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Ausdauersport

AusdauersportWie lange mag das wohl noch gehen,
dass meine Lust zum Pinsel giert
und mir in immer neuen Wehen
Gedichte aufs Papier gebiert?

Denn immerhin schon zwei Jahrzehnte
setzt diese Leidenschaft sich fort,
dass ich nicht einmal seufzte, gähnte
bei diesem steten Musensport.

Im Gegenteil: Es will mir scheinen,
dass ich, je mehr ich mich ihm weih,
nur desto mehr beginn zu meinen,
dass unentbehrlich er mir sei.

Ich weiß nicht, was mich so verbissen
grad hierbei bei der Stange hält
und ich nicht längst schon hingeschmissen,
was eh nur auf die Nase fällt.

Obwohl: Seh ich die heut’gen Sachen
und schau zurück auf den Beginn,
ist doch ein Fortschritt auszumachen
in puncto Duktus, Wort und Sinn.

So lass die Hoffnung ich nicht fallen,
auch wenn es sehr verwegen klingt,
dass aus dem laienhaften Lallen
mir einst ein hübsches Lied entspringt.

Doch sollte mich die Hoffnung trügen,
weil einfach ich zu kläglich schreib:
Ich werd den Acker weiter pflügen –
schon, dass ich in Bewegung bleib.

Meine kleine Klause

Meine kleine KlauseNa, kommt mich einfach mal besuchen,
dann seht ihr meine kleine Welt.
Ihr kriegt ‘n Stückchen Kuchen
und ein paar Verse hingestellt.

Nein, Letzt’res lass ich lieber bleiben;
aufs Umfeld kommt es an.
Nicht Eitelkeit, so’n Zeug zu schreiben:
Gesinnung macht den Mann.

Man könnt ein Weilchen plauschen
von fröhlich bis fidel,
Gedanken auszutauschen
ganz ohne Kunst-Gequäl.

So viel kann ich schon sagen:
Mein Domizil ist klein;
doch mehr als in ‘nen Lieferwagen,
die passen da schon rein.

Zur Lage: Keine Top-Adresse,
kein Millionärsquartier.
Man haut sich eher in die Fresse
nach soundso viel Bier.

Man könnt es auch lebendig nennen,
von Langeweile keine Spur.
Dazu viel rote Lichter brennen,
und nicht an Ampeln nur.

Der Standort für ‘ne Dichterklause –
so mitten im Gefecht.
Besucht ihr trotzdem mich zu Hause?
Womöglich jetzt erst recht?

Die Flaschenuhr

Die FlaschenuhrWas ha’m die Alten nicht erfunden!
Das kommt mir wie ein Wunder vor.
Die Uhr selbst: Alle halbe Stunden
das Unterglas erneut empor!

Genialisch einfach, muss man sagen:
Die Zeit als Wasser, das verrinnt;
Zwei Trichter, die sich überschlagen –
und der Prozess von vorn beginnt.

Genauso kann man Sand benutzen,
der rieselt ja dem Wasser gleich
durch diesen dünnen Einfüllstutzen –
feinkörnig anstatt tropfenweich.

Der Alten Leistung unbenommen,
hab ich was andres ausprobiert –
und so bin ich auf Wein gekommen,
mit dem das gleichfalls funktioniert.

Ja, ihm kann nichts das Wasser reichen,
weil diesen Vorteil er verspricht:
Obwohl die Stunden auch verstreichen,
bedauert man es nicht.

Man ist gelöst und guter Dinge,
statt sich in Wehmut zu ergehn,
dass Chronos mit der Würgeschlinge
am Tunnelende schon zu sehn.

Ach, fast vergaß ich zu erklären,
wie man dies Teil bedienen muss:
Ganz einfach eine Flasche leeren
in kleiner Züge stetem Fluss!

Neue Perspektive

Neue PerspektiveJetzt kann ich wieder klarer blicken –
‘ne neue Scheibe: Goldes wert.
Ab heut die Uhren anders ticken
für meine Klause mit dem Herd.

Hier wo ich meine Süppchen koche
aus Rhythmus, Laut und Reim,
beginnt die Paradies-Epoche
mit Milch und Honigseim.

Wie das?, so mögt ihr gerne fragen,
ein neues Fenster, ja, na und?
Doch unterschätzt nicht mein Behagen,
bin ich befreit von Schutt und Schund!

Wie lang ich nicht vor Augen hatte
dies ungehobelte Geviert,
das wie im Zaun ‘ne alte Latte
Verfall und Trauer evoziert!

Und müssen nicht auch die Gedanken,
die sinnend oft nach draußen gehn,
an einer solchen Brille kranken,
durch die sie alles trübe sehn?

Wie im Gebirge uns die Bäche
ihr Bett zu zeigen sich nicht ziern,
so frei lässt diese frische Fläche
den Blick nun in die Welt passiern.

‘ne völlig neue Sicht der Dinge?
Wär längst ja überfällig schon.
Nun denn, mein Barde, singe, singe –
dem Glaser deinen Dichterlohn!

 

Glas-Nostalgie

Glas-NostalgieDie Tür nach draußen zum Balkone,
wie oft ich da nicht durch mich stahl!
Die Zahl ist sicherlich nicht ohne –
ich schätze, so zehntausend Mal.

Einmal pro Tag in dreißig Jahren
(und das noch eher knapp gezählt)
ergibt nach gängigem Verfahren
just diese Summe, ungeschmält.

Wie wär das ohne Spurn geblieben?
Dies Auf und Zu, das strapaziert;
und dann die Wetter, die sich rieben
an diesem hölzernen Geviert!

Da klaffen Risse, Runzeln, Narben,
da platzen Placken von der Haut,
da haben sich die frischen Farben
zu toten Tönen abgebaut.

Zerbröselt und zerstäubt zu Zunder
das morsche Holz in großem Stil;
da ist es gradezu ein Wunder,
dass alles nicht zusammenfiel.

Wie immer auch: Das Altvertraute,
man gibt es ja nicht gern davon;
doch heut zum letzten Mal ich schaute
die Tür-Ruine zum Balkon.

Die Glaser werden morgen walten
und neue Scheiben mir beschern.
Ob die auch dreißig Jahre halten?
Die Frage kann ich nicht mehr klärn.

Sieht alles

Sieht allesDer Mond da oben, weit zu sichten
wie’n Leuchtturm am ersehnten Strand,
was könnte er uns nicht berichten
von diesem oder jenem Land?

Beharrlich strahlt er uns entgegen,
dass als Markierung er uns dien,
doch auch auf tausend andren Wegen,
die unsern Blicken sich entziehn.

Wir sehn nur bis zur Nasenspitze
und bilden uns wer weiß was ein,
doch er beschnüffelt jede Ritze
hienieden mit Laternenschein.

Er hat auf seinen langen Fahrten
so viel an Kenntnissen gehäuft
bezüglich aller Geo-Sparten
und weiß, wie hier der Hase läuft.

Vor allem dieses wüste Krabbeln
stößt auf ihm schon seit Olims Zeit:
Das kommt, weil sich die Tierchen kabbeln
um irgendeine Nichtigkeit.

Da bleiben viele auf der Strecke,
Kadaver liegen rings verstreut.
Doch kaum erholt von diesem Schrecke,
verbeißt der Haufen sich erneut.

Ja, aus der Vogelperspektive
nimmt manches sich wohl seltsam aus.
Und ihm entgeht die intensive
Gottähnlichkeit der Erdenlaus.

 

Feuriger Wein

Feuriger WeinDie schöne Sache mit der Kerze,
die findet momentan nicht statt.
Ich streiche meine Druckerschwärze
seit Wochen feuerfrei aufs Blatt.

Das Flämmchen würde sich nicht halten
im Wind, der durch die Küche weht,
und in der ersten Bö erkalten,
die voll ihm an die Wäsche geht.

Noch immer liefert die Maschine
mir ihren zuverlässgen Hauch,
wenn abends dem Parnass ich diene
und einen kühlen Brägen brauch.

Könnt ihr denn ein’n Gedanken fassen,
wenn ihr auf irgendetwas sinnt
und euch die Soße wie aus Tassen
so ölig in den Kragen rinnt?

Und wenn ins blitzeblanke Linnen,
das eure Heldenbrust umfängt,
sich Flicken grauer Fäden spinnen,
da, wo von jener sie getränkt?

Oh, wenn ich irgendetwas hasse,
dann die Mixtur aus Feucht und Heiß,
die zäh und klebrig wie Melasse
ich auf der Pelle spüre: Schweiß!

Klar half das Licht mir auf die Sprünge
so wirksam wie der Wein sonst nur –
weshalb ich jetzt mit Letztrem dünge
verdoppelt meine Musenflur.

Dichterfreunde

DichterfreundeBerg muss und Bambus ich mir denken
vor meiner Hütte dunklem Tor
und Freunde, die in Becher schenken,
den Trank, den man aus Reis vergor.

Und wie sie weltvergessen plaudern
und rezitieren manch Gedicht,
bis sie mit einem Male schaudern,
weil kühl erglüht das Morgenlicht.

Und sich dann unversehns verziehen
in einen Winkel, der sie wärmt,
um in den tiefsten Schlaf zu fliehen,
aus dem der Geist des Weines lärmt.

Das wäre so die rechte Runde
für meine Art Geselligkeit:
Natur mit Poesie im Bunde,
bis sich im Rausch verliert die Zeit.

Doch stell das hier mal auf die Beine:
Kein Hain, kein Hag, kein Weidenzaun.
Der Rest an Landschaft dient alleine
dazu, ihn weiter zuzubaun.

Und Poesie? In welchen Kreisen
denn mehr als ein Museumsstück?
Da muss man schon nach China reisen
und auch Jahrhunderte zurück.

Ich bleibe einsam. Und ich reiche
dem Eremiten meine Hand,
dem dichtend immerhin ich gleiche,
wenn auch in Zeit nicht und in Land.

Andere Lesart

Andere LesartWas soll ich, Leute, euch berichten?
Mein Tag verläuft ja stinknormal.
Kein Job; nur diese Hausmannspflichten.
Ein Leben wie im Wartesaal.

Wenn ich vom Putzen euch erzähle,
die Augen ihr wohl nur verdreht;
und wie ich so Kartoffeln schäle,
euch auch vorbei am Hintern geht.

Da müsste ja schon mehr passieren,
damit ich euch zufriedenstell –
so was wie’n Faustschlag auf die Nieren
oder doch seelisch was aufs Fell.

Doch hat sich was! Solche Blessuren,
die blieben mir zum Glück erspart.
Von früheren auch keine Spuren –
und wenn, verborgen unterm Bart.

Seht mich hier echt die Hände ringen,
Verzweiflung garantiert im Blick!
Wie gern würd ich euch Spannung bringen,
dass euch nicht langweilt mein Geschick!

Wie aber soll ich euch genügen,
wenn ich nicht irgendwas erfind?
Doch Lyrik kommt ja nicht von lügen
die Dinge sind, so wie sie sind.

Egal, sie soll euch trotzdem nützen –
nur mit ‘nem kleinen Unterschied:
Setzt auf zur Nacht die Zipfelmützen,
und lauscht ihr als ‘nem Wiegenlied!

Leidenschaftslos

LeidenschaftslosDas wär für mich kein Job gewesen;
mir hätte die Distanz gefehlt
zum Text, den ich da vorgelesen –
Gefühle hätt ich nicht verhehlt.

Da braucht es coole Charaktere,
nicht wen, der gegen Tränen kämpft.
Es macht dem Rundfunksprecher Ehre,
dass seine Emotion er dämpft.

Obwohl das meiste ja zum Heulen,
was er als Nachricht uns serviert,
all diese Kratzer, Wunden, Beulen –
der Mist, der in der Welt passiert.

Der Bürgerkrieg in X geht weiter;
x Tote gestern Nacht allein.
Zum x-ten Mal, dass Eingriff scheiter,
legt Staat XX sein Veto ein.

Die Feuer, die wo ausgebrochen,
hat man noch nicht in’n Griff gekriegt.
Die Wehren kämpfen schon seit Wochen,
doch zehn Prozent sind erst besiegt.

Gesunken wieder eine Fähre
mit tausend Passagiern an Bord.
Die Reederei versprach, sie kläre
die Gründe möglichst rasch vor Ort.

Ein Reisebus mit hundert Kindern
geprallt auf einen Caravan.
Die Rettungsarbeiten behindern
zig Gaffer auf der Autobahn.

Erschüttert hat ein schweres Beben
den Osten der und der Region.
Verluste auch an Menschenleben
bestätigte man amtlich schon.“

Es hat heut der Prozess begonnen
gegen den Herrn Politikus,
der wortgewaltig Fans gewonnen
fürn Großprojekt, das scheitern muss.*

Dies alles fließend vorgetragen
und unveränderlich sonor,
bevorzugt in den schönen Lagen
von Bariton und von Tenor.

Die Katastrophen kommen schnieke,
gebügelt und gepflegt daher –
als wär im Drama der Antike
von Blut und Hass die Bühne leer.

Wie jenem den Respekt verweigern,
der so gefasst bei aller Qual!
Und doch würd dieser sich noch steigern,
entführ ein Seufzer ihm einmal!

*Fiktive Meldung, würde ich aber gern mal hören.