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Einfach mal abschalten

Einfach mal abschaltenVor allem einfach mal so sitzen,
an nichts mehr denken, unbeschwert;
der Himmel grau, die Sterne blitzen;
ein Augenblick, der ewig währt.

Was gestern war, das ist vergessen;
was morgen kommt, das ist egal.
Kein Grund, mehr, um die Zeit zu messen;
kein Warten auf ein nächstes Mal.

Nach draußen alles abgeschaltet;
nur in sich selber ruhn, entspannt.
Die Seele ihre Hände faltet,
dem tiefsten Frieden zugewandt.

Die Straße selber liegt verlassen
und räuspert sich mit keinem Laut.
Gefühle, Wünsche, Lieben, Hassen
sind unerreichbar wo verstaut.

Und da man aufgehört zu spüren,
auch das Begehren sich verlor:
Man möchte nur noch weiterführen
dies Schweben wie im Engelschor.

So könnt ich mir ‘s Nirwana denken,
wie Strophe 1 ich es Vers 4
euch schon als Hinweis wollte schenken
auf diese schöne sechste hier.

Doch trügt der Schein. Nur Kräfte sammeln
will so ich in versenkter Ruh.
Soll ich im ew’gen Nichts vergammeln?
Wer singt dann weiter? Leser, du?

Krisensitzung

KrisensitzungHeut sitzt die Stille mir im Nacken
so wie ein Mühlstein, tonnenschwer,
den hundert Händen anzupacken
und wegzurolln unmöglich wär.

Sie lastet auch auf meinen Zeilen,
die zäh sich wälzen in der Spur,
statt flink und frisch dahinzueilen
wie ‘n Bächlein in der Bergnatur.

Sonst war sie mir doch stets willkommen,
weil den Radau sie mir vertrieb,
den meine Sinne aufgenommen
mehr wie ein Schwamm denn wie ein Sieb.

Und so geläutert schenkten diese,
entgegen städt’schem Augenschein,
der Fantasie ‘ne Blumenwiese,
dem Dichter einen Palmenhain.

Soll das nun nicht mehr funktionieren?
Lähmt Ruhe jetzt, und Lärm befreit?
Kein Kommentar. Erst ausprobieren.
Gewissheit braucht ja ihre Zeit.

Das Schlimmste wär, ich müsst erkennen,
dass meine Schaffenskraft der Grund:
Die Geisteslichter schwächer brennen,
die Produktion läuft nicht mehr rund.

Je nun, solang die Zelln noch rauchen,
lass ich sie nicht zum Teufel gehn.
Mag sein, ich werde länger brauchen –
ob’s schadet, wird man dann ja sehn.

Keine Entwarnung

Keine EntwarnungVerloren hat er ihn, den langen,
den glühenden Kometenschweif,
der ihm seit Wochen angehangen
wie eine Frucht, die endlich reif.

Der Sommer atmet wieder freier
bei angenehmen 20 Grad.
Die Wolken, diese Wasserspeier,
sie dürsten wieder nach der Tat.

O dies Gefühl, neu aufzuleben,
wenn erst der Schweiß dahingetaut
und wenn die Hemden nicht mehr kleben
wie Krötenzungen auf der Haut!

Und wenn wir aus den Federkissen
in unserm dumpfigen Gelass
trotz Fenstern, die weit aufgerissen,
nicht mehr erwachen klitschenass.

Dass das ich noch erleben durfte
nach dieser mörderischen Glut!
Wie kläglich unlängst ich noch schlurfte,
ein Schatten ohne Bein und Blut!

Dass jetzt ich wieder ohne Wanken
recht munter auf den Füßen schon,
dem Ventilator muss ich’s danken
mit seiner luft’gen Infusion.

Allein, ich traue nicht dem Braten,
wer weiß, was übermorgen ist?
Die Wetterfrösche sammeln Daten;
der Hahn kräht fröhlich auf dem Mist.

Letzte Instanz

Letzte InstanzWenn mit dem Pfeifchen er al dente
geschäftig übern Rasen rennt,
dann seht in seinem Elemente,
den Schwarzen, den man Schiri nennt!

Er muss die Lage überblicken,
dies rasche Hin- und Hergeschieß,
um jedem was am Zeug zu flicken,
der gegen ‘s Reglement verstieß.

Ein Pfiff, und wie sie Männchen machen,
die grade höllisch noch gekeilt!
Am wenigsten ha’m die zu lachen,
an die er Gelb und Rot verteilt.

Ein Richter ist er, unbestechlich,
der gnadenlos sein Urteil fällt,
wenn überzeugt er, dass tatsächlich
der X dem O ein Bein gestellt.

Auch will es seine Schiri-Ehre,
dass nie er kompromissbereit,
genießt in Fragen er der Lehre
doch päpstliche Unfehlbarkeit.

Das Spiel ist ihm ‘ne heil’ge Sache,
er zelebriert’s gebärdenreich,
und wie ein Gottesmann vom Fache
fühlt er sich fast dem Höchsten gleich.

Der aber auf erhabner Warte
noch strenger pfeift als unser Held –
und bald ihm zeigt die schwarze Karte,
die letzte, die heißt unters Feld.

Bunte Vögel

Bunte VögelJetzt noch ‘ne Runde Glockenläuten,
‘ne Handvoll Kühe, die miaun,
zwei Gänse, die ‘nen Hund erbeuten,
und einen Taubenschlag voll Sau’n.

‘nen Hahn, der im Pyjama schreitet,
der Kamm im Irokesenlook,
‘nen Gaul, auf dem der Pfarrer reitet,
die Augen stur im „Habakuk“.

Na, und so weiter und so weiter
und die Idylle wär komplett –
nein, fehlte noch die Hühnerleiter,
des Federvölkchens Plumpsklosett!

Muss leider ja ein Wunschtraum bleiben,
so ‘n Hof mit allem Drum und Dran,
wo alle es noch bunter treiben,
als sonst bei Hof man’s sehen kann.

Nicht einmal Glocken mir erklingen,
Präludium der Abendruh,
nein, alles geht mit rechten Dingen
und gleichsam ländlich sittlich zu.

Das nennt man citynahes Wohnen:
Man lebt im Zentrum punktgenau,
und um die Nerven mal zu schonen,
besucht man eine Gartenschau.

Gewiss kann man auch Hühner sehen
hier in der Nähe, gar nicht weit:
Goldbraun sie sich am Spieße drehen –
Idylle, ach, der Traurigkeit!

Immer so weiter

Immer so weiterDen Tagen Namen noch zu geben,
das scheint mir kaum der Mühe wert.
Ein steter Fluss ist dieses Leben,
hat mich mein Ruhestand gelehrt.

Kaum heb ich montags meine Rübe
erwachend übern Kissenrand,
folgt auch der Dämmer schon, der trübe,
der bald mich in die Federn bannt.

Und ebenso am nächsten Tage –
kaum hoch, schon wieder abgetaucht.
Das Ganze ist wie eine Waage,
die eingerastet niemand braucht.

Was wär auch von Gewicht zu wiegen?
Die flücht’ge Zeit ist schwerelos.
Am besten wär’s, ich bliebe liegen
und lebte meinen Träumen bloß.

Was sind mir noch die Wochenenden,
die einstmals ich so heiß ersehnt?
Die Muße hat sich, die sie spenden,
auf alle Tage ausgedehnt.

Es fehlen Schnitte, fehln Zäsuren.
Die Augenblicke, dicht gesät
wie Gräser auf den Steppenfluren,
die nie gelichtet und gemäht.

Einst glaubte ich, dass dieses Singen
die Zeit markier: die Poesie.
Ach, Laute nur, die anders klingen
im ew’gen Bau der Szenerie!

Ziemlicher Fortschritt

Ziemlicher FortschrittHat irgendwer schon mal dem Regen
gezürnt, dass hinterm Berg er hält,
ja, ihm sogar gedroht mit Schlägen,
falls er nicht aus alln Wolken fällt?

Nun, unsre sehr entfernten Ahnen,
die mit dem Faustkeil in der Hand,
bedienten gern sich des Schamanen,
der sich mit so was ausgekannt.

Der hatte so seine Methode,
die äußerlich recht eindrucksvoll,
doch irgendwann nicht mehr in Mode,
denn sie verfehlte meist ihr Soll.

In jüngren Zeiten ließ die Wellen
ein König peitschen bis aufs Blut
des Bosporus (der Dardanellen?),
weil aufzumucken sie geruht.

Vielleicht dass selbst in heut’gen Tagen,
so auf dem fünften Kontinent,
in derart heiklen Wetterfragen
man noch zum Geisterseher rennt.

Wir Aufgeklärten sind da weiter,
wir wissen alles ungefähr,
und ob es trüb wird oder heiter
ist längst uns kein Geheimnis mehr.

Doch was zum Teufel nützt das Wissen,
wenn man dem Fakt sich fügen muss?
Die ew’ge Schwüle jetzt: beschissen.
Zehn Kachelmanns für einen Guss!

Dicke Luft II

Dicke LuftHeut nahm die große Himmelsglucke
auf einmal sich vom Hocken frei –
man weiß nicht, ob nur so als Mucke
oder als Schluss der Brüterei.

Prompt zeigte Celsius’ Hühnerleiter
sich reichlich weniger besonnt;
der Himmel, kühl, noch immer heiter,
doch schwarz zog’s auf am Horizont.

Nach diesen hundstäglichen Wochen,
da mir die Zunge hing am Knie,
hab endlich Lunte ich gerochen
und mich gefreut wie ‘s liebe Vieh.

Ich ging nach draußen. Eine Kühle,
wie sie seit langem mir schon fremd,
gab frischen Wind wie von ‘ner Mühle
und erstmals kein verschwitztes Hemd.

Das blaue Wunder dann zu Hause:
Kaum hinter mir die Straße lag
und ich betrat die kleine Klause,
da traf’s mich wie ein Hammerschlag.

Die Luft, ‘ne eingedickte Brühe,
stand schwül und schwer wie eine Wand,
so dass ich nur mit großer Mühe
den Weg in meine Bude fand.

Ich glaub, dass es noch Wochen dauert,
bis da man wieder atmen kann.
Falls nicht die Glucke wieder kauert –
dann kommt wohl eh’r der Weihnachtsmann!

Winzige Welt

Winzige WeltEin Stäubchen irrt im Weltenraume,
ein winz’ges Stäubchen irrt da rum,
es irrt wie in ‘nem irren Traume,
‘nem Horror im Delirium.

Und dieses Stäubchen, gottverlassen,
und dieses Stäubchen, so verlorn,
muss noch Milliarden Stäubchen fassen,
die noch viel winziger geborn.

Die müssen sich ans Stäubchen klammern,
das ihnen Heimat ist und Halt
in einem All von Weh und Jammern,
in einem Kosmos, wüst und kalt.

Wenn es ein Schwarzes Loch verschlänge,
ein Roter Riese es verzehrt’,
in diesem Galaxiengedränge
wär’s nicht einmal ein Fünkchen wert.

Es würde einfach so verschwinden
wie ‘n Schiff im Sturm mit Mann und Maus.
Kein Kreuz, kein Grab, kein Wiederfinden.
Und keiner drückt ‘ne Träne aus.

Und die da an dem Stäubchen kleben
in gleicher Hoffnung, Angst und Pein,
wie eifrig müssten sie doch streben,
sich gegenseitig Trost zu sein.

Doch ach, ganz wirklichkeitsvergessen
ist dieses Stäubchen ihre Welt,
an der sie blind sich überfressen,
dass es schon vor der Zeit zerfällt.

Heute mal nicht

Heute mal nichtDie meisten haben ihre Lider
schon zugeklappt auf „Schlaffunktion“;
ich aber hocke wach hier wieder
wie ‘n Nachtportier am Telefon.

Ihr meint, ich sollte mir verknusen
so ‘n Bild, das eher irritiert?
O nein, erwart ich von den Musen
‘nen Anruf doch, der inspiriert!

Und um die Zeit mir zu vertreiben
bis zum entscheidenden Moment,
will ich schon mal in Kladde schreiben,
heißt was man so skizzieren nennt.

Jetzt haben also schon die meisten
die Lider auf „Geschlossen“ stehn,
ich aber (Rentner!) kann mir leisten,
so was wie ‘n Nachtdienst zu versehn.

Wie? Dies hätt ich mit andren Worten
gleich anfangs oben schon verfasst?
Mal gucken… muss die Stelle orten…
tatsächlich! Prima aufgepasst!

Verzeihung, kann ja mal passieren,
wenn man so viel zu Blatte bringt.
Muss nicht den Faden mal verlieren,
wer so wie ich am Schnürchen singt?

Ja, mit den Musen an der Strippe,
ich so was nicht befürchten muss.
Doch hole Hades diese Sippe –
kein Anruf! Na, dann eben Schluss.