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Nicht weit vom Schuss

Nicht weit vom SchussEin Stückchen weiter an der Küste,
an einen Hügelhang geschmiegt
und ideal für Schaugelüste
eins meiner Ausflugsziele liegt.

Da hockt man auf geräum’gem Platze,
der was von ‘ner Terrasse hat,
und glotzt mit ausdrucksloser Fratze
die Klüsen sich am Busen platt.

Ein Panorama ohnegleichen,
in das sich oft ‘ne Stille mischt,
dass Winde selbst auf Puschen schleichen,
die sonst hier fröhlich durchgewischt.

Vom Kirchturm her die Glocken schlagen
und zeigen, wie die Zeit verrinnt,
doch so sich mit der Ruh vertragen,
dass diese noch an Kraft gewinnt.

Das Einzige, was anders heute
und unversehns ins Auge fiel,
war, neben Kirche und Geläute,
ein weißes Zelt im Partystil.

Warum? Das mag der Himmel wissen –
für Sterbliche ‘ne harte Nuss.
So grübelten wir noch beflissen,
da knallte um uns jäh – ein Schuss!

Um auf den Pelz uns eins zu brennen –
so dachten wir im ersten Schreck.
Ein Wölkchen Rauchs war zu erkennen;
wir aber wollten nichts wie weg!

Doch hat das gar nicht uns gegolten.
Es war nur Jux und Tollerei.
Dem heil’gen Anton, unbescholten,
gab damit man die Feier frei.

Das schert‘ uns aber nicht die Bohne.
Wir flüchteten vor einem Fest,
das man mit einer „Schutzpatrone“
so markerschütternd starten lässt!

 

 

Erst einmal raus

Erst einmal rausMal runter von der Ottomane
und raus aus deinem Winterbau!
Der Himmel schwenkt die blaue Fahne
und bläht sich vor der Sonnenfrau!

Als hätte er schon Lenzgefühle,
bevor die Zeit dafür noch reif,
und würb um seine heiße Kühle,
dass sie nicht jäh die Flucht ergreif.

Den Eifer sollte man doch nutzen
und sich in seiner Glut ergehn,
zu Hause fix die Platte putzen
und ‘ne gepflegte Runde drehn.

Der Möglichkeiten sind ja viele.
Liegt vor der Tür nicht gleich das Meer?
Wie heiter geht beim Wellenspiele
es sich am Strande doch daher!

Dazu muss man im Sand nicht waten,
durch den der Fuß sich knirschend hinkt,
denn auch entlang der Fischerkaten
ein ufernahes Pflaster winkt.

Und trägt dich rüstig deine Sohle
noch weiter an der schönen See,
empfiehlt sich hier die Hafenmole
und da die Dattelpalmallee.

Der Angesprochene indessen,
dem solcherart Empfehlung gilt,
ist aufs Gebirge so versessen,
dass ihm nur dies die Sehnsucht stillt.

Dabei dient ihm zum Wanderstabe
ein Fahrzeug, das mit Motorkraft
in schüttelfreiem Zuckeltrabe
ihn in bescheidne Höhen schafft.

Und statt in Schrunden und in Klüften
zu stolpern über Stock und Stein,
schlägt schnurstracks er zu Küchendüften
den Pfad der Gaumenfreuden ein.

Bewegung und Spazierengehen
warn da nicht wirklich angesagt.
Der Gute schien auf Fisch zu stehen
und hat sich durchs Skelett genagt.

Doch wolln wir nicht zu kleinlich denken;
er tat ja, was man ihm empfahl:
Der Sonne diesen Tag zu schenken.
Saß er nicht draußen vorm Lokal?

Gemischter Sonntagsausflug

Gemischter SonntagsausflugDer Himmel war heut frisch gestrichen
in ganzer Breite seidenmatt –
Ei-Blau, in das sich eingeschlichen
der Dotter nur der Sonne hatt‘.

Da kam ein Freund, mich einzuladen,
ihm beizufahrn im Pkw,
um irgendwo das Haupt zu baden
in dem solaren Strahlensee.

Was gab es groß da zu bedenken?
Ich warf mich in die Sommerkluft,
um ein paar Stunden mir zu schenken
im heißen Hauch von Licht und Luft.

Das Reiseziel? Tut nichts zur Sache.
Terrasse, sonnig, jedenfalls.
‘ne offne Pergola zum Dache
und Meerblick bei gerecktem Hals.

War auch gemütlich für ‘ne Weile –
man saß und nippte am Café,
die Sonne schob sich ohne Eile
zu ihrem rosa Negligé.

Doch plötzlich blähte seine Backen
der Wind noch mal gewaltig auf
und blies mir Kälte in den Nacken
und Gänsehaut die Beine rauf.

Hätt ich beinahe doch vergessen,
dass wir im tiefsten Winter warn
und so am Juli-Wert gemessen
die Glut ganz schön zurückgefahrn.

Nur weg, mein einziger Gedanke!
Der Freund fand darin keinen Charme.
Besülzt‘ mich hitzig von der Flanke –
und quasselte sich richtig warm.

Kühle Venus

Kühle VenusWo ich nur Finsternis erwartet,
ein Meer, das wo im Schwarz verschwand,
war schon ein Einzelstern gestartet,
der anderen vorausgebrannt.

Frau Venus, wenn ich richtig tippe,
die sich als Erste nicht geziert
und die notorisch große Lippe
zu ihres Leibes Lob riskiert.

Das war indes kein bloßer Fimmel –
sie strahlte in so hehrem Glanz,
dass jede Konkurrenz am Himmel
nur Flitter wär und Firlefanz.

‘ne Sonne unsrer frühen Nächte
in rabenfiedrigem Azur –
wenn sie nur dieses Licht nicht brächte,
das kalt wie eine Schneckenspur!

So kroch ich auf dem Wege weiter
mit meinem Beutel in der Hand,
die Flamme ständig als Begleiter,
die kühl ich und unnahbar fand.

Ob deshalb wohl die kleinren Lichter,
die neidisch auf dies große schaun,
verschüchtert ihre Bleichgesichter
sich herzuzeigen noch nicht traun?

Nun, bis zu meiner Haustür Schwelle
war da noch keines aufgetaucht,
des ganzen Abendhimmels Helle
von einer Lampe ausgehaucht.

Hab, in mein Kämmerchen zu steigen,
von ihr mich schließlich dann getrennt.
Zurück in meiner Klause Schweigen.
Wie warm mir da das Kerzlein brennt!

Gutes Wechselklima

Gutes WechselklimaDie Beine in die Hand genommen
und sie den Lüften anvertraut,
zack, zack mal in die Hufe kommen,
da schon die Sonne nach dir schaut!

Des alten Jahres Abschiedsszene,
Verbeugung, Beifall, Vorhang zu –
und du klebst an der Sessellehne
wie’n Gummi unterm Straßenschuh!

Na also, erste Gehversuche.
So weiter, weg vom Küchentisch.
Und mit ‘ner Jacke dich betuche,
damit nicht Wind dich kalt erwisch!

So redete mich mein Gewissen
in barschem inn’ren Monolog
empor aus meinem Schlummerkissen,
dass in den Tag hinaus ich zog.

Doch hat sich was mit Abenteuer!
Wie friedlich alles um mich lag:
die Sonne mit gedämpftem Feuer,
das Meer mit sanftem Wellenschlag.

Ich wanderte ‘ne ganze Weile
am Hafen und am Strand entlang
mit der des Rentners würd’gen Eile –
gemächlich ohne Tatendrang.

Und wie ich mich so fortbewegte
wie eine faule Bauernmagd,
sich Zweifel an der Botschaft regte,
die mir der Wetterfrosch gequakt.

Die Jacke streifte ich vom Leibe,
die warm mich drüber aufgeklärt,
dass eher sie den Schweiß mir treibe,
als dass der Gänsehaut sie wehrt.

Muss ich es noch mal wiederholen?
Silvester war’s, Dezemberschluss.
Und ich lief wie auf heißen Kohlen
ein flammenscheuer Fidibus.

So ist zum Lehrpfad mir geraten
der Weg, den träge ich spaziert:
Zugvögel in der Sonne braten,
wenn Michel sich ins Neujahr friert.

Notwendige Urlaubsergänzung

Notwendige UrlaubsergänzungEin treuer Kumpel dieser Breiten,
der dich bei keinem Schritt verlässt,
kommt morgens schon von allen Seiten
auf leisen Sohlen in dein Nest.

Er lässt in rücksichtsvoller Weise
dich unbehelligt noch im Bett,
obwohl nach nächtlich langer Reise
er Anspruch auf Willkommen hätt.

Erst wenn erwacht mit einem Satze
du saust in dein Pantoffelpaar,
wirst seine ausdruckslose Fratze
mit grauen Pickeln du gewahr.

Doch statt ihn freudig zu begrüßen
als deiner Bleibe lieben Gast,
trittst du ihn rüde noch mit Füßen
und machst ihn dir erst recht verhasst.

Und noch vor allen andern Dingen
wie Körperpflege und so fort,
willst du ihn um die Ecke bringen,
heißt mit dem Eimer über Bord.

Worunter wir hier nicht verstehen
die Pütz, wie sie der Seemann rühmt,
sondern, um Müll ihr anzudrehen,
die in der Küche mauerblümt.

Mit Schaufel rennst du und mit Besen
so Tag für Tag durch dein Revier,
um trockne Losung aufzulesen,
die da und da und immer hier.

O Sisyphus mit deinem Brocken,
den nichts auf seiner Höhe hält –
hier sind‘s Legionen leichter Flocken
von Staub, der stets zu Boden fällt!

Vergeblich wär es, zu verstopfen
den Eingang, der nach draußen geht –
vom Strand her sich in feinsten Tropfen
beständig Sandgewölk entlädt.

Da kannst du gern den Besen holen:
Der stille Gast, er ist nicht dumm.
Er heftet sich an deine Sohlen
und wandert in der Bude rum.

Am Abend noch mal rausgeschmissen,
bevor man sich zur Ruhe legt –
belagert morgens er dein Kissen,
vom Winde wieder reingefegt!

Zu Palmenstrand und Meer und Sonne,
wie sie das Urlaubsherz begehrt,
gesellt sich noch die Abfalltonne,
zu der man immer wieder kehrt.

 

Unter Druck gestanden

Unter Druck gestandenSchwer atmend lag es in den Armen
der schwarzen, unbeugsamen Nacht,
das Meer, das selber ohn Erbarmen
dem Fahrensmann heut Angst gemacht.

Wie gut konnt ich es keuchen hören
im steten Takt von Berg und Tal
und ähnlich jenen Friedenschören
des Nachts in einem Krankensaal.

Und wie in Letzt’rem in der Regel
ein Lämpchen trübe wo noch glimmt,
stand hoch hier überm Wasserpegel
der Mond, zur Sichel abgedimmt.

Die lag zu Füßen dem Trabanten
als Schiffchen der besondren Art ,
wie alte Meister schon verwandten
es für Mariä Himmelfahrt.

(Erst dacht ich an ein Wiegemesser,
mit dem der Mond die Luft zerteilt,
doch fand die Jungfrau schließlich besser,
die diesem Jammertal enteilt.)

Da war es nur ein Glück und Segen,
dass die Laternen Licht spendiert,
zumal der vollen Blase wegen
ich mehr gerannt als promeniert.

So fand ich nach dem Festgepichel
im Endspurt noch aufs heim’sche Klo,
ein biergeblähter deutscher Michel
aus Andalusiens Rentnerzoo.

O Wollust, jäh sich zu entleeren
in dieser Schüssel Priesterohr
und aus dem Stuhle heimzukehren
so unbeschwert wie nie zuvor!

Kaum hatte mich der Druck verlassen,
erwachte neuer Tatendrang –
Gedichte etwa zu verfassen,
und wären sie zehn Strophen lang.

So kam dies Machwerk hier zustande.
Erleicht’rung hielt den Vers in Fluss.
Bis zur besagten Zehnerbande –
der Stelle, wo man wieder muss.

Rieselnde Stille

Rieselnde StilleEin Hupen – wohl aus Weihnachtsfreude,
‘nen andern Grund find ich nicht raus.
Sonst kein Geräusch im Strandgebäude,
in meinem Rentnerwinterhaus.

Kein Wind zu hörn, kein Wellenrauschen,
kein Nachbar, der sich unterhält.
Das Ohr muss in sich selber lauschen,
dass Stoff ihm in die Muschel fällt.

Bethlehemitisch diese Stille,
der rechte Auftakt für das Fest,
das uns des Höchsten Wunsch und Wille
für seinen Sprössling feiern lässt.

Da draußen spannen sich Girlanden
geschmeidig über den Asphalt
mit Lämpchen, die gezackt umranden
‘nen kobaltblauen Tannenwald.

Und auch des Kirchleins schmächt’ger Giebel,
in den die Glöckchen eingerückt,
hat mit ‘nem zünft’gen Bild der Bibel
aus Neonbirnen sich geschmückt.

Doch klingen keine Lobgesänge,
wie tags sie mir noch zugeweht,
aus des bestuhlten Chores Enge
durch das Portal, das offensteht.

Die Welt liegt da im tiefsten Frieden,
erfüllt auch mich mit schöner Ruh.
Und von der Heimat weit geschieden,
brauch ich nicht einmal Schnee dazu.

 

Freie Sicht garantiert

Freie Sicht garantiertO diese Fläche, die sich kräuselt,
im Schlag der Welln nie stillesteht,
die, wenn der Wind nur leise säuselt,
zur leichten Gänsehaut sich bläht

Doch hoch sich türmt zu schweren Wogen,
wenn Zorn den Blasebalg ihm schwellt
und fern des Horizontes Bogen
in Zacken auf und nieder fällt –

Was kann ich ihr denn abgewinnen,
der grenzenlos gefurchten Flur,
in der nur salz’ge Fluten rinnen,
aus denen nie ein Hälmchen fuhr?

Dass von den Meeren dieser Erde
ich keinem je so nahe dran
und ich Poseidons wilde Pferde
im Schlaf noch schnauben hören kann!

Das Wasser steht mir bis zur Schwelle,
doch friedlich mir die Füße leckt,
die außerdem für alle Fälle
im ersten Stock sich noch versteckt.

Bin hier in meinem Elemente
und freu mich wie ein Nikolaus –
der alte Küstenfreak in Rente
mit Meer und Sonne achteraus!

Und bloß der Sandstrand noch dazwischen –
die See, die See, so weit man schaut.
Da kann kein Hai im Trüben fischen,
dass er den Ausguck mir verbaut.

Verwandtschaftsbande

VerwandtschaftsbandeNatürlich haben wir den Affen
nicht ausgesprochen viel voraus.
Das Leben hat uns gleich geschaffen
im groben Kleid des Körperbaus.

Dern Beine kürzer, Arme länger,
die Augen höher im Gesicht –
allein für Glaubensrattenfänger
noch Unterschiede von Gewicht.

Und auch, was diese gern behaupten,
ist eben nicht des Pudels Kern:
dass geistig wir so hoch uns schraubten,
dass jenen wir unendlich fern.

Mag sein zwar, dass des Menschen Brägen
mehr Masse auf die Waage bringt
und diesen ganzen Zellensegen
zu engeren Kontakten zwingt

So dass auf den gefurchten Fluren
in großer Vielfalt Frucht gedeiht,
dern oftmals unheilvolle Spuren
zum Buch man der Geschichte reiht.

Doch dafür tat auch Jahrmillionen
der Mensch sich mit dem Fortschritt schwer
und half sich mangels von Neuronen
mit Faustkeil aus und Schleuderspeer.

Der Sprung hat niemals stattgefunden
vom dumpfen Dämmer gleich ins Licht –
ein Bär, den die uns aufgebunden,
denen ’s an Märchen nie gebricht.

Doch dieses ganze Geistgelaber
ist eh nur Augenwischerei –
wie’n Tier muss ohne Wenn und Aber
er in die Kiste eins, zwei, drei!