen;
schreib ich ‘ne E-Mail (Leserbrief)?
Man wird sich nicht am Riemen reißen –
das schöne Hoch, es sitzt zu tief!

Hommage

HommageDer Mond ist aufgegangen
am Himmel, der verhangen,
und folglich nicht zu sehn.
Ich muss mich drum beschränken,
bloß lyrisch mir zu denken,
wo ihm die Hörner stehn.

Den Regen und sein Rauschen
würd liebend gern ich tauschen
mit abendlicher Ruh.
Ich höre jeden Tropfen
an meine Scheibe klopfen,
staccato und per Du.

Dies noch zu überschreien,
erklingen jetzt Schalmeien
mit Blaulicht, tütata!
Ein Irrwisch auf der Gasse
mit zackig roter Masse –
die Feuerwehr ist da!

Als würd es noch nicht reichen,
der Hölle halb zu gleichen,
geht ein Getöse los.
In knatternden Kaskaden
sich Blitze kalt entladen
als Böller furios.

Die Schritte auf dem Pflaster
verraten späte Laster –
ein Freier? Ein Bandit?
Und Reifen, Reifen, Reifen,
die surrend sich verschleifen
zum Straßenwiegenlied.

Wieso bin ich noch Mieter,
wo Dezibel Gebieter
bei Tage und bei Nacht?
Ach, so allein zu wandeln
zwingt auch allein zu handeln –
was eher träge macht.

Drum sperr ich meinen Jammer
in dieser Verse Kammer,
die kaum nur einer kennt.
Wie lieb wär mir gewesen,
geduldig sie zu lesen,
der Mond als Rezensent!

Tröstende Oliven

Tröstende OlivenOliven führe ich zum Munde,
schwarzbraun und fleischig, pflaumengroß,
zu meiner späten Dichterstunde,
die düster ist und sternenlos.

Der Wein: Von jener zarten Röte,
die auf Auroras Wangen liegt.
Aus Kreta, wo des Hirten Flöte
bisweilen noch Apoll besiegt.

Oliven, Wein, Salamischeiben,
die schöne Trias vis-à-vis:
Genügend Kraft, um anzutreiben
das Schwungrad meiner Fantasie.

Und draußen rauscht der Regen,
zerrinnt am Fensterglas,
der Jahreszeit entgegen,
sich steigernd ohne Maß.

Des Frühlings Band, das blaue,
das hübsch wer einst besang,
entfärbte sich ins Graue
den lieben Himmel lang.

Fassaden, stumm und dunkel,
verziehen kein Gesicht.
Ein glitschiges Gefunkel
tanzt im Laternenlicht.

Oliven: Schwarze Sonnen
aus schimmerndem Geäst,
ihr Glanz, zu Fleisch geronnen,
macht mir die Nacht zum Fest.

Störfeuer

StörfeuerIm Hintergrund ein Wetterleuchten,
das blinkend übern Himmel streicht,
als ob im Schlummer Sterne keuchten,
dern Atemzug als Licht entweicht.

Da braut und brodelt ein Gewitter,
das schon von fern mit Blitzen droht,
damit das Hasenherz erzitter,
noch eh es übern Löffeln loht.

Ich schreibe furchtlos einfach weiter,
als ging das Ganze mich nichts an;
doch schon erscheint der Feuerreiter
und brennt und zündelt, wo er kann.

Und das mit einem Mordsgetöse,
dass zu man sich die Ohren hält
und Hasenherz mitsamt Gekröse
fast in den Hosenboden fällt.

Doch schwächlich von Geburt an Gaben,
hat’s auch den Ehrgeiz mir erweckt,
durch jeden Tunnel mich zu graben,
in dem ein Fünkchen Hoffnung steckt.

Die Stirn geboten den Gewalten,
die das Inferno inszeniern,
doch selbst das Wasser nicht mehr halten,
das wie im Fluge sie verliern!

Und unbeirrbar fortgeschrieben
die Verse unter Donnerhall
und Blitzen, die wie Flocken stieben
im Kältekatastrophenfall!

Dann kommt es, wie es kommen musste:
Der größte Hammer macht mal schlapp,
und wegen hoher Blutverluste
zieht hier die Hölle wieder ab.

Doch abgelenkt von dem Spektakel,
wand träger sich mein Zeilenwurm –
drum klier ich hier die letzten Krakel
schon in der Ruhe nach dem Sturm.